Wohin geht die Reise der Digitalpult-Entwicklung?

  • Ersteller Calaway65
  • Erstellt am
L

Lärmbelästigung

Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
03.04.21
Mitglied seit
26.12.20
Beiträge
178
Kekse
1.177
Pult-Hersteller bauen selber genug von dem Zeugs ein.

Man muß schon genau hinsehen, wo sie das einbauen. Bisher überwiegend in den teuren Modellen und im FX-Rack. Laut einer Aussage im A&H-Forum ist das z.B. bei den SQ-Pulten kein DEEP-Plugin, weil man damit die Phasenkohärenz brechen würde, auf die man bei dem Pultdesign besonders stolz ist (und die zusammen mit der niedrigen Latenz auch der Grund ist warum ihnen die 96 kHz da so wichtig sind). Kann sein daß das stimmt, kann auch sein daß denen nur das Know-How fehlt - weiß ich nicht. Bei der dLive scheints aufgrund anderer Architektur und anderer Ziele wieder kein Problem zu sein.

In jedem Fall ist allerdings davon auszugehen , daß die in den Pulten verfügbare Rechenleistung ansteigt. Das macht es möglich, mehr und aufwendigere Plugins in die Kanal-Inserts zu packen - sofern dabei nicht prinzipbedingt Latenzen entstehen, die man an der Stelle vielleicht nicht haben will.

Ich glaube, dass das Fehlen der Funktionen letztendlich den Erfolg garantieren wird. Siehe MIDI. Was nützen die Funktionen, wenn kein Hersteller sie vollständig implementiert und man dann am Ende doch wieder nicht einstöpseln und loslegen kann… eben genau das, was ja hier im Fred schon an Dante kritisiert wurde.

Das kommt immer drauf an, wie kompliziert die Implementierung ist.

Bei MIDI ist das Problem, daß die Hersteller Anfangs alles und heute immer noch recht viel in Hardware oder eigener Software machen müssen.

Wenn Du aber mal Internet-Protokolle oder USB ansiehst, läuft sowas ganz anders: da implementiert niemand, der bei Trost ist, das Protokoll selbst. Man benutzt wo immer möglich frei verfügbare Referenz-Implementierungen, die es als Bibliotheken fertig unter LGPL, BSD- oder Apache-Lizenzierung gibt.

Das hat den Vorteil, daß sich der Hersteller genau um diese Funktionen größtenteils gar nicht mehr oder nur noch rudimentär kümmern muß. Die Pulthersteller leiden da noch unter dem NIH-Syndrom oder scheuen sich, sowas in offene Subsysteme auszulagern. Aber das kommt irgendwann - A&H merkt ja mit dem SQ-Drive-Disaster schon daß man mit selbst machen bei sowas nicht weiterkommt.

Kein Pulthersteller wird es sich irgendwann noch leisten können, ein proprietäres Stagebox- oder Bühnennetz-Protokoll am Leben zu erhalten, wenn die anderen einfach nur noch ein zugekauftes I/O-Modul integrieren und an ihren Core anbinden müssen oder wenn die FPGA-Cores so weit standardisiert sind, daß das nur noch ein Softwaremodul und die Anschlußhardware ist.

Sowas passiert grad übrigens im Automobilbau, da hat erst der halbproprietäre (aber schon etwas offenere) CAN-Bus den Markt aufgerollt. Jetzut rücken schon die ersten E-Auto-Hersteller den verbliebenen proprietären Resten zu Leibe. Und wie an so vielen Fronten sind deren Hersteller bereits dabei, das Rückzugsgefecht um die Verteidigung ihrer Märkte zu organisieren, während die Freien ein neues Feature nach dem anderen nachlegen. Es ist strategisch bereits völlig absehbar, wie das irgendwann endet. Selbst wenn man einen freien "Angreifer" abgewürgt kriegt, steht ein paar Monate später der nächste auf.

