Akkordeon selbst gestimmt... Ein Anfänger-Bericht

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Hallo, liebe Quetschkommodisten,

da ich selbst vor ein paar Wochen noch händeringend nach Tipps für das Stimmen des Akkordeons gesucht habe, nehme ich mir hier mal etwas Zeit, um über meine ersten Gehversuche in dieser Richtung zu berichten.

Insgesamt kann ich von meinem ersten selbst gestimmten Akkordeon (Hohner Verdi) sagen, dass das Stimmen sich gelohnt hat. Eine komplette Renovierung (Demontage, waschen der Stimmzungen, stimmen, ventilieren, einwachsen) hätte laut Fachmann im Bereich von EUR 1.200 gelegen. Das Akkordeon war also eigentlich ein wirtschaftlicher Totalschaden, ansonsten aber ein schönes und für das Alter sehr gut erhaltenes Instrument. Alles war noch dicht, der Klang klasse, kaum etwas verrostet oder kaputt (bis auf eine hochgedrückte Taste und zwei abgebrochene Stimmzungen). Der einzige Fehler: Es war völlig schräg, warum auch immer.

Jetzt, nach dem Stimmen, klingt es wieder, ist auf einer für das Zusammenspiel mit Bläsern passenden Tonhöhe und hat kein Tremolo mehr (das ging mir auf den Sack). Nicht zu unterschätzen ist der Arbeitsaufwand, der gerade beim ersten Akkordeon gewaltig ist (auch wegen kognitiver Fehlleistungen, s. u.). An Kosten sind zu kalkulieren:
ein mittelmässiges
Akkordeon € 190,--
ein Lötkolben € 20,--
ein Stimmtisch € 130,--
Dirks Tuner € 200,--
Wachs, Ersatzteile € 20,--
und jede Menge Zeit.
Summe (ohne Zeit): € 560,--

Das Waschen der Stimmzungen habe ich übrigens grob vereinfacht: Ich habe die Zungen mit Tuner 600, einem Kontaktreiniger für empfindliche Oberflächen, eingesprüht und den Dreck mit etwas Pressluft runtergeblasen. Das Ausbauen, waschen und neu Einwachsen der Stimmplatten hätte meinen zeitlichen Rahmen vollends gesprengt.

Ein ordentliches Stimmgerät ist Grundvoraussetzung. Empfehlenswert ist Dirks Akkordeontuner, da er bis zu drei Stimmen gleichzeitig misst und dabei noch schnell und genau ist. Das spart viel Arbeit. Wer noch einen Hunderter drauflegt, bekommt zusätzlich ein Modul, das die Stimmlisten schreibt. Ich habe mir das gespart, da ich nicht sicher bin, ob ich auf Dauer auf Akkordeon-Stimmen umschulen werden :)

Der eigentliche Stimmvorgang: Zuerst muss ein Stimmprotokoll geschrieben werden. Dazu wird jede einzelne Zunge (jeder Ton mit Druck und Zug) mit dem Tuner gemessen und die Abweichung in Cent notiert. Cent ist eine praktische Einheit, da unabhängig von der absoluten Hertz-Zahl jeder Halbton 50 Cent hat. Im nächsten Schritt wird das Akkordeon demontiert und die Chöre auf dem Stimmtisch nochmal gemessen und notiert, da die Stimmzungen sich außerhalb des Akkordeons anders verhalten. Der Grund dafür scheint reine Bosheit zu sein :-(
Unbedingt beachten: Die Luftrichtung am Stimmtisch ist genau entgegengesetzt der Strömungsrichtung im Akkordeon. Die Zunge, die für den Zug-Ton im Akkordeon verantwortlich ist, wird auf dem Stimmtisch durch Druck angeregt. Wer das nicht verstanden hat, sollte jetzt so lange darüber nachdenken, bis er es kapiert hat. Ich selbst habe das *schon* nach geschätzten 20 (teilweise demoralisierenden) Stunden Stimmarbeit herausgefunden. Man kann ja so doof sein.

