Rhapsody Of Fire

von |Lee|, 23.09.06.

  1. |Lee|

    |Lee| Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 23.09.06   #1
    Hui.

    Zwei Jahre nach dem letzten Studioalbum fand das Warten ein schnelles Ende, nachdem recht kurzfristig das Release einer neuen Scheibe bekannt gegeben worden war. Ich habe die letzten Wochen jeden Tag runter gerechnet und oft gespannt in den Briefkasten geblickt. Gestern war es dann endlich so weit. Nach einem langen Arbeitstag fuhr ich schnell nach Hause, um endlich das neue Meisterwerk zu genießen.
    Nachdem mich die „mainstreamigeren“, letzten Alben von Blind Guardian und In Extremo, meinen Lieblingsbands nach Rhapsody, nicht so sehr vom Hocker gerissen hatten, war ich nun nach der Aussage, das Album sei straighter, etwas geschockt, konnte mir eine negative Überraschung aber nur schwerlich vorstellen.
    Sofort wurde mein Headset angestöpselt, die Augen geschlossen und los gings mit dem ersten Track.

    Hier gibt es gleich die erste Überraschung mit „Dar-Kunor“. Anstelle eines fulminanten Openers, wie man ihn auf einem jeden Rhapsody-Album erwartet, beginnt das Lied wie mein Lieblingsfilm und erinnert sofort an das „I amar prestar aen.“ Die Worte hören sich elbisch an. Das Lied klingt seicht an, wie auch schon das Einleitungslied des Vorgängers. Doch schnell entwickelt es sich zur Ouvertüre, ein Chor stampft sich dem nichts ahnenden Zuhörer heimtückisch in den Gehörgang, Assoziationen an Gladiatorenkämpfe weckend. Harte Streicherklänge mischen sich erst mit Guers Bass, dann mit Holtzis Fellen. Kraftvoll geht der Chor weiter und diktiert die Marschrichtung des neuen Werkes.

    Wie schon bei „Dawn of Victory“ kommt nun direkt das Titellied, dessen Intro an Divinefires „The World’s on Fire“ (Glory Thy Name) erinnern lässt. Schließlich hören wir die uns gut vertraute Stimme, die sich kurz darauf im schnellen Refrain mit dem Chor vereint. Das Orchester fällt etwas auf eine Support-Funktion zurück, die Band rückt in den Vordergrund. Den Mittelteil bildet ein langes, rhapsodisches Choral, welches daraufhin von Luca abgelöst wird. Zum Abschluss noch einmal der Chor zusammen mit Fabio, dann beide alleine. Die Harmonien lassen einem das Herz höher schlagen. Hier wird sehr viel Macht auf den Hörer ausgeübt, der geradezu überrollt wird.

    „Heart of the Darklands“ heißt das dritte Lied auf der CD und beginnt genau wie „The Pride of the Tyrant“ (Power of the Dragonflame) mit einer speedigen Gitarre und staccatierter Bass- & Drum-Unterstützung. Nach einer schönen Kombi zwischen Fabios Gesang und den Instrumenten krachen auch schon wieder epische Stimmen herein, man bekommt eine Ahnung, worauf das Album hinaus läuft: Die Einsätze des Chors wurden hier vervielfacht und in punkto Akzentuierung auf die Spitze getrieben. Die Gitarre, etwas von der Bildfläche verdrängt, meldet sich noch mal deutlich zu Wort. Komplette Songs scheint sie allerdings nicht mehr zu begleiten oder gar zu führen, sondern nur noch der jeweiligen Stimmungslage angepasst. Und genau das macht Filmscore Metal aus. Plötzlich fährt das Orchester auf, mit einem Sound, den man von Bal Sagoth kennt. Es schließt sich der Schlussteil an, dessen Ende wieder von einem Chor gebildet wird.