. Derzeit haben alle entsprechenden Geräte Ethernet für sternförmige Verkabelung, aber wir hatten ja auch schon Zeiten, in denen Ethernet per BNC-Kabel nicht sternförmig war – und daher auch dauernd ausfiel.

Das lag aber nicht an der Topologie, sondern an der Technologie darunter mit Abschlußwiderständen, Koaxialkabeln und fehlender Redundanz. ISDN hat übrigens schon weit besser funktioniert und ist auch ein Bus. ATM ebenfalls.
Übrigens ist das Internet keineswegs ein Stern, sondern in den Backbones ein redundantes Gitter und in den Zweigen ein Baum (strukturierte Verkabelung). Und Ethernet ist zwar physikalisch ein Stern, logisch aber ein Bus bzw. wenn Switche ins Spiel kommen ein Bus-Gitter. Ein Ethernet-Hub ist nichts anderes als ein kollabierter Bus.

Optische Systeme sind als physikalischer Bus nicht möglich, die gehen nur Punkt-zu-Punkt. Das wird also ohnehin nur mit Routing gehen - und wenn man eh routet, bringt ein physikalischer Stern ausfalltechnisch nichts (weshalb man das im Internet mit den Backbones auch nicht macht). Der Unterschied zwischen Audio- und Datennetzen ist allerdings, daß bei Datennetzen Durchsatz das Hauptproblem ist, beim Audionetz Latenz.

Natürlich muß ein Bus- oder Maschensystem wenn das auf der Bühne funktionieren soll komplett selbstorganisierend und redundant sein. Da darf niemand mit IDs, Adressen, Portnummern oder dergleichen in Berührung kommen, das läuft alles automatisch im Hintergrund.
 
L

Lärmbelästigung

Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
03.04.21
Mitglied seit
26.12.20
Beiträge
178
Kekse
1.177
Dass AVB im Videobereich vor Dante liegt, könnte daran liegen, dass es – hoppla – Videoübertragung unterstützt. Gerade wächst aber vermutlich eher der "kleine" Videobereich durch das viele Live-Streaming, und da sehe ich am meisten SDI für die Kamerasignale. Das unterstützt zwar auch 16 Tonkanäle, das scheint mir aber für die meisten Nutzer weniger relevant

Natürlich macht die Videounterstützung AVB für die Videofraktion überhaupt erst interessant.

Nur: der Videobereich wächst stärker als der Tonbereich. Auf Youtube, Netflix, TikTok und Konsorten streamt man nunmal meist nicht nur Ton (obwohl ich persönlich von klassichen Konzertvideos wenig halte - die meisten sind nach 3 Minuten optisch totlangweilig, da tuts auch ein Standbild. Aber das ist halt nur eine von vielen Nischen).

Das wird dazu führen, daß AVB-Gerätschaften irgendwann einfach in Massen produziert werden und entsprechend billig sind. Und spätestens dann muß man sich für AES50 oder Dante rechtfertigen - erstmal bei Installationssystemen ("wie, die Anlage in der Stadthalle kann kein AVB? Wie krieg ich denn dann den Youtube-Stream auf die Videowand?"), später dann auch bei modularen Kleinmixern. Bei AES50 mag man noch mit dem Preis argumentieren können, aber Dante kann einen Preiskrieg auf lange Sicht sicher nicht gewinnen. Das driftet dann in die Billigschiene ab.

Ich halte nach eingehender Betrachtung nicht mehr sehr viel von den großen Presonus-Mixern - sie haben einfach zu viele Bugs und zu viele Ecken wo man sich denkt "was machen die Entwickler von den Dingern eigentlich so beruflich?", aber in dieser speziellen Beziehung sind sie wenn auch vermutlich viel zu früh dran so doch ihrer Zeit voraus. Wobei ich denke, daß AVB auch noch nicht wirklich der Weisheit letzter Schluß ist. 64 Audiokanäle sind zu wenig für große Bühnen, die Latenzen sind noch zu lang, die Konfiguration ist zu kompliziert und es gibt keinen offenen Ansatz für vernünftiges Handling von Metadaten. Diese Hürden wird man aber vielleicht auch erst jenseits von Kupfer wirklich überwinden können.
 
