Roland D-50: Erster (Proto-)VA-Synthesizer?

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Beim Roland D-50 gehören synthetisierte und auf Rom-Samples basierende Elemente meistens untrennbar zusammen, gerade die Kombination macht den unvergleichlichen Charakter dieses digitalen Synthesizers aus.

Lässt man die Samples aber mal für einen Augenblick beiseite, hat man eine klassische, subtraktive Synthese, inklusive Ringmodulator und variabler (auch modulierbarer) Pulsbreite.
Zwar alles noch ohne konkrete Modeling-Ansprüche und mit einer alles andere als "analogen" Bedienoberfläche, aber die Grundzutaten eines modernen VA-Synths sind definitiv vorhanden.

Klangbeispiele, welche nur auf den generierten Wellenformen Sägezahn und Rechteck/Puls beruhen, sind entsprechend des Gesamtcharakters des D-50 rar gesät, aber das, was ich auf Youtube in diesem Zusammenhang hören konnte, klang sehr weich und angenehm, gewissermaßen "analoger" als die nagelharten Sägezahn-Bretter neuerer und "echter" VA-Synths.
Gleichzeitig erzeugt das Filter eine typisch digitale, rauschhafte Resonanz und die Hüllkurven sind auch nicht gerade für perkussive Sounds optimiert (gerade dafür gibt es dann wiederum die als Attack-Lieferanten gedachten Samples).

Meine Frage geht nun an alle, die schon mal selbst einen D-50 gespielt bzw. besessen haben (oder sogar noch besitzen):
Wie würdet ihr seine Fähigkeiten/ Qualitäten unter dem Aspekt der Analog-Emulation einschätzen? Wie schlägt er sich in der Hinsicht vor allem gegenüber dem ersten echten VA-Synthesizer, dem Nord Lead 1 von Clavia?
 
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Als D-50- und Nordlead-Fan und -Nutzer kann ich Dir versichern, daß er sich nicht besonders "analog" (was auch immer das aus subjektiver Sicht sein mag...) verhält. Auch wenn der D-50 aufgrund bestimmter Features immer wieder gerne als quasi-erster-VA geradezu verklärt wird: er leidet durchaus an den typischen Schwächen eines frühdigitalen Synths und basiert auf einer vollkommen anderen Struktur (Tone/Patch/Partial-Verschachtelung, parallele / unabhängige Synthesestränge).
Dieser eher digitaltypische Aufbau und die komplette Abwesenheit einer auch nur ansatzweise analogen, intuitiven Benutzeroberfläche haben tiefgreifende Bedeutung für die Art des Klangschraubens und natürlich den Spaß daran.

Rein technisch gibt es natürlich viele überschneidungen mit durchschnittlichen VAs - das bedeutet aber nicht, daß er klanglich und im Handling ähnlich ist. Er erzwingt in Sachen Soundprogrammierung eine ganz andere, viel abstraktere und diszipliniertere Herangehensweise als eine analoger oder ein VA. In den typischen VA-Eigenschaften ist ein Nordlead (der ja auch nicht als besonders "analog" verschrien ist...) jedenfalls haushoch überlegen.

Was nicht bedeutet, daß der D-50 schlecht im Sinne von "kalt" und "typisch digital" klingt wie z.B. eine M1: der D-50 - und dafür lieben ihn seine Anhänger - hat schon so eine gewisse Rolandige Fatness, die klassische analoge Sounds darauf ziemlich gut klingen lässt. Diese Präsenz, Durchsetzungskraft und Ungeschliffenheit vermisst man m.E. bei allen späteren digitalen JVs, XPs und Fantoms, und auch den entsprechenden Synths anderer Hersteller. Einzig die beiden Roland JDs haben einen ähmnlich sympathischen Klang, klingen aber insgesamt schlanker, filigraner und HiFiiger.
Nein, der D-50 hat Präsenz, er hat diese undigitale Durchsetzungskraft im mittleren Bereich, er klingt in den Höhen frisch, ohne zu klirren wie die damaligen Korgs, er hat gehörigen Wumms in den Tiefbässen (der bei den entsprechenden Sounds allerdings gerne mal vom eingebauten EQ kommt, aber o.k...).
Und er kann, wenn genug Partials, PWM, LFOs, Pitchhüllkurven und eine Prise OnBoard-Chorus im Spiel ist, sehr breite, lebendige analogähnliche Flächen, Bläser und Polysynths erzeugen, die überzeugender klingen als ihre Pendants in den meisten Romplern. Sein Grundcharakter begünstigt das einfach.

