Aria STG-004 SBL - Nachwuchs für den Onkel I

von DerOnkel, 22.07.08.

  1. DerOnkel

    DerOnkel HCA Elektronik Saiteninstrumente HCA

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    Erstellt: 22.07.08   #1
    Aria STG-004 SBL - Nachwuchs für den Onkel

    Einleitung

    Wir leben in einer verrückten Welt! Diese ist allerdings nur so verrückt, weil wir sie dazu machen. Wir wollen grundsätzlich das Beste haben, sind jedoch nicht bereit dafür viel Geld zu bezahlen. Die Industrie trägt dem Rechnung und überschüttet den Markt mit Billigprodukten, die genau das offerieren. Das böse Erwachen kommt meistens erst etwas später, wenn Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollen oder das ach so tolle Produkt schon nach kurzer Zeit den Geist aufgibt und man so zu einem erneuten Kauf gezwungen wird, da eine Reparatur einfach nicht lohnend ist.

    Der Markt für Elektrogitarren verhält sich da grundsätzlich nicht anders. Man kann sehr hochwertige Instrumente kaufen, für die man im Zweifelsfall bis zu mehreren tausend Euro bezahlen muß oder man geht zum Lebensmitteldiscounter um die Ecke und legt eine Gitarre für 80 Euro zusammen mit der Mettwurst und der River-Cola in den Wagen. Daß solche Billiginstrumente häufig einen schlechten Ruf haben, kommt nicht von ungefähr. Allerdings sollte man nicht soweit gehen und alles über einen Kamm scheren!

    Innerhalb der letzten 30 Jahre wurde auch die industrielle Produktion von Elektrogitarren einer massiven Rationalisierung unterworfen. Zusammen mit großen Stückzahlen ergeben sich so deutliche Kosteneinsparungen, die nicht zwingen zu Lasten der Produktqualität gehen müssen. Es gibt also solche und solche.

    In den 70er Jahren war Japan der große Schreck der amerikanischen Hersteller, denn hier wurde gnadenlos kopiert und für einen Spottpreis produziert und das auch noch mit steigender Qualität. In den 80er Jahren wurden die Produktionen dann aus Kostengründen nach Korea verlagert, was allerdings nur der erste Schritt war, dem die amerikanischen Produzenten schnell folgten. Heute kommen die preiswerten Instrumente aus Indonesien und jetzt auch im großen Umfang aus der Volksrepublik China. Die Situation ist dabei vergleichbar mit der aus den 70er Jahren: Es wird gnadenlos kopiert und für einen Spottpreis produziert und das mit steigender Qualität. Es ist durchaus denkbar, daß einige dieser Produkte in 20 oder 30 Jahren ebenfalls Höchstpreise bei Ebay erzielen. Wer weiß...

    Aktuell bestand bei mir der Bedarf nach einer Gitarre mit Vibrato im Stile der "Stratocaster". Zwar habe ich meine Cimar-Strat und ein Wammy in meinem GNX-3, aber die Bedienung mit der Hand ist doch etwas anderes, als die Benutzung eines Pedals.

    Des Onkels erste Elektrogitarre war eine wunderschöne weinrote japanische Kopie der Fender "Stratocaster" von "Oakland", wie sie im folgenden Bild dargestellt ist:

    [​IMG]
    Bild 1: Eine Oakland-Strat-Kopie von 1979

    Der junge Onkel - damals immerhin erst 15 Jahre alt - ist mit diesem Instrument im Allgemeinen und mit dem Vibrato im Besonderen allerdings nie richtig warm geworden. Ein Griff zum Hebel und ein erneutes Stimmen war angesagt. Darüber hinaus klangen einige Leersaiten auch nicht ganz rein und zirpten immer ein wenig. Also wurde die Oakland nach zwei Jahren verkauft. Die Cimar-Strat habe ich später nur genommen, weil kein Vibrato dabei war. Gebranntes Kind scheut eben das Feuer!

    Ob mir so ein Vibrato dann von der Handhabung her liegt, ist mir im Moment noch nicht ganz klar. Folglich sollte es kein so teueres Instrument werden, denn diesbezüglich ist der Onkel ja ein Anfänger. Also "Geiz ist Geil" und nichts wie ab in die Bucht...

    1. Akt: Von der "Bucht" ins Haus

    Wer günstig eine Elektrogitarre kaufen möchte, der liegt bei Ebay nicht so verkehrt. Allerdings muß man schon wissen, was man haben will und sollte auch willens und in der Lage sein, bezüglich der angebotenen Instrumente weitere Recherchen anzustellen und kritisch zu bewerten. Andernfalls ist ein Scheitern vorprogrammiert und man wirft sein Geld zum Fenster hinaus!

