Gesangsregister

von dirk, 06.08.06.

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  1. dirk

    dirk Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 06.08.06   #1
    Anmerkung (by Vali): Die Themen "Stimmregister bei Männern und Frauen - klassische Definition" von 2006 und "Physiologische Gesangsregister" von 2009 wurden zusammengeführt.

    Klassische Definition

    Einleiting (by antipasti): Im Folgenden die klassischen Definitionen der Register. Bitte lasst Euch nicht verwirren, wenn Euch beim Gesangsunterricht oder auch bei Diskussionen abweichende Definitionen unterkommen. So ist beispielsweise für einige Falsett und Kopfstimme das gleiche, für andere nicht. Eine wirklich auf alle Gesangstile, Lehrmethoden und Genres anwendbare Definition ist nicht möglich. Ende der Einleitung.

    Die Singstimme lässt sich in sog. Register unterteilen. Dabei sind Geschlechtsunterschiede unerheblich. Der physiologische Unterschied besteht nur in der Größe des Kehlkopfes und damit der Länge der Stimmbänder. Die Register liegen bei beiden Geschlechtern auf derselben Tonhöhe, also nicht bei Frauen eine Oktave höher!

    In der Pubertät wächst der kindliche zum erwachsenen Körper heran. So wie andere Körperteile (jeweils zu ihrer Zeit) überraschend schnell fast zu ihrer endgültigen Größe wachsen, wächst auch der Kehlkopf relativ schnell, bei Mädchen wie bei Jungs. Das Kehlkopfwachstum hört bei Mädchen allerdings (hormonell gesteuert) früher auf, so daß es zwar zu einer Veränderung der weiblichen Stimme führt, diese ist jedoch (im Regelfall) nicht so ausgeprägt wie bei den (meisten) Jungs, die den Stimmbruch erleben. Dabei lassen sich die Muskeln im Kehlkopf anfangs wegen "mangelnder Übung" noch nicht kontrollieren und die Stimme kickst. Dieses Phänomen lässt sich auch bei schnell und hoch wachsenden Jugendlichen erleben, die sich schlacksig, unkontrolliert bewegen.

    Für die Stimme bedeutet dies, daß die Register bei beiden Geschlechtern existieren. Eine Unterteilung lässt sich nach der vorherrschenden "Zwei - Register - Theorie" wie folgt vornehmen:

    1. die Bruststimme, das Brustregister
    Dabei schwingen die Stimmbänder im Luftstrom vollständig, und es entsteht wegen der vergleichsweise großen Masse ein kräftiger Klang. Der Stimmbandmuskel übernimmt die Tonregulierung. Man merkt dabei Vibrationen in der Brust. Daher der Name Bruststimme.

    2. das Falsett
    Werden die Stimmbänder überblasen, wie man es bei einer Flöte tun kann, entsteht das Falsett (falso (ital.) = falsch). Bei gleichem Luftstrom entspannen sich die Stimmbänder und es entsteht ein zusätzlicher "Schwingungsknoten". Die Stimme klingt dadurch eine Oktave höher und verändert ihren Klangcharakter. Die Tonregulierung erfolgt durch die äußere Kehlkopfmuskulatur, die die Stimmbänder streckt.

    Die Männerstimme klingt wie eine Frauenstimme. Der schnelle Wechsel zwischen Voll- und Falsettstimme ist das Jodeln. (Den zusätzlichen Schwingungsknoten erzeugt man bei den Saiteninstrumenten mit dem Finger = Flageolett.)

    (3.) die Kopfstimme, das Kopfregister

    ist streng genommen kein eigenes Register. Sie wird aber vor allem von Männern als eigenes Register empfunden, weil sie sich deutlich von reiner Brust- und reiner Falsettstimme unterscheidet. Sie ist die gesunde Gesangsstimme, die eine Mischung aus Falsett und Brustregister darstellt. Mit der reinen Bruststimme läßt sich kein für Musik erforderlicher Stimmumfang erreichen. Außerdem ist die Belastung für den Stimmband - Muskel (musculus vocalis) selbst sehr groß. So hört ein Teil der Stimmbänder auf mitzuschwingen, wenn wir höher singen, weil der Vocalis-Muskel nicht stark genug ist, die nötige Spannung aufzubringen. Es schwingt nur noch ein Teil der Stimmbänder, die Stimmlippen. Das sind die sog. Randschwingungen. Die Muskulatur außerhalb des Kehlkopfes übernimmt einen Teil der Arbeit. Diese Töne spüren wir im Kopf, daher Kopfstimme.