Gute Bedingungen für gute Sounds also. Aber die nackten "Einzelfeatures" sind jetzt nicht so, daß man sie übertrieben in VA- oder Analognähe rücken müsste. Die Oszis und Filter klingen nackt schon eher digital, statisch und Artefakt-behaftet; es sind ja auch welche "der ersten Stunde", die mit sehr wenig Rechenleistung auskommen müssen.
Aber sie klingen eben auch nicht schlecht. Und sehr eigenständig - das Filter hat so einen leicht Phaser-artigen Charakter, wenn man Sweeps mit Resonanz macht, die Pulswelle und PWM klingt sehr typisch und scheint bei vielen Klängen auf angenehme Weise durch.
Und das sind Sachen, die kriegt man auf einem Nordlead oder -Wave auch mit Gewalt nicht hin.


Der größte Pferdefuß am D-50 ist letztlich das Userinterface - das macht einfach keinen Spaß. Obwohl seine Struktur leicht zu durchschauen ist, muß man sich zwingen, den Edit-Button zu bemühen und die Untiefen zu ergründen. Eine ganz wesentliche Eigenschaft eines VAs oder analogen ist, daß man genau dieses Gefühl nicht hat, und versagt der D-50 auf ganzer Linie.
Über kurz oder lang werde ich versuchen, für meinen D-50 irgendwo einen PG1000-Programmer zu finden und bin gespannt, ob das was hilft ;)
 
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Rein von der Architektur her hat der D-50 durchaus das Zeug zum Proto-VA. Vielleicht hat er nicht die opulenten Modulationsmöglichkeiten, die die großen VAs haben, aber die haben ja auch längst nicht alle VAs. Und es gab schon einige, die ihm einen auffallend warmen Sound attestiert haben.

Man könnte jetzt versuchen zu relativieren, zu sagen, der D-50 bedient sich aber nicht wie ein Analoger. Ja, wenn man den Minimoog als Referenz nimmt, stimmt das, aber mit einem PG-1000 sieht die Sache wieder ganz anders aus. Im übrigen brauchten JX-3P, JX-8P und JX-10 zum Echtzeitschrauben auch schon Programmer, dito beispielsweise der Oberheim Matrix-1000, also ist die Handhabungssache wieder irrelevant.

Den D-50 würde ich auch nicht so sehr in eine Linie stellen mit diskret aufgebauten, spannungsgesteuerten Vollanalogen der 70er, sondern eher mit den DCO-Schiffen der 80er. Wie gesagt, die JX, aber zumindest mit Musitronics könnte ich mir im Multi-Dual-Modus mit hartem Panorama auch Breitbandsounds à la Synthex vorstellen (Musitronics, weil ein Standard-D-50 die Stereobuchsen nur fürs Chorus hat und als Synth an sich mono ist).


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Der D-50 gehört in eine Reihe mit analogen und VAs, weil er warm klingt..?

Jeder wird da seine eigenen Grenzen ziehen und die Geräte in die eine oder andere Schublade einsortieren wollen.
Ich meine: bloß, weil es eine Anzahl von Parallelen gibt, muß man nicht gleich ein Dreirad zur Harley machen. Entscheidend ist doch nicht alleine das Vorhandensein von Funktion XY, sondern: wie fühlt sich das ganze an, was macht man damit typischerweise, und was war die Intention des Urhebers?

Mit Extrembeispielen und Randphänomenen (JX und Matrix-1000 brauchen einen Programmer? >> Also ist eine Schrauberoberfläche kein Kriterium für typisch Analog / typisch VA??) kann man natürlich alles mögliche beweisen oder widerlegen, aber kann man das Einsortieren auch gleich lassen. Dann ist meinetwegen ein Cembalo ein Proto-Clavinet und eine Silbermann-Orgel ein Zwischenschritt auf dem Weg zur B3.