    Für meinen Einkauf hatte ich mir ein Preislimit von 120 Euro gesetzt. Aufgrund meiner Erfahrungen mit der "Musician" schied eine Superstrat mit 24 Bünden aus klanglicher Sicht aus und da ich, ob meiner vielen alten Arias, auch als Aria-Experte "verschrien" bin, wollte ich diesen Kauf auch dazu nutzen, um eine bestehende Bildungslücke zu füllen. Also lautete das Anforderungsprofil wie folgt:

    1. Hersteller: Aria,
    2. Produktion: Korea oder China,
    3. Instrument: Strat-Style, 22 Bünde,
    4. Konfiguration: HSS oder SSS,
    5. Vibrato,
    6. Preisrahmen: bis 120 Euro
    Es folgten ein paar Tage der Marktbeobachtung nach denen eine Liste von 6 Kandidaten vorlag, die im Neupreis von 160 Euro bis 600 Euro reichten. Am Ende ist es dann eine Aria STG-004 SBL geworden, die schon nach wenigen Tage gut verpackt in meinem Keller stand.

    [​IMG]
    Bild 2: Die STG-004 SBL gemäß Angebot bei Ebay Deutschland

    Der Anbieter war offensichtlich nicht so recht über sein Instrument informiert, sonst wäre ihm sicherlich aufgefallen, daß diese STG-004 keineswegs über "Zwei-Tone und 1-Volume" verfügt, wie das Bild deutlich zeigt.

    Vor dem Kauf war der Onkel natürlich etwas "umher". Auf der Webseite der Reinhard-GmbH, dem deutschen Aria-Vertrieb, war am 15.07.2008 über die STG-004 folgendes zu lesen:

    "Meine" STG-004 wies also einige Unterschiede auf: Es fehlte der Coil-Tap und eine Tonblende, aber wenn der Onkel so etwas haben will, sollte das kein großes Problem sein, oder?

    Mit Stand vom 15. Juli dieses Jahres waren bei Aria für Deutschland insgesamt 4 Basismodelle der STG-Serie gelistet. Aria UK bot 6 weitere Modelle an, von denen allerdings lediglich die zwei Deluxe-Modelle mit den "deutschen" Modellen direkt zu vergleichen sind. Interessanterweise ist die STG-Serie nicht auf der japanischen Webseite vertreten. Gleichwohl findet man auch auf dem asiatischen Markt diese Instrumente. Die Globalisierung macht es eben möglich.

    [​IMG]
    Bild 3: Die Basis-Modelle der STG-Serie (v.l. STG-003, STG-004, STG-005, STG-006, STG-003DX, STG-004DX)

    Nachfolgend die Spezifikationen der STG-Basis-Modelle. Die Preise wurden von verschiedenen Internetanbietern gesammelt. Sie stellen natürlich nur eine Momentaufnahme dar.

    [​IMG]
    Tabelle 1: Spezifikation der Aria STG-003 bis STG-006

    Man erkennt, daß sich alle Modelle lediglich in der elektrischen Ausstattung unterscheiden. Die Basis ist bezüglich der Hölzer und Konstruktion immer gleich. Folglich kommen Hals und Korpus aller Modelle aus der gleichen Produktionsline und sind identisch. Angesichts der Preisstruktur der STG-Serie handelt es sich hier also um den Einsteigerbereich. Damit war klar, daß ich maximal 75 Euro für eine STG-004 bieten würde und in diesem Preis mußte der Versand bereits enthalten sein.

    Vor einem guten halben Jahr führte ich ein Telefongespräch mit einem Mitarbeiter der Reinhard GmbH, der mir mitteilte, daß

    Was von dieser Aussage zu halten ist, wird die eingehende "Betrachtung" der STG-004 zeigen. Auch wenn Aria in Deutschland momentan eher das Image eines "Billigherstellers" hat, zählt diese Firma mit Sicherheit nicht zu den schwarzen Schafen der Branche. Man wird die Qualität also nicht um jeden Preis dem Kostendruck opfern und daß es auch anders geht, kann man im japanischen Aria-Shop gut nachvollziehen.

