Die 'Hertiecaster'-Gitarre der 60er und 70er Jahre

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Oft hört man im Zusammenhang mit Billiggitarren der 60er und frühen 70er Jahre den scherzhaften Begriff 'Hertiecaster', der sich, stellvertretend für alle preiswerten Kauf- und Versandhäuser, aus dem Namen Hertie und der zweiten Worthälfte einiger Fender-Typbezeichnungen '-caster' zusammensetzt.

Ursprünglich als 'Broadcaster' geplant, was eine Assoziation zu weltweiter Ausstrahlung (to broadcast) herstellen sollte, mußte Fender diesen Namen vom Markt nehmen, weil es bereits ein Schlagzeug von Gretsch gab, die diesen Namen geschützt hatten. Fender behielt die zweite Worthälfte, damit der Wechsel nicht zu auffällig war, so entstanden Tele- Strato- und Starcaster.

Die offizielle Bezeichnung 'Hertiecaster' hat es für solche Gitarren also nie gegeben, zumal sie auch erst erfunden wurde, als diese Gitarren längst nicht mehr angeboten wurden. Fakt war aber, daß ebenso, wie der Wunsch nach einer Villa oft im Reihenhaus endet, eben der Wunsch nach einer Stratocaster im Neckermann-Katalog oder der meist recht übersichtlichen Musikabteilung eines Kaufhauses endete.

Nachdem die Beatles Anfang der 60er Jahre einen Boom im E-Gitarrenmarkt ausgelöst hatten, traf es sich zunächst ganz gut, daß deutsche Gitarren auch in England verbreitet waren, denn durch die kurzen Transportwege konnte die englische Importfirma Selmer beispielsweise Höfner-Gitarren recht günstig auf der Insel anbieten und in den Arbeitervierteln von Liverpool, wo der Mersey-Beat erfunden wurde, hatte man nicht viel Geld. Durch die plötzliche Popularität verteuerten sich aber langsam die deutschen Gitarren und es entstand erstmals europäische Konkurrenz aus Holland oder Italien, die aber nur durch den Preis wirklich punkten konnte. Amerikanische Gitarren spielten preislich immernoch in einer anderen Liga, die für den europäischen Durchschnitts-Jugendlichen unerreichbar war.

Plötzlich war auf dem Markt eine ungeheure Nachfrage nach billigen E-Gitarren und das nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, wo die Beatlemania inzwischen angekommen war. In den Staaten hatte man bislang den gesamten Musikmarkt weitgehend selbst bedient, im oberen Preissegment mit Marken wie Gibson, Gretsch und Fender, im unteren Segment mit Harmony, Kay, Supro, Airline oder Danelectro.

Bereits 1960 hatten amerikanische Importeure die ersten Gitarren aus Japan importiert, zunächst in kleineren Stückzahlen, obwohl diese Gitarren zu dem Zeitpunkt noch katastrophal schlecht waren. Diese mangelhafte Qualität lag im Wesentlichen daran, daß es in Japan keine Jahrhunderte alte Tradition an Geigen- und Gitarrenbauern gab wie in Europa oder den USA, wohin etliche europäische Instrumentenbauer ausgewandert waren, weshalb man sich in Japan zunächst darauf verlegte, die Optik westlicher Instrumente zu kopieren, wirkliche Erfahrungen aber nur sehr langsam machen konnte. Ganze Produktionschargen japanischer Gitarren verzogen sich in winterlicher Heizperiode, weil keine abgelagerten Hölzer verwendet worden waren, oder diese nicht verzugskompensierend verleimt worden waren. Durch ungeeignete Leime lösten sich Bindigs und Furniere, In der restlichen Gitarrenwelt selbstverständliche Dinge wie Bundreinheit oder einstellbare Saitenlage waren oft nicht gegeben.

