pianoteq 7.5 Review

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Godehard
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Pianoteq Review

Wer gerne Klavier spielt und aus verschiedenen Gründen keinen echten Flügel oder Klavier bei sich hinstellen kann, der greift gerne zum E-Piano. Nun gibt es verschiedene Wege dahin. Der normale Weg ist, sich ein Stage-Piano (also transportables) oder ein Upright-Piano (feststehendes, mit Korpus) zuzulegen. Klaviatur, Klangerzeugung und teilweise auch Lautsprecher sind bei diesen Geräten vereint.
Es gibt jedoch noch einen etwas anderen Weg, um zu den Klavierklängen zu kommen. Die Klänge werden von einem Computer mit spezieller Software erzeugt. An dem Computer ist meistens eine USB-MIDI-Klaviatur angeschlossen, die keine eigene Klangerzeugung haben muss. Am Lautsprecher-oder Kopfhörerausgang des Computers kann dann das Klavier gehört werden. Da die normalen Soundkarten oft nicht gut sind, wird gerne auch eine USB Soundkarte dafür genommen.

Die spannende Frage ist: Wie erzeugt ein Computer Klavierklänge?

Dazu wird ein Klavier oder Flügel mit Mikrofonen aufwändig aufgenommen. Jeder Ton, oft auch in unterschiedlichen Lautstärken. Deshalb sind diese Programme gerne mehrere Gigabyte groß.
Dennoch ist die Darstellung eines Pianos im Computer nicht so einfach.
Die Frage ist, Warum?
Betrachten wir zunächst wovon ein Klavier(Flügel)klang abhängt:

  1. Vom Instrument selbst: Saitenlänge, Saitenanzahl, Resonanzboden, Resonanzkörper, Hammerhärte,… Die Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen.
  2. Vom Raum in dem das Instrument steht. Eine Kathedrale klingt anders als ein gut gedämmtes Tonstudio.
  3. Wo der Klang gehört wird. Jede Position im Raum ergibt einen etwas anderen Klang. Wird dieser Klang mit einem Mikrofon aufgenommen, dann ist die Frage, mit welchem? Jeder Mikrofon-Typ ist etwas anders.
  4. Vom Spieler selbst

Wird jetzt eine Aufnahme von einem Instrument gemacht, so ist Punkt 1 statisch, alle anderen Punkte sind dynamisch.
  • Je nachdem, wo das Instrument aufgenommen wurde, klingt es anders.
  • Welche Mikrofone werden wo verwendet?
  • Jeder Spieler spielt anders. Dementsprechend klingt auch die Aufnahme anders.

Stellen wir also fest: DIE Aufnahme für DAS Instrument gibt es nicht. Es können von ein und demselben Instrument mehrere Aufnahmen gemacht werden, die unterschiedlich klingen und doch korrekt sind.

Wie können wir mit diesem Problem umgehen?
Es gibt noch eine weitere Möglichkeit die Klänge eines Klaviers oder Flügels wiederzugeben:
Es wird ein mathematisches Modell erstellt und die Klänge werden mit Hilfe von Formlen in Echtzeit berechnet. Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, da Parameter (z.B. die Saitenlänge) einfach geändert werden können.
Das Problem: Es ist nicht möglich mit aktuellen Computern die Töne zu berechnen, sie sind zu langsam dafür. Die Kunst besteht jetzt darin, Näherungen zu schaffen um Berechnungen in Echtzeit mit aktuellen Computern zu ermöglichen.

Die Firma Modartt eine Software ist pianoteq so ein Programm geschaffen.
Die Ursprünge der Software befinden sich in dem Institut für Mathematik in Toulouse. 2006 wurde die erste Version veröffentlicht. Inzwischen gibt es die aktuelle Version 7.5.
Sie läuft auf jedem normalen PC unter Windows, Linux und macOS. Eine kostenlose Testversion kann heruntergeladen werden.

Die Installation ist unterschiedlich bei den Systemen, die Bedingung ist überall gleich.
Hier wird die Linux Version behandelt. Wer eine Installationsanleitung im Handbuch sucht, der sucht vergeblich. Sie existiert dort nicht. Bei Linux einfach die Installationsdatei herunterladen und entpacken. Jetzt gibt es auf dem Dateisystem eine einfache Anleitung. Wird diese befolgt, so startet das Programm. Oder aber es ist so wie bei mir: Nix Anleitung. Keine Anhaltspunkte, was zu tun ist, noch nicht mal in Französisch, Chinesisch oder Koreanisch. Was war passiert? Der Download war nicht komplett. Nach einem neuen runterladen war alles da.

