Vergleich: Chorabnahme mit Kondensatormikros

von Harry, 23.07.06.

  1. Harry

    Harry Moderator PA Moderator HCA

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    Erstellt: 23.07.06   #1
    Ich eröffne diesen Thread aus mehreren Gründen:
    1. es kommt immer wieder mal vor, dass nach Mikros für Chorabnahme gefragt wird (welche, wo positionieren usw.).
    2. kann ich einen kurzen Vergleich zwischen 3 guten Kleinmembran-Kondensatormikrofonen geben. Allerdings nicht in der ganz unteren Einsteigerklasse.
    3. die Anwendung lässt sich übertragen auf verschiedene Overhead-Aufgaben.

    Vorab noch: vielen Dank an unseren geschätzen Moderator lemursh für die freundliche Leihgabe seines Haun MBC660 L. :) :great:

    Die Aufgabe:
    Sie bestand darin, ein Chorkonzert mit insgesamt 6 Chören in einer Mehrzweckhalle live abzumischen (kein Recording - sondern "laut" machen). Bühnengröße ca. 10x6 Meter, Zuhörer ca. 500 Personen. Es gibt dort eine (wirklich) recht gute Übertragungsanlage, die jedoch für die Live-Abnahme von Chören völlig ungeeignet ist, da sich die ersten 4 Lautsprecher fliegend oberhalb der Bühne befinden und somit beim ersten Schub am Main-Mixer des Mischpults Feedbacks verursachen.

    So haben wirs gemacht:
    Wir haben folgende PA aufgebaut:
    2x Dynacord 15/3 Fullrangeboxen - relativ weit weg von der Bühne platziert. D.h. auf Ständern jeweils ca. 4 Meter links und rechts von der Bühne, ca 2-3 Meter vor die Bühne. Dieser Aufbau gewährleistet, dass man schön Druck auf die Anlage geben kann, ohne dass es gleich koppelt.
    2x Yorkville Aktivboxen als Delay - ganz links und rechts am Hallenrand, etwas hinter der Mitte der Zuhörer.
    1x Behringer (!! höhö) Mischpult SL3242FX mit leichtem Hall auf allen Mikros.
    Behringer Eurodesk SL-3242 FX-PRO
    2x Behringer Shark zum Erzeugen des Delays
    Behringer Shark DSP-110
    (die Delay-Boxen befanden sich ca. 18 Meter von den Frontboxen entfernt).
    der Vollständigkeit halber: dieser QSC-Amp (unser Arbeitspferd)
    QSC RMX-2450 Endstufe

    und natürlich nahezu kilometerweise Kabel und ein kleines 16er Multicore auf der Bühne.

    Die Mikros:
    üblicherweise verwenden wir als Hauptmikrofone 2x MXL 603
    MXL 603 S
    in der Mitte der Bühne auf einem Mikrofonständer mit breiter Schiene, die Mikros etwas nach links und rechts gedreht, etwas oberhalb der Köpfe der Sänger/innen. Ich mach also keine exakte A/B- oder ORTF-Ausrichtung.

    dann noch 2 Stützmikrofone Beyerdynamic MC930 - hier der Link zum Pärchen (das benutzen wir auch):
    Beyerdynamic MC-930 Stereo Set
    jeweils auf einem Mikroständer am rechten und linken Chor-Rand.

    Warum wir nicht die "guten" MC930 als Hauptmikrofone nehmen? Das hat 2 Gründe:
    die MXL 903 besitzen eine breite Niere als Richtcharakteristik. D.h. mit diesen 2 Mikrofonen alleine bekomme ich schon fast den gesamten Chor (bei einer Größe bis ca. 20 Personen) auf die PA. Und zweitens seien wir mal ehrlich: die PA ist kaum in der Lage, die Unterschiede zwischen den MXL und den beyers zu reproduzieren (doch natürlich höre ich es !!! und viele von euch warhrscheinlich auch - aber da muss man schon gewaltig die Ohren spitzen. Und 90% der Zuhörer hören es nicht, da bin ich sicher).

