Alte Otwin Gitarre ... was für eine Gitarre ist das genau?

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Ich hatte vor längerer Zeit schon mal versucht selbst zu recherchieren bzw. in Foren zu fragen, damals leider ohne Ergebnis … Jetzt probiere ich mal hier noch mein Glück, es interessiert mich einfach immer noch … was für eine Gitarre ist das? :)

Die Gitarre ist mir mal als "alte Wandergitarre" ohne weitere Angaben verkauft worden. Ich hatte nach speziellen Typen gesucht, die von der Optik her als "Bluesgitarre" im Stil der 1920er und 1930er Jahre passen würden. Bei dieser Gitarre, laut Stempel eine Otwin, ist mir sofort die starke Ähnlichkeit zu der bekannten "Robert-Johnson-Gitarre" aufgefallen, der Gibson L-1 ... als hätte Otwin die Form von Gibson oder Gibson die von Otwin kopiert ...

Wobei die Gibson L-1 natürlich hochwertiger ist und die Otwin verhältnismäßig einfach gebaut. Der Hals war erstaunlicherweise noch ziemlich grad (hohe E 3 mm am 12. Bund), und schön breit wie ichs mag (ca. 44 mm), die Mensur ist 610 mm. Aber die sehr dünnen Bünde – der Farbe nach Messing - waren hinüber, und das Griffbrett sah auch übel aus. Da ich die Gitarre auf jeden Fall auch spielen wollte, habe ich das Griffbrett neu abrichten und bundieren lassen, dabei wurde auch gleich die Saitenlage noch bisschen optimiert (hohe E jetzt 2,5 mm). Ansonsten ist der Zustand original.

Diese Otwin-Gitarre scheint sehr selten zu sein, ich habe nun mehrere Jahre immer wieder nach einer anderen solchen oder allgemeinen Informationen dazu gesucht, konnte aber absolut nichts finden. Ich mag die Kleine und spiele sie auch immer wieder gern, speziell „Bluesiges“ … deshalb würde mich freuen mehr darüber erfahren zu können, z. B. genaues Modell, Alter, vielleicht etwas Hintergrundgeschichte ...


Ich fasse mal zusammen, was mir selber an der Gitarre auffällt, und was ich schon selbst herausbekommen habe:

  1. Das gesamte Holz macht einen richtig alten Eindruck. Stark benutzt, viele Glanzstellen auch, aber eben vor allem "alt".

  2. Die Gitarre ist einfach aber sauber gebaut, sehr leicht, sehr schlanke Beleistung.

  3. Die Gitarre ist in gutem Zustand, der Hals überraschend gerade. Das Griffbrett ist 44 mm breit, das Halsprofil aber eher schlank und hinten etwas abgeflacht - beides sehr angenehm.

  4. Diesen speziellen Blechsaitenhalter kenne ich bisher nur von Vorkriegsgitarren, die älteste war von 1929. Solche wurden aber auch in den 1950er Jahren noch vereinzelt verwendet, vielleicht Restbestände.

  5. Dieses Modell scheint extrem selten zu sein. Ich beobachte aus allgemeinem Interesse schon seit mehreren Jahre Ebay, Kleinanzeigen und spezielle Gitarrenseiten ... es gab nicht eine einzige vergleichbare Gitarre ...

  6. Was mir sofort aufgefallen ist, war die starke Ähnlichkeit von Form und Proportionen mit der Gibson L-1. Aufeinandergelegt fast identisch, die Otwin lediglich ein wenig kleiner und die Schultern etwas runder (siehe Bild unten).
    Wobei es die L-1 anfangs auch mit Aufstellsteg und Blechsaitenhaltern gab, sowie als Archtop mit rundem Schallloch oder als Flattop mit F-Löchern …

Das einzige, was ich selbst bisher zumindest über die Marke Otwin herausbekommen habe, stammt von dieser Seite:
Hersteller, Otwin

Die Marke scheint es schon sehr lange zu geben und einen guten Ruf zu haben. Anscheinend vor allem bekannt durch gute Jazzgitarren (die haben noch heute einen sehr guten Ruf). Sie haben aber auch normale Flattops gebaut, Nachkriegsmodelle aus den 1950er Jahren und später sieht man immer wieder mal z. B. bei Ebay - die haben aber eher die übliche "Standardform".
Den Autor des Artikels habe ich damals angeschrieben, habe aber zweimal keinerlei Antwort bekommen ... wer weiß, wie alte die Seite schon ist, und was inzwischen aus den Leuten geworden ist ...

Ansonsten habe noch einen Hinweis bekommen, dass Otwin sich anscheinend bei den frühen Modellen tatsächlich gern an Gibson-Modelle angelehnt hat: "Otwin stellte schon früh, ab Ende der 1920er Jahre, die ersten Schlaggitarren nach amerikanischem Vorbild her".
Da lag ich mit meiner Vermutung, dass auch meine Gitarre nach einem amerikanischen Vorbild, hier eben die Gibson L-1, gebaut wurde, wohl gar nicht so schlecht. Erhärtet wird das noch durch eine andere Otwin-Akustikgitarre aus den 1950er Jahren oder etwas später, die ich inzwischen auf einem Foto aus einer Internet-Auktion gesehen habe - etwas größer und insgesamt wertiger als meine, ebenfalls noch typische Gibson-Grundform, aber viele Details wie Steg und Kopfplatte bereits im späteren Otwin-typischen Design.

Auf mehrere Anfragen sowohl bei der o. g. Seite als auch bei div. Museen habe ich leider keine Antwort bekommen.

