Office Of Strategic Influence / Free / 2006 / CD

von Houellebecq!, 04.04.06.

  1. Houellebecq!

    Houellebecq! Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.04.06   #1
    Office Of Strategic Influence: Free

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    3 Jahre hat sich Kevin Moore Zeit gelassen für die Fortsetzung des selbstbetitelten Erstlings seines ambitionierten side projects Office Of Strategic Influence, das ja 2003 für einen absoluten Überraschungs-hit (freilich nicht in kommerzieller Hinsicht...) sorgte, für viele gar das prog-Album des Jahres war. Die moderne Mischung aus brachialem prog metal, den Jim Matheos (Fates Warning) in Form von power chords und metallischen riffs beisteuerte, ambient-artigen Anklängen, wie wir sie von Kevin Moores Stamm-band Chroma Key kennen und spacigen psychedelic-Einflüssen irgendwo zwischen den frühen Pink Floyd und dem zeitgemäßen alternative-sound neuerer Porcupine Tree („In Absentia“) warf angesichts ihrer dezenten musikalischen Unzugänglichkeit nicht nur Fragen auf, sie beendete auch das Rätselraten über die Gründe für den Austritt Kevin Moores bei Dream Theater, indem hier die wirklich erheblichen musikalischen Unterschiede deutlich wurden (der mit „Space-Dye Vest“ eingeschlagene Weg wurde jedenfalls konsequent fortgesetzt) Was es übrigens mit dem Office Of Strategic Influence auf sich hat, lese man bitte in der wikipedia nach, der Hintergrund ist ganz interessant, soll aber hier mal nicht weiter interessieren:


    Stattdessen zur Musik: Es fällt schnell ins Auge, dass sich Kevin Moore ausgesprochen treu geblieben ist. Das ist in diesem Fall nicht weiter schlimm, weil man auch das musikalische niveau wirklich halten kann und diese Art von Musik nach wie vor ziemlich unverbraucht ist.
    Die Sprach-samples, die im Erstling noch ein wenig zur Atmosphäre beigetragen haben, sucht man hier vergeblich, auch auf langatmigere long tracks wie das schleppende „shutDOWN“, das damals von Steven Wilson beigesteuert wurde, wird verzichtet. Stattdessen geht es hier im 3-6 Minuten-Rahmen und teils ordentlich straight zur Sache; erneut stehen sich knackige riffs und düstere elektronische Klanggemälde gegenüber. Schauen wir uns noch an, wer hier eigentlich so alles mitmischt: einmal natürlich Kevin Moore, vielleicht nicht der beste Sänger, aber mit einer ausgesprochen „coolen“, fast lakonischen Stimme ausgestattet, sein keyboard wird nach wie vor eher spartanisch, aber stimmungsvoll einsetzt. Neben Fates Warning-Gitarrist Jim Matheos ist auch Mike Portnoy wieder dabei, sein drumming pendelt irgendwo zwischen ungewöhnlich relaxt, rhythmisch-verspielt und druckvoll (wir erinnern uns noch das making of des Erstlings, wo er bei den verschachtelten Rhythmen doch ordentlich ins Schwitzen gekommen ist...), die gelegentlichen elektronischen Verfremdungen stehen der percussion dabei ausgesprochen gut zu Gesicht. Am Bass wurde Sean Malone duch Joey Vera (Fates Warning) ersetzt, der zwar nur bei 4 der 11 tracks zum Einsatz kommt, aber regelrechte killer riffs beisteuert (etwa im opener „Sure You Will“, der Name hört sich doch schonmal richtig nach Kevin Moore an, oder?)
    Diese ganze Mischung gefällt mir wie gesagt außerordentlich gut, klingt man doch nicht ganz so unterkühlt wie etwa Tool oder Fates Warning und irgendwie erwachsener als Queensrÿche (yeah, gleich nochmal bei den Operation Mindcrime-Jüngern beliebt gemacht...)