Nachdem man nun alle Zungen für Druck und Zug einmal im Akkordeon und einmal außerhalb notiert hat, geht es ans Rechnen. Hat eine Zung z. B. eine Abweichung von -8 Cent im Akkordeon und +1 Cent außerhalb, so ist der Wert, auf den diese Zunge nun gestimmt werden muss +9 Cent. Eingebaut wird diese Zung dann nach dem Stimmen einen Wert von 0 Cent zeigen. Da ein Akkordeon eine Unmenge von diesen Zungen hat, empfiehlt es sich, dafür eine Tabellenkalkulation zu basteln. Das minimiert die Rechenfehler und die Arbeit. Leider kann ich hier keine LibreOffice-Dateien hochladen. Wer überhaupt keine Ahnung von Tabellekalkulation hat, kann das Ding gerne per Mail haben.

Gestimmt werden die Zungen am besten mit einem Dremel und einer schmalen, leicht tonnenförmigen, diamantbesetzten Spitze. Um den Ton nach oben zu drücken, wird an der Spitze der Zunge Material abgetragen, um den Ton zu senken, muss im hinteren Drittel abgenommen werden. Bei den oben liegenden Zungen stellt das kein Problem dar. Schwieriger ist es, die Zungen zu bearbeiten, die im Akkordeon auf Zug reagieren. Die kann man mit einem Spezialwerkzeug, das man innen in der Kanzelle ansetzt, nach außen drücken und mit einer sehr dünnen Edelstahlklinge arretieren, damit man sie schleifen kann. (Fotos der Werkzeuge lade ich hoch). Bei den tiefen Tönen ist das alles noch völlig entspannt. Kritisch wird es bei den hohen Tönen, weil die Stimmzungen so kurz sind, dass man den Löse-Abstand ruiniert bzw. gar nicht erst an sie drankommt. Das Tieferstimmen geht bei diesen Zungen besser innen, in der Kanzelle: Dremel im ausgeschalteten Zustand auf die Zunge setzen, kurz laufen lassen und hoffen, dass der Dremel nicht zur Seite abrutscht. Und noch ein Tipp: Für den Dremel am besten einen Fußschalter besorgen. Sonst fehlt beim Stimmen immer mindestens eine Hand. Und die Geräte mit flexibler Welle vereinfachen die Arbeit auch. Das Ding hängt man in der passenden Höhe über den Stimmtisch und hat nicht viel Masse beim Schleifen zu bewegen.
Da bei den tiefen Zungen natürlich erheblich mehr abgetragen werden muss, ist es nach meiner Erfahrung sinnvoll, mit dem Stimmen bei den hohen Tönen anzufangen. Sonst läuft man Gefahr, ständig aus Gewohnheit zu viel abzuschleifen. Einfacher ist es, sich auf behutsames Arbeiten bei den kleinen Zungen einzustellen und nach und nach grober zu werden.

Falls mal eine Zunge dabei drauf geht, ist das auch kein Beinbruch. Die Stimmplatten lassen sich einzeln nachkaufen und sind mit Wachs zu befestigen (gibt’s auch beim Fachmann, kein Kerzenwachs nehmen, das klebt nicht). Zum Befestigen einach eine Lötkolben-Spitze flachkloppen, den Kolben warm machen und das Wachs daran herunterlaufen lassen. Der Vorgang ist sehr ähnlich wie weichlöten, nur viel einfacher. Ausprobieren ist alles. Die Nägel kann man sich übrigens sparen – das Wachs klebt völlig ausreichend. Die Lötkolbentemperatur sollte auf alle Fälle unter dem Rauchpunkt des Wachses liegen. Wenn sie drüber liegt, einfach den Lötkolben ausschalten und warten, bis die Temperatur wieder so tief ist, dass das Wachs nicht mehr stinkt, sondern nur schmilzt.
Fehlende Ventile kann man aus Resten von Film-Negativen passend schneiden und mit Uhu aufkleben. Sieht doof aus, funktioniert aber. Oder man kauft direkt im Fachhandel einen Satz Ventile.

