Vertikale Improvisation = nutzlose Einschränkung?

  • Ersteller Tom1979
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Weil das bewußte Anhören eines Jazzsolos nur dann Sinn hat, wenn man stets die harmonische Struktur erkennen kann und erkennt, die dahinter liegt.

Hier würde ich aber ergänzen, dass das natürlich nicht immer beim ersten Hören so möglich ist, vor allem bei komplexeren Stücken.
Es gibt eine Menge Stücke, da bin ich auch beim x-ten Mal hören komplett "lost" zwischendurch und weiß nicht, wo der Solist grade in der Form ist. Und da höre ich dann auch keinen Grundton ...
Sowas hier zum Beispiel muss ich schon eine Weile "verdauen"

View: https://www.youtube.com/watch?v=udCbtl7YEf4

Wenn man ein Stück dann besser kennenlernt, ggf auch im Original oder anderen Versionen, oder noch besser es selbst mal erarbeitet hat, dann kann man die Reharms richtig erfassen und auch, was da in Thema-Arrangement und Soli passiert.

Richtig gut finde ich immer Stücke, die beim ersten Hören beeindrucken, und dann auch bei näherer Beschäftigung "tiefere" Ebenen offenbaren.
 
Wenn ich scheibe "ich will die Grundtöne hören", dann meine ich nicht wirklich "hören", denn sie müssen ja überhaupt nicht gezwungenermaßen vorkommen.
Deswegen ja auch mein Beispiel vorher mit der verkürzten Dominanten, vielleicht passts jetzt ja besser.....
Vielleicht ein abstrakt gut beschreibbares Beispiel: Der verkürzte Dominantseptakkord. Im richtigen Kontext hört man den verminderten Dreiklang h-d-f trotzdem als Dominantseptakkord G7, obwohl gar kein G klingt - eben weil unser Gehör das völlig automatisch darauf bezieht, ggf. sogar auf einen imaginären Grundton. Btw., genau sowas sicher zu erkennen wäre einer dieser Steps, die ich in einem zweiten Leben in Kenntnis meines ersten Lernweges um einiges mehr beackern würde bevor ich mich an #9, b9 und b13 Tensions mache. Die sind sozusagen das Dach, aber das wackelt ohne stabilem Fundament.
 
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Wenn ich scheibe "ich will die Grundtöne hören", dann meine ich nicht wirklich "hören", denn sie müssen ja überhaupt nicht gezwungenermaßen vorkommen.
Ich meine eher, man muß sie "fühlen", "erahnen", "spüren" können.
Aber ist das nicht reine Fantasie bzw. Hörerfahrung des Hörers? Wenn ich Chinese wäre und immer nur chinesische Musik hören würde und das erste mal das Thema von Summertime ohne Begleitung höre, empfinde ich andere Grundtöne, wie wenn ich das Summertime original kenne(?) Das gleiche ist doch bei Remixen: wenn die komplett andere Akkorde dahinter legen und ich zuerst den Remix höre, höre ich einfach das immer mit, auch wenn ich später das Original höre... Es braucht nicht mal eine echte Verbindung von der Melodie zu den Akkorden, z.B. wenn die Melodie nur Penta der Tonart wäre... fühle ich trotzdem die Akkorde im Hintergrund, auch ohne Begleitung, aber nur weil ich das Stück kenne... Ein wirklicher direkter Bezug zu den Akkorden ist von der Melodie nicht unbedingt immer da.
Unser Gehirn ergänzt dauernd fehlende Informationen, wir sehen und hören Dinge, die nicht existieren, rein aus Erfahrung...

Wenn einem die darunterliegenden Harmonien beim Anhören egal sind, dann kann man auch gleich zu Schach als Hobby wechseln (das war jetzt ausdrücklich gar keine Spitze gegen Dich persönlich).
Kein Stress, so schnell wäre ich nicht beleidigt. Die Harmonien sind mir schon nicht egal, aber manchmal kann man einen Part von einem Solo z.B. auch 2 Takte im Arrangement schieben, er funktiniert trotzdem noch. Schon das alleine zeigt doch, dass er die Akkorde eigentlich nicht so richtig betont, denn sonst würde das nicht gehen. Meinst Du mit Grundton hören/fühlen, einfach dass es harmonisch irgendwie Sinn ergibt? Einfach nicht so wie es Katzen machen?
 
Im richtigen Kontext hört man den verminderten Dreiklang h-d-f trotzdem als Dominantseptakkord G7
Hm, ich bin da etwas zwiegespalten.

Natürlich hat er oft die Funktion eines verkürzten Dominantseptakkordes, aber der Witz ist ja grade, dass man den Basston G nicht hört, sondern H und damit meistens die gewünschte Stimmführung im Bass hat.
Was man da genau "hört" oder empfindet, hat ja eher was mit theoretischem Background zu tun. Bzw. ist das für jemand außenstehendes nicht nachvollziehbar, was da mit "Hören" gemeint ist ... denke ich jedenfalls.
 
Was man da genau "hört" oder empfindet, hat ja eher was mit theoretischem Background zu tun. Bzw. ist das für jemand außenstehendes nicht nachvollziehbar, was da mit "Hören" gemeint ist ... denke ich jedenfalls.
Genau das denke ich eben auch. Du schaust in die Wolken, der eine sieht einen Hund, der andere eine Giraffe, der dritte findet, das war ein super Künstler, der die Wolken so arrangiert hat...
 