    Mit dem eröffnenden „Sure You Will“ demonstriert Kevin Moore gleichmal, dass gute Musik nicht immer völlig überladen und virtuos-selbstverliebt daherkommen muss, ohne dabei an Tiefe einzubüßen. Seine unverkennbare Stimme driftet teils in regelrechten Sprechgesang ab, Gitarre und Bass kommen wieder ausgesprochen fett und mitreißend rüber und sind glasklar produziert, dazu gibt’s druckvolle drums, gelegentliche Elektronik-Spielereien und ein paar eingestreute breaks – fertig ist ein kleiner Geniestreich, der deutliche Reminiszenzen an „The New Math (what he said)“ und „OSI“ weckt und natürlich auch eine ähnliche Funktion erfüllt. Ähnlich heavy geht’s dann auch mit dem folgenden „Free“ zu, ehe es dann mit „Go“ deutlich ruhiger und melancholischer wird. Hier entlockt Kevin Moore seinem keyboard auch ein paar interessante, aber nicht zu aufdringliche Klangfarben. Schön sind etwa beim folgenden „All Gone Now“ die gelegentlichen „stop and go“-passagen, die natürlich auch schonmal effektvoll ausgekostet werden. Nach dem sehr straighten Beginn kommen ab „Home Was Good“ auch einige songs, die an die oft eher düstere Atmosphäre vom Erstling anschließen, in einem eher gemäßigten Tempo daherkommen, aber auch schonmal überraschend mit metallischen riffs hervorstechen. In den ruhigeren Momenten hört man vordergründig eigentlich nur den dezenten, teils nachträglich verfremdeten Gesang von Kevin Moore und repetitive, aber groovige drums; im Hintergrund wabern dann ausufernde elektronische sounds. An dieser Stelle fällt mir übrigens auf, dass die Kompositionen eigentlich weitgehend im eher unspektakulären 4/4-Takt stehen, krumme Taktarten wie sie auf der letzten Platte so konsequent eingesetzt wurden, vernimmt man nur sehr vereinzelt. Dafür wird bei „Simple Life“ schön jazzig soliert...;)
    Mit dem abschließenden „Our Town“ gibt man sich dafür ganz wie bei „Standby (looks like rain)“ trotz aller Melancholie wieder akustisch-versöhnlich, hoppla, hier wird sogar das Banjo ausgepackt?!

    Insgesamt hat man imho einen wirklich würdigen Nachfolger geschaffen, wennauch ohne größere Überraschungen. Natürlich muss „Free“ erstmal den „test of time“ bestehen, bis es in meiner Plattensammlung einen ähnlichen Sonderstatus genießen kann wie der Erstling. Songs wie „Head“ und „Hello, Helicopter!“ haben sich einfach jahrelang bewährt und sind für mich, auch wegen der herrlichen Texte, schlichtweg Kult!
     
  2. Houellebecq!

    Houellebecq! Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.05.06   #2
    nach 6 wochen kann ich nun sagen, durch weiteres intensives hören steht "free" bei mir mittlerweile ebenso hoch im kurs wie seinerzeit "osi". ich finde es daher schade, dass die platte soweit ich das beurteilen kann dermaßen untergegangen ist, in der allgemeinen progger-diskussion (nicht nur hier) und auch nicht sonderlich gut weggekommen ist in den rezensionen.
     
  3. Bayo

    Bayo Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 01.06.06   #3
    Schönes Review, hast dir ordentlich Mühe gegeben.
    Scheint aber wirklich ein wenig untergegangen zu sein, schade darum. :)

    Und ich muss sagen: das könnte mir gefallen! :D
    Kannte die Band bis jetzt noch gar nicht, aber ich werd mir mal die Platte anschauen bzw. holen. Immerhin is ja jetzt auch Monatsanfang und das Konto füllt sich wieder ein wenig. ;)
     
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