Improvisationsmethode "Targeting"

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Hallo Leute,

ist unter Euch jemand, der mir Näheres zum Thema "Targeting" als Methode der Jazz-Improvisation (bspw. Django Reinhardt) sagen und ggf. weiterführende Quellen nennen kann?

Vergleiche:
http://de.wikipedia.org/wiki/Inside-Outside-Improvisation

Mit Dank und Gruuuß,
Heiner
 
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Hagenwil
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Targeting ist eine Art und Weise wie man melodisch eine Zielnote erreicht, oder wie man eine solche mit anderen Noten umspielt.

Die Zielnote wäre dann die 'target note'
 
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Jau, danke - so steht es auch bei Wikipedia:

"Hierbei werden Zieltöne der zu beschreibenden Tonalität chromatisch angesteuert oder umspielend erreicht. Beispiel: C-Dur wird `targetiert´ durch gis-ges-g-eis-es-e-cis-ces-c Melodieverlauf. Zu hören ist diese Methode z. B. bei Django Reinhardt."

Ich habe nur angenommen, es gibt da noch mehr zu wissen - oder ist das Thema damit erschlagen?

Gruuuß,
Heiner
 
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Hagenwil
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Kann chromatisch sein, aber auch diatonisch, oder eine Mixtur aus diatonisch und chromatisch.

Da gibt es einiges mehr, aber Wissen ist das eigentlich nicht, sondern ist eine musikalische Fähigkeit.

Die theoretische Erklärung ist nur eine theoretische Erklärung, und auch da gäbe es noch einiges mehr zu sagen zum Thema 'targeting notes', z.B. die ganze Sache embellishment, approaches, double-chromatic approaches etc.

Du kannst dir das so Vorstellen. Im Jazz wird in der Theorie zwischen 'chord tones' und 'tensions' unterschieden. Wenn man dieses Prinzip auf Melodie überträgt, ein Solo ist ja auch nichts anderes als eine Melodie, dann gibt es eine Vielzahl verschiedenster melodischer Linearitäten wie man von Note zu Note kommt, und viele von diesen linearen Movements haben einen Namen. Die 'target note' ist nur der Name des Zieltons.
 
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Hagenwil
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In einem vollen Tredezime-Akkord sind dann natürlich alle Tone 'chord tones'
 
haiiiner
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Aha, das meine ich. Kannst Du mir ein Buch empfehlen, in dem ich das ausführlich und einigermaßen verständlich nachlesen kann?

Gruuuß
Heiner
 
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Die ganze Thematik ist wohl eher im Stoff von Musikhochschul-Curricula zu finden. Ich kenn keine kommerziell erhältlichen Bücher in welchen professionelles Wissen drin steht zu diesem Thema. So ganz richtig ist das aber nicht, ich hab die ganzen Curricula diverser Jazz Ausbildungsstätten in Buchform, da steht das dann schon drin.
 
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Hagenwil
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mir kommt in den Sinn, dass ich mal einen ausführlichen Thread schrieb zu diesem Themea im Titel sind wohl die Wörter 'melodische Analyse' 'approach' 'double chromatic'
 
haiiiner
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Ok, das geht in die richtige Richtung, danke Dir!

Der erste und der letzte Link sind übrigens funktionsuntüchtig.

Gute Grüße,
Heiner
 
CUDO II
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ist unter Euch jemand, der mir Näheres zum Thema "Targeting" als Methode der Jazz-Improvisation (bspw. Django Reinhardt) sagen und ggf. weiterführende Quellen nennen kann?

Hi,
Hagenwil hat ja schon einiges zu Thema gesagt.

Hier nun ein Überblick über die Möglichkeiten eine Annäherung zu platzieren.

Zielton sind meist 1, 3, und 5 eines beliebigen Akkordes. Septime und Tensions kommen nicht so häufig als Zielton vor, da sie nicht die Stabilität von 1, 3 und 5 besitzen.

Der Zielton kann sowohl von oben als auch von unten schrittweise (=Sekundschritt) angesteuert werden.
In der Regel wird er von oben diatonisch, das heißt durch den darüberliegenden leitereigenen Ton der momentanen Chordscale, angesteuert und von unten chromatisch.