Dann ist aber auch ein JD-990, Rolands Vorstufe zu den ganzen JV-1080 & Co-Folgeprodukten, ein typischer Proto-VA.
Der kann nämlich auch Ringmod und Sync und klingt warm. Mit einem "analogeren" Multimodefilter ist er deutlich näher dran als der gute alte D-50.
Nein warte - das darf ja wieder nicht sein, denn der generiert seinen Sägezahn ja aus Samples. Das ist ein Sakrileg und selbstverständlich ganz was anderes als die ebenfalls statischen, unanalogen DCOs im D-50, die so gerne als VA-Nachweis angeführt werden.
Gut, bei der PWM muß er passen.
Sollte die offizielle VA-Spreu-und-Weizen-Grenze zwischen VA und nicht-VA am Feature "PWM" verlaufen, dann ist der D-50 halt doch auf der anderen Seite ;). So genau weiß man das halt alles nicht.


Ich meine, ich würde das nicht an Einzelfeatures festmachen, sondern am Gesamtbild.
Und hier muß man doch zugeben, daß trotz der paar Parallelen...

- die Intention der Schöpfer eine ganz andere war (nämlich: "authentische Sounds, am besten gleich die ganze GM-Palette", "moderne Digitalsounds", "eigentlich wollen wir eine Workstation, sind aber noch nicht so weit", "eingebaute Effekte")
- es mit den "analogen Qualitäten" der einzelnen Bausteine nicht weit her ist: Filterklang, Modulationsgeschwindigkeiten...
- die parallele Architektur (Patch/Tones/Partials) sich deutlich von typischen Signalfluss aller subtraktiver Analogsynths unterscheidet
- das Element der Echtzeitkontrolle und des Direktzugriffs komplett fehlt (ein PG-1000 ist nicht Bestandteil des D-50, und auch mit dem PG wird er nicht zum Minimoog, Prophet oder Virus).

Und das sind alles Punkte, die beim tatsächlichen Proto-VA - dem Nordlead - anders gelöst sind. Was ausdrücklich wesentliche Konzept-Bestandteile sind, die den Charakter des Instruments prägen. Und an den Anforderungen hat sich bis heute nichts geändert.
 
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Es stimmt schon, den D-50 kann man als Streitfall ansehen und wie ich bereits im Eingangs-Post schrieb, allein mit seinen generierten, an analoge Synthesizer angelehnte Wellenformen wird man ihn kaum einsetzen, zu groß ist der Zugewinn durch die PCM-Samples (auch wenn letztere nicht durch die Klangformung mittels Filter profitieren, dafür kann man sie zusammen mit dem Ringmodulator einsetzen).

Dass der JD-990 übrigens auch Sync beherrscht wusste ich nicht mehr so genau, dieses Feature wird von den meisten doch eher einer typisch (virtuell-)analogen Klangerzeugung zugeordnet. Von daher bin ich in dieser Hinsicht angenehm überrascht.

Rein zeitlich gesehen kann man den D-50 aber weiterhin als ersten "Proto"-VA-Synth bezeichnen, so man es ihm aufgrund seiner Klangstruktur zugestehen will.

Was mich bei den ganzen Diskussionen "Digital vs. Analog" irritiert, ist die (scheinbar?) doppelte Bedeutung des Begriffs "DCO":
So wie ich die Abkürzung verstanden habe, steht sie für einen digital gesteuerten, in seiner Klangerzeugung aber nichtsdestoweniger analogen Oszillator.
Gleichzeitig scheint sie aber auch für rein digitale Oszillatoren zu stehen, wenn auch, soweit ich sagen kann ausschließlich im Kontext der 80er, bestenfalls noch früher 90er Jahre.

Andererseits könnte man die "Oszillatoren" eines heutigen Romplers gleichwohl als "DCO" bezeichnen, oder gilt das nur für Oszillatoren, die ausschließlich synthetische und am besten in Echtzeit berechnete Wellenformen ausgeben? Kann man die Oszillatoren heutiger VA-Synths als "DCOs" titulieren?
 
