Aber zurück zu Vorteil/Nachteil Notenblatt-Nutzung.
Man hat auch als Musiker nur 24h am Tag, die zum Leben zur Verfügung stehen und wenn ich Zeit in das eine investiere haben ich weniger Zeit für etwas anderes. Spiele/lerne ich Stücke vom Blatt, kann ich nicht gleichzeitig lernen, etwas nach Gehör zu spielen oder mir eigene Sachen auszudenken. Ich behaupte mal etwas kühn, dass Notenlesen idR. das reproduzierende Musizieren katalysiert und Leute, die ohne Notenleseskills eher kreativ an Musik heran gehen. Beides ist ja völlig ok und gleich wertvoll!
Wenn ich vom Blatt spielen kann, spare ich ggf. Zeit. Mir muss keiner etwas vorspielen, damit ich weiß, was ich spielen muss. Daher bleibt dann sogar mehr Zeit für Kreativität. Das Notenlesenkönnen hindert mich aber nicht daran ein Stück auch herauszuhören, wenn es keine Noten gibt. Ich sehe da keinen Widerspruch oder Vorteil des Heraushörens.
Guter Anwendungsfall für das Notenlesen ist eine Session in der über eine Melodie improvisiert werden soll. Jeder bekommt ein Notenblatt. Derjenige, der keine Noten lesen kann, muss sich die Melodie erst einmal vorspielen lassen, er kann nicht sofort mitspielen. Das ist doch ein deutlicher Nachteil.
Dann doch wohl eher nach Gehör. In geschriebenen Noten steht nichts von z.B. Tempo, Art des Anschlages, der Intonation und dem Kontext innerhalb des Bandgefüges. Im Grunde kann man nur die Abfolge der Noten "lesen", rein musikalisch ist das aber nichts.
Das ist nicht richtig. In Noten können auch Tempo, Art des Anschlags und intonation notiert werden. Auch der Kontext innerhalb des Bandgefüges kann notiert werden, würde man dann Partitur nennen.
Man kann Noten und Buchstaben nicht gleichsetzen. Buchstaben, Wörter, Sätze schreibe oder lese ich, und lege im Grunde damit auch fest, was gemeint ist.
Noten lesen oder nach Gehör spielen erfordert assoziatives Denken und lässt viel Spielraum für Interpretationen des vorgegebenem. Das kann mit Kenntnis von geschriebenen Noten oder auch ohne erreicht werden. Für mich ist das ein Unterschied zum Analphabetentum, weil halt bei der Schrift nichts wieder gegeben werden muß.
Ich denke schon, dass man Noten und Buchstaben gleichsetzen kann. Mit Buchstaben hörst Du Worte im Geist, mit Noten Musik, wenn du zu lesen verstehst.
Gustav Mahler hat z.B. mit seiner Frau zusammen Partituren seiner Sinfonien gelesen über die dann beide geweint haben, ohne Musik jemals tatsächlich mit Orchester gehört zu haben (es gab schließlich auch keine Radios oder Aufnahmen). Sie haben die Musik einfach gelesen.
Schiller (oder wars Goethe) wurde von einer Förderin ausgelacht, als er aus seinen Gedichten vorlas (beide hatten einen starken mundartlichen Akzent, schwäbisch bzw. sächsisch), erst als sie es selber las, erkannte Sie den Wert der Texte.
Was mir auch zu denken gibt, ist, das einige Leute, die rein vom Notenblatt das Spielen eines Instrumentes erlernt haben (man lernt ja immer weiter

) und dann damit weiter machen, hilflos sind, wenn man ihnen die geschriebenen Noten wegnimmt, mithin wirklich kreativ was eigenes, neues zu erschaffen, bzw. wirkliche eigene Interpretationen von Stücken, dann unmöglich ist.
Sicher gibt es Leute, die (fast) rein vom Notenblatt ein Instrument gelernt haben (was allerdings bei Blasinstrumenten schwer ist) und die Schwierigkeiten haben zu improvisieren. Besonders im klassischen Bereich, obwohl z.B. in den meißten Solokonzerten ein Improvisationsteil vorgesehen ist.
Genauso gibt es aber Leute, die nur das spielen können, was andere ihnen 1000 mal vorgespielt haben (und selbst das nicht richtig, also "kreativ"). Auch die können nicht unbedingt improvisieren und kreativ ist das auch nicht unbedingt.
Es ist mMn nicht typischer für Notisten nicht improvisieren zu können als für Nichtnotisten.
Das Notenlesen macht einen nicht automatisch zu einem besseren oder schlechteren Musiker. Wenn man es kann, macht es nur vieles leichter.