Wetterfühlige WesternGitarre

von don pepe, 31.08.10.

  1. don pepe

    don pepe Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 31.08.10   #1
    Hallo Alle,
    meine WesternGitarre (VollHolz Fichte Rest Mahagoni) ist sehr wetterfühlig was AussenTemperaturen anbetrifft. Der Unterschied zwischen 40 und 20 Grad (Celsius) macht am 12. Bund bei niedriger Temperatur gut einen Millimeter höhere SaitenLage aus. Kennt Jemand das Problem und was macht Ihr, nachstellen oder so lassen bis es wieder Sommer ist?

    Grüße
     
  2. Disgracer

    Disgracer A-Gitarren-Mod Moderator

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    Erstellt: 31.08.10   #2
    Liegt vmtl eher an der Luftfeuchtigkeit und weniger an der Temperatur selbst.
    Ganz praktisch ist es nen Hygrometer zu haben und da ab und an mal draufzugucken und notfalls gegenzusteuern. Sollte immer zwischen 40 und 60% liegen

    Es kann aber natürlich trotzdem sein, dass die Gitarre darauf reagiert.
    Nachstellen geht natürlich, wieso auch nicht.
    Es soll auch Leute geben die zwei Stegeinlagen haben um die zu tauschen.
    Ich hab das Problem nicht wirklich. Meine Gitarren reagieren da recht wenig.
     
  3. don pepe

    don pepe Threadersteller Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 01.09.10   #3
    Hi,
    interessanter Aspekt, werde ich mal checken. Danke für den Tipp.
    Gruß
     
  4. don pepe

    don pepe Threadersteller Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 01.09.10   #4
    Was soll denn die LuftFeuchtigkeit bewirken? Worauf nimmt sie Einfluss, dass sich der Hals verbiegt?
     
  5. wo1823

    wo1823 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 01.09.10   #5
    Yup, genau das, mit schwankender Luftfeuchtigkeit "quilt" das Holz auf, bzw. zieht es sich zusammen, darüber hinaus klingen "feuchte" Decken auch anders als "trockene". Hat mir mal meine Gitarrenbauerin erklärt, die Gitarrenbauer im Forum können da bestimmt mehr zu sagen.
     
  6. Disgracer

    Disgracer A-Gitarren-Mod Moderator

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    Erstellt: 01.09.10   #6
    Holz nimmt Wasser auf. Besonders an allen unlackierten Stellen (Griffbrett, IM Korpus), je nach Lackierung denke ich, dass auch da teilweise Wasser durchdringt.
    Wenn Holz Wasser aufnimmt, quillt es auf, was dazu führt, dass sich Hälse biegen, Decken wölben etc.
    Ist ein ganz natürlicher Vorgang.
     
  7. don pepe

    don pepe Threadersteller Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 02.09.10   #7
    Mein Hals ist unlakiert, wenn das HandFett ihn nicht mittlerweile imprägniert hat.

    So weit so klar.

    Die relative LuftFeuchte steht im direkten Zusammenhang mit der Luft (Umgebungs) Temperatur.

    Beispiel:
    Bei einer durchschnittlichen rel. LuftFeuchte von 60% besitzt die Luft bei unterschiedlichen Temperaturen einen unterschiedlichen WasserAnteil.

    Bei 10°C sind es 2,6gr/m³
    bei 20°C sind es 12gr/m³
    bei 30°C sind es schon 21,4gr/m³
    Das sind gewaltige Unterschiede!

    Das heisst, je geringer die LuftTemperatur, desto geringer der WasserAnteil in der Luft.

    Fragen:
    Heisst das, je wärmer es ist und der WasserAnteil in der Luft höher ist, desto MEHR Wasser wird vom Holz aufgenommen?

    Oder ist es umgekehrt?

    Je wärmer es ist und der WasserAnteil in der Luft höher ist, desto WENIGER Wasser wird vom Holz aufgenommen? Reziprok zur Kälte.

    Versteh ich nicht, was bewirkt das Wasser oder der Mangel an Wasser im Holz denn genau, dass sich der Hals biegt?

    Grüße
     
  8. Richelle

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    Erstellt: 02.09.10   #8
    Die relative Luftfeuchtigkeit ist ausschlaggebend und nicht die Menge der Feuchtigkeit welche in der Luft enthalten ist.
    Zwar kann die Luft bei höherer Temperatur sehr viel mehr Feuchtigkeit aufnehmen (und umgekehrt), aber eine starke Feuchtigkeitsaufnahme bzw. -abgabe (z.B. an oder vom Holz der Gitarre) erfolgt nur wenn die relative Luftfeuchtigkeit sehr stark von jener rel. Luftfeuchtigkeit abweicht bei der das Holz der Gitarre jahrelang gelagert wurde bzw. die Gitarre gebaut wurde (bei dieser rel. Luftfeuchtigkeit hat sich ein Gleichgewichtszustand eingestellt, der eben nur deutlich verändert wird wenn die Umgebung eine sehr viel höhere oder niedrigere relative Luftfeuchtigkeit über einen längeren Zeitraum aufweist).

