Jazz improvisieren

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Philipp Grey
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Hi,

ich mache seit 16 Jahren Musik und spiele seit 5 Jahren Klavier.
In der ersten Zeit habe ich mir immer irgendwelche Stücke rausgesucht und nach Noten zu lernen.
Anschließend habe ich selbst orchestrale Musik geschrieben und mit einer Band bestehend aus 4 Synthies und einem Drumset umgesetzt.
Danach habe ich mich auf Rockpiano und Bluespiano fokussiert, und in mehreren Bands gespielt.
Inzwischen improvisier ich nurnoch und schreibe Songs ohne zu notieren.

Ich würde mir gerne selbst anhand von guter Literatur oder mit eurer Hilfe Jazz so beibringen, dass ich ihn improvisieren kann.
Ich möchte nicht nach Noten spielen. Leider kenne ich mich mit diesem Genre kein bisschen aus.

Könnt ihr mir helfen einen Weg zu finden wie ich überhaupt anfangen kann, und wie ich möglichst schnell zum improvisieren komme?

Danke
 
Eigenschaft
 
Such Dir (Jazz-KKlavier-)Musik aus, die Dir gefällt, und versuche, sie nachzuspielen.

Das wird unter Garantie nicht zufriedenstellend gelingen und das Frustrationspotential ist sehr hoch. Aber Du lernst dabei unendlich viel: Du verinnerlichst dabei, wie Jazzer rhythmisch phrasieren, wie sie melodisch gestalten, welche Harmonien sie benützen ...

Und schon EIN richtig transkribierter/abgehörter Takt oder EIN richtier Akkord wird Dir eine unendliche Befriedigung verschaffen.

Wichtig ist allerdings die Auswahl des Materials ... Du solltest richtig einschätzen können, was HALBWEGS in Deinem Hör- und Spiel-Bereich liegt. Es hat keinen Sinn, mit einem Solo Chick Coreas zu beginnen ...

Wenn Du eine gewisse Zeit (einige Jahre) durch diese Schule gegangen bist, kannst Du mit dem dort erworbenen Rüstzeug (auch die intensive Gehörschulung gehört da vor allem dazu) daran gehen, Jazz von der theoretischen Seite her anzugehen (Harmonielehre, Skalen-Blabla, ...). Buch braucht es keines.

Jedenfalls MEINE Empfehlung wäre das. Es mag andere geben ...

LG - Thomas
 
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Inzwischen improvisier ich nurnoch und schreibe Songs ohne zu notieren.
[...]
Könnt ihr mir helfen einen Weg zu finden wie ich überhaupt anfangen kann, und wie ich möglichst schnell zum improvisieren komme?
Du improvisierst doch jetzt schon, wenn ich das richtig verstehe? Mit dem Grundkonzept spontaner Musik bist du also vertraut. Such dir Leute, mit denen du anfangen kannst, einfache Jazz Standards zu spielen. Und dann spiel. ;) Gibt nix besseres. Nach und nach wirst du hören, welche Töne auf welchen Akkorden wie klingen und welche Wirkung erzielen. Schaff dir parallel dazu Grundlagen in Harmonielehre und Skalen drauf, um das Gespielte zu verstehen.
 
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Mein Rat ist ähnlich:
Such dir Leute, mit denen du anfangen kannst, einfache Jazz Standards zu spielen.

Das geht am besten auf der Grundlage des RealBook. Das ist die Bibel des Amateurjazzers und die meisten kennen das Buch. Man braucht eigentlich nur zwei, drei Leute und schon kann ´s losgehen. Der Lerneffekt durch diese Standards ist sehr groß.

Allerdings völlig ohne Noten geht es nicht. Man muss ja die Melodie wenigstens einmal ablesen können und die Akkordbezeichnungen kennen, verstehen und spielen können.

CW
 
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Hallo Philipp Grey,

in Ergänzung zu allem was bisher gesagt wurde und richtig ist:

bei mir lief diese Sozialisation vor allem über Hören, versuchen nachzuspielen, dann auf die Literatur stürzen, alles was man unter die Finger kriegte:

Beispiel: Jarrett Köln Konzert, 4. Seite (stehn nicht nur die Mädels drauf): halbwegs und grob über Jahre nachgespielt bis endlich vor wenigen Jahren die komplette Transkription erhältlich war: dann diverse oha-Effekte beim Noten lesen, verstehen, was man falsch gemacht hat.
Überhaupt übers Hören der großen Jazzer habe ich die Verbindung zur Klassik für mich wiederentdeckt und vieles gelernt:
Chick Corea >> Bela Bartok
Keith Jarrett >> Debussy
so wie ich auch erst später von meinem 70er Gott Emerson z.B. den Allegro Barbaro (Bartok) von der ersten ELP-Scheibe entdeckt und wie verrückt geübt habe,um das drauf zu haben.

Trau dich ruhig an das Material von Chick Corea (da gibts reichlich Noten) vor allem aus den 70ern (Children Songs, die Klavierstücke von Spain, Leprechaun, Friends, Mad Hatter und die RTF-Phase: Fiesta und Spain...)
Geniales, auch durchkomponiertes Material. Spiel Fiesta in der "spanischen Grundstruktur" und improvisiere frei darüber... denk nicht an Skalen , lass deine Finger laufen.. spiel mit Aufbau, Dynamik, geh einen Ganzton höher (ich glaube Coltrane war auch so einer....) und hör dir dabei zu: und -was schon gesagt wurde- mach das mit anderen Leuten. Alleine im Kämmerlein kann man sammeln, üben, vorbereiten. Der richtige Spaß kommt mit der Truppe.