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Rein zeitlich gesehen kann man den D-50 aber weiterhin als ersten "Proto"-VA-Synth bezeichnen, so man es ihm aufgrund seiner Klangstruktur zugestehen will.


Wenn's denn sein muß ;).
Doch was war nochmal das Argument dafür? Die Klangstruktur ist es ja gerade nicht, denn da hat er wenig mit typischen VAs (NL, Virus, JP8k, Q etc.) und dafür viel mit D70, JD990 und Konsorten gemein.
Lediglich das Vorhandensein von Ringmod und PWM hebt ihn aus der Masse der typischen Digitalen heraus. Ringmod hat jeder Roland ab dem JV-1080.

Zu den Oszillatoren: genau genommen heißen sie nicht beim D-50 nicht DCO (= digital kontrollierter Analogoszillator, man verzeihe mir die Ungenauigkeit weiter oben).
Sie heissen ganz banal "WG" (Wave Generator, wie bei allen digitalen Rolands), und bis auf die PWM-Fähigkeit ist da wirklich nichts besonderes dran; sie verhalten sich zumindest bei meinem D-50 genau wie Samples oder Wavetables. Und eben nicht wie analoge oder virtuell analoge Oszillatoren: sie driften nicht, starten immer in der selben Phase und haben kein Eigenleben. Ausser, man Programmiert es mit Pitch-Hüllkurve und LFOs.
Wenn man 2 Partials identisch einstellt, erhält man bei jedem Anschlag das gleiche, statische Flanging.

Auf welcher digitalen Rechenvorschrift das nun beruht, ob sie stattdessen aus einem Samplespeicher oder Wavetable ausgelesen werden oder ob sie von einer kleinen Nasenflöte im Inneren erzeugt werden ist doch egal - vom Resultat her ist es das gleiche, was bei einem beliebigen Rompler erhält. Und genau nicht das, was man von einem (V)A erwartet.


Was bleibt? Der D-50 ist ein etwas anders aufgebauter D-70,
- der keine richtigen (Multi-)Samples kann,
- vollkommen anders klingt (nämlich besser, zumindest im Bereich seiner Stärken)
- und als Highlight über PWM verfügt, die Bestandteil vieler typischer D-50-Klänge ist.

Unbestritten ist er einer der besten Rolands, und er gehört definitiv in der Synth-Hall of Fame auf ein goldverschnörkeltes Sonder-Podest. Aber weil er einfach gut und eigenständig klingt und mit seinem Sound Geschichte geschrieben hat - nicht weil er der erste VA ist.
 
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"Wavegenerator" ist in der Tat der passendere Ausdruck für rein digitale Oszillatoren.

Dass die synthetischen Wellenformen des D-50 so statisch sind, überrascht mich nicht, das meinte ich auch damit, dass hiermit keinerlei Modeling-Ambitionen verbunden sind.

Von den klanglichen Einschränkungen abgesehen weicht die Struktur von den üblichen VAs und echt analogen Synthesizern eigentlich nur dahingehend ab, dass das Filter pro Partial/ Wavgenerator zur Verfügung steht, und dass die Bedienoberfläche natürlich typisch "digital" ist.

Ich selbst sehe die Berechtigung, den D-50 - möglicherweise! - als "Proto-VA"-Synthesizer zu bezeichnen, in seinem rein digitalen Aufbau mit nicht auf PCM-Samples beruhenden, noch sehr groben Imitationen analoger Wellenformen zuzüglich der Möglichkeit zur Pulsbreiten-Modulation.
Sicher ist letztere nicht allein ausschlaggebend, der Minimoog ist der Klassiker unter den Analog-Synths schlechthin und er hat nur statische Pulswellen im Repertoire.

Aber wenn ein digitaler Synthesizer zur PWM fähig ist, denke ich geht dies im Umfeld einer subtraktiven Synthese schon mindestens ein bisschen in die Richtung VA-Synthese. Und die Zusatzbezeichnung "Proto" verweist in diesem Zusammenhang durchaus auf die "Schwächen", welche den D-50 weder klanglich noch von der Bedienung her mit einem neueren VA-Synth wirklich vergleichbar machen.
 
