Am wichtigsten ist bei einer Stimmung, dass alle 3 Saiten unisono klingen. Das nennt sich Chorreinheit (ein Chor/Choir sind alle Saiten einer Taste, also 3 oder im Bass 2 oder 1). Da wäre 1 Cent Abweichung definitiv zu viel. 1 Cent entspricht beim Stimmgabel A (440 Hz) ca. 0,25 Hz. Das würde dann deutlich schweben und das will man nicht. Bei den Intervallen hingegen ist eine Abweichung bis 1 Cent völlig ok. Ich habe Zweifel, dass man die Chorreinheit mit einer Oszillograph App hinbekommt. Und alle 3 Saiten einer Taste mit einer Stimm-App zu stimmen funktioniert ebenfalls nicht (wegen der Inharmonizität). Allerdings klappt das Stimmen der Chorreinheit in der obersten Oktave mittels App dennoch ganz gut. Das liegt daran, dass die App (und auch die Ohren eines guten Stimmers) sich nicht an dem Grundton orientiert, sondern an den höheren Teiltönen. Und da ist man ja schnell im Bereich von über 8 Khz, da fällt das dann nicht so auf.
Man stimmt von oben nach unten. Also erst über die Zieltonhöhe ziehen, dann herunter drehen und dabei gerne mal brutal hart anschlagen. Dadurch setzt sich die Saite. Ich mache das so, damit das Verstimmen durch Fortissimo Anschlag nicht dem Kunden passiert, sondern mir. So kann ich noch korrigieren. Ich merke bei jeder Stimmung, ob ich der letzte Stimmer war oder jemand anderes. Denn oft sind manche Tasten noch gut gestimmt nach einem Jahr, so dass ich eigentlich nicht an der Taste was ändern müsste. Allerdings haue ich ein zwei sehr harte Schläge auf die Taste. Und wenn die dann verstimmt ist, war das ein anderer Stimmer. Ich stimme eine Taste so lange, bis sie durch einen harten Anschlag nicht mehr verstimmt. Allerdings muss man auch sagen, dass es eigentlich keine "richtige" Art zu stimmen gibt. Jeder Stimmer eignet sich im Laufe der Jahre seinen Stil an. Wenn es hält, dann hat er ja alles richtig gemacht. Egal wie.
Übrigens sind Konzertstimmer in der Regel dazu verpflichtet, bis zur Pause da zu bleiben um gegebenenfalls in der Pause einige Tasten nachzustimmen. Einerseits weil im Konzert ja meist recht expressiv gehämmert wird. Andererseits, weil durch Scheinwerfer und Publikum die Wärme ihr übriges tut.
Dass ein Hobbystimmer einen Stimmstock ruiniert, kann eher nicht passieren. Höchstens, dass er einen Schraubenschlüsse nimmt und dadurch den Wirbel "verwürgt", so dass ein normaler Stimmhammer nicht mehr drauf passt. Schon öfter erlebt. Sollte er den Wirbel nur in sich gedreht haben, dann hält halt die Stimmung nicht so lange. Einen Schaden produziert er dadurch nicht. Es gibt übrigens (meist aus China) Klaviere, wo man das Gefühl hat, dass man den Wirbel eher nur in sich dreht (Torsion). Das liegt dann aber an der Legierung des Wirbels.
Wirbel tiefer schlagen ist nur eine lebensverlängernde Maßnahme. Hält meist nur ein paar Jahre. Ebenso wie ein dickerer Wirbel. Nach einigen Jahren geht das wieder los. Weiterer Nachteil: mit etwas Pech keilt man dadurch einen vorhandenen Riss noch weiter auf, so dass dann auch die Nachbar Wirbel betroffen sind. Man hat es dann also verschlimmert. Ich habe schon sehr aufwendige Generalüberholungen gesehen, wo leider kein neuer Stimmstock eingebaut wurde, sondern nur dickere Wirbel. Und nach 10 Jahren war alles für die Tonne.
Saiten können sich tatsächlich auch nach oben verstimmen im Laufe des Jahres. Meist passiert das im Übergang vom Bass zur Mittellage. Genauer gesagt da, wo die kupferumsponnenen Saiten aufhören und die Blanksaiten anfangen. Da wandern die durchaus gerne mal um sage und schreibe 20 Cent nach oben. Je nach Instrument und klimatischen Bedingungen. Dummerweise ist das genau dort, wo sich die linke Hand aufhält. Das fällt dann natürlich sofort auf.
Ich stimme in mehreren Musikschulen, meist in den Oster- und Herbstferien. Manchmal bin ich nach 30 Minuten pro Instrument fertig, wenn da nicht viel zu tun ist. Manchmal aber ist dann doch was hoch oder runter gewandert. Besonders, wenn Musikschulen in öffentlichen Schulen unterrichten, kann es schlimm sein. Wenn die Klaviere nicht abschließbar sind, hämmern hysterisch pubertierende Kraftmeier darauf herum. Außerdem schwankt die Luftfeuchte durch die Anwesenheit der Schüler stark. Dass ein Ruckzuck Stimmer nach 10 bis 15 Minuten fertig sein soll, kann ich nicht glauben, sofern das ein gelernter Klavierbauer ist. Kann natürlich sein, wenn das Klavier noch super in Stimmung ist. Dann kontrolliert man quasi nur und korrigiert nur hier und da. Dann könnte das tatsächlich mal sein mit so wenig Zeit. Ich dagegen stimme mittlerweile nach App. Und das bei den Musikschulen seit Jahren. Da ist ja jede Stimmung immer die gleiche wie letztes Mal. Und da ich hart anschlage, ist das auch haltbar, so dass ich tatsächlich nicht an jedem Wirbel drehen muss. Nur so kann ich manchmal nach 30 Minuten durch sein. Aber: ich kontrolliere nicht nur, sondern fange bei der tiefsten Taste an und arbeite mich chromatisch bis zur höchsten Taste vor. Ohne vorher zu checken, ob das Intervall evtl. akzeptabel war. Selbst, wenn einige Wirbel unberührt bleiben, brauche ich dafür auf jeden Fall mindestens 30 Minuten.