Sagen wir so, für Tom geht es offenbar um ein hohes Maß an Emotionalität, die er über (scheinbar) entfesselte Energie wahrnimmt, damit er eine Improvisation vollkommen wertschätzen kann.
Ja genau, so ist es. Ich kann eine Improvisation auch anders wertschätzen, ich kann ja auch versuchen mit meinem Intellekt etwas zu verstehen, oder versuchen zu verstehen, wie schwierig technisch etwas ist am Instrument zu spielen. Ich respektiere das auch. Die Anforderungen und Möglichkeiten in der Musik sind extrem vielseitig. Für mich ist dieser emotionale Bezug und Intensität einfach das, was ich persönlich in der Musik verfolge.
Ich würde bezweifeln, dass Du beurteilen kannst, was diese Leute "gar nicht können".
Absolut kann ich es nicht beurteilen, da geb ich Dir recht. Ich kann mir aber x Aufnahmen von einem Musiker anhören und wenn es für mich immer die Wirkung hat, es klingt wie Spielen mit angezogener Handbremse, selbst bei intensiven Stellen, gehe ich davon aus, dass er es einfach nicht anders kann. Ich hab nicht gemeint sie können gar nichts. Aus irgendeinem Grund zählt man sie ja zur Weltklasse. Eine Weltklasse Opernsängerin muss noch lange keine brauchbare Gospelsängerin sein. Das ist jetzt ein sehr grober Vegleich, aber diese Unterschiede gibt es auch bei Instumentalisten die im selben Genre unterwegs sind. Die Unterschiede sind einfach subtiler.
Ich nehme gerne als Beispiel George Benson, ich bin wirklich ein grosser Fan von gewissen Stücken wie er dort gewisse Stellen spielt. Dieses Gefühl das es in mir auslöst. Als ich ihn Live gesehen habe, war nichts davon da. Die Technik konnte er ja noch, die Stücke waren dieselben aber trotzdem war es wie Tag und Nacht. Er hat es bestimmt nicht extra so emotionslos gespielt, er hat es in dem Moment einfach nicht besser hingekriegt. Objektiv lässt sich das alles sowieso nicht wirklich beurteilen. Wenn die Technik und Präzison stimmt, dann klingt alles irgendwie gut. Ich könnte auch einfach Midi Programmieren und mir einbilden, dass das gut gespielt ist, ist es halt am Ende nicht und das merkt man am Schwung, Ausdruck, Dynamik...
Ich habe z.B. von Jimi Hendrix gehört, dass die Leute z.T. enttäuscht waren bei Konzerten. Ich bin eigentlich kein grosser Fan von Hendrix Musik, aber der Typ war einfach fantastisch, was er an Emotionen ausdrücken konnte. Aber auch er konnte das nicht auf Abruf immer und immer wieder... Das ist eben nicht einfach eine reine Show, wie das Leute z.T. denken, sonst könnte man das einfach abrufen. Jedenfalls ist das meine +- schlüssige Erklärung. Ich merke es ja bei mir selbst, wenn ich richtig abhebe spiele ich in einer ganz anderen Liga, wie wenn ich einfach kontrolliert und bewusst schön spiele. Das führt zu einem komplett anderen Timing und Dynamik... Ich höre das auch, wenn ich mich Aufnehme. Mir ist schon bewusst, dass diese extremen Emotionen nur ein sehr kleiner Askept in der Musik sind. Je nach Musikrichtung ist es auch nicht relevant. Z.B. hab ich gestern was über den Komponisten von the Girl from Ipanema gesehen und mir heute das Sheet und die Analyse angeschaut. Optimal um für mich lydisch b7 zu üben. Ich sehe auch, dass das ziemlich aufgefuchst komponiert ist und nur weil er jetzt nicht diese Emotionausbrüche in der Musik hatte, heisst es nicht, das ich das nicht wertschätze.
LG