Puh … viel Text … durchgehalten bis hierher? ;)

Würde mich echt freuen, vielleicht doch noch bisschen mehr über meine Kleine erfahren zu können ... :)


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Wow, die sieht ja echt toll aus! magst Du mal ein Soundbeispiel posten, würde mich interessieren, wie das Schätzchen klingt!

P.S. Darf man fragen, was Du dafür bezahlt hast?
 
Kann ich bei Gelegenheit noch machen. Ist halt im Grunde eine Wandergitarre und klingt auch so. Relativ laut. Zu "Bluesigem" passts ganz gut.
Der Preis war im Rahmen des üblichen für eine etwas bessere alte Wandergitarre ohne Risse etc.
(Beim Gitarrenbauer habe ich deutlich mehr gelassen ... ;) )
 
Manchmal kann man an den Mechaniken ableiten wann ungefähr die Gitarre gebaut wurde. Sind es die W.A.R.G mit dem DRGM Schriftzug so kann man auf eine Produktion vor dem 2. Weltkrieg schliessen, allerdings wurden diese auch bis in die 50er Jahre noch verwendet, aus Restbeständen.
Auf Facebook gibt es eine Gruppe welche sich ausschliesslich den Gitarren von Otwin widmet, der Admin Günter Krause ist sicherlich eine gute Adresse wenn es um die Geschichte der Marke (und deiner Gitarre im speziellen) geht.
Ein schönes Instrument ist es auf jeden Fall, und ich bin immer wieder überrascht welche Bereicherung diese an sich eher einfachen Gitarren für einen Musiker sein können.

Lieben Gruss, Michael
 
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Ja ... auch wenn ich natürlich sonst bessere Gitarren spiele, die Kleine ist immer wieder ein schönes "Kontrastprogramm" zwischendurch :)

Mit den Mechaniken muss ich mal schauen. Ich hab grad festgestellt, dass mich bei der Beschreibung oben meine Erinnerung getäuscht hat, ich hatte die irgendwann mal gegen Golden Age Restoration Tuner (Relic) getauscht, Einzelmechaniken wegen des unüblichen Achsabstands. Aber ich habe die originalen sicher noch ... ich schmeiß nix weg ... ;)

An den Günter Krause wollte ich schon mal über die o. g. Schlaggitarrenseite rankommen, habe aber nie eine Antwort bekommen. Ich bin nicht bei Facebook etc., kann man den auch irgendwie direkt erreichen?
 
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Ich kenne ihn jetzt auch nur von der Otwin Facebook Gruppe, daher wüsste ich jetzt nicht wie man ihn ausserhalb erreichen kann.
Bin auch nur stiller Mitleser dort, es wird jedenfalls immer mal wieder was interessantes gezeigt.
 
Stiller Mitleser war ich da auch mal, bzw. wollte es sein ...
Alle 2, 3 Wochen eine Sperre, weil ich angeblich gegen irgendwelche Bestimmungen verstoßen hatte, und ich sollte mich jedesmal immer wieder neu und umfangreicher legitimieren. Gegen welche Bestimmungen ich angeblich verstoßen hatte war nicht herauszufinden ... ich hatte eigentlich nur bei einem Gitarrenlehrer mitgelesen ... ich hatte dann die Nase voll und habe gekündigt.
 
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Klingt fantastisch und super authentisch! (y)
 
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Was ich bisher dazu gefunden habe (teils aus alten Schulunterlagen meiner Mutter, also deren Rückseiten^^):
Franz Otto Windisch hatte in Schöneck Sachsen seine Gitarrenfabrik die in der DDR dann im VEB Sinfonia Markneukirchen aufging und in den 80ern zur Musima wurde (Also schonmal klar vor 1973).
Das "amerikanische" "Parlor" Gitarrendesign war damals (1900-1940) beliebt, das hat wohl aber nicht Gibson erfunden, nur bekannt gemacht, kann ich mir vorstellen.
Was an Deinem Exemplar aber auffällt:
"Deutsche Arbeit" weist auf Fertigstellung vor Kriegsende 1945 hin und war ab ca.1920, seit einer frühen Rede Hitlers bekannt und ab ~1930 der Vorläufer von "Made in Germany". Nach Kriegsende hätte sich der ärgste Nazi nicht getraut sowas auf seine Produkte zu prägen. Also grenzen wir die Bauzeit auf 1930-1945 ein.
Meine Mutter hatte in einem ihrer Hefte ein Schallloch einer Windisch "Amerikaner Gitarre, Onkel Vikko 1936" abgemalt, das waren Streifchenmuster 5 Lagen zu ca. 2mm um das Schallloch. Weiters in ihren Notizen, (aus den 50ern) ist zu finden: Papa hat Vikkos letzte Gitarre mitgebracht. Sie ist noch reicher verziert und groß. Windisch Amerikanergitarre 1940". Mein Großonkel Vikko war als Kind Gitarrensammler, ohne spielen zu können und ist 1942 gefallen. Zwischen '52 und '61 lebte meine Mutter in allen möglichen Ecken Sachsen und Thüringens und spielte semi E-Bass - in den 60ern dann einen "Windisch Sonor" ;)
mögliche Schlussfolgerung: Deine könnte aus der Krisenzeit 1929/30 oder der Kriegszeit nach 1940 stammen, da sie praktisch keinen Zierrat aufweist.

Quellen online:

Vielleicht findest Du aber auch, auf der Zarge innen (Handykamera) eine vierstellige Zahl, die würde tatsächlich KW/BJ (der Zarge) angeben.
 
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