Nach dem Start wird die Software eingerichtet. Ein Fenster poppt dafür auf für Einstellungen. Es gibt folgende Punkte:

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DEVICES: Das Keyboard wird ausgewählt. Oder Ihr macht es so wie ich und setzt den Haken bei “All Devices", dann muss nix angepasst werden, wenn das Keyboard mal getauscht wird. Die Ausgabe wird ausgewählt, normalerweise die Soundkarte des Rechners.
Die “Audio Buffer Size” sollte so gering wie möglich sein. Bei mir ist sie auf 128 eingestellt.

MIDI: Eventuell Einstellungen machen, wenn es Probleme mit der Kommunikation mit dem Keyboard gibt.

PERF: Performance-Einstellungen

Alle Instrumenten-Packs stehen zur Verfügung. Es fehlen lediglich einige Töne. Zum Testen ist es aber mehr als ausreichend.

Es gibt drei Versionen von Pianoteq:
  1. Stage für 129 eur. Zwei Instrumenten-Packs sind enthalten. Einstellungen können nur in geringem Maße vorgenommen werden. Nur zum Spielen ist das völlig ausreichend.
  2. Standard für 249 eur. Drei Instrumenten-Packs sind enthalten. Es kann so ziemlich alles geändert werden, was an einem Klavier geändert werden kann. Dazu mehr später.
  3. PRO für 369 eur. Drei Instrumenten-Packs sind enthalten. Es kann im Gegensatz zur Standard-Version noch jede Note angepasst werden. Beispiel: Ihr möchtet die Härte der Hämmer bei einigen Noten ändern, da diese öfter gespielt werden und sich somit die Hämmer stärker verhärten als bei anderen Noten. Soll z.B. ein ein Bechstein Flügel einem vorhandenen Flügel angepasst werden, so ist es möglich, jeden einzelnen Ton auf das vorhandene Instrument abzustimmen.
Ein Instrumentenpack kostet 49 eur.
Pianoteq hat sich mit den Packs sehr viel Mühe gegeben, um die Instrumente abzubilden. Es gibt auch mehrere Pakete mit historischen Instrumenten. So können Instrumente wieder gespielt werden, die in Museen stehen.
Teilweise defekte Instrumente wurden wieder zum Leben erweckt mit dieser Technik. Konnten einige Töne nicht mehr gespielt werden, so war das nicht so schlimm. Sie konnten aus dem Gesamtgebilde berechnet werden.
Es gibt das KIViR" (Keyboard Instrument Virtual Restoration) Projekt, das genau das macht. Diese Instrumente sind kostenlos im Downloadbereich. Sie funktionieren jedoch nicht mit der Testversion.

Sobald die Einrichtung abgeschlossen ist, kann es losgehen:

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Das passende Instrument wird ausgewählt. Jedes Instrument hat noch div. “Unterinstrumente”
So gibt es für das Steinway Jazz, Classic, Cinema, Blues, Prelude…

Gefällt der Klang nicht, so kann er angepasst werden. Hier ein ganz grober, nicht kompletter Überblick :

TUNING: Die Stimmung und das Temprament kann angepasst werden, z.B. 415hz und WerckmeisterIII
VOICING: Filzhärtegrad , Obertonintensität, Hammergeräusche…
DESIGN: Resonanzboden, Saitenlänge, mitschwingende Resonanzen der Saiten…
VELOCITY: Anpassen der Anschlagdynamik, Lautstärke…
OUTPUT: Pedale, Mikrofon (Symbol unter dem rechten Kringel von Output): Die Mikrofone (bis zu fünf) können in drei Dimensionen frei positioniert werden. Es ist erstaunlich, welche Auswirkungen das hat.
ACTION: Dämpferkonfiguration
MALLET BOUNCE: Für Schlaginstrumente gedacht
EQUALIZER
EFFECTS: Raumgröße & Art, div. Effekte…

Es kann so ziemlich alles verändert werden. So kann z.B. aus einem Steinway ein mittelalterliches Instrument gemacht werden.

Ein neuer Punkt ist in der Version 7.5 hinzugekommen, das Morphen. Es können zwei Instrumente zu einem umgewandelt werden. Habe ich aber noch nie versucht. So kann aus einem Percussion-Instrument und einem Flügel ein komplett neues Instrument gebaut werden.

Die Möglichkeiten in pianoteq sind enorm, und es besteht die Gefahr sich darin zu verlieren.