    Bei Harmony Central finden sich insgesamt 5 Reviews der STG-004 mit einem Overall Rating von 7.2 und auch die Stiftung Warentest hatte im Heft 12/2006 ein Paket mit einer STG getestet. Das Instrument selber erhielt dabei eine Wertung von 2.0. Da alle STG-Modelle auf der selben Grundlage basieren, kann man ruhigen Gewissens davon ausgehen, daß die verschiedenen Modelle bezüglich der mechanischen Konstruktion sowie der Verarbeitungsqualität in etwa dem Instrument aus dem Test entsprechen.

    Natürlich muß man speziell mit Bewertungen von Benutzern sehr vorsichtig sein, denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß es sich eben um Anfänger handelt, denen Erfahrung und Überblick schlicht und ergreifend noch fehlen, auch wenn es im Review selber gerne anders dargestellt wird. Aber als Indikator sind solche Berichte durchaus geeignet!

    Normalerweise ist der Onkel ein nüchterner und realistisch denkender Mensch. In diesem Fall muß ich jedoch gestehen, daß das Auge auch mitgegessen hat. Optisch finde ich das See-Through Blue recht ansprechend, obgleich ich mir ehrlich gesagt eine "Stratocaster" mit aufgesetzter Decke für 125 Euro nicht vorstellen kann!

    Mit diesen Informationen im Hinterkopf ging es dann ans Bieten und letztendlich ist die STG-004 für 63 Euro in meinen Besitz übergegangen. Zusammen mit dem Versand von 12 Euro wurde das Limit von 75 Euro also nicht überschritten, was der Nachtruhe von FrauOnkel durchaus zuträglich ist.

    2. Akt: Was ha'm wir denn?

    Erster allgemeiner Eindruck:

    Der Verkäufer hatte beim Verpacken ganze Arbeit geleistet. Vermutlich hätte auch ein vollausgerüsteter Leopard II der Gitarre nichts anhaben können und wäre mit einem Kettenschaden und verzweifelter Besatzung liegen geblieben. Der Onkel brauchte ganze fünf Minuten, um die Gitarre mit dem Teppichmesser aus ihrer Hülle zu befreien, die dann unversehrt vor ihm lag.

    Wer eine Elektrogitarre spielt, der ist eventuell auch an ihrem Gewicht interessiert. Für eine Paula sind 4kg keine Seltenheit. Einige "Musicians" erfreuen ihre Besitzer sogar mit 5kg oder mehr. Die STG ist da erfreulich genügsam. Gerade einmal 3,5kg zeigt die Waage an. Meine Cimar-Strat ist dagegen mit 4,2kg ein echtes Schwergewicht!

    Korpusinspektion I:

    Ein typischer Strat-Korpus in einem wunderschönen Blau. Die wenigen kleinen Schäden sind so unbedeutend, daß man ruhigen Gewissens von "neuwertig" sprechen kann. Ein Blick auf die Rückseite offenbart, daß hier insgesamt drei Teile verwendet wurden, was in diesem Preisbereich zum guten Ton gehört. Eine Klopfprobe liefert einen trockenen Klang, der auf die Verwendung von massivem Holz hindeutet.

    Die Decke weist eine andere Maserung als die Rückseite auf. Wenn man sie aus verschiedenen Winkel betrachtet, meint man eine Linienstruktur zu erkennen, die in Halsrichtung verläuft. Ob diese Decke wohl echt ist? Dieser Frage werden wir mit Sicherheit noch auf den Grund gehen.

    Die Vibratoeinheit ist von der Konstruktion her mit dem sogenannten "Vintage Tremolo" zu vergleichen.

    [​IMG]
    Bild 4: Das VFT-1 Tremolo

    Die Saitenreiter sind massiv und verfügen jeweils über eine sauber abgerundete Kerbung zur Führung der Saite. Es ist kaum anzunehmen, daß sich die Saiten bei einer Bewegung des Vibrato verhaken, was der Stabilität der Stimmung durchaus zuträglich sein dürfte.

    Auf der Halsplatte findet sich die Seriennummer CH078549. Das Instrument wurde also 2007 in China produziert. Besonders lange wird der Verkäufer die STG wohl noch nicht in seinem Besitz gehabt haben.

    Halsinspektion:

    Der Ahorn-Hals fühlt sich recht angenehm an und wird durch ein Griffbrett aus recht hellem Palisander komplettiert. Ein Griff zur Schieblehre offenbart eine Breite von 42,8mm am Sattel und 56,8mm am 20. Bund. Die Vintage-Bünde sind sauber eingesetzt und nicht abgespielt. Aus optischer Sicht gibt es da nichts zu bemängeln! Lange wurde auf dieser Gitarre offensichtlich noch nicht gespielt. Wie lange man darauf noch spielen kann, wird die Zeit zeigen. In diesem Preisbereich darf man auch von den Bünden keine Wunder erwarten!