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"Wavegenerator" ist in der Tat der passendere Ausdruck für rein digitale Oszillatoren.
In ANALOGie zu DCO müsste ein digitaler Oszillator "DGO = Digitally Generated Oscillator" heißen. :)

VCO <> DCO <> DGO
 
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Ob ein Roland D50 wirklich als Proto-VA durchgehen kann, kann ich nicht beurteilen. Ich feuere eigentlich nur Presets/fertige Sounds aus dem D50 ab (Chor Sounds)

Aber wenn man nach Deinem Gedankengut gehen soll, ist auch die M1 ein Proto-VA obwohl da die Sounds samplebasiert sind. Immerhin hat die M1 alles (naja fast) was ein VA ausmacht, wenn man mal die intuitive Oberfläche weglässt.

Der D50 klingt jedoch alles andere als Digital und kalt. Er klingt sehr breit und warm und macht mir des öfteren den Mix einfach zu. Der D50 ist Gerät dass ein wenig gezähmt werden muss, was man von DX7 und M1 nicht behaupten kann. Der D10 hingegen klingt schon sehr roh aber nicht unbedingt schlecht.
Ich finde den D50 soundmässig interessant (besonders weil er an die frühen DOS Games und/oder Amiga-MODS erinnert) aber zum programmieren eine Katastrophe. Habe den MIDI Kanal eingestellt und VOILA... mehr nicht. Fummle nicht an dem komischen Teil dran rum.

Wenn ich das Bedürfnis habe einen D50-Sound zu verbiegen dann mache ich das mit dem V-Synth und der D50 Card.
 
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Was mich bei den ganzen Diskussionen "Digital vs. Analog" irritiert, ist die (scheinbar?) doppelte Bedeutung des Begriffs "DCO":
So wie ich die Abkürzung verstanden habe, steht sie für einen digital gesteuerten, in seiner Klangerzeugung aber nichtsdestoweniger analogen Oszillator.
Gleichzeitig scheint sie aber auch für rein digitale Oszillatoren zu stehen, wenn auch, soweit ich sagen kann ausschließlich im Kontext der 80er, bestenfalls noch früher 90er Jahre.

Andererseits könnte man die "Oszillatoren" eines heutigen Romplers gleichwohl als "DCO" bezeichnen, oder gilt das nur für Oszillatoren, die ausschließlich synthetische und am besten in Echtzeit berechnete Wellenformen ausgeben? Kann man die Oszillatoren heutiger VA-Synths als "DCOs" titulieren?
DCOs sind Digitally Controlled Oscillators. Das heißt, sie sind analog, aber mit dem Digitally Controlled (das ein bißchen irreführend ist) will man andeuten, daß die Frequenz nicht mehr rein über eine Steuerspannung und einen simplen analogen Schwingkreis bestimmt wird, sondern von einem quarzgesteuerten Taktgeber, der immer dieselbe Rate ausgibt, unabhängig von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und sonstigen Umwelteinflüssen, bei denen sich die Moogs und Jupiters dieser Welt verstimmen.

Wenn es explizit Samples wiedergibt, heißt es nicht DCO, sondern Tone Generator oder Wave Generator. Eigentlich. Mag sein, daß es hier und da entsprechenden Etikettenschwindel gibt.

Doch was war nochmal das Argument dafür? Die Klangstruktur ist es ja gerade nicht, denn da hat er wenig mit typischen VAs (NL, Virus, JP8k, Q etc.) und dafür viel mit D70, JD990 und Konsorten gemein.
Lediglich das Vorhandensein von Ringmod und PWM hebt ihn aus der Masse der typischen Digitalen heraus. Ringmod hat jeder Roland ab dem JV-1080.
Samplelose Digitaloszillatoren mit errechneten statt aufgezeichneten Waveforms.

Sie heissen ganz banal "WG" (Wave Generator, wie bei allen digitalen Rolands), und bis auf die PWM-Fähigkeit ist da wirklich nichts besonderes dran; sie verhalten sich zumindest bei meinem D-50 genau wie Samples oder Wavetables. Und eben nicht wie analoge oder virtuell analoge Oszillatoren: sie driften nicht, starten immer in der selben Phase und haben kein Eigenleben. Ausser, man Programmiert es mit Pitch-Hüllkurve und LFOs.
Wenn man 2 Partials identisch einstellt, erhält man bei jedem Anschlag das gleiche, statische Flanging.
Das heißt, es darf erst dann auch nur ein "Proto-VA" sein, wenn sich die Oszillatoren immer und nicht abschaltbar verhalten wie bei einem Minimoog oder einem Jupiter-8?