    Dieses Mal haben wir ein Beyerdynamic MC930 ersetzt durch lemurshs Leihgabe, dem Haun MBC660 L
    https://www.thomann.de/de/haun_mbc660l_mikrofon.htm
    Somit waren wir in der Lage, einen exakten Vergleich zwischen 3 Kondensatortypen zu fahren.

    Der Vollständigkeit halber - die Solisten bekamen die Funkvariante vom AKG C535:
    AKG C-535 Kondensatormikrofon
    (das ist ja sooo gut).

    Unterschiede MXL 603, Beyerdynamic MC930, Haun MBC660L:
    Im Live-Betrieb fallen die Unterschiede nicht so sehr ins Gewicht. Zu hören ist bei den MXL, dass sie aufgrund der Richtcharakteristik "breite Niere" ein größeres Feld aufnehmen können. Das Beyer und das Haun sind mehr gerichtet. Zu hören ist auch, dass bei gleicher EQ-Einstellung das Beyer und das Haun oben besser auflösen als die MXL.
    Die MXL klingen sozusagen "dumpfer". Bitte nicht negativ werten: wer die MXL alleine hört, hätte diesen Eindruck sicherlich nicht.
    Weiterhin fällt auf, dass das Haun im Gain ca. eine Vierteldrehung mehr benötigt, um auf denselben Pegel wie das Beyer oder das MXL zu kommen. Aber das ist ja kein wirkliches Problem.
    Beim Reinhören über Kopfhörer mit der Solotaste fallen die Unterschiede deutlicher auf. Die MXL wirken tatsächlich so, als ob irgendwie ein Tuch drüberhängt. Das Beyerdynamic ist nach oben sehr offen und es scheint kaum eine Frequenzbegrenzung zu geben, die dieses Mikrofon nicht auflösen könnte. Fantastisch !
    Das Haun klingt erstaunlicherweise ähnlich wie das Beyer. Das hat mich sehr überrascht, da es vom Preis her ca. die Hälfte kostet. Allerdings löst es in der Tat nicht so fein auf wie das Beyer. Das ist im Kopfhörer zu hören. Sprich: bei einem Recording-Job hätte das Beyer hier nochmal die Nase vorn.

    Damit kein falscher Eindruck entsteht: das MXL 603 ist für diesen Preis ein wirklich sehr gutes Kondensatomikrofon und bekommt meine uneingeschränkte Empfehlung. Es ist halt so, dass wir hier über einen noch knapp zweistelligen Eurobetrag sprechen. Die beiden anderen Mikrofone sind einer anderen Kampfklasse - und das ist doch zu hören.

    Fazit:
    Für Live-Einsatz muss es kein 400 Euro-Mikro sein. Auch nicht für sensible Aufgaben wie z.B. einen Chor. Für Recording-Einsatz empfiehlt sich der tiefere Griff in den Geldbeutel. Wer das Geld für ein MC930 (oder ähnliches in dieser Kampfklasse) nicht hat oder nicht ausgeben will, dem empfehle ich das Haun MBC660 L. Es war für mich wirklich eine angenehme Überraschung.
    Und nochmals ein Dankeschön an lemursh.
     
  2. lemursh

    lemursh Mod Emeritus Ex-Moderator

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    Erstellt: 23.07.06   #2
    Schöner Vergleich, danke!

    Was mich und die anderen vllt noch interressieren würden wäre ein vergleich des HAUN`s gegen Bsp. AKG C-1000 (ist ja auch bie vielen Chören zu finden) und dem Beyerdynamic MCE530. Die liegen ja Preislich recht ähnlich (zumindest HAUN und AKG).

    Un dein vergleich an einem akkustischen Instrument, bsp. akk. Gitarre für Recording wäre auch noch praktisch, da das Haun doch hörbar direkter und `härter`klingt als das MC-930.