So weit meine Erlebnisse. Die Fachleute werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber ich denke, dass der ein- oder andere sinnvolle Hinweis für absolute Rookies dabei sein könnte. Viel Spaß beim Fräsen!

PS: Ich möchte mich ausdrücklich für die Werbung für die Software, das Spray und für das Produktplacement der Tube Uhu auf dem Bild entschuldigen.




SAM_2407.JPG

Der Lötkolben zum Schmelzen des Wachses








SAM_2404.JPG

Der Stimmtisch. Darauf das Gerät zum Herausangeln der Zungen. Ein Selbstbau aus einem alten Feilen-Griff und einem Stück dicken Stahldrahts. Links daneben der Rest eines Edelstahl-Küchenmessers. Mit dem werden die Zungen nach dem "Herausangeln" arretiert und beim Schleifen gehalten.



SAM_2401.JPG

Der Stimmtisch. Auf dem PC läuft der Akkordeon-Tuner. Über dem Stimmtisch (nicht im Bild) ein Mannesmann-Dremel und ein SM58, das über Mischpult und Aux-Out in den PC geht.
 
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creepingArrow
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Ich finde es bemerkenswert, sich an so ein Projekt ran zu wagen. Danke für die ausführliche Beschreibung!
Ich habenoch 2 kleine Fragen:
Wie viel Chörig ist das Akkordeon, also viele Stimmzungen hast du bearbeitet, bzw war Melodie und Bass dabei?
Und ich habe in dem Text nicht gefunden, (zumindest grob) wie viel Zeit das insgesamt in Anspruch genommen hat.

Grüße
 
bassmüller
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Hallo creepingArrow,

das Akkordeon hat im Diskant zwei Achtfuß-Register (das eine für das Tremolo) und ein Sechzehner, also ca. 220 Stimmzungen. Im Bass kommen nochmal 120 Zungen dazu. Macht 340 Stimmzungen. Schon gewaltig, was in so eine kleine Kiste alles reinpasst. Der Zeitaufwand war bis jetzt (ganz grob geschätzt) 25 Stunden, eher mehr. Allerdings habe ich die Grundstimmung auch um zwei Hertz angehoben. Ich musste also wirklich jede Zunge bearbeiten und habe dabei natürlich auch manchen Fehler reingestrickt. Ich denke, dass der Zeitaufwand jetzt (mit etwas Routine und Übung) bei zehn Stunden liegen dürfte.

viele Grüße

bassmüller
 
maxito
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Im nächsten Schritt wird das Akkordeon demontiert und die Chöre auf dem Stimmtisch nochmal gemessen und notiert, da die Stimmzungen sich außerhalb des Akkordeons anders verhalten. Der Grund dafür scheint reine Bosheit zu sein :-(

Hallo bassmüller,

ab und an, wenn grad mal überhaupt nichts mehr funktioniert, bilde ich mir auch immer wieder ein, wenn Technik einen Charakter hat, dann einen richtig fiesen!:mad: Aber wenn man sich dann wieder beruhigt hat und der Kopf wieder klar ist und man genauer hinschaut, dann lassen sich praktisch alle Phänomäne erklären und sind in sich logisch. aber man muss es nicht unbedingt verstehen - es reicht völlig zu wissen, dass es so ist und sich dann danach richtig zu verhalten. Hast ja richtig erkannt und entsprechend eingearbeitet!:)

da unabhängig von der absoluten Hertz-Zahl jeder Halbton 50 Cent hat.

Hier eine ganz kleine Korrektur, nicht das es zu Verwirrungen kommt: der Abstand zwischen zwei benachbarten Halbtönen beträgt 100 Cent - 50 Cent entspricht einem Viertelton Abstand.;)

Die Fachleute werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen,

Solange das nicht mit meinen Instrumenten so gemacht wird, bin ich da ziemlich schmerzfrei.:D... Und eine Verdi ist ja durchaus ein einfacheres Instrument, da kann man das schon auch hinnehmen. Die Verdi wird dadurch war kaum noch so gut wie ursprünlich einmal,. aber besser als vor Arbeitsbeginn allemal - und das kann ja auch schon ausreichend sein.


