Darkest Horizon / The Grand Continuum / 2014

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Ich wollte zu diesem Werk der deutschen Band Darkest Horizon eigentlich schon länger ein Review erstellen, bin bisher aber leider noch nicht dazugekommen. Tut nichts, denn so kann ich zudem auch noch auf den Faktor "Abnutzungserscheinung" eingehen.

Zuerst einmal kurz zur Band: Darkest Horizon dürfte nicht jedem ein Begriff sein. Im Jahr 2010 haben die sechs Musiker aus Rodgau bei Darmstadt die Band Darkest Horizon gegründet mit dem Ziel, den Hörer in ein "massives, zeitloses, dunkles, aber dennoch wunderschönes Universum eintauchen zu lassen" (Facebook-Band-Page: "Darkest Horizon will immerse you into a massive, timeless, dark and yet beautiful universe"). Gerade an dieser Beschreibung sieht man schon deutlich, welch mächtiges Joch sich die Band auferlegt hat, will sie dem Hörer doch Abwechlungsreichtum in verschiedenster Hinsicht bieten. Gerade dies macht es einem auch sehr schwer, das Genre der Jungs zu beschreiben. Einerseits deutlich mit symphonischen Klängen hinterlegt, wäre es jedoch vermessen, die Band mit klassischen Symphonic-Metal-Granden wie Nightwish, Within Tempation oder dem deutsch-norwegischen Export Leaves' Eyes zu vergleichen. Dies liegt nicht nur an dem simplen Fakt, dass die Band nicht das typische Symphonic-Metal-Klischee mit einer Frau an den Vocals bedient, sondern mit Aurelius Lie ein absoluter Derwisch dem geneigten Hörer seine Texte entgegenbrüllt. Nein, auch die Tatsache, dass sich einem bei mehrmaligem Hören so viel mehr als reiner Power-Metal gepaart mit Synthie-Klängen oder "Filmmusik auf hart gemacht" erschließt, deutet darauf hin, dass Darkest Horizon nicht eindeutig einem Subgenre des Metal zuzuordnen ist. Ganz deutlich wird der Hörer sehr viel Folk-Anteile und eine gewisse Nähe zu Bands wie Ensiferum in der Musik von Darkest Horizon heraushören. An dieser Stelle sei jedoch schon erwähnt, dass die Band es ganz klar schafft, nicht als billiger Abklatsch einer der bekannten Folk-Metal-Bands rüberzukommen! Dazu ist der Unterschied dann eindeutig doch zu groß und die Musik zu mannigfaltig.
Wie viele verschiedene Genres man für sich persönlich in der Musik von Darkest Horizon entdeckt, soll jeder Hörer für sich selbst entscheiden. Gerade, weil die Genre-Diskussion im Metal ja immer sehr hitzig geführt wird und die Grenzen zwischen den einzelnen Subgenres oft fließend sind, will ich hier auch nicht weiter darauf eingehen.

Zu der Band (Mitglieder etc.) will ich jetzt nichts weiter schreiben, das kann man alles bestens auf der Homepage oder ihrer Facebookseite nachlesen.

Nachdem Darkest Horizon im Jahr 2011 mit "Shattered Skies" und in 2013 mit "Scattered Worlds" ihre ersten EPs auf den Markt brachten, folgte nun im Jahr 2014 das erste vollständige Album "The Grand Continuum". Durch Zufall habe ich dieses beim Stöbern nach neuer Musik auf Amazon entdeckt. Zuerst wollte ich schon weiterklicken, da der Name "Darkest Horizon" mich zugegebenermaßen nicht wirklich geflasht hat. Heutzutage klingen doch die Namen der Metal-Bands alle irgendwie gleich... bin ich froh, dass ich mich nicht vom Äußeren habe leiten lassen! Letztlich ist der Name einer Band ja eh relativ egal, wenn die Musik gut ist. Nachdem also der kurze 30 sekündige Teaser von "A Thousand Dreams" auf Amazon nicht ganz schlecht klang und ich an dem Abend nicht mehr viel zu tun hatte, habe ich auf Youtube mal vollständig in das Lied reingehört und war direkt begeistert. Da ich keine CD zum Kauf finden konnte und das Album nur als mp3-Download zur Verfügung stand, bin ich direkt auf den Download gegangen und habe an diesem Abend "A Thousand Dreams" halb tot gehört.