    Am Kopf finden sich 6 einfache Mechaniken, die ihren Dienst wohl einwandfrei tun dürften. Allerdings ist die Beschichtung nicht von besonders hoher Qualität. An drei Mechaniken sind schon die ersten charakteristischen Bläschen zu erkennen. Da blättert wohl bald was ab. Den Beweis, wie gut die Mechaniken tatsächlich die Stimmung halten, mußten sie jedoch vorläufig schuldig bleiben, denn die Saiten...

    Die Sache mit den Saiten

    Daß man von den Saiten eines bei Ebay gekauften Instrumentes nicht mehr allzuviel verlangen darf ist bekannt, aber dieses Sammelsurium war schon bemerkenswert. Alleine die unbewickelte G-Saite, die als Ersatz für die D-Saiten diente, war mehr als ungewöhnlich! Sauber stimmen konnte man das Instrument nicht, was angesichts der "Monsterwickel" auf den Mechaniken auch nicht verwunderlich war. Also, ist als erstes ein neuer Satz Saiten fällig. Dann kann man weiter sehen....

    Bespielbarkeit:

    Nachdem die STG mit einem neue 9er Satz versorgt war, hielt sie nun zuverlässig die Stimmung und man konnte ihr endlich die ersten vernünftigen Töne entlocken. Leider war ein deutliches Scheppern zu hören. Also her mit dem Imbus und den Hals ordentlich einstellen, denn die Höhe der Saiten war eigentlich in Ordnung. Jetzt ging es schon viel besser. Der Hals läßt sich sehr angenehm bespielen und erinnert irgendwie an den Hals meiner Squier Telecaster. Für diese Preisklasse also anständig. Man kann wesentlich teurere Instrumente kaufen, die hier deutlich schlechter abschneiden. Letztendlich ist das aber auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

    Leider blieb ein Wehmutstropfen zurück, denn die e- und h-Saiten wollte leer gespielt einfach nicht sauber klingen. Eine Strat ist eine Strat und keine Sitar! Hier war also noch Handlungsbedarf. Die Vermutung ging dahin, daß die Kerben im Sattel zu tief sind. Vielleicht hat da ein unbedarfter Anfänger mit Muttis Nagelfeile des Guten zuviel getan? Also, ist das ein Fall für die Reparatur. Ein neuer Sattel muß her. Unangenehm!

    Umsatteln oder Ortswechsel?

    Am nächsten Morgen machte die STG ihre erste Reise im lila Auto des Onkels. Da George erst um 13 Uhr seinen Laden öffnet, ist der Onkel zu No. 1 in Altona gefahren, was sich als Glück erwies, denn zufällig war der Gitarrenbauer vor Ort. "Neuer Sattel? Nein, die Kerben sind nicht ganz richtig!" So sprach er und hatte schon die Feile in der Hand. Das führte prompt zu einer hörbaren Verbesserung, aber der Onkel war noch nicht zufrieden. "Der Saitendruck stimmt noch nicht ganz.", sagte Dave. "Wenn Du ein noch wenig basteln willst, dann versetzt Du den String-Tree näher an den Sattel, dann paßt das schon!" Der Onkel wollte nicht und schon fraß sich die Bohrmaschine des Meisters in die Kopfplatte der STG.

    [​IMG]
    Bild 5: Die Kopfplatte der STG-004 nach der Verschiebung des String-Tree
    Danach waren beide zufrieden. Der Onkel, weil die Saiten jetzt sauber schwangen und kein neuer Sattel angefertigt werden mußte und der Meister, weil 10 Euro den Besitzer wechselten. Und weil der Onkel gerade die Börse in der Hand hielt, landete auch gleich ein "Jammerhaken" in seiner Tasche, denn der fehlte bei der STG leider.

    3. Akt: Ganz tief drinne

    Sound-Check:

    Am gleichen Abend ging es erstmalig an den Verstärker. Im Keller steht ein kleiner Frontman 25, der für die ersten Check mehr als ausreichend ist. Ja, das klang schon ein wenig wie eine Strat. Allerdings schienen die Tonabnehmer doch ein wenig "schlapp" zu sein. Bei einem Instrument dieser Preisklasse darf man hier nicht zuviel erwarten. Insgesamt erfüllten die Tonabnehmer ihre Arbeit aber zufriedenstellend.