... Und wenn dich och mal interessieren sollte, warum was ist, wie es ist, oder wie es sein sollte, dann kannst du ja hier mal reinlesen:

https://www.musiker-board.de/threads/stimmplatteneffekte-stimmplattendefekte.566694/

Na jedenfalls erstmal viel Spaß mit deiner nun wieder betriebsfähigen Verdi.


Gruß, maxito
 
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Hallo bassmüller,

danke für den interessanten Arbeitsbericht!


Leider kann ich hier keine LibreOffice-Dateien hochladen.

Die Liste der erlaubten Formate wird ja im Upload-Dialog angezeigt, da ist auch Excel nicht dabei.
Workaround: Einfach einpacken und als ZIP-File hochladen, das geht. ;)


Die Luftrichtung am Stimmtisch ist genau entgegengesetzt der Strömungsrichtung im Akkordeon. Die Zunge, die für den Zug-Ton im Akkordeon verantwortlich ist, wird auf dem Stimmtisch durch Druck angeregt. Wer das nicht verstanden hat, sollte jetzt so lange darüber nachdenken, bis er es kapiert hat.

Nein, nein, die Strömungsrichtung muß gleich bleiben, sonst schwingt die Zunge ja nicht an! (ansonsten stimmt, was Du schreibst)

Kleiner Tip für Rätselfreunde:
Die Stimmzungen sitzen außen auf den Stimmstöcken, genau wie sie auf dem Stimmtisch sitzen.
Aus der Perspektive der Stimmzunge: wenn nun das Akkordeon auf Zug von außen saugt, muß der Stimmtisch entsprechend von innen blasen. Und umgekehrt.

Nähere Informationen nachzulesen bei: Loriot, Saugblaser Heinzelmann :D

Viele Grüße
Torsten
 
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Hallo Thorsten,

danke für den Zip-Tipp. Ich hänge die Datei an.

Die Sache mit der Strömungsrichtung habe ich vielleicht falsch beschrieben. Ich hatte den Vorgang einfach mal aus der Sicht des Balges gesehen. Für die Stimmzungen ist es das gleiche, ob der Stimmtisch-Balg komprimiert oder ob der Akkordeonbalg Unterdruck erzeugt. In der angehängten Zip-Tabelle sind die Beschriftungen "Zug" und "Druck" folgerichtig auch immer auf den Balg bezogen, egal ob der am Stimmtisch oder der vom Akkordeon. Bitte beachten!

"Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur..." Sehr schöner Vergleich!

viele Grüße

bassmüller
 

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Karin66
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Hallo bassmüller!

Wenn es dir nur um das Anschauen deiner Tabelle geht und nicht um das nützliche Blättern in und das Nutzen einer Originaldatei - kannst du auch einfach einen Screenshot machen, der hier dann als "normales" Bild eingefügt werden kann (geht ja auch für jede Seite des Dokumentes).

Lieben Gruß von Karin
 
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Ich hatte den Vorgang einfach mal aus der Sicht des Balges gesehen

Ja, dann war Deine Aussage mit der Strömungsrichtung richtig.
Von der Stimmzunge ausgesehen ist der Akkordeon-Balg ja "außen", der Stimmtisch-Balg "innen".

Da sieht man wieder mal, wie wichtig der Bezugspunkt ist... :D Aber jetzt sind ja alle Mißverständnisse beseitigt. :)



Wenn es dir nur um das Anschauen deiner Tabelle geht und nicht um das nützliche Blättern in und das Nutzen einer Originaldatei

Eigentlich ging es ja darum, eventuellen Nachahmetätern ;) eine Arbeitsvorlage zu liefern. Es geht um die hinterlegten Formeln, die automatisch die einzustimmenden Cent-Korrekturen ausrechnen.
Wie im Beispiel:
eingebaut -1 ct
ausgebaut +8 ct
-> berechnet: man muß im ausgebauten Zustand auf +8 ct Abweichung stimmen, damit man nach dem Einbau auf 0 ct Abweichung kommt.