Wenn ich Chinese wäre und immer nur chinesische Musik hören würde und das erste mal das Thema von Summertime ohne Begleitung höre, empfinde ich andere Grundtöne
Was ich dazu zumindest ein- zweimal gehört/gelesen habe (ACHTUNG, ist schon etwas her, hab keine Quelle zur Hand), da gings um indigene Völker, die abgeschieden genug waren, um garantiert nie abendländische oder sonst wie weltbekannte Musik in Kontakt gewesen zu sein:
Du empfindest eher gar nichts, sondern es dürfte ein bisschen denselben Effekt haben als würde ich dir ein Hörbuch auf einer Sprache, die du überhaupt nicht verstehst vorspielen - eben weil du nicht von klein auf mit abendländischen Musiktraditionen geprägt wurdest. Die meiste traditionelle, nicht-abendländische Musik ist eng verwoben mit dazugehörigen traditionellen Tänzen und damit ist vor allem Rhythmik das bestimmende Element - das ist sie bei uns auch, keine Frage, aber Melodik tritt ggf. deutlich in den Hintergrund, Harmonik gibt es in unserem Sinne oft überhaupt nicht.

Das dürfte jedenfalls irgendwie so laufen: Entweder, man lernt das eben wie seine Muttersprache von klein auf (wie wir wohl eben so gut wie alle alle mit funktionaler Musik) oder, man kann sich natürlich auch später z.B. in traditionelle indische Musik einhören und lernen, genauso wie man ja auch eine neue Sprache lernen kann, da brauchts dann aber die entsprechende Hingabe. Aber in diesem Sinne hört man derlei fremde Musik nicht "anders", sondern man versteht sie einfach nicht.

Natürlich hat er oft die Funktion eines verkürzten Dominantseptakkordes, aber der Witz ist ja grade, dass man den Basston G nicht hört, sondern H und damit meistens die gewünschte Stimmführung im Bass hat.
Aber findest du nicht auch, dass sich so ein verminderter Dreiklang dann deutlich "duriger" anhört als wie wenn man ihn einfach alleinstehend in den Raum stellt?
Und dieses "duriger" kann ja nur einen Ursprung haben, nämlich einen irgendwo unterbewusst hinzugedichteten Grundton, den man zwar nicht hört, der aber wirkt - sonst gibt's ja keine Durterz in dem gesamten Konstrukt :)
Wobei ich da auch gar nicht widersprechen will, dass das sicher auch viel Lernsache ist wie man sowas genau hört.

LG
 
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Aber findest du nicht auch, dass sich so ein verminderter Dreiklang dann deutlich "duriger" anhört als wie wenn man ihn einfach alleinstehend in den Raum stellt?
Ja, das stimmt. Man "hört" quasi schon, wohin er sich auflöst. Mit "Hören" ist insofern ein komplexer Prozess gemeint - also nicht nur der Sinneseindruck, sondern alles, was noch so im Gehirn feuert ;)

Wobei Du ja grade gut beschrieben hast, dass das gelernte Muster sind, so dass man nicht nur den einen Akkord hört, sondern ihn im Kontext und dann schon erwartet, wie es weitergeht.
So funktionieren ja dann auch Trugschlüsse, die mit dieser Erwartung spielen und den Hörer überraschen, weil es woanders hingeht.
 
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Jede Musik, die noch irgendwie auf halbwegs funktionaler Harmonik fußt, hat ein tonales Zentrum aka Grundton. Somit betrifft das so ungefähr 98 % aller Musik, die uns alltäglich so umgibt.
Vielen Dank für die Erläuterung,

bedeutet, wenn man einen Song hat, mit zB dem Grundton G mit einigen Akkorden, die sich mit G "vertragen", kann man zB im Bass nur fortwährend das G spielen, ohne dass es sich falsch anhören würde.
Ähnliches gilt bei, sagen wir, modaler Musik: Also Musik, weitgehend oder komplett ohne funktionale Harmonik, die in temporären und wechselnden Klangflächen (= Modi) mit temporären und wechselnden tonalen
Zentren organisiert ist. Auch dabei ist in der jeweiligen Improvisation (Z. b. 8 Takte dorisch mit Grundton X, 8 Takte lydisch dominant mit Grundton Y, ...) stets der jeweilige Grundton herauszuhören bzw. sollte es sein.
wobei man in diesem Fall den Grundton wechseln müsste, so wie ich es verstehe.
Beitrag automatisch zusammengefügt:

(Leittöne, GTLs).
ist das eine andere Bezeichnung für Grundton?
 
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ist das eine andere Bezeichnung für Grundton?
Nein.
Der Begriff „Leitton“ läßt sich leicht googeln. Da brauche ich hier keine eigene Definition erfinden.
Und GTL ist „Guide tone line“: Das sind Stimmführungen bei Akkordberbindungen und -Sequenzen, die sich entlang der entstehenden
Leittöne und deren Auflösungen orientieren.

Thomas
 
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Aber ist das nicht reine Fantasie bzw. Hörerfahrung des Hörers?
Keine Fantasie, aber manchmal eher wildes Raten kann schon vorkommen.
"Hörerfahrung" wäre meines Erachtens aber die richtige Antwort, denn um das Wiedererkennen ursprünglich gelernter klanglicher Strukturen (Intervalle, Skalen, Akkorde, Akkordverbindungen) geht es beim musikalischen Hören, wie es für den Jazz wichtig ist. Der einschlägige Lernprozess wird "Gehörbildung" genannt.

Was außerhalb der "westlichen" tonalen Musik von - hypothetisch - isoliert lebenden Menschen gehört wird, verhilft dagegen kaum zu weiteren Erkenntnissen bezüglich der Überlegungen zur Jazzimprovisation.
Angesichts deiner Musikalität hätte ich übrigens gedacht, dass dir bei Coleman Hawkins Solo ein Licht aufgeht. :nix:

Gruß Claus
 
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