Da in den 60er Jahren japanische Waren in Europa und den USA etwa das Image heutiger China-Billigstware hatten, konnte man Musikinstrumente dort auch nicht unter den echten Namen der Hersteller verkaufen, sondern die Importeure erfanden (meist amerikanisch klingende) Handelsmarken, die sie sich schützen ließen und die bald das gesamte untere Marktsegment beherrschten. Mit über die Jahre steigender Qualität war die Folge davon, daß die amerikanischen Firmen, die dieses Segment bis dahin bedient hatten, spätestens in den 70er Jahren alle vom Markt verschwunden waren.

Auch in Europa suchten die Einkäufer großer Versandhäuser und Kaufhausketten Mitte der 60er Jahre händeringend nach neuen Lieferanten für den Niedrigpreismarkt bei E-Gitarren. Das, was deutsche Hersteller wie Höfner, Framus und Klira für den gebotenen Preis anbieten konnten, sah den Instrumenten der Idole nicht ähnlich genug, das was ihnen ähnlich sah, was zu teuer. Absolute Billigheimer wollte die deutsche Industrie anfangs auch nicht bauen, da man es als rufschädigend und zu Anfang auch nicht für notwendig erachtete.
So bot z.B. die Firma Klira dem Versandhaus Quelle einige Modelle zu günstigeren Konditionen an unter der Maßgabe, daß der Name Klira nicht darauf erscheinen durfte, weshalb die Vertriebsmarke 'Triumphator' gegründet wurde.

In dieser Situation traf es sich für Japan gut, daß deren Hersteller durch die bereits bestehenden Handelsbeziehungen in die USA schon Billiggitarren in Produktion hatten. So konnten bereits vorhandene Modelle auch nach Europa geliefert werden, lediglich die amerikanischen trading brands, die ja den dortigen Importeuren gehörten, fehlten dann. Während der amerikanische und britische Importmarkt überwiegend von einigen wenigen Großimporteuren beherrscht wurde, waren es in Europa zunächst nur einige wenige Einkäufer, denen die japanischen Hersteller bei entsprechender Stückzahl jeden beliebigen Handelsnamen aufdruckten, auf Wunsch auch gar keinen. Der japanische Herstellerstolz bezog sich nämlich nahezu ausschließlich auf das eigene Land, weshalb auf den meisten Gitarren dieser Zeit auch irgendwo (oft auf der Halsplatte) ein Hinweis auf Japan hinterlassen wurde.

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Das lag auch daran, daß in kleineren Firmen (in der Hochphase gab es über 200 japanische Gitarren-Hersteller) oft die Instrumente aus etlichen zugelieferten halb fertigen Teilen zusammengebaut wurden, was kaum ein 'selbst hergestellt'-Gefühl aufkommen ließ, bestenfalls ein 'selbst zusammengesetzt'. In den größeren Fabriken verstand man die Produktion ohnehin grundsätzlich als Auftragsarbeit für andere Firmen, die dann als Hersteller auftraten. Als Folge davon kann man heute oft noch Gitarren aus dieser Zeit finden, wovon zwei z.B. einen absolut identischen Body haben, aber einen unterschiedlichen Hals oder andere Hardware, weil dieser Body eben als Rohteil an mehrere Firmen geliefert wurden, die ihn dann mit beliebigen anderen Teilen verheirateten. Vor dem Hintergund wird vielleicht auch klarer, weshalb es nie eine Ibanez- oder Aria-Fabrik gab. Der Mutterkonzern Hoshino hat z.B. zu irgendeiner Zeit bei fast allen großen Herstellern in Japan fertigen lassen, wenn auch überwiegend bei FujiGen, bis man nach Korea ging.