Die automatische Berechnung spart Arbeit und vor allem Flüchtigkeitsfehler (ich weiß, wovon ich rede... :redface:)

Wobei ich -1 ct schon als ok durchgehen lassen würde ;)

Viele Grüße
Torsten
 
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560 Zungen im Diskant und 4×6 Chöre im Bass

Jetzt, wo er so gut in Übung ist, sollte @bassmüller das unbedingt in Angriff nehmen!
Wäre doch jammerschade, wenn die gerade frisch erworbenen Kenntnisse brachlägen und gar in Vergessenheit gerieten... :D
 
bassmüller
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@Frager & Be-3 Wie sagt man so schön im Sauerland: "Eine Arbeit für einen, der Vater und Mutter erschlagen hat...".




Nachtrag: Irgendwie bin ich gerade etwas "auf'm Baum". Ich habe gerade zur Erholung noch mein Klavier mit dem Akkordeontuner (s. o.) gestimmt, was an sich sehr schnell und gut geht. ABER: Dann habe ich mein E-Piano (steht direkt daneben) angeschmissen und die beiden Stimmungen verglichen. Und siehe: Das akustische Klavier ist eine ganze Ecke höher als die eingestellte Basis von 440 Hertz. Wie kann das sein?

Im nächsten Schritt habe ich mir mein IPad gegriffen und den Akkordeon-Tuner, der auf dem PC läuft, nachgemessen. Leider hat beim Akkordeontuner offensichtlich bei der automatischen Kalibrierung irgendetwas nicht ganz hingehauen. Und da ich der Software dummerweise blind vertraut habe, spielt meine Hohner Verdi jetzt mit 448 Hertz. Das sind sechs Hertz mehr, als ich angepeilt habe. Ziemlich dumm gelaufen.

Ich habe dann noch einmal die "automatische Kalibrierung" laufen lassen, die für den Tuner anstelle der 1,25% Korrektur, mit der der Tuner bis jetzt gelaufen war, 0 % ermittelte. So was sollte doch eigentlich nicht passieren. Die Soundkarte im Rechner ist hochwertig, die restliche Hardware waren ein Mackie 1608 Digitalpult und ein SM58, also nicht gerade irgendwelcher Billigschrott. Sieht so aus, als könnte ich die nächsten zwei Wochen wieder mit meinem Akkordeon an der Stimmbank verbringen. Hoffentlich sind die Stimmzungen noch dick genug...
 
Karin66
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Ooh - das ist aber schade und klar: sehr ärgerlich! :eek1:
:patpat:
Aber so hast du auch was ganz Wichtiges gelernt - daß ein unabhängiges Prüfen an mehreren Stellen mit verschiedenen Möglichkeiten nicht nur nichts schadet, sondern sehr nützlich ist!

Kannst du deine Verdi nicht doch noch in diesem Zustand gebrauchen?
Du hast doch geschrieben, daß sie in sich selbst wieder gut klingt?
Vielleicht nicht mehr im Zusammenspiel mit anderen - aber so alleine für dich zuhause?
Oder macht man sich damit seine Hörgewohnheiten kaputt und kommt dann woanders durcheinander?

Da ich mir als Musiktheorie-, Technik- und Hör-Laie keine richtige Vorstellung vom anderen Klang bei 448 Hertz machen kann, mal eine Bitte an dich:
Könntest du vor dem erneuten Umstimmen mal von ein paar markanten Tönen eine Aufnahme machen - wie sie jetzt sind und wie sie eigentlich sein sollten?

Das hilft dir vielleicht nun nix mehr, könnte aber durchaus für mehr Leute als nur mich interessant sein...