Mfk0815

Mfk0815

PA-Mod & HCA Digitalpulte
Moderator
HCA
Zuletzt hier
14.04.21
Mitglied seit
23.01.13
Beiträge
6.372
Kekse
39.221
Ort
Gratkorn
Wenn man mit Horizont 2050 oder so denkt werden wir fast sicher praktisch flächendeckend solcherlei Kabel benutzen.
Nun ja, bereits Anfang der 90er hat man Glasfaser als das Allheilmittel für alle Kommunikationsproblem gesehen und vorausgesagt dass spätestens zur Jahrtausendwende alle Haushalte darüber versorgt sein werden. Ein Wiene Magistrat, für die innerstädtischen Abwasserkanäle verantwortlich, hat einen Verlegeroboter entwickelt, mit dem man nicht nur in Singapur oder New York die GF Backbones verlegte, sonder auch vorhatte in jedes Haus in Wien einen GF Anschluss zu verlegen. Keine Ahnung was daraus letztendlich geworden ist. Fakt ist, dass GF bis dato aber bei weitem nicht so eine große Rolle spielt. vor allem auf kurze Distanzen ist Kupfer immer noch sehr praktisch, weil unkompliziert.
Laut einer Aussage im A&H-Forum ist das z.B. bei den SQ-Pulten kein DEEP-Plugin, weil man damit die Phasenkohärenz brechen würde, auf die man bei dem Pultdesign besonders stolz ist (und die zusammen mit der niedrigen Latenz auch der Grund ist warum ihnen die 96 kHz da so wichtig sind). Kann sein daß das stimmt, kann auch sein daß denen nur das Know-How fehlt - weiß ich nicht. Bei der dLive scheints aufgrund anderer Architektur und anderer Ziele wieder kein Problem zu sein.
Nun ja, die SQ Pulte haben DEEP Plugins in den Kanälen, genauso wie das dLive. Der Dyn8 ist hier nicht als DEEP Plugin zu zählen, da er extra Latenzen verursacht. Und die Effekte aus dem FX Rack sind da wie dort nicht phasenkohärent.
In jedem Fall ist allerdings davon auszugehen , daß die in den Pulten verfügbare Rechenleistung ansteigt.
Das ist nun mal sicher;-)
Das lag aber nicht an der Topologie, sondern an der Technologie darunter mit Abschlußwiderständen, Koaxialkabeln und fehlender Redundanz.
Naja es lag sehr wohl an der Topologie, ist das Kabel unterbrochen, ging nix mehr. Größere Firmen hatten damals Mitarbeiter, die laufend nach solchen Unterbrechungen suchten. Ja, ja die dunkle Zeit der primitiven EDV.
Ein Ethernet-Hub ist nichts anderes als ein kollabierter Bus.
das ist wiederum richtig. Auch ein Switch ist intern ein Bus. Aber da der Bus im Gerät ist, ist er nicht so anfällig wie das alte Coax Zeug, oder auch Tokenring Netzwerke.
Der Unterschied zwischen Audio- und Datennetzen ist allerdings, daß bei Datennetzen Durchsatz das Hauptproblem ist, beim Audionetz Latenz.
Naja, beim Audionetzwerk ist Datendurchsatz definitiv auch ein Thema. Latenz im klassischen Datennetz wie eben bei TCP/IP ergibt sich hauptsächlich durch die Notwendigkeit der Datensicherung, also dass die empfangenen Daten genau die selben sind wie die gesendeten. Das ist nicht zwangsläufig so. Deshalb sind Datenübertragungen über Layer 2 zwangsläufig aufwändiger. Bis Layer 2 ist das nicht sooo gegeben.
Das wird dazu führen, daß AVB-Gerätschaften irgendwann einfach in Massen produziert werden und entsprechend billig sind. Und spätestens dann muß man sich für AES50 oder Dante rechtfertigen - erstmal bei Installationssystemen ("wie, die Anlage in der Stadthalle kann kein AVB? Wie krieg ich denn dann den Youtube-Stream auf die Videowand?"), später dann auch bei modularen Kleinmixern. Bei AES50 mag man noch mit dem Preis argumentieren können, aber Dante kann einen Preiskrieg auf lange Sicht sicher nicht gewinnen. Das driftet dann in die Billigschiene ab.
Zum einen ist AES50, wie auch viele andere Protokolle, nicht Netzwerkfähig, sondern Punkt zu Punkt Verbindungen. AVB und Dante basieren beide auf Ethernet, Dante auf TCP/IP. Wie ich schon mal sagte, ist die Crux bei AVB, dass es spezielle Netzwerkinfrastruktur voraussetzt. Und die dafür notwendigen Komponenten sind vergleichsweise teuer. Für Dante genügt ein 50€ Switch, bei AVB gehts bei ca 350€ los. Dazu bin ich mir nicht sicher ob z.B ein Motu AVB interface an einem Presonus switch funktioniert und ungekehrt ein Presonus Pult an einem Motu Switch. Erstwenn diese Infrastruktur Themen in der Masse angekommen ist, wirds auch richtig interessant für die Hersteller. Bisher sind alle Lösungen eher holprig.
 
