...mal als Versuch, die Kurve zu kriegen...:
ADDENDUM: MAN MUSS NICHT BLIND SEIN, UM DEN BLUES ZU HABEN
In den USA der 1920er/30er Jahre gab es nicht nur praktisch kein Sozialsystem (bis heute ist dieses ja gelinde gesagt deutlich schwaecher ausgepraegt als das deutsche!), sondern mit der "Great Depression" auch sehr heftige Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Man bedenke: Das war die Zeit, in der es auch in Deutschland mit vielem den Bach runterging - Weltkrieg verloren, Inflation, 25% Arbeitslosigkeit... wir alle wissen, welchen "Rettern" sich viele Deutsche dann zugewendet haben. Auch in den USA waren das "Hard Times" - in den laendlich gepraegten Gebieten vielleicht etwas weniger hart als in den Staedten mit der am Boden liegenden Industrie, aber viel besser war es auch nicht.
Kurzum: Times is hard.
Koerperliche Defizite machen es in einer solchen Situation - schwache Sozialsysteme plus Wirtschaftskrise - schwerer, die eigene Existenz zu sichern. Wer kraeftig und gesund ist, kann immerhin noch hoffen, durch harte koerperliche Arbeit sein taeglich Brot zu verdienen. Wer das nicht kann, hat eine Option weniger. Wer dann aber "sonst was" kann, sei es im intellektuellen oder eben kuenstlerischen Bereich, hat wieder eine Option mehr. Als blinder Musiker hat man ja "nur" das Augenlicht nicht (eine heftige Einschraenkung, aber man kann eben noch sprechen, hoeren, fuehlen und riechen) und so fehlt eigentlich wenig im Vergleich zu nicht-blinden Mitmusikern. Wer ein Instrument spielt und/oder singt, hat eine potenzielle Einnahmequelle mehr.
Dazu kommt eben auch - gerade als Blues-Musiker / Solo-Kuenstler kann man blind "sein Ding" machen, auch ohne Noten zu koennen oder sich in einem Ensemble gross absprechen zu muessen. Der Musikstil hilft also durchaus auch - vielleicht? Hat jemand Ahnung, wie viele blinde Strassenmusikanten es in Europa in den 1920er/30er Jahren gab? Ich nicht... aber das wird ja gern vergessen: Ich wiederhole mich, aber viele der heute "grossen" Blueser waren damals weder bekannt noch erfolgreich. Es mag viel mehr unbekannte und unerfolgreiche Musiker an deutschen und franzoesischen Strassenecken gegeben haben, nur haben die eben allesamit nicht Blues und Rock'n'Roll erfunden.
Die Frage ist - gab es denn so viele blinde Blueser? Wikipedia listet nun nicht sooo viele:
https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Blind_bluesmen
Ich finde, das sind weniger, als man so denkt.
Hier etwas umfangreicher und Stil-uebergreifend:
http://blindamericanmusicians.blogspot.com/ - ganz interessante Liste.
Wenn man sich die Biographien der Blueser anschaut - gar nicht mal so wenige haben eben die Musik praktisch als Einnahmequelle gehabt, um eben nicht zum Bettler zu werden. Gruende fuer Blindheit gab es viele: Neben den blind geborenen Menschen gab es zu der Zeit Mangelernaehrung, schlechte medizinische Versorgung, keine Arbeitssicherheit... und auch der "Moonshine", also in Zeiten der Prohibition illegal gebrannter Schnaps, wird immer wieder als Mit-Ursache fuer Erblindungen zitiert (Methanol & Co. fuehren ja noch heute in gepanschtem Schnaps zu koerperlichen Schaeden). Interessanterweise hatten aber von diesen wenigen blinden Bluesern einige sehr grossen Erfolg: Allein mit Blind Lemon Jefferson, Blind Willie Johnson, Blind Blake und Blind Willie McTell hat man schon einige absolute Schwergewichte. Das macht den gefuehlten Anteil etwas "ueberproportional" und hat das Klischee zementiert.
Ich sehe es also als Kombination von "aus der Not eine Tugend machen" und "zufaellig waren einige der grossen alten Blueser eben blind". Nachweisbare statistische Zusammenhaenge gibt es jedenfalls nicht.
Spannend ist folgende Anekdote, die ich aufgeschnappt habe, aber nicht belegen kann, daher nur als Zitat:
As a guitar player, I was amused, while reading Ray Charles' memoir, that when he was just a kid starting out in music, he laid down a firm ground rule that he would never play a guitar. He thought the image of a blind, black guitar player was too much of a cliche. As far as I know he never did touch a guitar in his life, though he did have guitarists in his big bands.
Wenn sogar ein schwarzer blinder Musiker, der auch Blues gespielt hat, Angst vorm Klischee des schwarzen blinden Gitarristen hat, dann merkt man dass das Thema etwas ueberstrapaziert ist.
Also - weiter im Text!