    Der Begriff Mischstimme ist unterschiedlich belegt. Die frz. Voix mixte, gemischte Stimme, bedeutet (grob gesagt) Luft in die Stimme zu mischen.
    Man kann die reine Bruststimme, mit der man spricht, kaum für den Gesang gebrauchen. Das Vermischen der Bruststimme mit dem leichten Singen der Kopfstimme, läßt sich durchaus als Mischstimme bezeichnen, ist jedoch kein eigenes "Register".

    Es bedeutet für den lernenden Sänger wie für den Gesangslehrer u.U. eine große Schwierigkeit, die empfundene und die gehörte Stimme einander zuzuordnen. Den Bruch zwischen Brust- und Kopfstimme empfinden wir meistens deutlicher als er sich anhört.

    Trotzdem ist es Ziel einer klassischen Gesangsausbildung (Belcanto), den Übergang (Passagio) zwischen den Registern unhörbar und unmerkbar zumachen, indem dem Falsett ein Bruststimm-Anteil und der Bruststimme ein Falsett-Anteil beigemischt wird.

    Im Pop-, Rock- und Musicalgesang wird statt der klassischen Technik das Belting bevorzugt. Dabei wird aber nicht die Bruststimme nach oben gezogen, wie wegen des härteren Klanges gelegentlich vermutet wird, sondern man verzichtet auf die Gähnstellung im Rachen (und einige andere Details), die den Ton, dem klassischen Stimmideal entsprechend, runder und weicher macht. Insbesondere ist eine besondere Vokal - Behandlung nötig.
     
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  2. Foxx

    Foxx Pop/Rock-Gesang HFU

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    Erstellt: 18.08.09   #2
    Physiologische Gesangsregister


    I. Einleitung

    Die Einteilung von Gesangsregistern führt immer wieder - auch hier im Musikerboard - zu erheblicher Verwirrung und Missverständnissen, wenn verschiedene Personen unterschiedliche Auffassungen davon haben, wie die Register voneinander abzugrenzen sind.

    Ursache dafür ist, dass die ursprünglichen und vor allem in der Klassik verbreiteten Register phänomenologisch definiert wurden bzw. werden, d.h. man ordnet einheitliche Klänge dem jeweils gleichen Register zu. Dies führt allerdings dazu, dass verschiedene Hörer jeweils subjektive Einteilungen vornehmen und darüber hinaus für Männer und Frauen unterschiedliche Register bestimmt werden.

    Geht man physiologisch an die Sache heran, lassen sich viele Missverständnisse vermeiden.


    II. Die grundlegenden Funktionsmodi der Stimmlippen

    Bei physiologischer/ funktionaler Registereinteilung legt man die medizinisch feststellbaren Funktionsweisen der Stimmlippen zugrunde. Dabei lassen sich im Wesentlichen zwei verschiedene Modi unterscheiden, die Vollstimmfunktion und die Randstimmfunktion. Physiologisch betrachtet gibt es demnach zwei Register.

    1. Die Vollstimme (auch: Modalstimme, Bruststimme)

    In diesem Modus schwingen die ganzen Stimmlippen mit einer verhältnismäßig großen Amplitude. Dieser Modus deckt den unteren Bereich des Stimmumfangs ab.

    2. Die Randstimme (auch: Falsettstimme, landläufig Kopfstimme)

    In der Randstimmfunktion schwingen nicht mehr die gesamten Stimmlippen, sondern - wie der Name bereits andeutet - nur noch die Randschichten. Hierzu muss man wissen, dass die eigentlichen Stimmlippen (der Vocalismuskel) von einer Schleimhaut, dem Stimmlippenepithel umgeben sind. In der Falsettfunktion wird der Vocalismuskel von der äußeren Kehlkopfmuskulatur gespannt und zu Haltezwecken umfunktioniert, so dass nur noch die Schleimhautränder schwingen. Die dabei entstehende Amplitude ist klein, die Schwingungsfrequenz hoch, so dass hier der obere Bereich des Stimmumfangs abgedeckt wird.


    Neben diesen beiden Grundfunktionen lassen sich außerdem - je nach Veranlagung der jeweiligen Person - eine Strohbass- (eher beim Mann) und eine Pfeiffunktion (eher bei der Frau) feststellen. Allerdings handelt es sich hierbei um Extremmodi, über die nicht jeder verfügt. Der Strohbass ist im Grunde der Vollstimme zuzuordnen, da die kompletten Stimmlippen an der Schwingung beteiligt sind, allerdings wird der Klang durch Untertöne (Subharmonische) dominiert, was sich in einem knarrenden oder knackenden Geräusch äußert.
    Im Pfeifregister hingegen kommt es nicht zu einer Schwingung der Stimmlippen oder deren Ränder. Die Stimmbänder sind bis auf einen kleinen Spalt geöffnet, das Pfeifen entsteht wenn Luft durch diesen Spalt bläst. Im Pfeifmodus ist Artikulation nur sehr begrenzt möglich.