Mir persönlich gefallen die Flügel von pianoteq besser als die eingebauten Klänge von Kawai, Yamaha, Gewa, und Roland. Zu bemerken ist, dass Roland auch diese Art der Tonerzeugung gewählt hat mit ihrer Pure Acoustic und Super Natural Engine.
Die Anpassungsmöglichkeiten sind bei pianoteq jedoch wesentlich besser. Außerdem gibt es diverse alte Instrumente, die einfach fantastisch klingen. Eines meiner Lieblingsinstrumente ist J.Dohnal Pianoforte von 1795.
Das ist allerdings alles Geschmackssache.
Es besteht die Möglichkeit, sich je nach Zeitepoche das richtige Instrument zu dem Stück auszusuchen. Aktuell stehen Instrumente von 1600 bis heute zur Verfügung. Modartt erweitert stetig das Sortiment. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Klänge sind. Mozart mit einem Pianoforte von 1795 klingt ganz anders als mit einem aktuellen Steinway Hamburg.
Da die meisten E-Pianos einen MIDI Ausgang haben, können sie an einen Computer angeschlossen werden. So kann auch mit einem Upright-Piano pianoteq genutzt werden.

Kommen wir noch zur Ausgabe.
Die eingebaute Soundkarte vieler Computern ist nicht die beste. Ein USB Audio-Interface kann empfehlenswert sein. Ich habe von Steinberg das UR22C Audio-Interface genommen. Es wurde vom System sofort erkannt und in pianoteq angezeigt. Eine Treiberinstallation war nicht erforderlich. Wie sich das unter Windows und macOS verhält, kann ich leider nicht sagen. An so ein Audio-Interface können nun Kopfhörer und Aktivboxen angeschlossen werden.

Als Kopfhörer empfehlen sich Studiokopfhörer. Diese geben den Klang natürlich wieder (mehr oder weniger). HiFi-Kopfhörer verfälschen den Klang gerne. Das gleiche gilt auch für Boxen. Studio-Boxen sind besser dafür geeignet als eine HiFi-Anlage.

Neugierig geworden? Einfach runterladen und kostenlos testen:
https://www.modartt.com/try
Es ist empfehlenswert, die Standard-Version zu nehmen. Ansonsten sind die Änderungsmöglichkeiten doch sehr beschränkt(s.o.).
Kleiner Tip: Es gibt öfter Rabattaktionen.Ich habe im “Sommerrabatt” die Pro Version für 299 eur statt 369 eur erworben.
Die Software ist kopiergeschützt. Sie darf auf drei eurer Rechner installiert werden. Diese Rechner werden im Internet registriert. Muss ein Rechner neu installiert werden, weil es z.B. einen Systemcrash gab, kein Problem. Einfach den neuen Namen eintragen im Web, also umbenennen. Auf keinen Fall den Rechner im Web löschen, sondern umbenennen. Ist ein Rechner im Web gelöscht, kann pianoteq darauf nicht mehr zum Laufen gebracht werden. Der einzige Weg: Sich mit dem Support in Verbindung setzen. Steht aber alles in der Anleitung. Die Anleitung gibt es in Englisch, Französisch und Deutsch. Außerdem gibt es viele Tutorials und Tipps.

In der Hoffnung das allerwichtigste geschrieben zu haben:
Viel Spaß beim testen!

Godehard
 
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Sehr gute und umfassende Beschreibung. Gibt gut Kekse. :mmmh: Wenn ich Pianoteq nicht schon längst auf dem Rechner hätte, würde ich jetzt zumindest eine Testversion runterladen. Wo ich beim Konzept von der Firma oder auch der Software einen Bruch sehe, ist das das Morphing. Das sind technische Spielereien, wobei sich in der Vergangenheit die Firma strikt an der Replikation tatsächlich existerender Instrumente orientiert hat und diese sogar überwiegend vom Originalhersteller zertifizieren ließ. DAS hat mir gefallen.
 
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@rbschu Danke. Das Morphing habe ich mir auch nicht weiter angesehen. Sicher kann man da tolle Sachen mit machen, mich interessiert das aber nicht. Das piatoteq von div. Herstellern zertifiziert wurde habe ich komplett vergessen zu erwähnen, Danke.
Ich habe mich mit der Klangerzeugung noch etwas mehr beschäftigt im Trööööt:
https://www.musiker-board.de/threads/wie-der-klang-ins-e-piano-kommt.735198/

LG Godehard
 
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Danke nochmal für das Feedback. Tatsächlich ist die Zertifizierung der Software durch die Hersteller der Originalinstrumente ein USP, das ich sonst noch nirgends gesehen habe, also offenbar ein Alleinstellungs- und Qualitätsmerkmal.
 
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