    Du hast ja noch einwenig Zeit zum testen... ;)
     
  3. Harry

    Harry Threadersteller Moderator PA Moderator HCA

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    Erstellt: 23.07.06   #3
    zumindest zum AKG C1000 kann ich soviel sagen, dass es als Chor-Overhead ähnlich klingt wie das MXL 603 - nur halt auch mit dem etwas engeren Aufnahmewinkel. Insofern würde ich bei Neu-Beschaffung für diese Aufgabe ebenfalls zum MXL greifen. Auch aus Preisgründen.
    Das Beyerdynamic MCE530 hat nahezu dieselbe Kapsel wie das Opus 53 - und von denen haben wir ebenfalls 2 im Einsatz. Zumindest die Opus 53 sind feedbackanfällig - daher eher zum Nah-Einsatz geeignet. Wir nehmen die z.B. für Saxofone - nah ran an die Kannen und dann kommt es mit schön Druck und zeichnet auch erstaunlich fein.

    Das mit der A-Gitarre check ich noch und mach dann aber einen eigenen Fred.
     
  4. pianojoe

    pianojoe Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 14.02.07   #4
    Die weite Verbreitung des AKG C1000S rührt sicher daher, dass man es sowohl als Handgurke als auch als Overhead-, Chor-, Raummikrofon verwenden kann.

    Meiner Meinung nach erfüllt es aber beide Hauptanwendungen eher mäßig. Ich habe bei Chorabnahmen mit den kleinen Røde-Nieren gute Erfahrungen gemacht — um mal in der gleichen Preisklasse zu bleiben. Zum Chor-Aufnehmen (macht man ja nicht täglich) würde ich das Ausleihen zweier KM 183 empfehlen — wenn der Raum gut klingt.
     
  5. Harry

    Harry Threadersteller Moderator PA Moderator HCA

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    Erstellt: 14.02.07   #5
    ja - ich geb dir insofern Recht, dass das C1000 eher mäßig klingt
    bei Neu-Anschaffungen würd ich grundsätzlich zu was anderem raten
    aber sehr oft sind die Dinger einfach vorhanden - und dann kann man sie auch einsetzen

    Neumann ist natürlich wünschenswert - jedoch in den meisten Fällen leider irreal
     
  6. arciarc

    arciarc Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 31.07.07   #6
    hallo musiker-tontechniker-amateur-gemeinde,


    als geheimtipp für chorabnahmen kann ich euch das AKG C-2000B sehr empfehlen. Das ist sehr unkompliziert in der Anwendung (wie auch das C1000) aber es klingt besser und hat eine breitere Nierencharakteristik, so dass man mit 4 Mikros oder ggf. sogar 8 (4 für Männerstimen, 4 für Frauen) ein komplettes Abbild der Bühne auch bei grösseren Chören bekommt.hallo musiker-tontechniker-amateur-gemeinde,


    als geheimtipp für chorabnahmen kann ich euch das AKG C-2000B sehr empfehlen. Das ist sehr unkompliziert in der Anwendung (wie auch das C1000) aber es klingt besser und hat eine breitere Nierencharakteristik (vgl. MXL), so dass man mit 4 Mikros oder ggf. sogar 8 (4 für Männerstimen, 4 für Frauen) ein komplettes Abbild der Bühne auch bei grösseren Chören bekommt.

    Man kann dank guter Rückkopplungssicherheit weit über dem Chor bleiben, was verhindert, dass man einzelne Sänger herausfiltert.

    Ich verwende es auch gerne für den Sax-Satz bei Bigbands. Gleiches Prinzip: Abstand halten und drei Stück (1x Alt-Saxe; 1x Tenor-Saxe; 1x Bari-Sax)

    ach ja: preislich nur ca. 10 euro teurer als das c1000
    liegt gleich wie das HAUN

    grüsse, vllt. hilft das dem einen oder anderen.
     
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