    Die Schaltung der Tonabnehmer entspricht dem Standard für eine Rock-Strat: Auf Position 1 ist der Stegtonabnehmer als Humbucker geschaltet. Position 2 stellt die Parallelschaltung aus Middle-Pickup und einer Spule des Humbuckers zur Verfügung, um einen der klassischen Strat-Sound zu ermöglichen. Alles andere ist wie bei einer normalen "Stratocaster".

    Natürlich mußte der Onkel seinem Ruf gerecht werden ("Du baust jede Gitarre auseinander!") und auch seine Neugier befriedigen. "Welche elektrischen Werte die Tonabnehmer wohl haben?" Also, her mit dem Schraubendreher...

    Korpusinspektion II:

    Wenn man einmal dabei ist, dann sollte man auch ganze Arbeit leisten! Also Saiten lockern und Hals demontieren. Daß bei einer solchen Gelegenheit auch das Pickguard seinen Platz kurzfristig verlassen muß, ist eigentlich selbstverständlich. Dann springen einige Dinge förmlich ins Auge:

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    Bild 6: Die Halstasche der STG-004

    Eine sauber ausgearbeitete Halstasche ist etwas anderes! Diese ist von einer ebenen Fläche ein wenig entfernt. Hier wäre wohl etwas Handarbeit angesagt gewesen, was angesichts des Preises wohl nicht mehr drinne war. Im Vergleich dazu sieht der Halsfuß wesentlich besser aus:

    [​IMG]
    Bild 7: Unterseite des Halsfuß

    Hier war es wohl kein Problem, mit dem Schleifband die Fläche zu glätten. Wenn der Onkel einmal viel Zeit und Schleifpapier hat, dann wird die Halstasche wohl ein wenig verschönert werden.

    Betrachten wir nun die Halstasche von der Kopfseite aus:

    [​IMG]
    Bild 8: Die Halstasche von der Kopfseite

    Hier sind jetzt drei Dinge zu erkennen:

    1. Der Korpus ist in der Tat dreiteilig.
    2. Der Maserung nach zu urteilen könnte es sich bei dem Holz tatsächlich um Erle handeln.
    3. Eine aufgesetzte Decke ist nicht vorhanden. Die schönen Maserung ist also ein sogenanntes "Photo Flame", eine Folie, die auf den Korpus geklebt und dann überlackiert wurde. Da der Hersteller nicht von einer aufgeleimten Decke in seiner Beschreibung spricht, soll diese Tatsache nicht als Nachteil gewertet werden.
    Der Korpus selber verfügt über eine sogenannte Schwimmbadfräsung. Wenn man will, kann mir hier beliebige Tonabnehmer unterbringen, was des Onkels Bastelwahn eindeutig entgegen kommt. Aber was ist das??

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    Bild 9: "Chinesische" Befestigung des Federbleches

    Klar ist, daß man das Federblech für das Vibrato irgendwie am Korpus befestigen muß. Aber, daß die Schraube unbedingt an der gegenüberliegenden Korpusseite wieder heraussehen muß, ist ein eindeutiger Verarbeitungsmangel!

    Elektronik und Pickguard:

    Das Pickguard besteht aus einer einfachen weißen Kunststoffplatte, die alleine aus optischer Sicht einen billigen Eindruck hinterläßt. Bei diesem Preis spart man natürlich wo immer es möglich ist. Vermutlich wird das Pickguard in der Produktion mit 50 Cent oder einem Euro zu Buche schlagen. Nicht sehr schön, aber über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten. Eine mehrteilige Variante aus hochwertigerem Material dürfte deutlich teurer ausfallen.

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    Bild 10: Einteiliges Pickguard

    Dreht man das Pickguard um, so kann man die Elektronik betrachten.

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    Bild 11: Potentiometer und Blade-Switch

    Auch hier ist der Kostendruck zu bemerken. Ein billiger Economy-Switch und Mini-Potis der billigsten Bauart mit einem Kennwert von 470kOhm. Damit ist auch klar, warum die Potis ein wenig schwergängig sind. Gute Potentiometer kosten nicht ohne Grund etwas mehr.

    Besonders interessant sind die drei kreisförmigen Markierungen. An dieser Stelle sitzen die Potentiometer, wenn das typische Strat-Setup verwendet wird. Diese STG-004 ist etwas ungewöhnlich, denn sie hat, ebenso wie die STG-005 und die STG-006, nur zwei Potis. Warum der Coil-Tap-Switch fehlt, ist unklar. Vielleicht war dieses Modell Bestandteil eines besonderen Anfängerpaketes, bei dem man noch ein paar Cent zusätzlich sparen mußte. Oder ein unachtsamer Arbeiter hat einfach ein Pickguard für eine STG-004 falsch gebohrt. Das ist nicht schlimm, denn auch ein solches Instrument kann Musik machen. Also: Ausliefern!

