Das ist ja noch ulkiger. wenn die Band genau einen Keyboarder hat - wer glaubst du, außer dem Keyboarder, wird da noch Sounddesign für den Synth machen? richtig, KEINER.
Aber der Keyboarder kümmert sich nur um seine Sachen – und nicht um Schlagzeug, Baß und Gitarren. Das von mir Beschriebene träfe nur zu bei Ein-Mann-Elektronik-Tribute-Geschichten.
Wenn in einer Band mit einem leibhaftigen Schlagzeuger der Keyboarder ankäme mit einem akribisch erstellten Linn-LM-1-Kit – oder, wenn auch sehr unwahrscheinlich aufgrund der geringen produzierten Stückzahlen, einer Linn LM-1 – und in irgendeinem Song die Drums selbst von der Maschine kommen lassen will, wird ihm der Schlagzeuger gehörig Bescheid stoßen. Das ist
sein Job und nicht der des Keyboarders.
Und um das mal direkt zu sagen... Ich möchte nur einen Sound hören, der im Ansatz ans Original ran kommt.
Einen wirst du doch haben?
Zunächst mal gibt es sonst keine aktuellen offiziellen Aufnahmen von uns außer "Boogie Wonderland" – und, wie ich hier schon mehrfach erwähnt hatte,
ich wollte überhaupt nicht, daß wir diesen Song nehmen, weil der von meiner Seite her sehr kompliziert und unfertig ist. Meine sämtlichen Bandkollegen bekommen aber weder das "kompliziert" mit (außer wenn bei einer Probe der Gitarrist mehr oder weniger aus dem Augenwinkel sieht, wie ich innerhalb von Sekundenbruchteilen zwischen Tastaturbereichen und anderen Bedienelementen hin- und herfliege, und vielleicht noch, wenn ich bei einem Song darauf beharre, daß er ohne Sequencereinsatz nicht spielbar ist), noch hören sie das "unfertig".
Es gibt Probenmitschnitte, aber ich bin nicht autorisiert, die ins Internet zu stellen.
Für Aufnahmen einzelner Sounds müßte ich erst in den Probenraum fahren (Distanz mindestens eine halbe Stunde pro Richtung, wenn nicht gerade SEV ist) und da dann entsprechendes Recording-Equipment installieren. Ich kann kaum bis keine Sounds zu Hause demoen.
Die meisten meiner Songs sind WIPs. Meine Bandkollegen juckt das kein Stück. Ich kann mit einem Song zu 10% fertig sein, dann tragen die den schon gnadenlos auf die Bühne. Und es gibt praktisch nichts, wo ich wirklich mal die Ruhe gehabt habe, mir mal einen Abend (z. B. Feierabend 18:30 – Ankunft Probenraum direkt von der Arbeit aus 19:00 – Abgang Probenraum 22:00 – Ankunft zu Hause 22:45, und dann habe ich noch kein Abendbrot gegessen) oder mehrere (jeweils derselbe Zeitablauf) Zeit zu nehmen und alle Sounds wirklich exakt mit der originalen Studioaufnahme abzugleichen.
Dann muß ich allerdings auch sagen, dann kann es durchaus passieren, daß ich noch länger zum Soundbau brauche als ihr, weil ich mich in Details verliere, die mich stören. Da wird auch mal zwei-, dreimal der Sound weggeworfen und neu angefangen, weil ich mich in eine völlig falsche Richtung vergaloppiert habe oder den Sound dann doch lieber auf dem jeweils anderen VA bauen will. Oder da belege ich drei Modulationsslots, damit sich eine der beiden Hüllkurven selbst modulieren kann, weil die standardmäßige und anderweitig nicht veränderliche Hüllkurvencharakteristik des Virus C nicht zu dem paßt, was ich auf der Aufnahme höre.
Deswegen bin ich mit etlichen Sounds Marke "Scheißegal, das laß ich jetzt erstmal so und polier das später zurecht, jetzt hab ich erstmal was, womit ich spielen kann" unterwegs (und die Restband ist trotzdem zufrieden bis außerhäusig) unterwegs, um
überhaupt irgendwas zu haben. Einige Sounds sind während Bandproben zwischen Tür und Angel entstanden, und meine Bandkollegen wissen weder, daß ein anständig nachgebauter Analogsynth-Sound schon mal mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann, noch akzeptieren sie, daß ich mehr als zwei, drei Minuten am Stück an einem Sound schraube (und auch nicht mal eben mittendrin speichern und aufhören kann).
Außerdem: Bevor ich dazu kommen kann, etwas richtig zu komplettieren, kommen meistens meine Bandkollegen mit der nächsten hochkomplexen Nummer an, wo ich ASAP alles parat haben muß, was ich spielen will. Und ich selbst hätte auch das gern in einer für mich zufriedenstellenden Qualität, und ich bin wesentlich weniger leicht zufriedenzustellen als der Rest der Band.
Meinen Bandkollegen ist nur wichtig, daß ich
irgendwas spiele. Wie gesagt, wenn etwas unfertig ist, nehmen sie es weder wahr, noch interessiert es sie, noch nehmen sie darauf Rücksicht. Sie wissen auch nicht, was für mich einigermaßen spielbar ist, noch interessiert es sie. Wo ich sowieso noch einige WIPs habe, wollen sie dann auf einmal "Clouds Across The Moon" spielen, und der andere Keyboarder weigert sich, irgendwas von der Platte zu spielen bis auf ein paar Noten (und das ist dann noch nicht mal alles, was der Sound in dem Stück spielt, und zu dem Rest läßt er sich partout nicht überreden). Und ich steh dann da, muß mal eben fünf Synthsounds from scratch bauen, darunter zwei hochkomplexe liegende LFO-Geschichten, die im Original wahrscheinlich von einem umfangreichen Modularsynthesizer kamen, und damit leben, daß unsere Version keine Strings hat, weil ich die nicht auch noch spielen kann. Oder sie wollen auf einmal "Ain't Nobody" nicht mehr in einer Eigenbearbeitung spielen, sondern in der Originalfassung von Rufus. (Wenn ich die irgendwann mal spielbar haben sollte, wird die Band in eine Krise stürzen, weil ich auf dem Einsatz einer 9/16-Sequenz im Intro bestehen werde, die alsbald im allgemeinen Sound-Mus versinken wird.)
Selbst wenn ich dazu kommen sollte, ein paar hinreichend vorzeigbare Sounds aufzunehmen, wird das nicht sehr bald sein.
Martman