Beispiel in C Dur: Akkord ist z.B. V7/II, also A7b9. Die momentane Chordscale ist somit HM5. Akkordtöne die angesteuert werden sind a, c# und e.
Die Approaches (Annäherungstöne) von oben sind also leitereigen, d.h. in unserem Fallbeispiel, der Ton a wird durch den Ton bb, der Ton c# durch den Ton d und der Ton e durch den Ton f angesteuert.
Bemerkenswert in diesem Beispiel ist, dass die leitereigenen Approaches von oben zufällig alle ebenfalls chromatisch sind. Das ist eben tonleiterbedingt.
Die Approaches von unten (chromatisch) wären nun in unserem Beispiel:
a wird durch g#, c# durch b# und e durch d# vorbereitet.

Als Instrumentalist ist es nun ratsam diese beiden Arten der melodischen Zieltonvorbereitung einzeln zu üben. Zunächst vielleicht die Diatonischen.

Eine Übung in C Dur für den Akkord auf der II Stufen, also D-7, wäre z.B.:

Diatonisch von oben aufwärts oder abwärts e d, g f, b a, e d, etc.
Chromatisch von unten c# d, e f, g# a, c# d.


Wenn das sicher geht versuche man die beiden möglichen Kombination der beiden Annäherungen.

Chromatisch - diatonisch - Zielton
Beispiel für die II Stufe in C Dur:
c# e d, e g f, g# b a, c# e d

oder

diatonisch - chromatisch - Zielton.
Beispiel für die II Stufe in C Dur:
e c# d, g e f, b g# a, e c# d

Nicht vergessen. Diese Patterns auch abwärts üben!
Wenn diese beiden Pattern in Achteln (evtuell auch swingphrasiert) gespielt werden, gibt es eine interessante Dreierverschiebung. Natürlich kann die Übung auch triolisch gespielt werden.

Wenn das einigermaßen geht, versuche man folgende Variation in Sechszehnteln:

e d c# d, g f e f, b a g# a e d c# d. Hier handelt es sich um eine Vorwegnahme der Auflösung.


Diese Technik ist meines Erachtens einer der wichtigsten Bausteine der Melodiebildung schlechthin. Durch diese Übungen bekommt man ein Gespür für Spannung - Auflösung. Die Targetnote ist immer die Auflösung. Sie fällt für gewöhnlich auf einen Downbeat, d.h., die Approaches fallen von Natur aus auf die "und". Bei Dreier-Verschiebungen entfällt diese natürliche Gegenbenheit, deßhalb versuche man zunächst die oben zuerst aufgeführten Übungen, um dieses Spannungsgefälle zu spüren.

Wenn die Übungen zunächst immer auf einer Harmonie geübt werden, sollte man bei zunehmender Sicherheit dazu übergehen, Kadenzen auf diese Weise zu umspielen.
Dabei ist der wichtigste Punkt immer der Akkordwechsel. Der Approach des nächsten Akkordes im nächsten Takt kommt dabei bereits auf der 4und des vorhergehenden Taktes.
Wenn dieses Spiel berherrscht wird, kann man Singlenotelines ohne Akkordbegleitung spielen und die Harmonien werden für den Zuhörer trotzdem hörbar.
Das sollte eigentlich das Ziel eines jeden Improvisierenden sein.

Falls Du noch weitere Anregungen zum Thema brauchst, bitteschön. Es gibt noch einiges dazu zu sagen.


CIAO
CUDO
 
haiiiner
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Hi Cudo, vielen Dank, dass auch Du nochmal nachgelegt hast!

Eine außergewöhnlich verständliche und sehr schön ausführliche Einführung! Das Thema ist für Neulinge beileibe nicht einfach, da gehst Du sehr sorgfältig vor, und ich kann's nachvollziehen. Jetzt verdaue ich erstmal und komme dann ggf. auf Dein Angebot zu witeren Nachfragen zurück.

Mit Dank und Gruß,
Heiner
 
Funkeybrother
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Aha, das meine ich. Kannst Du mir ein Buch empfehlen, in dem ich das ausführlich und einigermaßen verständlich nachlesen kann?

Gruuuß
Heiner

Ich hatte mal leihweise dieses Buch:
Mike Schoenmehl - Modern Jazz-Piano

Ich glaube, das haben die auch in der Bielefelder Stadtbibliothek (Musik-Abteilung gaaaanz hinten).;)
Das Thema wird in diesem Buch auch angerissen - weiß aber nicht mehr, wie Umfangreich - ist schon zu lange her.
Auf jeden Fall sind auch Notenbeispiele drin.
 
haiiiner
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Danke für den Tip, funky brother from OWL!

Hab hier aber schon genug Fundiertes von Cudo II und Hagenwil bekommen, um das erstmal umzusetzen.