    Die Elektronik selber ist sauber verlötet. Der Tone-Kondensator ist mit 47nF allerdings sehr groß ausgefallen. Da ist dumpf Trumpf! Das wird sich mit Sicherheit ändern!

    Tonabnehmer:

    In der STG-004 werden zwei Single-Coils vom Typ OS-1 eingesetzt. Der mittlere Tonabnehmer ist ein sogenannter RWRP-Typ, sodas sich in den Stellungen 2 und 4 des Blade-Switch eine Humbuckerwirkung ergibt. Auch bei den Tonabnehmern erkennt man deutlich den Preisdruck.

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    Bild 12: Ein OS-1 von unten

    Der Aufbau eines OS-1 entspricht grundsätzlich dem, was man bei vielen preiswerten Nachbauten vorfindet: In der Spule sitzen sechs Weicheisenkerne und unterhalb des Tonabnehmers befindet sich ein balkenförmiger Keramikmagnet. Dieser ist allerdings recht klein ausgefallen. Damit dürfte sich auch erklären, warum den Tonabnehmer das "gewisse Etwas" abgeht: Durch die in der Kernen auftretenden Wirbelströme wird die Resonanz gedämpft und der kleine Magnet hat eine nur geringe maximale Ausgangsspannung zur Folge.

    Der OS-1 findet, wie bei vielen asiatischen Single-Coils üblich, über ein 11 und 15 cm langes Koaxkabel Anschluß an den Blade-Switch. Dadurch ergibt sich für die Tonabnehmer eine zusätzliche kapazitive Belastung von 22 und 30pF.

    Eine Messung ergab eine Induktivität von 2,35H und einen Gleichstromwiderstand von 4,8kOhm. Die Wicklungskapazität wurde, basierend auf dem Widerstand, mit 80pF abgeschätzt. Bei einer typischen kapazitiven Last von 700pF und den beiden Potis ergibt sich damit eine Resonanz von 3,626kHz/9dB. Damit ist der OS-1 in etwa mit dem Neck-Pickup einer "American Series Strat" zu vergleichen. Dieser hat mit 5,9kOhm jedoch einen deutlich größeren Widerstand, was auf eine größere Windungszahl und damit auf einen "lauteren" Tonabnehmer schließen läßt. Ein Vergleich des "American Strat" mit dem OS-1 über die Widerstandsverhältnisse führt zu einer um 1,3dB größeren Spannungsabgabe für den "Fender"-Tonabnehmer. Da dieser ja auch über stärkere Magnete verfügt, dürfte sich diese Zahl mit Sicherheit noch erhöhen. Elektrisch liefert der "Fender"-Tonabnehmer eine Resonanz von 3,59kHz/8,5dB. Der theoretische Amplitudengang der beiden Tonabnehmer ist quasi deckungsgleich. Wie stark sich die Dämpfung durch die Wirbelströme beim OS-1 auswirkt, läßt leider schlecht abschätzen. Der Höreindruck legt jedoch die Vermutung nahe, daß hier doch ein signifikanter Unterschied vorliegen könnte.

    Der OH-1 ist ein Humbucker, der auf dem Prinzip des von Seth Lover für Gibson entworfenen Tonabnehmers beruht. Allerdings fehlen hier die einstellbaren Magnetpole in einer Spule, was wohl wieder aus Gründen der Sparsamkeit geschah.

    [​IMG]
    Bild 13: Der OH-1 Humbucker

    Unter den Spulen sitzt zwischen den Kernen ein balkenförmiger Keramikmagnet. Der OH-1 verfügt über einen Zweiaderanschluß, der ihn split-fähig macht. Die Signalmasse wird zusammen mit der Abschirmung geführt.

