Entstehung der Mehrstimmigkeit in Europa ....

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Ich nutze mal die Gunst der Stunde, um den ersten Thread im neuen Unterforum zu starten. :)

Das älteste bekannte Dokument zu diesem Thema ist die "Musica Enchiriadis" - eine Musiklehrschrift aus dem 9.Jhd.
Dort werden folgende potentielle Formen früher Mehrstimmigkeit erwähnt:

Das Halten von Borduntönen, das Oktavorganum, das Quintorganum und das Quartorganum.

Das Halten von Borduntönen meint, dass ein und derselbe Ton gehalten wird, während dazu eine Melodie erklingt.
Oktavorganum heißt, dass eine Melodie Oktavverdopplungen erfährt.
Quintorganum heißt, dass zu einer gegebenen Melodie konsequent die reine Quinte ergänzt wird. (Letztere beiden bezeichnet man deshalb auch als Parallelorganum)
Quartorganum heißt, dass zwei Stimmen mit dem gleichen Ton beginnen und enden, wobei die zweite Stimme solange den Bordunton hält, bis die reine Quarte erreicht ist, von da aus wird die reine Quarte parallel geführt, allerdings darf sie gewisse Schranken nicht überschreiten (nämlich dann nicht, wenn laut Dasia-Notensystem ein Tritonus entstehen würde...) , welches zu einer Mischvariante aus Borduntonhaltung und Parallelorganum führt.

Farge zur Diskussion: Ab wann kann man von "Mehrstimmigkeit" im eigentlichen Sinne sprechen?


(PS: Ich suche eine Musica Enchiriadis (und oder Scolica Enchiriadis) in deutscher oder englischer Übersetzung. Wer sowas hat oder weiß, wo's das gibt - bitte melden :redface: )
 
Eigenschaft
 
Das sollte kein Problem sein:

*Musica enchiriadis and Scolica enchiriadis / transl., with introd. and notes, by Raymond Erickson. Ed. by Claude V. Palisca. - New Haven : Yale Univ. Press, 1995. - LIV, 106 S. : Notenbeisp.; (engl.).

*Musica enchiriadis. Das älteste Dokument zur Entstehung der abendländischen Mehrstimmigkeit : eine Handschrift aus Werden an der Ruhr: das "{Düsseldorfer Fragment}" / Dieter Torkewitz. - Stuttgart : Steiner, 1999. - 131 S., [8] Bl. : Ill., graph. Darst., Notenbeisp.; (dt., lat.) (Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft ; 44).

Solltest du eigentlich in jeder halbwegs wissenschaftlichen Bibliothek finden. Die o.g. Literatur habe ich aus dem Katalog der WLB Stuttgart, die eine sehr gut sortierte Musik-Abteilung besitzt.
 
Hab vielen Dank, aber hier in Dresden an der SLUB sind gerade alle Exemplare vergriffen und die anderen Bibliotheken hier in der Gegend haben das nicht.
Und Fernleihe dauert i.d.R. ca. 4 Wochen.... - was soll's, ich hab's jetzt gebraucht bei Amazon bestellt ......
 
metalpete schrieb:
Ab wann kann man von "Mehrstimmigkeit" im eigentlichen Sinne sprechen?quote]

Ich könnte deine frage scherzhaft beantworten, mehrstimmig ist jeder gruppengesang, selbst im eigentlichen sinne, höre dir eine kindergartengruppe, einen freundeskreis, der "Happy birthday" singt oder die "Schöneberger Sängerknaben" von 1989 mit der nationalhymne an, selbst wenn es einstimmig gemeint war.
Du hast die formen parallel gebundener mehrstimmigkeit erwähnt, aber wenn du polyphones meinst, ist eines der frühesten, erhaltenen dokumente der englische kanon "Sumer is icumen in" (vierstimmig mit zwei zusätzlichen bordunstimmen, um 1240). Gegenbewegung wird erstmals im "Winchester Tropar" erwähnt, allerdings noch in neumen notiert (John Cotton ca.1100). Mehrstimmigkeit ist auch eine frage der notation, und die bekam einen schub durch Guido Monaco (er hieß natürlich nicht so, sondern war es von beruf) aus Arezzo ("Micrologus", 1050), den "erfinder" der kadenz. Du hast "Musica enchiriadis" des Odo von Cluny (819-942) erwähnt (beispiele findest du in "Ambros, Geschichte der Musik, II." oder "Oxford, History of music, II. ). Die jongleure, die die troubadours begleiteten, spielten sicherlich auch etwas anderes als die singstimme, aber was, wissen wir nicht, volkstümliches ist aus England erhalten, und mit Adam de la Hale und Guillaume de Machaut sind wir schon mittendrin, und ab 1300 nennt die neue, mehrstimmige musik sich stolz "Ars nova".
Es gibt übrigens sammlungen historischer dokumente auf CD, wir haben und können ja bekanntlich alles außer - - - - - - -hier lasse ich der phantasie freien lauf.
 
Vielleicht wäre es sinnvoll, zwischen den ersten greifbaren mehrstimmigen Aufzeichungen in Lehrschriften überhaupt im Zeitalter improvisierter Mehrstimmigkeit und den später bewusst aufgezeichneten, "komponierten" Organa des 11. Jhds unterscheiden, also zwischen nachweisbarer Existenz von Mehrstimmigkeit und tatsächlich komponierter Mehrstimmigkeit.
 
Woa geht mir damit weg, über den Kram hab ich am Montag ne Musikklausur geschrieben :)
Dort gilt übrigens Mehrstimmigkeit ab dem Quartorganum, weil dort die Organalstimme zum 1. mal selbstständig neben der Vox principalis (1.stimme) wurde, um den Tritonus
Zumindest laut dem, was wir gelernt ham ^^
 
und was is mit leonin und perotin? ich dachte leonin hat das 2 stimmige organum erfunden und perotin das vierstimmige
 

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