Ventilfedern nachrüsten ?

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Hallo zusammen,

ich bastel gerade an meinem neuen Schätzchen,
einem scharfen Musette Akkordeon , wohl aus den 40/50er Jahren.
Die kleine Fratelli Crosio (bebildert auch die Erstausgabe von der Akkordeonschule von Anzaghi) unterscheidet sich im Klang total von allen
Instrumenten, die ich bisher gespielt habe. Sie ist extrem direkt und laut im Ton , als hätte man die Stimmen gleich außen angenagelt.


fratelli-corsio_7.jpg

Und zunächst mal auffällig schwer - beim Blick ins Innere fällt schnell auf warum :
die Stimmzungen sind in sehr dicken Zinkplatten genietet. Diese Platten (Bass und Diskant jeweils vierchörig) sind auf Leder genagelt.
Die Stimmstöcke sind sehr massiv ausgelegt und pro Platte sind da 4-8 Nägel dran !
Ich habe das Instrument innen und außen gereinigt, die Bassknöpfe alle neu eingesetzt (waren komplett nach innen gerutscht),
einige Bassklappen neu befestigt und los gehts !
Das alte Teil war überraschend gut in Stimmung (hat anscheinend noch nie einen Service gehabt..)
Ich habe es erst mal 10 Tage gespielt, damit alle Stimmen sich so wieder einpendeln.
Hier ein erster Test (die kleine Tastatur ist ziemlich lausig, die bauen sonst nur Knöpfe , aber dies ist eine andere Baustelle...)

http://www.youtube.com/watch?v=hrupy-OdpzE

Ich spiele eigentlich ein eher jazziges Cassotto Akkordeon aus den 60ern,
mit nicht spürbarem Tremolo, da 8"+8" unisono gestimmt sind. Komplett überholt und astrein in der Stimmung.
Da darf man als Zweitinstrument nebenbei mal so einen etwas "dreckischen" Sound spielen.

Mich stören bei der Fratelli Crosio ein paar unsaubere Töne ,
Nachstimmen wäre wohl angesagt . Allerdings werden da wohl zuerst die Ventile
etwas Zuwendung brauchen. Eigentlich würde ich vermuten, daß sie nach rund 60 Jahren
völlig verdröselt sein müssten. Dem ist aber nicht so:

fratelli-corsio_10.jpg fratelli-corsio_9.jpg

Die Leder sind von wirklich ausgezeichneter Qualität ( und nicht so mit der Nagelschere geschnitten, wie man sie oft in alten Instrumenten sieht...),
das Material ist weich und elastisch.
Allerdings war es wohl damals nicht üblich Ventilfedern aus Metall mit aufzukleben.
Daher hängen jetzt , vor allem die Bassleder ,auffällig herunter.
Da sie , wie gesagt, noch recht weich sind , flattern sie noch nicht nach.
Die Tonansprache und evt. auch die Stimmung wird aber so nicht optimal sein.
Normalerweise würde ich alle Stimmen abnehmen, diese reinigen , neu ventilieren und neu einwachsen ( eine Sauarbeit...)
Da ich keine Erfahrung mit genagelten Stimmplatten habe und Ventile und Stimmzungen eigentlich noch ganz ok sind,
wäre meine Frage :

Kann man die Ventilfedern auch im Nachhinein nachrüsten ?

Die inneren Ventile sind auch gut zugänglich , so rein handwerklich ist das keine große Herausforderung.
Lediglich bei den höheren Tönen , die für Federn zu klein wären, würde ich erwägen ,
die Stimmplatten abzunehmen und mit neuen Ventilen zu versehen.

Dank+Gruss

polifonico
 
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Hallo polifonico
ich hab bei meiner 3-chörigen Busilacchio (auch mit ziemlichem Musette Charakter) die Ventile und die Federn abgenommen, da der Leim völlig spröde war, gereinigt und neu angeklebt, denn ich fand auch, dass das Leder eigentlich noch gut im Schuss ist und es schade wäre, das gute Leder wegzuschmeissen. Federn habe ich bei einigen Akkordeonbauteilhändler gesehen, dürfte so gesehen kein Problem darstellen.
(Der Hammer war ein Händler in Castelfidardo, anbei ein Bild seines Ladens.) 2013_0930_11-15-06.jpg

Allerdings muss ich ein paar Ventile nachbessern, da die offenbar doch am Ende ihres Zyklus sind.

Grüsse, accordion
 
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Reedfan
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Hallo Polifonico,

ein interessantes Instrument hast Du da. Ich sehe es wie Du. Wenn bereits ein flach gestimmtes Instrument vorliegt, kann man sich zur Abwechslung eins mit scharfem Tremolo gönnen. Im Verein sagen die Killer-Tremolo dazu:D.

Von einem mir bekannten HZIM weiß ich, dass die Fachleute ungern genagelte Stimmplatten demontieren, weil die Remontage in den vorhandenen Nagellöchern unsicher ist. Der Raum für neue Nagelpositionen ist endlich. Daher sollte man zunächst alle anderen möglichen und sinnvollen Maßnahmen ausschöpfen, bevor man Nägel zieht.

Bei meiner 5 chörigen Paolo (Lederventile) wurde bei der Überholung (durch Fachbetrieb) keine einzige Stimmplatte demontiert. Also auch bei gewachsten Stimmplatten wird nicht vorschnell ausgewachst.

Ich würde mal versuchen, die Ventile nach folgender Methode zu richten:

Ventil Richten.jpg

Ansatzweise habe ich das mit Erfolg bei meiner alten Dallape schon praktiziert.

Das Nachrüsten der Stahl-Blattfedern müsste relativ einfach möglich sein. Die äußeren Ventile sind überhaupt kein Problem. Bei den inneren wird's etwas tricky. Du solltest Dir einen Satz Feinmechanikerpinzetten zulegen, dann wird's schon klappen.

Die Federn und Klebepads gibt's hier:

http://www.stringsandboxes.de/epage...s/"Akkordeon Werkstoffe"/"Federstahl Ventile"

Man muss darauf achten, dass die Federenden bei den inneren Ventilen nicht am Kanzellengrund anstoßen, sonst scheppert's fürchterlich.

Wichtig ist, dass die Federn korrekt am Leder anliegen, also oben nicht abstehen, oder über die Länge einen Bauch haben. Das erzeugt relativ schnell Schnarrgeräusche, weil sich die Feder wie eine kleine Stimmzunge verhält.

Viel Erfolg und viel Spaß mit dem tollen Instrument!

Gruß
Herbert
 

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