SubbrSchwob

SubbrSchwob

Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
14.04.21
Mitglied seit
07.08.12
Beiträge
886
Kekse
4.234
Ort
Tübingen
Nun ja, bereits Anfang der 90er hat man Glasfaser als das Allheilmittel für alle Kommunikationsproblem gesehen und vorausgesagt dass spätestens zur Jahrtausendwende alle Haushalte darüber versorgt sein werden.
Was viele nicht wissen, oder ich zumindest nicht: In Deutschland hat man im Jahr 1981 ein bundesweites Glasfaserprogramm gestoppt und dem TV-Kabel (analog) den Vorzug gegeben. Details wären nun politische Diskussion.

Aber tatsächlich ist Glasfaser ein Heilmittel und gerade hat die Telekom rausgehauen, bis 2030 alle Haushalte daran angeschlossen haben zu wollen (wir werden sehen). Die Frage ist halt: Heilmittel für was? Auf welcher Bühne hat man denn Distanzen, bei denen Kupfer-Ethernet nicht mehr ausreicht? Kupfer hat auch noch einen Vorteil, der bei diversen Dante-Kleingeräten schon dabei ist: Stromversorgung über PoE. Mache ich für zwei Kameras derzeit auch im Streaming. Hier ein Beispiel für Dante: https://www.thomann.de/de/dante_avio_analog_input_adapter_2x0.htm

Tatsächlich hätte ich mir einmal Glasfaser gewünscht, da musste ich mit den Signalen zwei Gebäude weiter draußen rum. In solchen Sonderfällen helfen derzeit Medienkonverter transparent weiter für eigentlich alles, was Ethernet-basiert ist.

Im Bereich Telekommunikation sind halt alle Strecken immer sofort zu lang, da macht Glasfaser mE eigentlich immer Sinn, wenn man heutzutage übliche Datenraten haben möchte.
 
chris_kah

chris_kah

HCA PA- und E-Technik
HCA
Zuletzt hier
14.04.21
Mitglied seit
18.06.07
Beiträge
5.614
Kekse
68.725
Ort
Tübingen
Fakt ist, dass GF bis dato aber bei weitem nicht so eine große Rolle spielt. vor allem auf kurze Distanzen ist Kupfer immer noch sehr praktisch, weil unkompliziert.
Die Glasfaser liegt zumindest hier schon bis in die Verteilkästen in den Straßen. Das Problem ist die letzte Meile in die Häuser, weil das einfach eine hohe Investition ist. Daher hat man Modulationsverfahren entwickelt (VDSL), die selbst über so alte Klingeldrähte bis 100MB/s übertragen können.
eine Anschlussbox zeigt gut 100MB/s Downlink und 36 MB/s Uplink an. Da sind etwa 200m bis zum Anschlusskasten (und ich habe 50MB/s gebucht, was durch den Anbieter per Software auch so eingebremst wird.).