    Eine Messung der elektrischen Daten ergab folgende Werte:

    • 3,27H und 8,02kOhm (Reihenschaltung)
    • 1,64H und 4,01kOhm (Split)
    Die Wicklungskapazität wurde anhand statistischer Methoden mit 63pF in der Reihenschaltung abgeschätzt. Mit der üblichen Belastung von 700pF Kabelkapazität und zwei Potis mit einem Kennwiderstand von 500kOhm ergaben sich folgende Resonanzen:

    • 3,077kHz/7,2dB (Reihenschaltung)
    • 4,255kHz/10,2dB (Split)
    Mit diesen Werten liegt der OH-1 eindeutig am oberen klanglichen Ende der Humbucker-Skala und ist folglich ein sehr brillantes Kerlchen. Er kann in etwa mit dem DiMArzio PAF verglichen werden und liefert daher eher den "modernen" Humbucker-Sound. Liebhaber schreiender Punk-Sounds werden vom OH-1 mit Sicherheit gut bedient, obgleich er nicht zu den lautesten Vertretern seiner Klasse zählt. Wer jedoch die mittige Performance eines PAF bevorzugt, wird hier enttäuscht sein, denn dazu wurde der OH-1 eindeutig nicht gebaut!

    Im Split-Mode ist der OH-1 Lichtjahre von jedem Strat-Pickup entfernt. Ein Spitze von 10dB entspricht einer Güte von 3. Für sich alleine klingt er schon sehr spitz und höhenlastig. Kombiniert man ihn mit dem OS-1, dann ergibt sich sogar eine Resonanz von 5,323kHz/12,8dB! "Sweet Home Alabama" wird diese Kombination mit Sicherheit nicht mit der erforderlichen Authentizität liefern können! Der näselnde Sound wird in etwa zu erreichen sein, da die Positionen der Tonabnehmer richtig sind, die Betonung bei so hohen Frequenzen wird jedoch insgesamt zu einem sehr dünnen Klangeindruck führen, der nur dadurch gemildert wird, daß durch die Zusammenschaltung der beiden Tonabnehmer ebenfalls ein Tiefpaßverhalten entsteht, was das Schlimmste verhindert.

    Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse wird klar, daß die Abstimmung der beiden Tonabnehmertypen nicht besonders gelungen ist, was zu Lasten der Position 2 (B||M) des Blade-Switch geht. Wer sich eine "Stratocaster" vorstellt, die um einen kräftigen Humbucker-Sound ergänzt wurde, wird von der STG-004 nicht so angetan sein. Eine entsprechende Bestätigung finden sich auch bei Harmony Central:

    Wer jedoch vor einer kleinen elektrischen Bastelei nicht zurückschreckt, der kauft sich einen Folienkondensator mit einer Kapazität von 330pF und einen Widerstand von 470kOhm. Beides wird dann parallel zum OH-1 geschaltet. Dann ist das Ergebnis:

    • 2,538kHz/5,8dB (Reihenschaltung)
    • 3,576kHz/8,7dB (Split)
    Damit rutsch der geteilte OH-1 klanglich in die Nähe des "American Series Strat" (3,59kHz/8,5dB) und der Humbucker-Mode gefällt durch seine nun eher mittige Performance.

    Der Onkel ist jedoch einen anderen Weg gegangen. Zufällig fand sich noch ein alter Protomatic-V-Humbucker in seiner Kiste (Ja, die Teile, die auch in den legendären Cardinals von Aria aus den 80ern verwendet werden). Er paßt als Single gut zu den OS-1 und als Humbucker bläst er mit einer gewaltigen PAF-Performance alles von den Stühlen. Bei diesem Schritt ist es jedoch nicht geblieben, denn da ist noch viel mehr in der Onkel-Kiste. Aber davon erzählt der Onkel beim nächsten Mal.

    (Weiter im nächsten Beitrag)
     
  2. DerOnkel

    DerOnkel Threadersteller HCA Elektronik Saiteninstrumente HCA

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    Erstellt: 22.07.08   #2
    Fazit

    Für einen Neupreis von 125 Euro erhält man mit der STG-004 von Aria jede Menge Gitarre. Man kann durchaus von einer guten Verarbeitungsqualität des Instrumentes sprechen, obgleich dieser Eindruck allerdings etwas getrübt wird.

