Moin.
Ich muss mich an dieser Stelle mal ein wenig wundern, denn eine der für mich wichtigsten Sachen, wenn es um verzerrte Akkorde geht, wurde noch gar nicht erwähnt, nämlich Stimmung und Intonation. Die eigentlich unschönsten Effekte treten ja dann auf, wenn zwei nicht wirklich zueinander passende Töne zeitgleich gespielt werden.
Das geht los bei den eigentlich gegriffenen Tönen. Eine kleine Sekunde wird, egal wie sauber die Intonation eingestellt ist, mit viel Verzerrung auf fast jeder Gitarre dieser Welt nicht wirklich toll klingen.
Aber auch Obertöne reiben sich u.U. gehörig aneinander. Wenn ich bspw. ein Intervall F-A spiele, dann klingt im F automatisch auch ein A als Oberton mit (nur eben eine Oktave plus eine große Terz höher. Edit:
Es sind natürlich zwei Oktaven höher!). Die ist aber gerinngfügig tiefer als unser temperiertes A (denn Gitarren sind, zumindest weitestgehend, eben temperiert gestimmt, da kommt es zu Abweichungen von der natürlichen Obertonreihe). In diesem Beispiel muss das noch nicht ganz dramatisch ausfallen, weil zwischen der etwas zu hohen temperierten Terz und der etwas tieferen eine Oktave darüber eben eine Oktave liegt. Wenn ich jetzt aber ein Intervall F-A'' (also das A eine Oktave höher.
Edit: Für den deutlichsten Effekt auch hier zwei Oktaven höher...) spiele, dann sieht die Sache u.U. plötzlich ganz anders aus, dann liegen nämlich beide As direkt nebeneinander und reiben sich gehörig. Und je nach Verzerrungsgrad wird diese Reibung dann doch sehr deutlich hervorgehoben (denn Verzerrung komprimiert immer auch, leise Töne werden also hochgezogen).
Wer den Effekt von zwei dicht nebeneinander liegenden verzerrten Tönen ganz deutlich hören will, muss sich einfach nur der Stimmmethode per Flageolet bedienen und dann eine der Saiten mal ganz ganz leicht verstimmen und das über einen stark verzerrten Amp schicken. Was wir hören sind streckenweise recht tieffrequente Töne (subtraktive Frequenzen nennt man sowas wohl), und zu allem Überfluss modulieren die auch noch oft in der Tonhöhe, speziell dann, wenn wir greifen (weil der Fingerdruck nie identisch ist) aber auch wegen der verschiedenen Ein- und Ausschwingphasen der Saite.
Das sind wie gesagt Effekte, die bei jeder Gitarre auftreten, ganz unabhängig von der Qualität.
Einigen dieser Unschönheiten kann man aber entgegentreten, auch das wieder unabhängig von der Gitarre.
Sicherlich das wichtigste ist eine sauber intonierende Gitarre, sprich, die Bundreinheit sollte vollkommen außer Frage stehen und einfach superb sein.
Dann geht es aber auch um die Intonation beim Greifen. Wer zu doll drückt handelt sich eben kleine Verstimmungen ein, die clean gar nicht unbedingt so auffallen müssen, verzerrt aber eben zu genau den beschriebenen Effekten führen.
Außer acht lassen sollte man auch nicht, dass man eine Gitarre kaum jemals wird richtig sauber stimmen können. Wenn ein offenes C-Dur superb klingt, so ist meist ein offenes A-Dur nicht mehr so schön, das gilt auch umgekehrt.
Es gibt Gitarrenbautechniken, die diesen Umständen Rechnung zu tragen versuchen, wie etwa das "Buzzy Feiten" System, bei dem, wenn ich mich recht entsinne, eigentlich nur Sattel oder Nullbund ein Stück versetzt (in Richtung Hals, soweit ich weiß) zu ihrer mathematisch korrekten Position platziert werden.
Earvana führt das noch weiter, indem jede Saite am Sattel unterschiedlich kompensiert wird:
Noch weiter gehen diese seltsamen Versuche mit "unterbrochenen" Bünden (weiß nicht, wie das heißt), die sehen so zick-zack-mäßig aus, vielleicht kennt die jemand, ich finde gerade keinen Link. Da möchte ich aber nicht wissen, wie sich's dann so bendet oder was gar eine Neubundierung kosten würde.
Eine mögliche weitere Quelle des Übels kann das Vibratosystem sein, speziell aber mitschwingende Federn. An meiner Anderson waren die extrem resonant (verstärkt vermutlich auch durch den halbhohlen Korpus), so dass ich sie abgeklebt habe - ein wirklich riesengroßer Unterschied.
Nunja, und letztendlich geht es vermutlich auch um Holzresonanzen. Der gute Steve Vai scheint ja ganz unbedingt der Meinung zu sein, dass eine Gitarre dann am besten klingt, wenn die Holzresonanzen zwischen Hals und Korpus in einem harmonischen Verhältnis stehen.
Alternativ gibt's natürlich auch die Möglichkeit, eine Gitarre so gut wie "tot" zu machen. Ich hatte mal eine Steinberger (irgendwann muss mich mal jemand tüchtig dafür hauen, dass ich die - auch noch viel zu günstig - verkauft habe...), die war beinahe komplett resonanzbefreit. Das hat sich in einem, wie man vermutlich sagen würde "un-lebendigem" Ton niedergeschlagen, allerdings war es dann, speziell mit den verbauten EMGs, eine ziemliche Pracht, wie man selbst bei heftigster Zerre noch relativ komplexe Akkorde spielen konnte, manchmal war das schon fast wie bei einem Synthie.
So, ich glaube, das war's, was mir einfiel.
Was ich nur sagen wollte ist, dass man auf zumindest einige der Parameter, die Akkorde auf einer Gitarre verzerrt gut oder schlecht klingen lassen, selber Zugriff hat. Akkorde auf einer schlecht intonierenden (oder schlecht intoniert gespielten) Les Paul werden verzerrt definitiv nicht besser klingen als auf einer sauber eingestellten Hertiecaster, von jemandem gespielt, der seine Finger drucktechnisch im Griff hat.
Gruß
Sascha