Es ging mir um das Mantra "Der Daumen muss immer in die Mitte" bezogen auf Hals und Greifhand, dass hier im Thread auch teils verbreitet wird ("Cellogriff"). Die vermeintlich geringe, nötige Kraft bzw. Anspannung ist bedingt durch die Anatomie unserer Hände eben nicht so.
Ja, genau so hatte ich dich verstanden und möchte da eben im Kontext dieses Themas widersprechen.
Wenn wir über Akkordgriffe reden, wo man über mehrere Bünde greift, ist es mMn nahezu
immer sinnvoll den Daumen mittig zu positionieren.
Deswegen hab ich den Screenshot aus dem Video gemacht, wo er eben zum einzigen Mal auch einen Akkord spielt und der Daumen eben auch exakt mittig gegenüber den anderen Fingern ist.
Und dann ist auch genau weniger Kraft und Anspannung nötig. Das ist einfach simple Physik
Ja, wenn wir über andere Techniken reden, gelten wieder andere "Mantras", aber das ist eben nicht das Problem auf dem dieser Thread basiert. Insofern empfand ich das Video schon als irreführend, wenn es anfangs großartig propagiert man solle nicht den Daumen gegenüber legen. Es beschäftigt sich eben mit einer ganz anderen Technik. Das war mir wichtig das anzumerken.
Es geht ja hier um 3-Finger Cowboyakkorde, die kein großes Hexenwerk sind.
Das sagst du so..
Ich kann dir aus jahrelanger Erfahrung als Gitarrenlehrer sagen, dass es da mehr als genug Leute gibt, die sich damit schwer tun. Sowohl sauber greifen, als auch gerade Akkordwechsel, insbesondere bei höherer Geschwindigkeit.
Eine grundlegende, komplette Änderung der Grifftechnik halte ich bei dem Problem für doch überzogen.
Das steht dir ja frei. Ich persönlich würde immer empfehlen seine Technik möglichst effizient und sauber zu gestalten und die Dinge, die wir empfohlen haben (Ellbogenposition, Winkel der Hand, Winkel der Finger, Position des Daumens etc) sind schon sehr grundlegende, elementare Dinge, die ich schon als ziemlichen Wechsel der Grifftechnik empfinde. Hin zum Positiven.
Die anderen Aussagen in meinem Post hast du ja garnicht kommentiert. Das interpretiere ich mal so, dass das Dämpfen mit dem Daumen eben doch so seine Vorteile hat(?).
Das empfinde ich nicht so. Gerade auf der akustischen Gitarre. Ich erkläre unten wieso. Auf der
E-Gitarre* ist das mMn etwas anders.
Natürlich kann das jeder so tun, wie er/sie möchte, aber ich dämpfe in 99% der Fälle mit den Fingern oder mit der rechten Hand und quasi nie mit dem Daumen.
Kommt aber auch ein wenig auf den Kontext an (nur offene Lagerfeuerakkorde gestrummt oder etwas mehr komplexe Stücke).
Hier die Erklärung, wieso ich wenig Probleme sehe nur die Saiten anzuschlagen, die man braucht und die anderen offen sein lassen:
Saiten fangen an mitzuschwingen wenn man sie nicht aktiv dämpft zB längere Zeit D-Dur strummt werden sich auch A und E Saite dazugesellen.
Die Aussage ist nur zu 50% korrekt:
Wenn du einen D-Akkord spielst und die tiefe E- und A-Saite nicht dämpfst, wird die A-Saite recht schnell mitschwingen, die E-Saite aber nicht.
Hier ist warum: Jede Saite hat bestimmte Frequenzen in denen sie schwingt und resoniert. Wir reden vom Grundton (=Name der Saite) und den Obertönen. Jeder Ton hat eine ganze Reihe von Obertönen. Dies ist ein komplexes System, aber lass uns zur Vereinfachung annehmen, dass die Obertöne grundsätzlich immer schwächer werden. D.h. der dritte Oberton ist im Normalfall stärker als der vierzehnte Oberton.
Wenn du jetzt einen D-Akkord spielst, wird auch die A-Saite mitschwingen, denn zum einen spielst du ohnehin schon ein A gegriffen auf der G-Saite, aber auch die beiden Ds, die du spielst (offene D-Saite + gegriffene H-Saite) regen die A-Saite an, weil direkt der zweite Oberton von D das A ist. Da ist also vergleichsweise viel Energie zum Anregen vorhanden.
Wichtig dabei: Du regst das A nicht auf dem Grundton der offenen A-Saite an, sondern in den höheren Oktaven. Insofern ist das D als offene Saite weiterhin der tiefste Ton und Grundton deines Akkords, du generierst einfach nur mehr Obertöne auf der A-Saite, dadurch, dass sie mitangeregt wird. Aber das sind alles passende Obertöne.