Die den europäischen Bestellungen zugrunde liegenden Marktforschungen hatten ergeben, daß nicht die hochpreisigen amerikanischen Modelle von Gibson oder Fender die Wunschmodelle der Jugendlichen waren, sondern eher die deutschen Flaggschiffe von Framus und Höfner. Das lag zum einen daran, daß amerikanische Gitarren hier gar nicht so bekannt waren und zum anderen an der Tatsache, daß die Idole der 'British Invasion' in den 60ern selten solche Instrumente spielten. Insofern kristallisierte sich als Wunschmodell in etwa ein Nachbau einer Höfner 173 heraus, der zwar möglichst nahe am Original, dabei aber deutlich billiger sein sollte. Den höchsten Herstellugsaufwand erforderten damals die Tonabnehmer, weshalb sie zum Wertmaßstab erhoben wurden: je mehr, desto besser!
Kein Wunder also, daß das Spitzenmodell der unter diesen Vorgaben geborenen Hertiecaster sogar einen Pickup mehr hatte, als ihr Vorbild:

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Während es bei den Modellen ab 2 Tonabnehmern meistens auch eien Tremolo-Hebel gab, mußte das absolute Sparmodell, das nur einen Pickup besaß, ohne diesen auskommen. In einer Collage habe ich mal die vier Modelle des amerikanischen Import-Labels 'Heit de Luxe' in eine Reihe gestellt, wobei Nr 2 aus dem Katalog ist.

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Wie die meisten Hertiecaster wurden auch diese Heit-Gitarren bei Teisco gefertigt, einer japanischen Firma, die zwar schon seit den 40er Jahren bestand, unter dem Namen Teisco aber erst seit 1964. Als die Firma 1967 vom Kawai-Konzern übernommen wurde, führte man auch dort die Tradition fort, die Gitarren mit jedem beliebigen Namen zu versehen, so lange die bestellte Stückzahl groß genug war. Das war letztlich auch ein Grund, weshalb diese Instrumente überwiegend in Kaufhausketten und Versandhäusern zu finden waren, denn dort waren die georderten Mengen ausreichend, ein kleines Musikhaus konnte keine 500 Gitarren bestellen...

Anfangs war die Skepsis im Westen sehr groß, ob sich für diese billigen Preise überhaupt einigermaßen spielbare Gitarren herstellen ließen. So wurde z.B. auf den meisten Hertiecaster-Gitarren damit geworben, daß man einen Halsspannstab verwendete, was für westdeutsche Hersteller dieser Zeit längst selbstverständlich war. Gelegentlich hört man davon, daß sich bei zerlegten Japan-Veteranen aus dieser Zeit der vermeintliche Spannstab allerdings als wirkungslose eingelegte Eisenstange herausstellte, gesehen habe ich das noch nicht. Immerhin ging man aber nach einiger Zeit dazu über, den Aufdruck 'steel reinforced neck' (Stahl verstärkter Hals) durch das groß geschriebene Wort 'adjustable' (einstellbarer) zu ergänzen.

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Dagegen gibt es zahlreiche Qualitätsunterschiede, die sich unmittelbar nachweisen lassen, wenngleich sich auch die Qualität der Hertiecaster untereinander noch unterschied, vor allem über die wenigen Jahre gesehen, in denen sie gebaut wurde! Mit zunehmender Konkurrenz und Preisdruck wurde die Herstellung billiger, es stieg aber auch die Erfahrung bei den Herstellern, daher war alles möglich von 'gut spielbar' bis 'nicht zu gebrauchen'.

Body:
Sehr häufig aus Sperrholz (dann mit Boden- und Deckenfurnier), oft aber auch aus einfachen Hölzern wie Erle bzw ihren asiatischen Verwandten. Um die verwendung von Sperrholz mit Blick auf die Zarge nicht offensichtlich zu machen, war die überwiegende Lackierung der Hertiecaster Gitarre ein dunkles Sunburst, außen grundsätzlich schwarz. Angeblich wurden später auch Modelle in deckenden Farben wie rot und weiß geliefert, die ich aber nicht mehr der Kategorie Hertiecaster zuordnen würde. Die Form war überwiegend Strat-ähnlich, gelegentlich mit einer Variante der Hauptrundung (nachstehendes Bild rechts) , auch Formen, die von der Fender Jaguar 'inspiriert' waren, kamen vor, vielleicht weil Framus diese bereits erfolgreich mit ihren Strato-Modellen kopiert hatte. Das Pickguard war überwiegend tortoise oder schwarz, ganz selten auch weiß. Das Bild links zeigt die inneren Schnittflächen, an denen das Sperrholz zu erkennen ist (außen war es ja schwarz deckend lackiert).