In manchen Gebieten liegt auch schon Glasfaser bis in die Häuser (mein Vater könnte das direkt ordern). Nach der Wende wurde in D-Ost sogar viel Glasfaser in die Häuser verlegt, allerdings dort dann eine Hardware installiert, die vor allem ISDN an die Bewohner verteilt. Daher hatten dort dann viele noch lange die 64 kB/s bzw. 128 kB/s durch Kanalbündelung während anderswo durch DSL 6MB/s und späte mehr möglich wurde.

Was viele nicht wissen, oder ich zumindest nicht: In Deutschland hat man im Jahr 1981 ein bundesweites Glasfaserprogramm gestoppt und dem TV-Kabel (analog) den Vorzug gegeben.
Ja, das läuft unter Mauschelei. Habe ich damals mitbekommen. Da hatte der Kupferkabelhersteller die bessere Lobby.
Ich könnte über das Koax-Kabel bis zu 400MB/s bekommen, warte aber ab, bis Unitymedia vollständig von Vodafone übernommen wurde und nicht nur Unter-Unternehmer ist mit neuem Vertrag.

Glasfaser sehe ich auch noch nicht so als die nahe Zukunft, eben wie schon erwähnt: gleichzeitige Stromversorgung, dann eigentlich kein ganz so hoher Bandbreitenbedarf, selbst bei vielen Kanälen.
Glasfaser mit den 40 GB/s und mehr spielt ihre Vorteile eher auf langen Strecken aus, wo Koaxialkabel aufgrund der reinen Physik begrenzt sind (bei hohen Frequenzen müssten die kleine Durchmesser haben, damit sich das Kabel nicht gleichzeitig als Koax-Kabel und als Hohlleiter verhält, was die Bits "verschmieren" würde).
Aber es spielt ja nicht nur die Datenrate eine Rolle, sondern die Latenz. Die einzelnen Signale werden ja hintereinander auf die hohe Datenrate gemultiplext und das kostet auch Zeit.
 
Alttöpfer

Alttöpfer

Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
14.04.21
Mitglied seit
25.09.18
Beiträge
262
Kekse
405
Ich komme mal von der Nachrichtentechnik zurück zur Bühne. Kann es sein, dass ich vor einiger Zeit andernorts von diesem Werk schon mal eine 'light-version' gelesen habe? ;)
Also ich sehe da schon an Hard- und Softwarefront noch diverse Möglichkeiten, die wohl irgendwann kommen werden.

Derzeit sind die Pulthersteller entwicklungsgeschichtlich ungefähr in der Ecke, in der man in den 1990ern in der PC-Entwicklung war: viele differierende proprietäre Systeme, jeder macht (oder will das zumidnest) irgendwas besonders schlau, es gibt ein paar rudimentär standardisierte Schnittstellen aber im großen und ganzen ist jedes Digitgalpultsystem seine eigene kleine Welt, garniert mit einem recht ausgeprägten NIH-Syndrom der Pultentwickler (auch das ist bei Embedded-Systemen auch anderswo eher die Regel als die Ausnahme), vielen Übergangslösungen und noch zögerlich einsetzender Plattformökonomie. A&H z.B. scheint für jede Pultvamilie ein komplett neues Hardware-Design und komplett neue Software zu entwickeln - angeblich, weil die sich halt grundlegend unterscheiden. Sowas wird auf Dauer sicher nicht durchzuhalten sein, die Hersteller werden sich Plattformen schaffen und modularisieren müssen und am Ende werden die Plattformen auf die eine oder andere Art weitgehend standardisiert.

Ansatzpunkte für Verbesserungen sehe ich noch viele.

