Bei der Location geht es uns beiden ähnlich, ich wohne auch im hinterletzten Kaff, die nächstgrößeren Städte (Karlsruhe und Freiburg) sind zwischen 60 und 80km entfernt. Mein Glück ist das, dass unsere Kerntruppe im Freundeskreis immer auch schon aus Musikern bestand und es über die Jahre nur wenige woanders hin verschlagen hat. Dennoch liegen zwischen der Auflösung meiner alten Band und der Gründung unserer neuen knapp 7 Jahre, in denen ich ausschließlich Wohnzimmerrocker war.
Ich habe in dieser langen Zeit ähnliche Erfahrungen gemacht wie du, habe zwischenzeitlich auch kaum noch gespielt. Rock Bottom war dann erreicht, als ich mich an Theorien versucht habe, die mich offen gesagt grausam überfordert haben. Myxo-, dispo- oder calippo-lydische Tonleitern, Pentatoniken des Todes, Blues- und Rockabilly Licks für den nächsten Zahnarztkongress, Fingerpicking (weil man das halt mal probiert haben muss), die 10 größten Spielfehler, die 100 tollsten Tools (inkl. diesem beknackten E-Bow, den man für kein anderes Lied auf der Welt außer „Heroes“ benötigt), die 1.000 tollsten Rocks Solos der Weltgeschichte *gähn* – ich habe sie alle durch und es ist kaum etwas hängen geblieben. Der große Mehrwert an dieser Talsohle war tatsächlich, dass ich mich aufgrund des Frusts am Fretboard mehr mit Soundfindung und Equipment beschäftigt habe als mit dem eigentlichen Spielen. Davon profitiere ich heute wieder.
Das Interesse am Spielen kam erst dann wieder, als unser ehemaliger Schlagzeuger selbst Gitarre lernen wollte. Ich habe zur gleichen Zeit ein paar Stunden Auffrischung beim gleichen Gitarrenlehrer genommen und mich mit neuer Puste wieder reingehängt. 3 Jahre später hat unser ehemaliger Schlagzeuger mich technisch dermaßen überholt, er spielt heute bei uns Lead-Gitarre und ist gleichzeitig die Schnittstelle zum aktuellen Schlagzeuger. Manche Menschen lernen einfach extrem schnell und diszipliniert, und dass sei ihnen auch gegönnt, denn denen drückt der Schuh eben woandes.
Lass dich nicht unterkriegen, halte die Augen offen (Freundeskreis, Musikschule, Subkultur, Clubs, soziale Medien und Gruppen) und fülle die Zeit bis zum nächsten Juhu-Moment mit nur so viel Theorie, wie du sie erträgst. In 7 Jahren Abstinenz habe ich 3 Songs geschrieben, in den letzten Monaten waren es alleine 6. Auch bei dir wird’s wieder sprudeln!