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Hals:
Für die Hälse wurden alle möglichen im weitesten Sinne zur Kategorie Hartholz gehörenden Hölzer verwendet. Auf dem Höhepunkt des Preisdrucks (und gleichzeitigem Tiefstand der Qualität) wurden auch Leimholz- bzw Schichtholzstäbe verwendet und als Griffbrett nur ein Furnier aufgeleimt. Schichtholz-Hälse wurde zwar auch z.B. von Framus für einige Gitarrenserien verwendet, allerdings wurden dort nicht nur einfach 'Sperrholzbalken' zusammengeklebt, sondern ausgesuchte und abgelagerte Hartholzstreifen gegeneinander verzugskompensierend verleimt.

Kopfplatte:
Fast immer Fender-ähnlich, meist mit Saitenniederhalter, der nur aus einem verchromten Stahldraht bestand, dessen Enden auf der Rückseite der Kopfplatte verschraubt waren. Da bei den meisten japanischen Gitarren dieser Generation der Spannstab (sofern vorhanden) von der Korpusseite aus eingestellt werden mußte, klebte oft an der Stelle der sonst üblichen Abdeckung an der Kopfplatte ein Aufkleber, der auf den Stahl-verstärkten Hals hinwies.

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Die häufigste Halsstab-Variante wurde nicht an der Kopfplatte, sondern mittels einer Lochmutter am Korpus eingestellt, was gelegentlich noch heute (z.B. bei Yamaha) praktiziert wird.

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...........................Wegen des begrenzten Bilder uploads geht es im nächsten Post weiter...
 

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Mechaniken:
Anfangs oft noch Einzelmechaniken, wurde bald aus Kostengründen ein 6er Riegel eingebaut, bei dem es nicht möglich war, einen einzelnen Tuner auszutauschen. Oft waren die Plastikflügel dem Drehmoment der schwergängigen Schneckengetriebe bald nicht mehr gewachsen und drehten sich ab.
Gerechtigkeitshalber muß man allerdings sagen, daß es dieses Phänomen auch bei billigen deutschen Gitarren aus der Zeit gab. Vermeintlich edlere Varianten hatten auch schonmal Metallflügel, die aber nur haltbarer waren, wenn sie wirklich aus Metall waren (und dann mittels Schraube auswechselbar) und nicht nur aus verchromtem Kunststoff:

head_back.jpg


Brücke und Tremolo:
Die verwendeten Brückenkonstruktionen veränderten sich mit zunehmendem Preisdruck. Anfangs waren zumindest die Modelle, die mit einem Tremolohebel ausgestattet waren, mit einer Art Rollenbrücke ausgestattet, wobei die Rollen später oft auch nur vorgetäuscht wurden, aber nicht wirklich drehbar waren. Das single-PU Einsteigermodell ohne Tremolo hatte da bereits die Einfachstkonstruktion, mit der später fast alle Modelle ausgerüstet wurden: eine nicht längs einstellbare Stahlstange.

Der Tremolohebel war bei den meisten Einfach-Modellen ein funktionaler Zwitter zwischen den einfachsten Prinzipien von Bigsby und Floyd Rose-Konstruktion und an einer Art Scharnier befestigt, mit dem sich der Saitenhalter bewegen ließ. Eine axiale Stabilität war bei dieser Konstruktion meist nicht möglich, weshalb sich die hebelseitigen dünnen Saiten mehr bewegten, als die dickeren Saiten. Auch der Rückholpunkt änderte sich dadurch ständig, was durch eine minderwertige Feder noch begünstigt wurde. Insofern war er mehr für die Optik, da oft auch nach nur einmaliger Betätigung die gesamte Gitarre neu gestimmt werden mußte:

bridges.jpg


Elektrik:
Da die 'Schaltung' meist an Einfachheit nicht mehr zu überbieten war, ließ sie sich gleichermaßen für 1-4 Pickup-Versionen einsetzen, wobei beim Einsteigermodell meist alle Schalter entfielen. Die wenigen Varianten unterschieden sich meist nur in der Art der Tonregelung, allen gemeinsam waren die (meist weißen) Schiebeschalter, die wohl auch bei Höfner abgeschaut waren, wo man sie seit den 50er Jahren eingesetzt hatte.