    III. Die Rolle der Resonanzräume

    Einer der Hauptgründe dafür, dass die klassische Registereinteilung nach dem Klang sich nicht immer mit der physiologischen deckt, liegt darin, dass die zum Singen verwendeten Resonanzräume Brust und Kopf einen starken Einfluss auf den Klangcharakter der Stimme haben. Naturgemäß resonieren tiefe Töne tendenziell in der Brust, hohe Töne tendenziell im Kopf. Allerdings fällt die Resonanzraumnutzung nicht 1:1 mit den Stimmfunktionen zusammen. Man kann in der Vollstimme singen und dabei den Kopf als Hauptresonanzraum nutzen und umgekehrt die Randstimme mit Brustresonanz "erden".

    Oft wird in der klassischen Registereinteilung der obere, mit Kopfresonanz gesungene Bereich der männlichen Vollstimme als Kopfstimme bezeichnet und diese vom darüber liegenden Falsett abgegrenzt. Dies ist die häufigste Quelle der Verwirrung. Zudem entsteht dadurch eine Uneinheitlichkeit, da bei Frauen auch in der Klassik das als Kopfstimme bezeichnete Register der Randstimmfunktion entspricht.

    Ebenso verwirrend kann sein, dass der untere Bereich der weiblichen Randstimme, wenn Brustresonanz beigemischt wird, in der Klassik manchmal als die weibliche Bruststimme bezeichnet wird.

    Zudem wird das männliche Falsett oft der weiblichen Pfeifstimme entgegengestellt, was physiologisch nicht korrekt ist. Es gibt auch Männer, die über ein Pfeifregister verfügen.


    IV. Männlein und Weiblein

    Unabhängig davon, dass es natürlich immer Ausnahmen von der Regel gibt, lassen sich bei Männern und Frauen tendenziell bevorzugte Registrierungen erkennen:

    Männer singen selten im reinen Falsett, sondern nutzen meist ihre Vollstimme. Gut ausgebildete Sänger nutzen dabei in der Höhe aber ihre Kopfresonanz. Vor allem bei hohen Frauenstimmen hingegen ist die Randstimmfunktion die dominante.


    V. Mischstimme und Belting

    Physiologisch betrachtet, gibt es eine Mischstimme nicht, die Stimmlippen schwingen stets in einem der beiden Hauptmodi. Eine als Mischstimme wahrgenommene Registrierung entsteht durch den entsprechenden Einsatz der Resonanzen (sowie einer evtl. Verschiebung des Stimmsitzes und Vokalverengung), um entweder in der Randstimme den Klangcharakter der Vollstimme oder aber in der Vollstimme den Klangcharakter der Randstimme anzunähern.

    Belting funktioniert im Grunde sehr ähnlich wie die Mischstimme. Kennzeichnend für den Klangcharakter des Belting ist aber stets ein dominanter Anteil an Brustresonanz (im Gegensatz zur Klassik) und ein deutlicher Vordersitz, was für den scharfen Klangcharakter sorgt.
    Für Belting ist auch der Begriff Rufmodus gebräuchlich, da die meisten Menschen, wenn sie jemanden rufen (also einen durchsetzungsfähigen, harten Klang erzeugen) intuitiv in die fürs Belting typische Registrierung verfallen.


    VI. Physiologische Registrierung und die jeweils klassische Entsprechung

    Die folgende Tabelle ist ein Versuch einer groben Orientierungshilfe. Natürlich ist damit nicht jede mögliche Kombi abgedeckt. Zudem ist es nicht so, wie man anhand der Tabelle vermuten könnte, das man entweder mit Brust- oder mit Kopfresonanz singt, der Übergang ist stattdessen - zumindest bei entsprechender Technik - fließend. Hier soll jeweils der dominante Resonanzanteil gemeint sein.