    Mit „Old Age of Wonders“ wird nun ein balladesker Ohrenschmaus geboten, der von den beiden Staropoli-Brüdern eingeleitet wird. Der Gesang ist schön wie eh und je. Doch mit dem Lied wird nicht einfach die Quotenballade erfüllt, sondern es entwickelt sich zu einem heiter-fröhlichen Folklied mit düstereren Zwischenparts und einem Chor, der sich diesmal nicht nach Filmscore, sondern nach Rockoper anhört. Und sofort bei seinem Einsetzen merkt man: „Das ist ein Lied zum Mitsingen!“ Sozusagen ein Bard’s Song für uns Fans. Das Lied gäbe den würdigen Abschluss auf einem jeden Konzert ab. Die weibliche Gesangsstimme, die mit Fabio duettiert, passt auch wunderbar hinein und verleiht dem Ganzen noch einen gewissen feminin-elbischen Touch, was angesichts der Lyrics kein Zufall zu sein scheint.

    Nach dem ruhigeren Stück beginnt „The Myth of the Holy Sword“ mit dem einfallsreichsten Drumintro seit der „Dawn of Victory“-Fassung des Best-Ofs. Es geht weiter mit Orchester und Gesang, Tuttis; eine Akkustik schleicht sich unauffällig ein, nur um einen einzigen Akkord anzuschlagen und schließlich - wie sollte es anders sein - der Chor, der aber anfangs nur ausschmückenden Charakter besitzt und erst später wieder wuchtig in das Geschehen eingreift. Für jeden, der von Bombast und Epik nicht genug bekommen kann, machen sich hier euphorische - nein - orgasmatische Gefühle breit. Ansonsten merkt man diesem Lied besonders an, dass Bass und Drums diesmal höher gewichtet wurden als jemals zuvor. Das ist kein Wunder, schließlich waren hierbei im Gegensatz zu sonst alle Bandmitglieder mehr oder weniger am Songwriting beteiligt. Dabei hat natürlich jeder versucht, so viel wie möglich für sich heraus zu holen. Das merkt man auch deutlich, wenngleich die Chöre fast permanent dominieren. Und doch ergibt alles zusammen ein in sich stimmiges Gesamtbild. Bloß beginnt man, sich so langsam zu fragen, wann denn Christopher Lee von sich hören lässt, der ja auf dem Album auch erscheinen sollte.

    Mit „Il Canto del Vento“ enthält auch „Triumph or Agony“ standardmäßig ein italienisches Lied. Mit dem Unterschied, dass es von Fabio höchstpersönlich stammt. Der Gesang mag anfangs etwas ungewöhnlich wirken, aber man findet sich sehr schnell rein und genießt die atemberaubende Stimmung, die von diesem Lied vermittelt wird. Es ordnet sich gut in die Reihe seiner Vorgänger ein, das Thema ist einprägsam und wird oft wiederholt mit einer orchestralen Steigerung zum Schluss hin. Jeder wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass Lione auf dem nächsten Album ruhig wieder ein Lied zum Besten geben darf.

    „Silent Dream“ ist wieder von metallischerer Art, auch wenn das ganze Album gegenüber seinem „Symphony of Enchanted Lands II“ noch einen Schritt in Richtung Klassik gemacht hat. Dennoch ist es das wohl straighteste Lied des Silberlings. Der Song ist klar strukturiert, macht aber trotzdem mächtig Dampf, ohne dabei zu ausladend zu sein.

    Ganz ruhig beginnt „Bloody Red Dungeons“, ein Titel, dem man mehr zutrauen würde. Zart auch der Gesang und die Instrumentation. Doch schon schieben sich Streicher und Bläser in das Geschehen und ziehen die Rhythmus-Instrumente mit. Das Lied liegt im gemütlichen Midtempo-Bereich und wird ständig begleitet von einem auffallend dezenten Orchester. Dafür krakeelt nun der Chor so richtig schön mit. Dem folgt ein Wechsel zwischen demselben und dem Leadgesang, ein kurze „Narration“ und endlich mal wieder eine E-Gitarre, aber leider nicht allzu lange. Man würde sie sehr vermissen, schneite sie nicht ab und zu herein, um einfach mal „Hallo!“ zu sagen. Hat Luca zu viel Zeit vor dem Klavier verbracht? Was wird er live treiben? Wobei er spätestens seit Staropoli nicht der einzige ist, der sich musikalisch etwas zurück nehmen muss.