Verbreitet war eine Schaltung, bei dem jedem Pickup ein eigener Schalter zugeordnet war (weshalb die Gitarre auch komplett stumm geschaltet werden konnte) und außer dem Ton- und Lautstärkeregler noch ein zusätzlicher Kondensator als Klangblende geschaltet werden konnte:

schaltg_tnsw.jpg


Eine ähnliche Schaltung ordnete jeweils zwei Pickups einen Tonregler zu und hatte deshalb keinen zusätzlichen Tone-switch:

schalter_schraeg_tonepot.jpg


Bei vielen Modellen (wie auch den u.a. für das Label Heit hergestellten) waren die Schalter gerade angeordnet, oft war auch einer oder zwei der Hals-seitigen Pickups schräg gestellt:

ger_tonvol_schrg1PU.jpg


Natürlich wurden auch Bässe in ähnlichem Design hergestellt, selten aber mit mehr als zwei Tonabnehmern, dafür aber mit unterschiedlichen Korpusformen:

bass.jpg


Tonabnehmer:
Frühe Modelle hatten meist den von Teisco auch in ihren Inlands-Modellen eingesetzten 'gold foil' Tonabnehmer, so genannt, weil durch die Blech-Durchbrüche ein goldfarbenes Gitter zu sehen war. Links oben im Bild zwei von Teisco für das amerikanische Label Kimberly und oben rechts für Norma hergestellte Pickups:

pickups.jpg


Da er in der Produktion jedoch zu teuer war und den Pickups der 'Vorbilder' nicht ähnlich genug sahen, wurde ein neuer Tonabnehmer konstruiert. Er wurde in kleinen Variationen im ganz überwiegenden Teil der auch in Deutschland verkauften Hertiecaster eingesetzt. Links unten in obigem 4er Bild eine frühe Hertiecaster noch mit dem gold foil, rechts unten das verbreitete spätere Modell.

Als Vorlage für den letzteren, meistverbauten Tonabnehmer dienten möglicherweise u.a. Framus-Pickups, die ebenfalls auf Porzellankörper gewickelt waren und dann eine Metallhaube erhielten, während Höfner zu dieser Zeit überwiegend Humbucker einsetzte, die für Billiggitarren zu aufwändig waren.

Es gab Markennamen ohne Ende für die Hertiecaster, einige davon habe ich schon in diesem Thread aufgezählt, vollständig kann die Sammlung aber nie werden, zu groß war ihre Zahl.

Viele Hertiecaster waren nach heutigen Gesichtspunkten schwer zu spielen, da sich u.a. die Saitenlage nie richtig einstellen ließ. Die Tonabnehmer hatten einen recht geringen Output und klangen ziemlich dumpf, das Tremolo war bei den meisten Modellen nicht zu gebrauchen...trotzdem wurden die Gitarren in der Beat-Ära zu Abertausenden verkauft...und ihre Besitzer waren glücklich damit.

Interessant ist allerdings in diesem Zusammenhang, daß gegen Ende der 60er Jahre, kurz bevor die Marktüberschwemmung japanischer Gitarren nicht nur die amerikanische, sondern auch fast die gesamte deutsche Gitarrenindustrie zur Aufgabe gezwungen hatte, die Höfner Colorama auch fast wie eine Hertiecaster aussah: Singlecoils, Einfachst-Brücke, Saitenniederhalter, Verbundmechaniken...:)

hof164_colorama.jpg
 
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Wow :)
Danke für diesen super "Artikel"!
Ich hab mich schon vor einiger Zeit in diese Gitarren verliebt und würde mir auch liebend gerne demnächst so ein gutes Stück zu legen!
Die Gitarren haben einfach Geschichte, sind optisch alles andere als Mainstream und der Klang ist nach dem was ich schon hören durfte auch echt cool und einzigartig :)!
Kennst du abgesehn von Ebay und dem Flohmarkt einen guten Platz wo man so ein gutes Stück vllt. erstehen kann?
 