@Cudo: Du schriebst:
Wenn dieses Spiel berherrscht wird, kann man Singlenotelines ohne Akkordbegleitung spielen und die Harmonien werden für den Zuhörer trotzdem hörbar. Das sollte eigentlich das Ziel eines jeden Improvisierenden sein.

Dazu habe ich eine Frage: ich hab bislang immer versucht, mit meinen Zieltönen den Akkorden zusätzliche Färbungen zu geben, indem ich nicht die akkordeigenen angesteuert habe - ist das im Jazz anders, weil die Akkorde ohnehin schon so umfangreich sind?

Gruuuß,
Heiner
 
CUDO II
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@Cudo: Du schriebst:
Wenn dieses Spiel berherrscht wird, kann man Singlenotelines ohne Akkordbegleitung spielen und die Harmonien werden für den Zuhörer trotzdem hörbar. Das sollte eigentlich das Ziel eines jeden Improvisierenden sein.

Dazu habe ich eine Frage: ich hab bislang immer versucht, mit meinen Zieltönen den Akkorden zusätzliche Färbungen zu geben, indem ich nicht die akkordeigenen angesteuert habe - ist das im Jazz anders, weil die Akkorde ohnehin schon so umfangreich sind?

Hi,

Zunächst gilt: um einen Melodieton als Tension zu hören muss er lang sein.

Du kannst natürlich auch eine Tension als Zielton von Approaches haben. Es ist aber eher die Ausnahme. Bei Deinem Anliegen geht es nämlich hauptsächlich um Zieltöne die am Ende einer Phrase stehen und diese können dann auch eventuell durch Approaches vorbereitet werden.
Innerhalb von Lines sind es immer 1, 3, 5 und eventuell auch die 7 die mit Approaches umspielt werden. Innerhalb einer Line wird eine Tension nicht als solche wahrgenommen, sondern als Durchgangston. Analysebezeichnung ist dann anstatt von T9, T11 oder T13 die Bezeichnung S2, S4 bzw. S6. Das S steht hier für Scaleapproach.


CIAO
CUDO
 
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Ok, ich versteh Dich so: man zeichnet auf diese Weise gewissemaßen den Akkordverlauf nach und bringt über die Durchgangstöne im Vorfeld (im Approach) Spannung in die Licks - richtig?

Die Sekundenschritte in der Regel von oben zum Zielton entlang der Skala, von unten als kleine Sekunde oder auch chromatisch aufwärts zum Zielton.

Dank und Gruuuß,
Heiner
 
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Hagenwil
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Ok, ich versteh Dich so: man zeichnet auf diese Weise gewissemaßen den Akkordverlauf nach und bringt über die Durchgangstöne im Vorfeld (im Approach) Spannung in die Licks - richtig?

Die Sekundenschritte in der Regel von oben zum Zielton entlang der Skala, von unten als kleine Sekunde oder auch chromatisch aufwärts zum Zielton.

Könnte man so fast gelten lassen.

Das ganze melodische Zeugs ist Gewichtung.

Rhythmische Gewichtung
Gewichtung duch platzierung der Töne auf starken und schwachen Taktteilen
Akzentuierung
Dynamik
Dauer, Ton-Längen und -Kürzen
Was wird der gehaltene Ton im nächsten Akkord (Vorhalt, Ligatur etc.)
Embellishment
Ornamentik
Durchgangsnoten (passing tones)
Tonsprünge
etc. etc.

... und natürlich, nicht vergessen, eine Melodie die Sinn macht für irgend jemanden, am besten nicht für den Musiker selbst, aber für alle anderen.
 
haiiiner
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Kannst Du bitte noch "Embellishment" erläutern?
 
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Hagenwil
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Ein Embellishment ist eine Note, oder mehrere Noten, welche eine Melodie verzieren, zum Beispiel:

Mordent
Drop-off
Mordent mit Vorhalt
Crushed Note
hammer-on
pull-off
Schleifer
Tremolo
steigender und fallender Vorhalt
Pralltriller
Vorschläge
einfacher Vorschlag
langer Vorschlag
dreifacher Vorschlag
vierfacher Vorschlag
doppelter Nachschlag
Doppelschläge
Doppelschlag
verlängerter Doppelschlag
Doppelschlag mit Nachschlag
Doppelvorschlag
Roulade
Portamento
Glissando
Shake
Turn
Rip
Fall
Slide
Hammering
Roll
Bend-up
Triller
Triller mit Nachschlag
Triller mit Vorhalt von unten und von oben
etc.
 
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Cool! Danke!

Gruuuß, Heiner
 

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