Hier behauptet ja niemand, daß der D-50 ein amtlicher, full-blown VA vom Schlage eines Nord Lead, eines Virus oder einer *nova ist. Hier wird nur behauptet, daß er eine Vorstufe dazu ist, weil er subtraktive Synthese mit digitalen Rechenmodell-Oszillatoren - ohne Samples - und digitalen Filtern betreibt. So weit macht jeder Nord Lead nichts anderes.

Und die nächste Realismusstufe, nämlich subtraktive Synthese mit physikalisch modellierten Analogschaltungen konkreter alter spannungsgesteuerter Synthesizer, die hat auch der Nord Lead noch nicht erreicht.


Martman
 
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Samplelose Digitaloszillatoren mit errechneten statt aufgezeichneten Waveforms.
Martman

Schon klar. Das ist ein schwaches Indiz, weil es das einzige ist.

Das heißt, es darf erst dann auch nur ein "Proto-VA" sein, wenn sich die Oszillatoren immer und nicht abschaltbar verhalten wie bei einem Minimoog oder einem Jupiter-8?

Nein. Proto-VA ist keine geschützte oder sonstwie etablierte Bezeichnung, daher darfst Du sie natürlich für alles mögliche verwenden.
Es steht mir nicht zu, die genaue Grenze zu definieren. Ich trete lediglich dafür ein, nicht den viel größeren Rest des Instruments zu ignorieren, der in eine andere Richtung weist. Eine einzelne Parallele macht - im Sinne von Bedeutsamkeit und dem Einfluß Lauf der Entwicklung - noch nicht das eine zum anderen.

Auch der Schöpfer des Virus, Christoph Kemper, ist in dem aktuellen Amazona-Interview der naheliegenden Ansicht, daß der NL der Startschuß und die Blaupause war - und natürlich die freie Verfügbarkeit der DSP-Programmierung.
Zitat: "Dieses Gerät von einer kleinen schwedischen Firma war wirklich DER Start der virtuell analogen Synthesizer. Der erste, der sich wirklich so nennen konnte und der erste Erfolgreiche, der nicht auf Samples basierte. Übrigens auch auf Basis dieses Motorola DSPs."

Der D-50 wird in dem Interview sogar auch erwähnt, aber keineswegs als "Proto-VA-Inspiration", sondern als klanglich revolutionärer Digitalsynth, der mit einer neuen Soundwelt - nicht der naturgetreuen Digitalisierung analoger Vorbilder - zu begeistern wußte.


Und die nächste Realismusstufe, nämlich subtraktive Synthese mit physikalisch modellierten Analogschaltungen konkreter alter spannungsgesteuerter Synthesizer, die hat auch der Nord Lead noch nicht erreicht.

Meines Wissens besteht das Anliegen von VA auch nicht im konkreten Imitieren von irgendwas, sondern in der digitalen Umsetzung des Grundprizips und dem damit möglichen Erweiterungspotential. Sozusagen: weitergeben des Feuers anstatt aufbewahren der Asche... und so weiter ;)
 
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Ich stelle mal eine provokante Frage: Ist das wirklich wichtig?
Warum?

Persönlich würde ich auch nur den NordLead 1 als „Proto-VA“ sehen, weil der als erstes den Ansatz hatte analoge Synthis per Physical Modelling wirklich zu emulieren. Meines Wissens war ein Prophet 5 das Vorbild.

Ansonsten könnte man auch den PPG 1020 mit den ersten digitalen Oszillatoren als „Proto-VA“ bezeichnen oder gleich den ersten polyphonen speicherbaren Synth, nämlich eben den Prophet 5, weil ja gerade diese polyphone Analogsynth-Gruppe diejenige ist, die damit ersetzt/fortgeführt werden soll.
 