Die Aufteilung der ganz großen Pultsystgeme in I/O-Frames, Signalverarbeitung/Crossbar, Bedienoberfläche und Networking wird sich sicher zu den kleineren Pulten hin "durchfressen". Ziemlich sicher werden kleine Rechner integriert, die von der eigentlichen Pultlogik getrennte Steuerungs- und Kommunikationsaufgaben übernehmen, z.B. Anbindung oder Hosting von Audio- und Video-Streams, komfortablere Mutlitrack-Recorder, Netzwerkanbindung.

Es wird sicher irgendwann etwas ganz normales sein, daß man 64 oder 128 Spuren auf eine große SSD im Pult aufzeichnen und die Audiofiles via Ethernet vom im Pult integrierten Fileserver holen oder auch als DLNA-Stream ziehen kann - ohne überhaupt eine DAW dabei zu haben. Oder daß man die Show direkt aus dem Pult in Youtube streamt.

Das wird wahrscheinlich nicht irgendein Teil vom Pult-FPGA machen, sondern ein Subsystem, vielleicht auf Basis eines Linux- oder BSD-Kernels und einer Multi Purpose CPU, bei dem man große Teile der dazu nötigen Software einfach schon fertig im Netz findet.

Aber auch bei der Audio-Hardware ist schon noch Potential.

In den letzten Jahren wurden z.B. die Wandler kleiner und besser fernsteuerbar, in der Folge sind die A/D-Wandler und Preamps von den Mischpulten in die Stageboxen gewandert - mit dem Ergebnis, daß man die unhandlichen analogen Multicores durch flexiblere, schneller verlegbare und oft sogar über vorhandene Netzwerkdosen patchbare Cat5-Kabel ersetzt wurden.
Bis hier hin alles Super.
Naheliegend ist, die hier verwendeten Protokolle zu standardisieren, so daß man Stageboxen und Pultge beliebig kombinieren kann (und z.B. eine fest eingebaute Stagebox mit einem mitgebrachten Pult verwenden).
Solange das nicht passiert ist, kannst Du alles Weitere in die Tonne treten.
Aber auch die analoge sternförmige Verkabelung auf der Bühne wird nicht von ewiger Dauer sein. Die ist nämlich sehr aufwendig, schwer und teuer. Irgendwann sind die Wandler klein genug, um in die Mikros und Instrumente zu wandern, und dann wird man vielleicht auch nicht mehr sternförmig verdrahten, sondern mehrere Ringe oder auch ein dedundantes vermaschtes Netz zwischen den Signalquellen stecken können, so daß die Kabelwege kürzer werden. Die Kabel werden zwar noch Kupfer enthalten, aber nicht zur Signalübertragung - das wird sicher über Lichtwellenleiter laufen, die viel leichter, flexibler ujnd störunempfindlicher sind und mehr Bandbreite bieten - sondern nur noch zur Stromversorgung.

Man wird dann halt für 5 Background Vocals nicht mehr 5 Leitungen von der Stagebox zu den Mikros ziehen, sondern einfach eine oder zwei (Redundanz) und dann nur von Mikro zu Mikro. Kommt ein Sänger dazu, steckt der sein Mikro einfach an eins der vorhandenen an. Gleiches Spiel am Schlagzeug und an den Keyboards. Will man am Flügel lieber noch ein weiteres MIkro haben - einfach anstecken. So ein LWL-Bus kann 40 GBit/s Bandbreite ab, das reicht für mehrere 100 Audio Kanäle, man muß also nie überlegen ob das Bussystem noch Kapazität hat oder ob noch ein Port frei ist. Nur die Crossbar bzw. Mixing Engine muß genug Signale verarbeiten können.