Dann kann ich nur noch hoffen, daß an den Stimmzungen noch genügend Material ist - denn ein Dremelabtrag ist ja schon was...
Ich drück dir doll die Daumen für einen guten Abschluß und einer zum Schluß richtig gestimmten Verdi!
Da du nun schon etwas Routine hast, dauert es ja diesmal nicht ganz so lange - ist nur ein kleiner Trost bei dem momentanen Frust - ich weiß - aber ist nicht zu vernachlässigen!
Damit kommt man schneller ans Ziel...
:)
Ganz lieben Gruß von Karin
 
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Hoffentlich sind die Stimmzungen noch dick genug...

Na bisher hast du ja in Richtugn höher gestimmt - d.H. abn der Spitze rumgefrickelt. Jetzt gehts ind ie andere Richtung und da ist eine andere Partie hierfür nötig - sollte also noch Material da sein.

Und da ich der Software dummerweise blind vertraut habe

Drum mach ich immer die Gegenprobe: elektronische Dinge mit einer mechanischen Referenz (stimmgabel) vergleichen und machanische Normalien mit einem elektronischen Gerät gegenprüfen - dann mag man zwar nicht unbedingt dem "wahren Wert" nähergekommen sein, aber grobe Abweichungen hat man damit auch nicht und ist doch relativ dicht am gewünschten Wert dran.

Außeßerdem bleibst so in Übung mit dem Stimmen!

Gruß, maxito
 
bassmüller
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Hallo,

danke für eure Anteilnahme!! Ich bin erst mal eine gute Stunde im Wald die Berge rauf und runter gelaufen... Jetzt geht es wieder. Das mit dem Nachstimmen sehe ich sportlich - ich kann dabei nur besser werden. Das Akkordeon auch, wenn es Glück hat :) Insgesamt ist mir Runterstimmen lieber als Raufstimmen. Dafür muss ich die Stimmzungen nicht so verbiegen.

@Karin66 Ich brauche das Akkordeon ziemlich genau auf 442 Hertz für Kammerton A, da ich mit Bläsern zusammenspiele. Die Säcke sind meist zu faul zum Stimmen: www.wirtshaus-musikanten.de Beim Betrachten der Tondokumente bitte ich um Nachsicht. Ich stehe, was das Spielen der Quetsche angeht, noch ziemlich am Anfang. Außerdem war ich bei den Aufnahmen völlig unterhopft :). Die Verdi im Bild ist übrigens nicht die, die ich auf dem Stimmtisch misshandele.

viele Grüße

bassmüller
 
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Viel Erfolg beim Runterstimmen! Aber pass auf, dass Du keine Sollbruchstelle reindremelst -> Material möglichst flächig abtragen
 
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@Karin66
Das Akkordeon klingt nicht wirklich anders. Den Unterschied hört man nur im Zusammenspiel mit anderen, die dann tiefer sind. Das dürfte bei sechs Hertz Differenz schon ziemlich schäbig klingen. Ab zwei Hertz wird es hörbar. Ich ärgere mich gerade ein wenig, dass ich kein absolutes Gehör habe - sonst hätte ich es früh genug gemerkt. Allerdings wäre ich beim Stimmen dann auch schon gestorben, glaube ich.
 
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Ich ärgere mich gerade ein wenig, dass ich kein absolutes Gehör habe

Sei froh! Diejenigen, die ein absolutes Gehör haben sind nicht wirklich glücklich, denn denen bereitet jede Missstimmung Unbehagen und grad das Akkordeon ist ja nicht sooo stimmungsstabil. Das fängt ja schon mit der Tondrift in Abhängigkeit mit der Lautstärke an!

Den Unterschied hört man nur im Zusammenspiel mit anderen,

Wobei der Trick oft auch ausgenützt werden kann, um sich gegen (lautere) Stimmen durch zusetzen: Missstimmugnen werden viel stärker wahrgenommen, als gute Stimmungen. Mit einer perfekten Stimmung bist du im Klang integriert, mit etwas andere Stimmung hört man einen gut auch gegen stärkere Mitbewerber raus - Grade beim Zusammenspiel mit Bläsern nicht zu unterschätzen. Das ist ja grad der Effekt des "Tremolos" bei dem man ja eine gezielte kleine Verstimmung der Töne gegeneinander bewusst macht.