Zum PianoImprov- Hören ein Tip: Jarrett Trio (mit Peacock, De Johnette) Doppel-Live aus 1989, mit einem so was von genialen Pianointro bei All the things you are...

Und als Krönung der Improvisationskunst empfehle ich die Village Vanguard Sessions von Bill Evans. Ich habe bis heute keine phantasievollere/geschmacksvollere Improvisationen auf RealBook Standards als von diesem genialen Menschen gehört.. das würde ich mit auf die Weltraumsonde geben....

So jetzt hört ich auf bevor ich mich in Extase schreibe...

Viel Spaß beim Musik entdecken und machen !
Rüdiger
 
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@Oberheim:

Was Du schreibst, ist völlig richtig.

Es lässt nur außer Acht, dass der Fragesteller keinen Bock auf Noten hat. Damit wird die Beschäftigung mit Jazz ziemlich schnell sehr limitiert bleiben.

CW
 
hhotzenplotz
  • Gelöscht von Distance
  • Grund: Auf Userwunsch
Darf ich fragen, wieso du nicht nach Noten spielen willst?
 
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Danke für die großartigen Antworten.

Eine Diskussion über das für und wieder von Noten bringt nichts. Ich habe selbst mehrere Jahre lang orchestrale Werke notiert, und einfach keine Lust mehr darauf Musik zu lesen. Es fördert das Gehör und die kreativität ohne Noten zu arbeiten. Man macht Fehler, lernt daraus, lernt aber auch neue Sachen. Fehler können gut klingen.
Man muss nicht erst Buchstabe für Buchstabe lesen, und wenn man besser wird auch Wort für Wort. Selbst wenn man ein geschulter Notenspieler ist und im Fließtext lesen kann, ist es für mich nicht das Selbe wie einfach einen Song zu hören und zu spielen, man bringt immernoch mehr von sich rein, als wenn man einfach einen notierten Song Note für Note, Pause für Pause interpretiert.

Wenn ich Songs schreibe, dann notiere ich sie nicht. Ich spiel allen Beteiligten ihre Parts in etwa vor, wenn sie sie nich selbst schreiben, und sie sollen draus machen was sie draus machen. Meine eigenen Parts kann ich jedes mal komplett neu gestalten, oft sehr ähnlich, manchmal steh ich auf der Bühne und gestalte innerhalb eines Songs einen völlig neuen Song, weil ich mich nicht daran klammere was ich irgendwann mal irgendwo aufgeschrieben habe.

Früher habe ich Stunden Tage Wochen und Monate über einem 10 minütler gehangen, ich schreibe seit 5 Jahren ein Stück das ich nie vollenden werde, und jeder Musiker der so vorgeht ist beachtenswert.
Ich habe für mich persönlich unabhängig aller Wertungen anderer Musiker festgestellt, dass ich viel mehr Gefühl und Persönlichkeit in Musik einbringen kann, wenn ich nicht auf Noten zurückgreife.
Selbst wenn ich es nicht schaffe Noten nach Gehör nachzuspielen, lass ich sie mir lieber ein zwei mal von Freunden vorspielen und habe dann genug Grundlage um den Song auch so spielen zu können. So kann ich mich auf das konzentrieren was in meinem Kopf passiert, und muss nicht auch noch auf die Noten achten.

Vielen Dank nochmal für eure Tipps, das RealBook werd ich mir auf jeden Fall mal zulegen, ich versuche viel nach Gehör zu spielen und hör mir generell noch mehr Jazz an. Mal sehen wie das so klappt.
 
Hallo Philipp,

vor kurzem habe ich ein Interview mit Gary Burton gesehen. Die Quintessenz daraus: Jazz ist wie eine Sprache, die man lernt. Wenn man ein paar Sätze auswendiglernt, kann man zwar nach dem Bahnhof fragen, man kann aber kein Gespräch führen.

Um eine Sprache zu lernen, kann man:


  1. Hören: Wie sprechen die anderen? Wie bilden sie ihre Sätze, gibt es Redewendungen, wie ist der Tonfall, gibt es Dialekte etc. Das kann man direkt so auf den Jazz übertragen.
  2. Lesen: Transskribierte Soli (mit-)lesen (findet man im Netz, Stichwort: transscription) und analysieren.
  3. Schreiben: Soli heraushören und aufschreiben, eigene Stücke schreiben, eigene Soli transskribieren.
  4. Grammatik: Die harmonischen Grundlagen des Jazz lernen. Dazu gibt es Bücher. Die üblichen Verdächtigen sind: Mark Levine, Das Jazz Piano Buch. Frank Sikora, Neue Jazz Harmonielehre. Auch einige Sachen von Aebersold sind empfehlenswert, z.B. das frei als pdf erhältliche Jazz Handbook oder der Scale Syllabus.
  5. Sprechen, sprechen und nochmal sprechen. Im Falle des Jazz also : Spielen, spielen, spielen. Auch dazu helfen die (Aebersold) Playalongs, sozusagen als Sprachlabor des Jazz. Man kann zu Hause mit einer Rhythmusgruppe von CD üben. Am Anfang auf jeden Fall Aebersold Vol. 1, Vol. 2 und Vol. 3, CDs plus Noten.

Besonders toll ist es, wenn man durch all das seine eigene Sprache entwickeln kann und nicht einfach jemanden kopiert.


Viele Grüße,
McCoy
 

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