So, nun gibt es ja zwei Arten von Alben:
1) Alben, zu denen man nur sehr schwer Zugang findet und die sich einem entweder nach und nach erschließen oder welche man schließlich beiseite legt
2) Alben, die so eingängig sind, dass man sie nach kürzester Zeit schon totgehört hat

Ich habe einen solch schnellen Zugang zu dem Album gefunden, dass ich wirklich Angst hatte, dass "The Grand Continuum" zur zweiten Gruppe gehört und ich nach dem Kauf im Juli spätestens im August das Interesse an der Langrille verlieren würde. Wenn ich daran zurückdenke, kann ich nur lachen, da sich dies in keinster Weise bewahrheitet hat. In Anbetracht der Tatsache, dass ich dies auch 2012 von Sybreeds "God is an Automaton" behauptet habe und bereits viele Alben von tollen Metal-Bands gekauft habe, die teilweise unfassbares Potenzial hatten, mag dies bei einer Newcomer-Band vermessen klingen. Da ich das Album jedoch seit dem Kauf auch aktuell immer noch mindestens einmal täglich höre, sollte die Behauptung, dass es vermessen klingt, damit obsolet werden. Das hat, seitdem ich Metal höre (ca. 2002) noch kein anderes Album geschafft, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.
So, nun aber Butter bei die Fische und ab zum Album:

Meiner Ansicht nach kann man sowohl Intro als auch Outro getrost weglassen. Mag hart klingen, die Jungs haben sich ja auch mit den beiden Songs Mühe gegeben. Das hat auch gar nichts damit zu tun, dass es schlechte Songs wären, sondern ist persönliche Ansicht. Ich überspringe bei 99% aller Alben die Intros und Outros, weil es für mich einfach nur eine künstliche Verlängerung der Spielzeit ist, die es nicht braucht. Mag, gerade bei Konzeptalben, dann eine runde Sache ergeben. Mich persönlich nervt sowas aber, weil es in den meisten Fällen auch mit der eigentlichen Musik nichts zu tun hat, sondern immer eine Art Filmmusik oder klassische Musik ist. Brauche ich nicht, auch wenn die beiden Songs "Continuum" und "Eternum" sicher gut gemacht und schön pompös sind. Der Vorteil bei diesem Album ist auch, dass es sich bei beiden Songs nicht um ein ausuferndes Epos von jeweils 10 Minuten handelt, bei dem man schon einschläft und gar keine Lust mehr auf den Rest des Albums hat. Beide Lieder sind kurz gehalten und können, wenn man das Album als eines hören will, auch ohne Probleme dazugenommen werden. Aus den oben genannten Gründen lasse ich diese Lieder jetzt aber mal außen vor, was eine Wertung betrifft.