    Endlich bekommt man „Son of Pain“ zu hören, auf den man schon seit dem Opener gewartet hat. Ein Lied, das man sofort mitsingen kann, dank des Forums. Doch halt, ein paar Wörter sind scheinbar verändert. Und wie schon in der vorab herumgereichten mp3 versteht man den Text schon wieder nicht ganz genau. Doch das tut dem Lied keinen Abbruch; dass es wunderschön ist, lässt sich nicht bestreiten. Allerdings hatte ich hier nun mal Christopher Lee erwartet, doch schon wieder ist er nicht dabei. Es wird langsam eng für ihn.
    Das Lied scheint viel zu schnell zu ende, doch dann geht es unverhofft weiter in die zweite Strophe. Bei Fabios sehr italienisch klingendem „Horrrizons“ muss ich schmunzeln. Das Lied ist das emotionalste auf der Scheibe und vielleicht das massentauglichste, aus dem Grund wurde es auch ausgesucht, um noch mal in italienischer und französischer Sprache aufgenommen zu werden. Auch kommt das Lied gänzlich ohne Metal-Einflüsse aus und kompensiert somit ein wenig das Fehlen eines Akustik-Songs.

    Noch mehr als auf das vorige Lied freute man sich auf das epische „The Mystic Prophecy of the Demon Knight“, ein über viertelstündiges, kompositorisches Meisterwerk, welches in fünf Sub-Lieder aufgespaltet wurde. Es beginnt genau mit dem Sound von „Gargoyles, Angels of Darkness“ (Power of the Dragonflame), ein Song, der ebenfalls aus mehreren Teilen besteht und ähnlich lange dauert. Man könnte meinen, die beiden Lieder seien zeitgleich entstanden. Nun begleiten eine Flöte und Streicher das Akustik-Spiel, bevor auf einen Schlag Orchester und Rhythms einsetzen. Mit einem verdammt kurzen Gitarren-Zwischenspiel schafft es Luca, uns dennoch zu verzaubern. Der Chor wird als Stilmittel verwendet, das Lied klingt etwas euphorisch an. Doch die Story spitzt sich zu und man weiß, dass es noch mehr krachen muss als bisher. Es dauert eine Weile, bis das wunderschöne Thema aus dem ersten oder zweiten Teil abgelöst wird durch ein episches Streicherensemble, das einem bekannt vorkommt. Es ist die Reprise zu dem Thema aus der Ouvertüre. Diese Technik findet seit „Power of the Dragonflame“ durchweg Verwendung in den Alben. Doch die Melodie und der Klang erscheinen so pathetisch und stimmig, dass man dem stundenlang zuhören und schwärmen könnte, würde nicht plötzlich die Musik einfach stoppen. Aus gutem Grund: Die lang ersehnte Stimme von Christopher Lee erscheint und klingt hier noch stärker im Vorgänger-Album erscheint. Geradezu diabolisch. Nach einer Narration bekommt man das genialste Zusammenspiel zwischen Schlagzeug und Bass um die Ohren geknallt seit - ähm - ja seit Anbeginn von „Rhapsody“. Das will ich unbedingt live erleben! Danach hören wir Fabio gegen sich selbst singen, wie wir es bereits in „When Demons Awake“ (Power of the Dragonflame) erleben durften. Seine Stimme schwankt irgendwie zwischen Heavy Metal und was Bösem. An ein oder zwei Stellen meine ich sogar, einen Growl zu hören. Der Chor tut sein übriges und walzt alles platt, was noch nicht auf dem Boden liegt. Wieder das Duell und noch böser als zuvor. So hören wir Fabio nicht oft und ich muss fast zugeben, dass das schade ist. Anschließend hören wir wieder etwas Gitarre und plötzlich eine Spieluhr. Sowas hat es bisher nur in „Dargor, Shadowlord of the Black Mountain“ (Holy Thunderforce) gegeben. Nach einem Part, in dem Lee sich mit jemandem unterhält, wird das Lied einfach nur noch gewaltig. Dämonen überall um die Sprecher herum, die Musik rast und scheint zum ersten Mal wirklich direkt aus dem tiefsten, dunkelsten Abgrund der Hölle aufzusteigen. Viel zu schnell wird die Horrorshow aufgelöst und in seichteren Gesang übergeleitet, doch der Epos wird würdig fortgesetzt. Erst ziehen die Chöre, dann das Orchester alle Aufmerksamkeit auf sich.

