Hallo,
das ist eine hochinteressante Auffassung von Kunst: Mehrdeutigkeit plus "Schlüssel" dazu. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob sich dieser Begriff von den "gegenstandsnahen" Künsten wie Literatur, Malerei, Bildhauerei problemlos auf die relativ "gegenstandsferne" Musik übertragen lässt. Natürlich gibt es jede Menge Programm-Musik: Smetanas Moldau, Beethovens 6., frühe Symphonien von Mahler, Berlioz' Symphonie Fantastique, usw. Dazu natürlich alles, was Lied, Opern, bzw. heutzutage Filmmusik betrifft, wo die Musik einen deutlichen Zusammenhang zum "Rest" des Kunstwerks hat.
Aber: Was machen wir mit Musik, die den Anspruch trägt, nur sich selbst zu genügen und keinen außermusikalischen Inhalt zu transportieren? Und selbst bei den wirklich guten Programm-Musiken: würde uns tatsächlich etwas fehlen, wenn wir *nicht* wüssten, dass hier eine "Szene am Bach" oder ein "Hexensabbat" dahinter steckt?
Natürlich gibt es auch rein musikalische Mehrdeutigkeiten (z.B. enharmonische Verwechslung, Polytonalität, etc.), aber die sind meiner Meinung nach eher Werkzeug als Träger eines künstlerischen Wertes.
Am Ehesten wird es vielleicht funktionieren, wenn ich sage, dass Kunst immer etwas Unerwartetes sein wird, wobei dieses Unerwartete sich in einem gewissen historisch & kulturell bedingten Rahmen bewegen wird. Die großen "Grenzüberschreiter" in der Musik (Beethoven, Bruckner, Mahler z.B.) haben diesen Rahmen sehr genau gekannt und sich dann am oder ein Stück ausserhalb dieses Rahmens bewegt (man konnte immer erkennen, dass dieser Rahmen existiert, aber soeben überschritten wird). Ein solcher Rahmen für Musik sind z.B. Regeln der Harmonie, Instrumentierung, Kontrapunkt, Formen, etc. - de la Motte hat in seinen Büchern sehr eindrucksvoll beschrieben, wie sich dieser Rahmen im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.
Kunst wird immer diesen Kitzel haben, dass da eine Grenze überschritten wurde und etwas Einmaliges geschaffen wurde. Deshalb hat es auch keinen Sinn, heute genau wie Bach, Mozart, Beethoven zu schreiben: das ergäbe zwar "schöne" Stücke, aber der eigentliche kreative Geist dahinter ist eben leider nicht der Komponist
Ciao,
Andreas