    Anders gesagt: Bleibt die relative Luftfeuchtigkeit (= das Verhältnis der tatsächlich vorhandenen Wasserdampfmenge zur maximal möglichen Menge, welche von der Temperatur abhängig ist) konstant und entspricht dieser Wert in etwa dem, bei der die Gitarre gebaut wurde bzw. die Hölzer lange Zeit gelagert wurden --> dann erfolgt kein Austrocknen und auch kein Aufquellen --> der Gleichgewichtszustand der sich eingestellt hat bleibt erhalten.

    Beispiel: rel. Luftfeuchtigkeit 42 % --> 14° C und 5 g Wasserdampf pro m3 oder 22° C und 8 g/m3 oder 28°C und 11,5 g/m3. --> die rel. Luftfeuchtigkeit bleibt konstant während die Wasserdampfmenge bei den unterschiedlichen Temperaturen deutlich variiert.

    Beim Trocknen entweicht Wasser aus den Zellhohlräumen und Zellwänden des Holzes --> Zellen ziehen sich zusammen --> Holz schwindet.
    Umgekehrt --> Wasser wird in den Zellhohlräumen und Zellwänden aufgenommen --> Zellen dehnen sich aus --> Holz quillt auf.
     
  9. Disgracer

    Disgracer A-Gitarren-Mod Moderator

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    Erstellt: 03.09.10   #9
    Diese Rechnerei mit der Luft-Feuchte ist eigentlich unnötig. Um es aber trotzdem kurz zu erklären: Je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasser muss in der Luft "gelöst" sein um eine bestimmte Luftfeuchte zu erzielen.

    Mal eine praktische Anwendung: In deinem Zimmer sind es muckelige 25° und draußen sind es 5°. Luftfeuchte ist überall 50%. D.h. die Wassermenge (pro Kubikmeter) ist draußen wesentlich geringer als drinnen.
    Jetzt reißt du das Fenster zum lüften auf. Kalte Luft rein, warme Luft raus. D.h. es geht prinzipiell Wasser aus deinem Zimmer raus.
    Nach ner halben Stunde hat sich die ehemals kalte Luft in deinem Zimmer durch die Heizung wieder auf 25° aufgeheizt. Die Luftfeuchtigkeit kann aber (durch das entwichene Wasser) extrem gesunken sein. Ich hab so im Winter schonmal Schwankungen von 15-20% erzielt.

    Jetzt betrachten wir mal alles was in deinem Zimmer drin ist: Teppich, Tapete, Möbel, Papier und Gitarren ;-)
    Jeder Gegenstand kann eine gewisse Menge Wasser aufnehmen, je nach Material. Ein Glastisch so gut wie gar nicht, ein Holztisch deutlich mehr.
    Hier ist es jetzt genauso wie mit der Luft (im Normalfall): je wärmer es ist, desto mehr Wasser nimmt der Gegenstand auf. (es ist ja auch mehr Wasser in der Luft, wenn wir gleiche Luftfeuchtigkeit voraussetzen)

    Es schwankt jetzt aber sowohl Temperatur des Raumes (und der Luft darin), durch Sonneneinstrahlung und Heizung etc, als auf die Luftfeuchtigkeit, eben durch so Sachen wie Fenster zum Lüften aufmachen, atmende Menschen, Pflanzen etc.
    D.h. alle Gegenstände nehmen permanent Wasser (wir reden natürlich die ganze Zeit über kleine Mengen) auf, oder geben es an die Umgebung ab.
    Warum? Weil die Natur einen Ausgleich schaffen möchte. Hier greift das sogenannte Diffusionsgesetz. D.h.wenn irgendwo viele Teilchen eines Typs sind und direkt nebendran sind wenige davon, dann wird sich alleine durch die Teilchenbewegung das Ganze mit der Zeit ausgleichen.

    Es sind also eine ganze Menge Effekte verantwortlich: Temperatur, Wassermenge im Raum, Grenzflächen an den Objekten (wichtig für die Frage "WIE SCHNELL" kann denn das Wasser überhaupt diffundieren?) und der Vergleich "wie viel Wasser ist den prozentual in meinen Gegenständen im Vergleich zur Luft?", sowie überhaupt das Aufnahmevermögen der Gegenstände selbst.