    Plötzlich eine Pause. Eine Störung der CD? Nein, tatsächlich wurde hier mitten im Lied ein Schnitt gemacht, wie es bisher nur zwischen Openern und dem jeweils folgenden Lied der Fall gewesen ist. Sofort beschließe ich, diese beiden Lieder zusammen zu fügen, um die lästige Pause verschwinden zu lassen. War wohl ein Trick, um nicht wieder das typische, endlos lange Schlusslied auf dem Album zu haben, wie es bisher fast immer der Fall gewesen ist.

    Doch was jetzt folgt, lässt einen mit offenem Mund und nassen Augen zusammen sinken. Ein letztes Chorstück schließt das Album ab. Und es steckt alles voran gegangene mühelos in die Tasche und reiht sich locker zwischen John Williams „Duel of the Fates“ (Star Wars I) und Hans Zimmers „Am I not Merciful?“ (Gladiator) ein. Bei dem Lied wünscht man sich nichts sehnlicher als ein Schwert in der Hand und so viele Feinde wie nur irgend möglich. Doch das Lied ist auf seine Weise dreigeteilt und es folgt bald ein Zusammenspiel zwischen Fabio und dem Orchester, das man - nochvöllig geblendet von dem Chor - gar nicht richtig begreifen kann.
    Zum letzten Mal hören wir Christopher Lee, der mit den Worten „A new saga begins“ abschließt, was sicher irgendwo eine Anspielung an Episode I ist. Jetzt wird der Sound zurückgefahren, dieses Outro ist praktisch das genaue Gegenstück zum Intro. Alles erscheint in umgekehrter Reihenfolge wieder und das Album schließt mit „elbischen“ Worten und einem plötzlichen Schlussakkord ab, als wolle es analog zu Christopher Lee sagen: „Fortsetzung folgt.“

    Ich sitze mit Tränen im Auge und Gänsehaut vor meiner Anlage. Soviel Genialität kann ich gar nicht auf einmal verarbeiten und höre mir das Album gleich noch dreimal an.

    Fazit: Wenn Rhapsody sagen, das Album sei „straight“, dann bedeutet das wohl, dass weniger Windeffekte zu hören sind. Das Album erinnert zum einen an „Symphony of Enchanted Lands II“, zum anderen an „Power of the Dragonflame“, geht dabei einen Schritt in Richtung Therion und einen Schritt in Richtung Epica, ohne einen Funken seiner Authentizität zu verlieren. Das Album ist ein mehr als würdiger Nachfolger von SoELII und gar nicht mehr weit von wirklichen Soundtracks entfernt. Für viele hätte es sicher (weitaus) mehr Metal sein dürfen, aber ich für meinen Teil bin absolut zufrieden gestellt worden. Ich freue mich jetzt umso mehr auf verdammt geile Live-Gigs und werde die Scheibe die nächsten Tage noch einige Male zum Rotieren bringen. Bloß ist sie mir mit einer Spielzeit von etwas über einer Stunde trotzdem noch irgendwie zu kurz. Da bleibt nur das Warten auf die Extended Digipack-Version nächste Woche.

    Übrigens: Nach dem ereignisträchtigen Jahr für Rhapsody erscheint nun Mitte nächstes Jahres auch endlich die lang ersehnte Live-DVD, nachdem Joey die Demons, Dragons & Warriors-Tour bereits zum zweiten Mal verschoben hatte. Man darf gespannt sein. Ich selbst werde nach Frankfurt fahren und finde mich mit etwas Glück später darauf wieder. :o)

    Gruß an alle Filmscore Metaller!
     
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