.. Aber wenn man den Schwebeton einfach nicht mag, dann hilft das natürlich nix! .. Kann ich aber gut nach vollziehen- Meine Akkos ohne Tremolostimmung werden immer mehr...

Gruß, maxito
 
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spielt meine Hohner Verdi jetzt mit 448 Hertz. Das sind sechs Hertz mehr, als ich angepeilt habe. Ziemlich dumm gelaufen.

Au verdammt... Sei meines Mitgefühls versichert! :(:eek:


Ich habe dann noch einmal die "automatische Kalibrierung" laufen lassen, die für den Tuner anstelle der 1,25% Korrektur, mit der der Tuner bis jetzt gelaufen war, 0 % ermittelte.

Das wäre dann immerhin nachvollziehbar. Dein Ziel waren ja 442 Hz, bei 1,25 % mehr kommt man auf 448 Hz.
Was da bei der Kalibrierung schiefgelaufen ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht solltest Du Dirk mal anschreiben, das dürfte ihn interessieren.


da ich mit Bläsern zusammenspiele. Die Säcke sind meist zu faul zum Stimmen

Je nachdem kann es auch sein, daß sie nicht tiefer runterkommen. Stimmen müssen (sollten!) sie eigentlich jedesmal. Aber wenn das Mundstück nicht noch weiter rein oder rausgeht, können die beim besten Willen nichts mehr machen.
Außerdem stimmen die Instrumente bei zu großer Abweichung vom "Soll" in sich nicht mehr gut. Und je mehr sie mit dem Ansatz kompensieren müssen, desto schlechter/verkrampfter/gezwungener klingt das Ergebnis dann.


Ich habe gerade zur Erholung noch mein Klavier mit dem Akkordeontuner (s. o.) gestimmt, was an sich sehr schnell und gut geht.

Oh. Das ist aber mit Vorsicht zu genießen:
Akkordeons stimmt man streng nach dem chromatischen Stimmgerät - bei Klavieren ist das aber nicht gut!
Beim Klaver ist es durch die Inharmonizität der Saiten (Steifheit, Einspannpunkt) so, daß die Obertöne einer Saite (vor allem die Quinte) nicht mit dem theoretisch berechneten Faktor klingt, sondern leicht davon abweicht. Die Obertöne sind alle mehr oder weinger leicht zu hoch. Der Effekt wird umso stärker, je höher die gespielten Töne.
Durch die Kompromisse der wohltemperierten/gleichstufigen Stimmung "vertragen" sich die eigenen Obertöne der Saiten so oder so nicht mit den anderen Tönen (d. h. Tasten), und zwar bei jedem Instrument indivduell etwas anders (wie gesagt: die Inharmonizität...).

Deshalb wird ein Klavier nicht nach chromatischem Stimmgerät gestimmt, sondern so, daß im Zusammenklang ein möglichst angenehm bzw. wenig störend klingendes Gesamtergebnis erreicht wird.
Das ging früher nur nach Gehör (darauf sind die Klavierstimmer auch zu recht stolz), heute gibt es wirklich gute Stimmprogramme, die diese Eigenheiten des Klaviers überraschend gut berücksichtigen.

Genauso, wie Dirks Akkordeon-Stimmgerät sehr gut mit Schwebungen/Oktaven von durchschlagenden Zungen zurecht kommt (wo "normale" Stimmgeräte oft völlig ausflippen), wäre zum Klavierstimmen ein spezielles Klavier-Stimmprogramm sinnvoll (oder eben das Ohr als letzte Instanz).

Das aber nur kurz und am Rande.


Viele Grüße
Torsten
 
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Schöner Bericht !