kypdurron

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Sehr interessant. Ich habe hier im Flohmarkt einen Bass erworben, der ziemlich praktisch genauso aussieht, aber ein koreanische Fabrikat ist. Mal Karma abladen, obwohl da echt schon genug ist ;)
 
Uli

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Kennst du abgesehn von Ebay und dem Flohmarkt einen guten Platz wo man so ein gutes Stück vllt. erstehen kann?
Auf Trödelmärkten wird man da nur gelegentlich fündig, auf reinen Musikinstrumenten-Flohmärkten schon eher oder auch in Pfandhäusern, wo es welche gibt.
Ich habe hier im Flohmarkt einen Bass erworben, der ziemlich praktisch genauso aussieht, aber ein koreanische Fabrikat ist.
Dann zählt er im Grunde nicht mehr wirklich zu dieser Generation. Die Japaner (auch Marken wie Ibanez) haben aus Kostengründen die Produktion ihrer Budget-Label Ende der 70er schrittweise nach Korea verlagert, in den 90ern dann nach China.
 
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Guten Abend,
das ist ein wundervoller Beitrag, der sich aber vielleicht dem besonders erschliessst, der i den 60ern tatsächlich schon Gitarre spielen durfte. Es war 1968, als ich anfing in einer der zahllosen Beatles/Stones/Hermans Hermits/Hollies, etc cover bands zu spielen. Damals war es nicht nur finanziell schwierig, an brauchbares Equipment zu kommen. Es gab sehr wenig. Noch problematischer war es im Verstärkerbereich.
Meine erste Gitarre war eine Höfner Strat-Kopie. Schreckliches Teil. Aber ich hatte Glück. Die Schwester meines Vaters heiratete in den 50ern einen GI und so bekam ich - zunächst ohne mein Wissen - einen amerikanischen Onkel. Der sehr musikbegeistert war! Meine Tante kündigte ihren ersten Besuch lange vorher an und ich konnte meinem bis dato unbekannten Onkel mitteilen, dass wir in good old germany von der stratocaster träumen. Die gab es nämlich hier noch nicht.
Tante Minni und Onkel Raymond kamen in Frankfurt am Airport an und Ray trug einen Gitarrenkoffer.
Er begrüsste mich und gab mir den Koffer. "It`s for you, boy!
Zuhause konnte ich das case üffnen und mir verschlug es meinen Atem: da lag eine Stratocaster in fiesta red! Das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Als Dank habe ich ihm alle mir bekannten Elvis Stücke gespielt.
Es ist ein toller Beitrag, weil auch deutlich wird, dass gute Instrumente nicht immer so selbstverständlich waren, wie heute angenommen wird.
Vielen Dank für diese Informationen.
 
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Der Tremolohebel war bei den meisten Einfach-Modellen an einer Art Scharnier befestigt, mit dem sich der Saitenhalter bewegen ließ. Insofern war er mehr für die Optik, da oft auch nach nur einmaliger Betätigung die gesamte Gitarre neu gestimmt werden mußte
:D


Sieht das auf dem rechten Bild nur so aus, oder sind die Tonabnehmer gewölbt? Weist das Griffbrett eine dazu passende Wölbung auf?
 
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Was für ein interessanter Beitrag . Ich danke dir :). Meine Hertie mit 4 Tonabnehmern :cool: :D ist ja meine Surfgitarre :great:
 
swani

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Großartig recherchiert und das hat sich auch gelohnt. Sehr interessanter und vor allem informativer Beitrag.:great::great::great:

LG swani
 
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Es ist ein toller Beitrag, weil auch deutlich wird, dass gute Instrumente nicht immer so selbstverständlich waren, wie heute angenommen wird.
Vielen Dank für diese Informationen.