    Klingt jetzt alles sehr kompliziert. Was es aber einfacher macht: den Großteil davon können wir sowieso nicht beeinflussen oder gescheit messen. Zudem verändert sich ja im Normalfall die Temperatur einen Raumes auch nicht extrem schnell, sondern eher schleichend, so dass meist ein Gleichgewicht gewahrt bleibt.

    Daher die einfache Methode die Luftfeuchtigkeit zu messen (über einen längeren Zeitraum), weil es einfach ein guter Indikator dafür ist, wie es grade ist im Vergleich zu wie es z.B. gestern war.
    Denn es ist gar nicht der exakte Wert ausschlaggebend, sondern nur die Veränderung.
    Wenn du seit 5 Jahren 60% Luftfeuchtigkeit und 20° in deinem Zimmer hast, hat sich deine Gitarre darauf eingepegelt. Sie wird sich dann nicht groß verändern.
    Wenn du jetzt aber die Umgebung veränderst und deine Gitarre bei 10% Luftfeuchtigkeit und 20° beim Kumpel spielst, dann hat deine Gitarre zuviel Wasser in sich, weil sie ja 60% gewohnt war, und wird es dann an die Umgebungsluft abgeben. Langsam, aber sie wird.

    So kommen wir zur konkreten Frage: "Was bewirkt das Wasser im Holz?"
    Ganz einfach: Holz mit mehr "eingelagertem" Wasser beansprucht mehr Platz. Es dehnt sich aus. Das Problem dabei ist, dass bei einer Gitarre nicht in alle Richtungen gleichermaßen Platz ist.
    Nehmen wir z.B. eine Decke (da ist es einfacher zu erklären): Die Decke ist ja am Korpus fixiert. Da kann sich sich also nicht hin ausdehnen. Es bleibt also nur die Richtung nach oben oder unten. Weil oben meist schon die Saiten dran ziehen, geht es da noch ein bisschen einfacher. D.h. bei hoher Luftfeuchtigkeit kann es passieren, dass sich die Decke nach oben wölbt.

    Beim Hals ist es ähnlich. Irgendwohin muss er sich ausdehnen und er tut das in die Richtung die am einfachsten ist, was meist Richtung Saiten ist. Dadurch ändert sich ein wenig die Saitenlage.

    Zur Vollständigkeit halber noch der (deutlich gefährlichere) Fall, von zuwenig Feuchtigkeit in der Gitarre: Die Decke zieht sich zusammen, ist aber immer noch am Korpus fixiert. Im schlimmsten Fall bildet sich hier ein sogenannter Trockenriss.
    Beim Hals kommt es oft dazu, dass sich das Holz vom Griffbrett merklich zusammenzieht. Das merkt man dann dadurch, dass die Bundstäbchen plötzlich minimal überstehen.

    Edit: Warum kann Richelle dasselbe mit viel weniger Worten sagen.. grummel.. Und warum kocht sie sich keinen Tee zwischendurch.. jetzt steh ich hier als der lahme Depp ;-)
     
  10. saitentsauber

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    Erstellt: 03.09.10   #10
    Nee nee, bist nicht lahm; Du hast nur (fast) das Dreifache an Text geschrieben (740 Wörter gegenüber 251). Das dauert natürlich etwas länger ;) Aber ist dafür auch anschaulicher :)
     
  11. DerZauberer

    DerZauberer Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 03.09.10   #11
    Um mal in Richtung Lösung zu gehen... es gibt ja eine Standard-Empfehlung, Gitarren im Koffer samt Hygrometer aufzubewahren UND ggf. sogar mit einem entsprehcenden Befeuchter dafür sorgen, dass die Gitarre an sich bei relativ ähnlicher Luftfeuchtigkeit gelagert wird UND zudem auch die Temperaturschwankungen "langsamer" (=da gepolstert im Koffer) mitbekommt.

    (Größter positiver Nebeneffekt ist davon abgesehen, dass das Ding halt geschütz im Case liegt und nicht umgeworfen und ramponiert wird.)

    Denn diese Veränderungen treten i.d.R. ja nicht "spontan" ein - mann kann durchaus mal ne Weile das Fenster aufreißen, ohne das was passiert. Wenn man so sein Instrument in eine vernünftige "Ausgangslage" bringt, was die im Holz enthaltene Feuchte eingeht, kann es sein (muss man halt testen), dass auch die Schwankungen je nach Wetter geringer werden.
     
  12. don pepe

    don pepe Threadersteller Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 03.09.10   #12
    @Disgracer,
    besten Dank für die sehr anschauliche Erklärung!
    Auch allen Anderen, ein grosses Schankedön!
     
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