Für die Pfennigfuchser: Ich hatte beim Stimmen meiner Lucia die Software CTuner benutzt. Die kostet nix und kann ziemlich das gleiche wie Dirk's Tuner (der nicht schlecht ist !).
Läuft auf dem PC/Laptop und mittlerweile auch als Smartphone-App. Damit stimme ich mittlerweile alles Mögliche (Akko, Harfe, Klavier -naja, nur mal probiert, ob's geht)
Und Tabellen der verstimmten Zungen hatte ich ja auch richtige Stimmer brauchen das nicht und arbeiten nur nach Gehör-
Zum Einstellen der gewünschten Schwebung nach Uwe's beispiel dann mit der Freeware LMMS wie dort erwähnt.

Ob nur Dremel oder auch feine Schleifstifte oder Kratzer
oder ob man mit den tiefen oder den hohen anfängt
oder der Stimmtisch mit oder Zug/Druckgebläse arbeitet ... Geschmackssache.
Hauptsache man hat seinen Spaß (wichtig !) und nach der Aktion klingt es besser als vorher :)
Viele Grüße und viel Spaß mit der 6-Hz-Korrektur :tongue:
Christof
 
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Hallo allemiteinander!

Erstmal danke für die ganzen Tipps. Das hilft...! Dieser Beitrag ist jetzt vielleicht mal ein bisschen am Thema vorbei - ich schreib es trotzdem hier und nicht im Klavierforum, weil die wenigsten, die ihr Klavier stimmen wollen, dafür eine gute Akkordeon-Software verwenden werden.

Die Sache mit der Inharmonizität habe ich annähernd verstanden. Das war auch der Grund, warum mein Klavier nicht wirklich gut klingt, wenn man dafür nicht das passende Stimmgerät oder einen Satz richtig guter Ohren hat. Ich habe mir deshalb mal mein Ketron-Klaviermodul vorgenommen (das ist in einem meiner elektrischen Klaviere verbaut, habe ich auch hier irgendwo mal beschrieben) und das Gerät mit Dirks Akkordeontuner nachgemessen. Die sogenannte Spreizung oder Streckung zum Unterdrücken der Inharmonizität zeigt sich dabei als Stimmfehler bzw. Abweichung von der idealen Temperierung. Grob beschrieben ist der Ton A1 auf dem Klavier 16 Cent zu tief, das G2 ist 9 Cent unter Null, das a' ist logischerweise mit 440 Hz bei 0 zu finden. Nach oben hin ist die Abweichung positiv: A5 kommt auf ca. +3,5 Cent, H6 hat +17 Cent, das E7 +20 Cent bis hin zum A7 mit +30 Cent. Auffallend ist, dass die Streckung im Mittenbereich eher gering ist, während sie zu den beiden Tastatur-Enden hin mit zunehmenden Intervallen verläuft.
Ich habe mir also einfach (wie beim Akkordeon) eine Liste mit den einzuarbeitenden Abweichungen erstellt und das Klavier damit wieder heruntergestimmt. Wegen der leicht falschen Tuner-Kalibrierung (s.o.) hatte ich das Klavier auf ca. 445 Hz gestimmt. Bis auf eine Bassseite hat der Schinken das erstaunlich klaglos hingenommen. Allerdings vermute ich, dass ich auf Grund dieses ständigen hoch- und runters morgen kräftig nachstimmen muss.

Jetzt, direkt nach dem Stimmen und dem Einarbeiten der Streckung, klingt es schon richtig nach Klavier. OK, wenn das die Arbeit eines Klavierstimmers gewesen wäre, hätte ich ihn rausgeschmissen, aber mir selbst gegenüber bin ich natürlich erheblich nachsichtiger :) Außerdem hatte ich das Klavier im März hinter der Musikschule aus dem Müll gezogen und mit dem Radlader nach Hause gefahren, will sagen: So richtig gut ist das Instrument eventuell nicht. Aber zum Stimmen üben und für den Probenraum reicht es.


Viele Grüße

bassmüller
 
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