Track 2 "A Universe Reborn" hingegen zeigt dem Hörer direkt, wohin es geht in den folgenden knapp 45 Minuten (ohne Outro). Eines der schnellsten und brachialsten, dafür weniger melodiösen Lieder. Wenn man so will, der Nackenbrecher gleich zu Beginn, der mehr durch Härte und Geradlinigkeit, als durch Ohrwurmcharakter glänzt. Ein tolles Stück zu Beginn, doch definitiv nicht einer meiner Favoriten auf dem Album. Mit "A Thousand Dreams" kommt dann direkt im Anschluss einer dieser Favoriten. Als zweitlängster Track erinnert er mich vom Aufbau her immer etwas an Machine Heads "A Farewell to Arms". Ruhig am Anfang, wird immer heftiger, dennoch leicht vertrackt, man entdeckt bei jedem Hören ein neues Schmankerl. Auch von den Lyrics her ein sehr faszinierender Track, der für mich sowohl instrumental als auch von den Vocals her in der Strophe "Nature is suffering from the aftermath of war" gipfelt. Kurz davor ein eher ruhiger Teil, danach ein feines Solo und dann explodiert der Song mit diesem Part, da bekomme ich jedesmal eine Gänsehaut. Insgesamt aber wieder ein Song, den man zwar immer wieder hören will, der jedoch auch noch nicht mit einer Ohrwurm-Melodie aufwartet. Wahrscheinlich macht gerade dieses Paradoxon ihn so spannend. Doch der Ohrwurm lässt dann nicht lange auf sich warten. "Utopia" hat eine unfassbar schöne Hookline im Refrain, die einen geradezu dazu zwingt, das Lied wieder und wieder zu hören. Gerade dieses Lied erinnert sehr stark an Ensiferum, ohne jedoch langweilig zu wirken. Definitiv ein Highlight der CD. Mit "Singularity Omega" wartet dann im Anschluss der zweite Nackenbrecher nach "Universe Reborn" auf. Gerade die Strophen und Bridges zeigen dann hier doch deutlich, wieso es sich nicht um reinen Symphonic-Metal handelt und auch Folk-Metal nicht genug ist. Blast-Beats und halsbrecherisch schnelle Doublebass-Passagen knüppeln einem martialisch ins Gesicht und entfalten eine weitere Facette dieser Band: den Death-Metal. Wenn über das gesamte Album doch eher im Hintergrund gehalten, macht vielleicht gerade dies das Album so vielschichtig, da nicht ein Genre komplett überwiegt, sondern eine gekonnte Mischung der vielen Genres für Abwechslung pur und damit für lange Wertigkeit sorgt. "Evolution's Downfall" schließlich ist es das erste Lied, das ich wirklich in Dauerschleife gehört habe. Ich würde es ja gerne als DAS Lied auf der CD hinstellen, aber da kommt leider noch ein weiteres, was diesen Titel doch noch etwas in Grund und Boden hämmert. Ändert nichts, Tatsache ist, dass besonders die Melodie im Refrain einem so unfassbar im Ohr bleibt, dass man den CD-Player am liebsten direkt auf Repeat stellt. Achja, bevor ichs vergesse: auch das Ende des Liedes im vom Allerfeinsten. Der Song explodiert und Sänger Aurelius Lie bricht mit den letzten Zeilen Text so ganz aus dem Gesangsmuster davor aus, was einfach nur perfekt passt! Zum Niederknien! Ganz passend eigentlich, dass der folgende Track "The Hourglass" einen wieder ein Bisschen auf den Boden runterholt. Ich finde es eh immer ganz gut, wenn nicht alle Lieder auf einem Album durchgehend Topformat haben, da sich bei mir dann so keine einzelnen Tracks als Favoriten herauskristallisieren. So bleibt ein Album immer eines, das ich gerne durchhöre, aber nicht wegen einzelner Songs gerne auch mal wieder aus dem Regal hole. Und so versanden Alben bei mir dann auch gerne mal... "The Hourglass" ist in meinen Augen eher ein Lückenfüller. Beileibe kein schlechtes Lied, vielleicht leidet es auch nur etwas darunter, dass die anderen Lieder so grandios sind. Vergleicht das mal mit Fußball: Xherdan Shaqiri ist eigentlich ein super Fußballer, hat aber mit Ribery oder Götze immer Spieler vor sich, die halt noch einen Tick besser sind, weswegen sein eigentlich vorhandenes Können nicht so zur Geltung kommt. Achja, bevor ichs vergesse: das Leid hat ein tolles, kurzes Piano-Solo und wartet (Achtung, wieder mal die Genrediskussion) mit weiteren Anleihen eines Genres auf: Elektro. Ganz dezent, dennoch nicht überhörbar. Nunja und dann kommen wir zum Abschluss zu meinem haushohen Favoriten. Eigentlich dürfte ich über "Interdimensional" nichts schreiben, denn wie heißt es so schön? "Words cannot describe..." Und so ist es wirklich. Eigentlich habe ich diesen Song erst recht spät entdeckt, lange nach "A Thousand Dreams" und "Evolution's Downfall". Aber seitdem ist das mein Einschlaf-Song jeden Abend. Bevor ich diesen Song nicht bis zur letzten Sekunde gehört habe, mache ich die Augen nicht zu.
Episch, bombastisch, knallhart, vertrackt, unfassbar... nicht einmal mit diesen Adjektiven kann man diesen Song in Worte fassen. Auch nach mehreren Monaten hören habe ich immer noch nicht die kompletten Songstrukturen erfasst, da der Song (gerade auch durch seine Länge von fast 11 Minuten) schon sehr vertrackt ist. Umso höher ist der Song zu bewerten, da solche Songs bei mir eigentlich recht schnell in die Tonne wandern. Bestes Beispiel: die andorranische Band Persefone. Eigentlich eine tolle Band, technisch unfassbar talentiert. Aber das Album "Spiritual Migration" ist mir viel zu verfrickelt. Da sind Songs, wo es nach 10 Minuten keinen ersichtlichen Refrain gab und wahrscheinlich im gesamten Song keine einzige Note zweimal gespielt wurde. So schlimm ist es hier natürlich nicht, dennoch wimmelt der Song vor Strophe, Bridges und Refrain. Dazu noch ein ruhiger Teil in der Mitte, nach welchem der Song dann erst richtig explodiert. Am genialsten ist bei diesem Song jedoch die Melodie des Refrains gepaart mit dem darüber liegenden Gesang. Diese Parts des Liedes sind so wunderschön, ich könnte darin Baden, wenn das ginge. Wenn ich vorher bei "Evolution's Downfall" schon gesagt habe, dass es zum Niederknien ist, dann ist dieser Song zum Niederlegen! Nicht nur mein Song 2014, für mich ist dies der beste Song des bisherigen Jahrtausends!
Ach und bevor ich es vergesse: auch die Produktion des Albums ist einfach nur allererste Sahne! Nicht so glattgebügelt, wie man es von den heutigen Metalcorebands kennt und wo man sich bei jeder neuen Band denkt "hey, das Kenn ich doch irgendwoher? Achso, genauso klingt ja auch schon Band xyz...". Der Sound ist fett, jedoch irgendwie anders, als man ihn momentan so aus der Metalszene kennt. Besonders gefällt mir als Drummer, wie die Bassdrum abgemischt ist, jedoch sind auch die fetten Gitarren nicht zu unterschätzen (man höre sich nur einmal das ultrafette Riff bei 0:33 im Song "Interdimensional" an. Da kackt jede andere Gitarre dagegen ab, seien es die "fette Gitarrenwand-Heroen" von Machine Head oder die mit ultratief und böse gestimmten Gitarren spielenden Jungs von Amon Amarth.