Im Normalfall klingt dadurch dein D-Akkord voller und lauter. Es ist also ein positiver Effekt.
Generell ergibt es in sehr vielen Fällen deswegen Sinn, offene Saiten einfach mitklingen zu lassen. Es wird den Sound eher angenehmer und voller machen.
(Einschub: Auf der
E-Gitarre* ist das oftmals eben gerade nicht erwünscht, weil zusätzliche Obertöne auch zusätzliche Verzerrungen bringen, sobald man verzerrt spielt. Deswegen dämpfen wir auf der
E-Gitarre* eher mehr ab, als auf der Akustischen. Aber bei der
E-Gitarre* haben wir auch andere Optionen, wie Hall-Effekte, Delay etc um ggfs den Sound voller zu machen. Das haben wir auf der Akustischen Gitarre im Normalfall nicht, weswegen offene Saiten und deren Obertöne eigentlich eher positiv sind. Es gibt sogar Instrumente, die zusätzliche Saiten als Resonanzsaiten (Aliquot-Saiten) haben, wie etwa die Viola d'amore, oder manche Pianos, für genau diesen Effekt)
Man muss dann natürlich aufpassen, wenn man den Akkord wechselt, dass dann nicht Saiten weiterklingen, die Töne haben, die nicht zum nachfolgenden Akkord gehören.
Oder in komplexeren Kontexten. Wenn du Bach o.ä. spielst, wirst du dir viel mehr Gedanken darüber machen, wann du welche Saiten dämpfen musst. Nette Komponisten schreiben sowas sogar manchmal in die Noten.
Hier ein Beispiel aus einem Duo-Stück, dass ich gerade übe (Dropped D-Saite):
Hier würde das tiefe D nicht in den A-Moll Akkord passen, entsprechend gibt Andrew York hier den Hinweis das abzudämpfen, damit es sauber klingt und keine Reibungen entstehen.
In dem Fall muss man das mit der rechten Hand machen, weil links alle Finger beschäftigt sind. Theoretisch könnte man auch hier den Daumen der linken Hand nehmen, das ist aber spieltechnisch in diesem Fall viel komplizierter, weil man direkt danach die Lage wechseln muss.
Kommen wir zurück zum D-Dur Akkord und zur E-Saite: Diese wird quasi nicht mitschwingen, wenn du D-Dur spielst, denn das E wird nirgendwo gegriffen und es ist der 8. Oberton von D, also sehr schwach. Es wird also nicht mitangeregt. Die "meiste" Anregung findet hier darüber statt, dass das gegriffene A auch das E als Oberton hat. Aber im Vergleich zur Anregung der A-Saite ist das komplett vernachlässigbar.
Du kannst das selbst auch total einfach austesten: Greif einen offenen D-Akkord, schlag einmal nur die hohen vier Saiten an und dann kannst du vorsichtig mit dem Zeigefinger der rechten Hand an die A-Saite gehen und du spürst sofort die Vibration (kann man sogar meist sehen). Aber wenn du an die E-Saite gehst, wirst du nahezu keine Vibration wahrnehmen, denn diese wird nahezu nicht angeregt.
Insofern: Dämpfen auf der akustischen Gitarre ist ein komplexes Thema, aber grundsätzlich ist es überhaupt kein Problem offene Saiten nicht abzudämpfen, denn wenn sie angeregt werden, dann sind das ohnehin Obertöne, die zum Akkord passen und das macht den Klang eher besser als schlechter. Aufpassen muss man in dem Moment wo man den Akkord wechselt. (Das war ja auch einer deiner Punkte und das ist auch absolut richtig)
Wenn man z.B. den Wechsel E --> D hat, dann klingt ja bei E die tiefe E-Saite mit und in dem Moment wo man wechselt sollte man sie dämpfen, damit sie nicht in den D-Akkord hineinklingt, denn das wäre sehr unpassend. Das kann man mit dem Daumen machen. Völlig legitime Spielweise. Deutlich eleganter empfinde ich es aber (auf Western- und E-Gitarre) das einfach mit dem Mittelfinger zu machen, wenn man den E-Akkord loslässt. Ich tippe da beim Loslassen minimal die E-Saite an und nehme sie aus dem Spiel. Aber Daumen funktioniert hier genauso gut und wer das präferiert kann das auch genauso gut machen. Das ist möglicherweise sogar die einfachere Variante für viele. Aber manchmal ist eben auch der Kontext wichtig (mein Notenbeispiel oben), so dass der Daumen eben manchmal nicht die beste Wahl ist