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Nun ja, Themen wie dieses hier sind auch eher etwas für Nerds, nicht immer essentiell für den Musikbetrieb an sich, aber stets interessant, gerade auch wenn man über historische Synthesizer redet.

Meinetwegen ist der D-50 ein "Prä-Proto-VA-Synth", aber das klingt einfach zu unschön.

Die Prämisse, wieso ausgerechnet dieses Gerät unter diesem Aspekt hier zur Diskussion steht, hat Martman noch einmal hervorragend zusammengefasst.
Zur Wiederholung:
Der Roland D-50 ist der erste voll digitale, zudem noch in großen Stückzahlen produzierte Synthesizer, der die Oszillatoren berechnet (kein Sample-Playback), dabei Pulsbreitenmodulation beherrscht und mit resonanzfähigen Digitalfiltern aufwartet.

Rompler wie der Korg M1 fallen aufgrund ihrer Sampleplayback-Oszillatoren raus (sieht man mal von den nicht resonanzfähigen Filtern ab), und der PPG 1020 war/ ist ein hybrider Synthesizer.

Ich sehe das daher so:
Der D-50 ist ein Proto-VA-Synth, zumindest der erste kommerziell weit verbreitete. Proto = Unvollkommen, noch nicht um konkrete Emulation der alten Vorbilder bemüht (und aufgrund mangelnder Rechenleistung auch noch nicht dazu imstande).

Der Nord Lead 1 ist dagegen schon der Ur-VA-Synth, der erste, der sich um echtes Modeling analoger Schaltkreise bemühte und obendrein eine Bedienoberfläche wie seine Vorbilder aufwies.
Dass auch er noch weit von diesen Vorbildern und seinen diversen VA-Nachfolgern entfernt war, ist nur natürlich, sieht man sich die Entwicklung der DSP-Technik an (oder welche Prozessoren man auch immer in heutigen VA-Synths verwendet).
 
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Den D-50 als "fast" virtuell Analog zu bezeichnen, nur weil er berechnete Wellenformen nutzt und die klassische sutraktive Synthese ist aber etwas sehr weit gegriffen.

Der Begriff "virtuell Analog" beinhaltet ja gerade, dass das komplette Verhalten eines "analogen" Synthesizers mit subtraktiver Synthese mathematisch - in Form von speziellen Algorithmen - nachempfunden wird. Hinzu kommt dann noch das typische "analoge" Interface, sprich "Knöpfe zum Schrauben", was VOR dem Nord Lead 1 bei digitalen Synthesizern fast komplett verschwunden war. (Mit Ausnahmen wie dem Roland JD-800)

Ein Kurzweil K2000 bietet noch mehr Ähnlichkeiten zu einem VA-Synth, doch auch hier würde ich persönlich nicht von einer Vorstufe reden, da dem K2000 schlicht das User-Interface eines VA fehlt, wie auch dem D-50. Hier käme wieder der JD-800 ins Spiel, doch auch der ist weit von einem VA entfernt.

Eins sind sie aber alle: digitale Synthesizer und alle hier genannten waren ihrer Zeit ein Stück voraus, oder haben Maßstäbe gesetzt.

An dieser Stelle sei nochmal auf das Interview bei Amazona mit Christopf Kemper verwiesen.
 
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Wolfgang Palm ist auch wegen dem Realizer von 1986 ein gutes Stichwort - passt zwar auch nicht ganz, weil's von der Bedienung eher ein Softsynth mit Screen und Controllerbox ist, aber immerhin ist hier der Klassiker > digitalisiert-Ansatz unübersehbar.
 
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Nun habe ich mir doch noch einen PG-1000 Programmer für den D-50 günstig geschossen :)
Eben mal ausprobiert: es erleichtert die Programmierung schon gehörig, weil man nicht auf dieses Sackgassen/Labyrinth-Userinterface des D-50 angewiesen ist und auch die doppelte Unterteilung in Tones und Partials nicht so störend auffällt.
Fast alles lässt sich am Programmer erledigen: ich denke, mit ein wenig Routine kann man da gut reinfinden.