Sowas reduziert Material, Aufbauzeit, Fehlerquellen und Ungfallgefahr (ein Kabel weniger ist auch eines weniger, über das einer stolpern könnte). Die Beleuchter machen es mit den DMX-Bussen ja schon vor.
Das ist mit Verlaub komplett praxisfern. Zu viel Nachrichtentechnik und zu wenig Bühnenrealität. Mit einer solchen Art der Verkabelung addieren sich Fehlerquellen nicht nur, sie multiplizieren sich. Quizzfrage: welche Art der Stromversorgung auf einer Bühne der Gegenwart ist besser, eine ringförmige oder eine sternförmige?
Und wenn man den Schritt gegangen ist, ist der nächste Schritt natürlich die Vereinfachung der Verwaltung des Ganzen. Line Checks können solche Systeme vollautomatisch durchführen - das Mischpult weiß einfach, welche Signalquellen zur Show gehören, und kann unhörbar binnen Millisekunden abfragen, ob die zugehörigen A/D-Wandler da sind - und wenn die bei der Siganlquelle sitzen, bedeutet das, daß alle nötigen Verbindungen vorhandenn sind.

Die ersten Mikrofonkapseln mit Kapselspeicher existieren bereits (Schoeps).

Irgendwwann in ferner Zukunft wird wahrscheinlich in jedem Mikro abgespeichert sein, wie es heißt und wie EQ-Kurve und Effektkette dafür aussehen sollen und wohin es wie gemischt werden soll. Und jede Monitorbox (In-Ear oder Wedge) wird einen austauschbaren Speicher haben, in dem steht welche Mikros/Signalquellen standardmäßig dorthin gemischt werden sollen.

So, daß der FoH- und Monitor-Mann nur noch Feintuning und lokale Anpassungen betreiben müssen, aber das grundsätzliche Routing etc. komplett automatisch vorkonfiguriert wird sobald die Band ihre Gerätschaften ansteckt (und zwar egal an welchen Port des Systems). Geht was kaputt, tauscht man das Gerät einfach gegen Ersatz und der Ersatz kriegt die Daten des Vorgängers entweder automatisch vom Pult übermittelt ("Du bist jetzt der Ersatz für...") oder man steckt einfach die Chipkarte am Gerät mit um (oder hat eine Kopie von der für solche Fälle backstage liegen, die man dann einfach in den Ersatz steckt).

Praktisch sieht das dann so aus, daß der Sänger sein Mikro ansteckt und auf dem FoH-Mixer poppt "Joe's Mic" als neue fertig konfigurierte Spur auf, die halb links gepannt auf dem Main Bus liegt. Der FoH-Mann muß es dann nur noch unmuten. Auch eine Zuordnung zu Gruppen, Aux Sends etc. könnte da schon übermittelt werden - der FoH-Mann kann das natürlich immer ergänzen/korrigieren, aber er muß sich im Idealfall nicht mehr ums grundsätzliche kümmern, sondern nur lokale Anpassung und Schadensbegrenzung betreiben.

Steckt der Sänger dann sein Wedge an (oder seine Speicherkarte ins vorhandene Wedge), erfährt das Mischpult "Joe möchte sein Mikro mit -24dB und die Lead Gitarre mit -12dB auf seinem Wedge haben", schlumpft das so hin und gibt ne entsprechende Meldung aus. Das Personal am Mixer schaut dabei erstmal nur zu und greift ggf. oprimierend / korrigierend ein. Gut möglich, daß man dann in Kombination mit Personal Monitoring auch bei größeren Veranstaltungen gar kein Monitorpult mehr braucht, weil die Musiker das selber machen.
Digitale Mikrofone gibt es schon eine ganze Weile. Hast Du mal darüber nachgedacht, warum sich die letzten 20 Jahre so überhaupt nichts im Konzertsound in Richtung Deiner Utopie entwickelt?
Und gute Wandler sind in spätestens 10 Jahren nicht mehr größer als ein Stecknadelkopf.
Hier bist Du, möglicherweise weil Du beruflich doch mehr Nachrichtentechniker und weniger Veranstaltungstechniker bist, der Zeit eher hinterher:
https://www.dpamicrophones.de/lavaliermikrofone/6060-serie-subminiature-mikrofon
Du verkennst allerdings noch einen weiteren Aspekt.
- Mikrofone sind fast immer Teil der klangästhetischen also der 'ART'-Seite der Darbietung und nicht nur technisches Werkzeug, welches durch 'kleiner werden' seinem Optimum zustrebt. Bestimmte Bauformen sind nicht technischen sondern aufführungsrelevanten Sachverhalten geschuldet. Sie folgen nicht dem Diktat der Größe eines XLR Steckers. :)
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Gefällt mir
Reaktionen: 1 Benutzer
SubbrSchwob