Ich finde den Bericht auch sehr informativ und nostalgisch.:great:

Ich kann mich noch an die siebziger Jahre erinnern, als ich mir an jedem Werktag die Nase am Schaufenster eines Musikgeschäfts plattgedrückt habe, um den ausgestellten Fender Precision zu bewundern. Der hätte mich aber damals 2 Monatsgehälter gekostet und ich hätte dann einen Bass aus der Fender CBS-Ära als Gegenwert erhalten.

Ich habe dann von einem Kumpel einen Höfnerbass für 80 DM gekauft und für die gleiche Summe einen Satz Fender Basssaiten gekauft.

Meine erste Gitarre war eine Arbiter. Dazu habe ich noch einen Thread hier eingestellt.

Beste Grüsse
 
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SUUUPER Bericht! Vielen Dank! Da kamen sofort die Erinnerungen an mein erstes Schätzchen wieder hoch, Teisko, 2 gewölbte Pickups, Wimmerkralle usw. Schade, dass ich sie irgendwann mal verkauft habe, denn an de Wand würde sie sich immer noch ganz gut machen. Und bei aller nostalgischer Verklärung darf man nicht vergessen, dass die Dinger meistens abenteuerlich zu bespielen waren, der Sound "sehr speziell" und die Mechaniken und das Vibrato eine vernünftige Stimmung für mehr als 2 Titel eigentlich unmöglich machten. Da bietet mittlerweile jede 50€ China-Axt mehr für´s Geld, aber an die wird sich 40 Jahre später niemand mehr erinnern!
 
riffbrett

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Guten Abend,
das ist ein wundervoller Beitrag, der sich aber vielleicht dem besonders erschliessst, der i den 60ern tatsächlich schon Gitarre spielen durfte. Es war 1968, als ich anfing in einer der zahllosen Beatles/Stones/Hermans Hermits/Hollies, etc cover bands zu spielen. Damals war es nicht nur finanziell schwierig, an brauchbares Equipment zu kommen. Es gab sehr wenig. Noch problematischer war es im Verstärkerbereich.
Meine erste Gitarre war eine Höfner Strat-Kopie. Schreckliches Teil. Aber ich hatte Glück. Die Schwester meines Vaters heiratete in den 50ern einen GI und so bekam ich - zunächst ohne mein Wissen - einen amerikanischen Onkel. Der sehr musikbegeistert war! Meine Tante kündigte ihren ersten Besuch lange vorher an und ich konnte meinem bis dato unbekannten Onkel mitteilen, dass wir in good old germany von der stratocaster träumen. Die gab es nämlich hier noch nicht.
Tante Minni und Onkel Raymond kamen in Frankfurt am Airport an und Ray trug einen Gitarrenkoffer.
Er begrüsste mich und gab mir den Koffer. "It`s for you, boy!
Zuhause konnte ich das case üffnen und mir verschlug es meinen Atem: da lag eine Stratocaster in fiesta red! Das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Als Dank habe ich ihm alle mir bekannten Elvis Stücke gespielt.
Es ist ein toller Beitrag, weil auch deutlich wird, dass gute Instrumente nicht immer so selbstverständlich waren, wie heute angenommen wird.
Vielen Dank für diese Informationen.

Hast du die noch? Wenn ja, poste doch mal Bilder ;)

@Uli sehr interessanter Beitrag. *keksegeb*
 
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Sieht das auf dem rechten Bild nur so aus, oder sind die Tonabnehmer gewölbt? Weist das Griffbrett eine dazu passende Wölbung auf?