Nunja, um ehrlich zu sein, wollte ich der Band schon vorschlagen, kein weiteres Album zu produzieren, da sie an dieser Langrille nur scheitern können. Aber irgendwie habe ich ein solches Vertrauen in die Jungs (gerade, weil es Darkest Horizon erst ein paar Jahre gibt und die Band noch frisch und unverbraucht ist), dass ich mich jetzt schon auf ein neues Album freue. Da das Album ja erst dieses Jahr herausgekommen ist, dürfte dies noch etwas dauern. Das ist für mich aber kein Problem, denn mit "The Grand Continuum" habe ich ja ein Album, was mir die Zeit bis dahin versüßt. Und wenn das neue Album ähnlich genial wird, wie dieses hier, dann warte ich auch gerne so lange.

So, wer nun denkt: der wurde ja von der Band bezahlt, um ein gutes Review zu schreiben... falsch! Meine Ansprüche hinsichtlich guter Musik sind sehr hoch. Ich höre extrem viel Musik und besitze eine Sammlung von mehreren hundert Metal-Alben. Ich maße mir also an, insoweit differenzieren zu können, dass ich nicht ein mittelmäßiges Album zu stark hype. Auch die Tatsache, dass ich das Album seit mehr als 4 Monaten täglich höre, sollte zeigen, dass dieses Review auf neutraler Basis geschrieben wurde.

Anspieltipps (in Reihenfolge absteigender Wertigkeit):
1)
2)
3) und

Sollte ich noch Punkte vergeben müssen, wären es definitiv 10/10. Klar, jetzt denken viele: volle Punktzahl kann man doch nur geben, wenn es ein Album nach dem Motto "All Killer, no Fillers" ist. Doch die Songs, die hier hervorstechen, sind so bärenstark und machen die wenigen etwas abfallenden Songs sowas von wett, dass man einfach die höchste Punktzahl geben muss!

Weiter so, Jungs, ich verneige mich!
 
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