SubbrSchwob

Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
14.04.21
Mitglied seit
07.08.12
Beiträge
886
Kekse
4.234
Ort
Tübingen
Glasfaser sehe ich auch noch nicht so als die nahe Zukunft, eben wie schon erwähnt: gleichzeitige Stromversorgung, dann eigentlich kein ganz so hoher Bandbreitenbedarf, selbst bei vielen Kanälen.

Man kann sich ja viel Buntes ausdenken, wie so mancher laute Poster hier im Fred, aber ich denke bei Ethernet über Kupfer gewinnt schon allein die Tatsache, dass es auch für CAT6a die Möglichkeit gibt, auf 10gbit zu kommen. Hier können dann ältere Geräte einfach an die gleiche Infrastruktur angekoppelt werden. Die meisten virtuellen Verbindungen werden nicht in einem Grid erfolgen sondern sternförmig zu einem Mischpult (und ggf. einem Monitormixer, oder Tonmischer für Broadcast, und noch Aufnahme), sodass es reicht, wenn die Hauptleitung zwischen diesen Stationen so schnell ist.

Klar, erträumen kann man sich viel, aber wir haben ja auch noch eine Realität. Und wenn man mal jenseits von ÖR-Ü-Wagen denkt, wo Geld gefühlt offenbar weniger eine Rolle spielt, dann muss so ein Setup auch einige Jahre spielen. Habe ich nun die Wahl, sowas wie den Dante-Adapter, den ich oben schon verlinkt habe, für meinen Keyboarder zu nutzen, oder die Tasten einfach über meine 20 Jahre alte DI-Box an die zentrale Stagebox anzuschließen. Die Mathematik ist simpel, also neues Setup mit einzelnen Wandlern, Digitalmikrofonen, Switches und neuen Kabeln kaufen vs. eine Stagebox plus CAT-Core kaufen und das verwenden (inkl. meiner guten Mikrofone, die nur sehr langsam altern), was sich bereits schon lange amortisiert hat. Es ist klar, welches Prinzip finanziell gewinnt. Es ist ja nicht so, dass man sich in einer Branche bewegt, in der die Phantasiegehälter und Phantasiepreise der IT-Branche bezahlt werden. Im Gegenteil.

Und was Joel und sein Mic angeht: Der Joel schreibt "SM58" in den Rider und dann ist alles wie damals, irgendwann 1980, nur digital in der Mitte. :giggle:

Joe ohne L mit dem neuen Digitalmikrofon hingegen kann sich dieses nur leisten, weil er in 7 Gala-Coverbands singt und bei jeder braucht er einen eigenen Monitormix, aber für die Band #3, die hauptsächlich Bon Jovi covert, hat er gerade die MicroSD mit den Settings wieder verlegt und die Software, mit der er die Einstellungen aus dem Mic auslesen könnte, hat sich heute morgen mit dem neuen automatischen Update seines Windows 15 Smartphones leider ins Nirvana der Inkompatibilität geschossen.

Joel macht sich derweil ein Bier auf, mit dem SM58 natürlich, und sagt immernoch „Canon-Stecker“ zu den dreipoligen Monstern. Sein Tontechniker grinst wissend in sich hinein, steckt das alte Dingen ein und lädt den Preset für Joel mit dem SM58, wie immer in dieser Band… und dann: „Hot funk, cool punk, even if it's old junk / It's still Rock'n'Roll to me.“
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Gefällt mir
Reaktionen: 3 Benutzer

Ähnliche Themen

Neue Themen

Unser weiteres Online-Angebot:
Bassic.de · Deejayforum.de · Sequencer.de · Clavio.de · Recording.de

Musiker-Board Logo
Oben