Ja, das mit der Wölbung haben sie schon meistens hinbekommen. :) Ich wollte nicht noch einen dritten Post anhängen, hatte aber bei beiden Posts schon das upload-Kontingent ausgeschöpft trotz Zusammenlegung einiger Aufnahmen. Den Pickup reiche ich samt Griffbrett mal hier nach. ;)

pu_fretboard.jpg


Und bei aller nostalgischer Verklärung darf man nicht vergessen, dass die Dinger meistens abenteuerlich zu bespielen waren, der Sound "sehr speziell" und die Mechaniken und das Vibrato eine vernünftige Stimmung für mehr als 2 Titel eigentlich unmöglich machten.
Dazu zitiere ich mich mal selbst aus obigem Bericht:
Uli schrieb:
Viele Hertiecaster waren nach heutigen Gesichtspunkten schwer zu spielen, da sich u.a. die Saitenlage nie richtig einstellen ließ. Die Tonabnehmer hatten einen recht geringen Output und klangen ziemlich dumpf, das Tremolo war bei den meisten Modellen nicht zu gebrauchen...trotzdem wurden die Gitarren in der Beat-Ära zu Abertausenden verkauft...und ihre Besitzer waren glücklich damit.
 
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Ich habe hier auch noch so ein altes Schlachtschiff rumliegen. Gehört das auch in diese Zeit?
Zum Klang kann ich nichts sagen, da keine Potis mehr vorhanden sind. Die PU`s dürften laut Meßgerät noch funktionieren.

IMG_0108.jpg

IMG_0112.jpg

IMG_0113.jpg
 
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Hier noch die Nachlieferung der Tremolo-Mechanik. Der Saitenhalter ist seitlich drehbar vernietet (Pfeil) und verändert seine Ruheposition fast schon durch das Gewicht des Hebels. Auf dem Bild auch ganz gut zu sehen: die aufwändige Brücke, bei manchen Modellen mit - bei anderen ohne Führungsrillen. Ohne Rillen glitten die Saiten bei Verwendung des Tremolos recht gut - leider veränderte sich dabei dann das Stringspacing...:rolleyes:

cheap_trem.jpg
 
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Danke, Uli! :)
Ein superinteressanter Artikel, akribisch recherchiert und wie immer mit tollen Fotos illustriert. :great:

Ich fand ihn auch deshalb interessant: Bevor ich mit dem Baß anfing, hatte ich 1973 tatsächlich bei Hertie (als es das Kaufhaus noch gab in Dortmund-City) so eine Strat-ähnliche E-Gitarre gekauft für stolze 128 DM! :cool:

Leider habe ich den Namen vergessen, auch kein Foto greifbar, jedoch existieren einige Fotos. Wenn ich sie finde, lade ich ein oder zwei Stück hoch. Ich glaube, der Korpus (aus Preßspan?) war rot oder redburst. Es könnte sogar die auf deinem vorigen Post gewesen sein, dunkel kann ich mich an den "Vibrator" erinnern. :gruebel:

Später dann 1976 tauschte ich die Hertiecaster (meine erste und letzte E-Gitarre :D ) mit einer Zuzahlung von 100 DM gegen meinen allerersten Kontrabaß. Der war gebraucht, eine leicht ramponierte Sperrholzkiste, die ich laienmäßig "restaurierte" und spielbar machte. Immerhin führte mich dieser Baß später weiter auf dem Weg zu besseren Instrumenten! :)

Als Beweisfoto hänge ich einen Scan an vom Original der Quittung und des Preisschilds. ;)

HertieCaster.jpg
 
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sebhala

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Berlin
Eine 4-Pickup Hertiecaster hängt hier im Laden. Das kuriose: Sie ist 100% mint-condition. Laut Ladenbesitzer kam eines Tages eine alte Dame mit der Gitarre unterm Arm rein, erzählte, die sei von ihrem kürzlich verstorbenen Mann und unterm Bett aufgetaucht. Sie hätte nicht gewusst, das er so ein Ding überhaupt hat. Anscheinend hat er sie also gekauft, unters Bett geschoben und dort ist sie wohl geblieben... 400 Euro werden für eine originale, nigel-nagel-neue Hertiecaster verlangt. Im Laden wurde sie übrigens eingestellt und sooo schlecht spielt sie sich nicht...
 

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