    [​IMG]



    ***



    Vielen Dank an IcePrincess und Bell* für die Unterstützung beim Erstellen der FAQ! :)
     
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  3. Foxx

    Foxx Pop/Rock-Gesang HFU

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    Erstellt: 02.03.11   #3
    Im Folgenden ein paar Beispiele für sowohl schwer hörbare Registerübergänge als auch deutliche (teilweise als Stilmittel beabsichtigte) Brüche. Alle Beispiele sind Aufnahmen von Liveauftritten, damit nicht irgendwelche technischen Studiospielereien Einfluss auf den Klang haben. ;)
    Vielen Dank an moniaqua und Vali für die Hilfe beim Auswählen der Videos. :)

    bei weiblichen Stimmen:

    Frederica van Stade:

    www.youtube.com/watch?v=gA3yuwDq2H4

    --> vorwiegend Randstimme, wie in der Klassik für Sopranistinnen üblich

    --> die Stelle um 1.45 rum beinhaltet einen quasi unhörbaren Passagio: das "gelo e poi sento l'alma avvampar" geht vom es'' auf "sen-" zum c' auf "-par" runter, die letzten beiden Silben sind dabei in der Vollstimme gesungen

    *

    Whitney Houston:

    www.youtube.com/watch?v=LWBC5Bd-krA

    --> die erste Strophe wechselnd zwischen Voll- und Randstimme (direkt zu Beginn auf "if", ebenso auf "should") mit kaum hörbarem Übergang, der erste Refrain quasi komplett in der Randstimme (!)

    --> der nächsten Refrains hingegen im Belt, weswegen dann bei Registerwechseln ein Bruch hörbar wird (z.B. bei 2:24 min, 2:46 min oder 3:57 min)

    *

    Lacuna Coil:

    www.youtube.com/watch?v=IXC0CKUgOAA

    --> regelmäßige Registerwechsel über das ganze Lied hinweg, alle kaum hörbar

    --> schöne Beispiele sind die Stellen 0:46min ("something in your eyes", von Rand- auf Vollstimme), 0:57min ("your hand, I'll cover it" von Voll- auf Randstimme) oder ab 1:25min ("your touch, you're here", beide Male von Voll- auf Randstimme)

    *

    Kelly Clarkson:

    www.youtube.com/watch?v=5XgGXdYChLw

    --> der meist recht brustige Belt in der Höhe bedingt auch bei ihr immer sehr deutlich hörbare Klangunterschiede zwischen den Registern, Übergänge von der Voll- in die Randstimme z.B. bei 1:10min (gleich wieder zurück) und 1:13min (dann bis Ende der Phrase)

    --> im Vergleich zu dieser Stelle kann man ab 2:08 die gleiche Zeile in der Vollstimme gebeltet hören


    ***

    bei männlichen Stimmen:

    Adoro:

    www.youtube.com/watch?v=eNBH4fWbKVM

    --> ab 0:24 min: mehrfacher, kaum hörbarer Übergang von sehr kopfiger, leichter Vollstimme (bis ca. "... irgendwo die Zukunft") in die Randstimme ("Ich warte nicht mehr lang")

    --> ab 0:42 min: sehr kopfige Vollstimme, das starke Vibrato auf "Nacht" deutet außerdem auf viel Atemarbeit hin


    *

    Morten Harket (A-ha):

    www.youtube.com/watch?v=TczIebd2SO8

    --> generell sehr geschmeidige Registerwechsel über den ganzen Song hinweg, auch schon in den Strophen (beispielsweise bei "I don't know what I'm to say")

    --> besonders deutlich im Refrain ab 0:52min die bis nach oben mehrfach wechselnde Registrierung: "reine" Bruststimme (ergo Vollstimme, keine Kopfresonanz) bei "take", dann Vollstimme mit Kopfresonanz (Mix) und dann ab "be gone" (1:06min) in der Randstimme

    --> bei den letzten Refrains geht er später in die Randstimme, siehe ab 2:51min: er beltet hier auch die dritte Phrase ("I'll be gone") und wechselt nur beim "day" in die Randstimme

    *

    Justin Timberlake:

    www.youtube.com/watch?v=bWCrlrce35Q

    --> durchgehend sehr kopfig, Strophen in der Vollstimme, hörbarer aber moderater Wechsel in die Randstimme ab 1:52min, sehr weicher Wechsel von der Rand- in die Vollstimme jeweils im Refrain (beim zweiten "goes around")

    --> interessant auch ab 3:20min die sehr scharfe, twangige Randstimme (auf "tell me is this fair?")

    *

    Sasha:

    www.youtube.com/watch?v=GWTkEra-ME0

    --> brustiger Belt bis in die Höhe, daher ein sehr deutlicher Bruch zwischen Rand- und Vollstimme sowohl in den Strophen ("some things are certain", "some things feel strange" usw.) als auch dem hinteren Teil des Refrains ("About all the secrets you keep" etc.)
     
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