    1. Der schlecht gearbeitete Sattel mag eine bedauerliche Ausnahme sein, der falsch positionierte String-Tree für die e- und h-Saite ist jedoch ein eindeutiger Konstruktionsfehler, den Aria umgehend beseitigen sollte. Gerade diese beiden Mängel können schnell dazu führen, daß ein Anfänger verzweifelt und die Lust am Erlernen des Instrumentes verliert!
    2. Die unschönen Befestigung des Federblechs sowie die schlecht gearbeitete Halstasche zeigen deutliche Mängel in der Produktion und Lücken in der Qualitätssicherung. So etwas sollte auch bei einem Instrument für 125 Euro nicht passieren!
    3. Die Beschichtung der Mechaniken zeigt bereits nach einem Jahr erste Alterungserscheinungen. Wie sie im nächsten Jahr aussehen, bleibt abzuwarten. Ein langes Leben werden sie wohl nicht haben. Das sollte eigentlich nicht sein, denn ein Ersatz wird mit 25 bis 30 Euro zu Buche schlagen. Geht man von einem Abschreibungszeitraum von 8 Jahren aus, dann entspräche das 25% des Zeitwertes des Instrumentes.
    Hier wäre eine bessere Qualitätskontrolle seitens Hersteller und Händler sicherlich angebracht. Als Käufer sollte man gerade den ersten beiden Punkten besondere Aufmerksamkeit widmen!

    Die Abstimmung der Tonabnehmer ist für eine Rock-Strat nicht besonders gelungen. Ein etwas "mittigerer" Humbucker mit einer Resonanzfrequenz von ca. 2,5kHz unter Belastung würde dem Instrument deutlich besser zu Gesicht stehen. Daß man dazu keinen anderen Tonabnehmer, sondern nur einen Kondensator und einen Widerstand für ein paar Cent benötigt, wurde bereits erwähnt.

    Wer eine gute Kopie der "Stratocaster" für kleines Geld sucht, der wird mit einer STG eigentlich sehr gut bedient. Erstaunlich, was man für diesen Preis alles bekommt. Daß man bei einem so billigen Instrument immer noch etwas verbessern kann, liegt in der Natur der Sache, denn viele Dinge die gut und nützlich sind, sind einfach dem Preisdruck zum Opfer gefallen.

    Glücklicherweise gilt das nicht für den Hals und den Korpus und so kann die STG eine gute Basis für weitere Verbesserungen sein. Schon eine einfache Modifikation an der Elektronik kann durchschlagende Wirkung haben. Wer jedoch mit dem Gedanken spielt, hier neue Tonabnehmer einzusetzten, der sollte vorher gut rechnen. Für ein neues Set sind leicht 200 Euro fällig. Damit steigt der theoretische Wert des Instrumentes zwar auf 325 Euro an, jedoch kann man davon ausgehen, daß man für diesen Preis ein wesentlich besseres Instrument kaufen kann, da die Hersteller die Tonabnehmer natürlich deutlich günstiger beziehen.

    Der Onkel hat den Protomatic-V natürlich für "'n Appel und 'n Ei" in der Bucht geschossen. Damit hat die Aria STG-004 den ersten Schritt zur STG-004 Special gemacht.

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    Bild 14: Die STG-004 SBL mit einem Protomatic-V

    Sehen wir uns zum Schluß die Kostenstruktur meines Schnäppchens an:

    1. 75,00 Euro (Aria STG-004 SBL und Versand)
    2. 10,00 Euro (Setup)
    3. 10,00 Euro (Vibratohebel)
    4. 13,70 Euro (Protomatic-V)
    Insgesamt kommen also 108,70 Euro zusammen. Wenn man bedenkt, daß das mangelhafte Setup und der fehlende Vibratohebel bei einem Neukauf zu Lasten des Händlers gegangen wäre, dann sind 95 Euro nicht wirklich ein Schnäppchen. Bei einem Neukauf hätte man ebenfalls noch die Garantie, was angesichts der Mechaniken durchaus von Bedeutung werden könnte.

    Relativ betrachtet hat der Onkel jedoch eine Einsparung von 24% erreicht! Man sieht, daß es eben nur darauf ankommt, wie man rechnet! ;)

    (Eine aktuelle und vollständige Version dieses Beitrages ist in der Knowledgebase der Guitar-Letter zu finden.)

    Ulf
     
  3. malmsteenfan93

    malmsteenfan93 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.12.10   #3
    Hallo,

    ich habe diese Gitarre ebenfalls, bin mit ihr sehr zufrieden.:great: Habe sie dennoch modifizieren lassen (scallopen des Griffbretts).
    Jetzt will ich aber noch eine weitere Modifikation durchführen (neue Elektronik und bessere Mechaniken). Für neue Mechaniken müsste ich nur wissen, wie groß die Mechanikenlöcher sind - im Internet habe ich bisher dazu keine Infos gefunden. Weißt du die Größer der Löcher, oder wie ich die Größe einfach bestimmen kann? (wenn möglich irgendwie ohne Herausbauen der Mechaniken, da ich die Modifikation nicht selbst machen werde, sondern von einem Gitarrenbauer durchführen lassen will)

    Mfg Lars
     
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