In Sachen Spaß und Spontanität fällt auf: das Vorhandensein von Schiebereglern ist die eine Sache, die Struktur der Tonerzeugung eine andere. Auch mit dem Programmer wird gerade bei einfacheren Synthsounds (wie es analog-Imitate nun mal häufig sind) schmerzhaft bewußt, daß ein 4-Layer-System mit individuellen Parametern pro Strang plus übergeordneter Tone/Patch-Ebene nicht die gleiche Effizienz hat wie der klassische Aufbau mit 2/3 Oszillatoren > Mixer > Filter > Amp.
 
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Also kann man die im Thread-Titel angegebene Frage nach der Meinung der hier vorherrschenden Mehrheit nur mit einem klaren "NEIN" beantworten.

Eine entsprechende Bedienoberfläche ist ebenso fest mit der Vorstellung von (virtuell-)analoger Synthese verbunden wie die Struktur, bei welcher zwei bis drei Oszillatoren sich einen Filter und einen Verstärker teilen.
Und in beiden Disziplinen versagt der D-50 ganz offensichtlich.

Dennoch möchte ich meine Ansicht nicht vollständig aufgeben und ihm immerhin einen 25- bis 30-prozentigen Status als Proto-VA-Synth zugestehen - Abzüge gibt's für den doch sehr digitalen Klang, die nicht "analoge" Bedienobefläche und die gegenüber analogen Vorbildern "komplexere" Layer-Struktur.
 
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Wolfgang Palm ist auch wegen dem Realizer von 1986 ein gutes Stichwort - passt zwar auch nicht ganz, weil's von der Bedienung eher ein Softsynth mit Screen und Controllerbox ist, aber immerhin ist hier der Klassiker > digitalisiert-Ansatz unübersehbar.

Paßt sehr wohl. Der Realizer war im Prinzip der erste VA, nur leider kam er nie über das Prototypenstadium hinaus. Wenn ein Gerät überhaupt den Titel "Proto-VA" für sich beanspruchen kann, dann der Realizer.

Der D50 hat mit einem VA rein garnichts zu tun, nichtmal technisch, das ist ein ganz typischer ROMplesizer. Die Klangerzeugung besteht aus einem von Fujitsu für Roland hergestellten Gate Array (Kundenchip), der die Wellenformen der daran angeschlossenen PCM-ROMs abspielt und verbiegt. Der Chip heißt MB87136 oder auch "LA32" und steckt auch in allen anderen D-Synthesizern drin, Ausnahme bildet der D70, der mit der D-Serie nur den Namen gemein hat, ansonsten aber ein aufgebrezelter U20 mit nachgeschaltetem Filterchip ist (ebenfalls ein Gate Array von Fujitsu).

Bei den Effektchips unterscheiden sich die Geräte dann aber deutlich, ebenfalls bei der D/A-Wandlung. Beim D50 läuft alles aus dem Synth-Chip in den Hall-Chip (ebenfalls ein Customchip von Fujitsu) und von dort aus in den Wandler, der Choruschip ist parallel dazu angeschlossen. Die machen da, gesteuert durch den Hall-Chip, eine 20Bit-Wandlung, sehr seltsame Mimik. Zum üblichen Wandler PCM54 kommt noch ein handgebauter Wandler mit Zwischenspeicherbaustein (Latch) und einem Widerstandsnetzwerk (R2R) für die unteren 4Bit dazu.
Diese Konstruktion hat man bei den anderen D-Modellen weggelassen, die besitzen aber auch andere Effektchips (Custom-DSPs aus einem Baukastensystem).

Das nur mal zur Technik der Geräte.
 
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[...], bei welcher zwei bis drei Oszillatoren sich einen Filter und einen Verstärker teilen.

[BESSERWISSERMODUS]
Einspruch: bei besseren VAs sind seit mindestens 15 Jahren zwei Filter üblich, die sich seriell oder parallel hinter der Oszillatorsektion schalten lassen. Oder der Signalfluß ist stufenlos zwischen seriell/parallel überblenbar (z.B. Waldorf Q) oder dass Filterrouting lässt sich für alle Klangquellen - also Oszillatoren, Noise, Ringmod, external Input - ebenfalls stufenlos für jeden Filter routen (Alesis ion/micron / Akai MiniAK).
[/BESSERWISSERMODUS]

Chris
 

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