Über dieses Thema habe ich mir auch schon viele Gedanken gemacht und auch einiges dazu recherchiert.
Unterm Strich bleibt für mich Folgendes übrig:
Wer nur wenig aufs Griffbrett schauen will, muss die Lieder tatsächlich bis zum Erbrechen üben. Stichwort Muskelgedächtnis. Wenn du an dem Punkt bist, an dem du ohne Nachdenken spielen kannst, hast du Luft für andere Dinge, zum Beispiel für die Interaktion mit dem Publikum. Das ist aber ein ziemlich langer Weg, den viele gar nicht bereit sind zu gehen.
Wenn man bei den Liedern noch Unsicherheiten hat, sollte man diese erst beheben, bevor man zur Rampensau mutiert.
Ich selbst bin nicht bereit, diesen Weg komplett zu gehen, weil mir der Aufwand dafür zu groß ist. Ich habe für mich entschieden, dass ich auch aufs Griffbrett schaue, wenn ich es brauche. Und das ist im Bandkontext überhaupt nicht schlimm. Das machen am Ende doch alle, auch die ganz Großen. Wichtig ist nur, dass nicht alle permanent aufs Griffbrett starren. Gerade bei kleineren Bands sind das oft die Auftritte, bei denen zwar alles sauber gespielt ist, aber keine echte Stimmung aufkommt.
Wir haben das Glück, dass unser Sänger und Bassist eine ganz natürliche Rampensau auf der Bühne ist. Das macht es für mich unauffälliger, wenn ich mal aufs Griffbrett starre.
Der Trick ist, ein gutes Mittelmaß zu finden. Es gibt Stellen, an denen man sich sicher fühlt. Da kann man zum Publikum schauen und mit ihm interagieren. Wird es etwas fummeliger, darf man natürlich auch aufs Griffbrett schauen. Und wenn sich mal ein Piratenton einschleicht, dann ist das eben so. Es wird oft unterschätzt, wie viel das Publikum verzeiht oder gar nicht erst bemerkt. Das bedeutet aber nicht, dass das Publikum gar nichts bemerkt!
Auch Profis, also die Leute auf den ganz großen Bühnen, schauen aufs Griffbrett. Der Anspruch ist dort aber nochmal ein anderer als bei einer kleinen Band. Bei kleinen Bands sind die Lieder oft nicht so bekannt, dass jeder im Publikum jeden einzelnen Ton kennt. Die Songs der Großen haben die Leute dagegen unzählige Male gehört, und viele erkennen jede Note eines Solos sofort wieder. Wenn der Gitarrist da einen Ton etwas länger stehen lässt, fällt das direkt auf. Mit anderen Worten: Die dürfen sich im Grunde keinen Patzer erlauben. Sie müssten vielleicht nicht aufs Griffbrett schauen, gehen aber lieber auf Nummer sicher.
Was mir bei mir selbst aufgefallen ist: Ich habe mich live meistens aus zwei Gründen verspielt. Erstens, wenn ich auf der Bühne herumgehampelt bin, obwohl es gerade nicht schlau war. Zweitens, wenn die Bühne zu dunkel war und ich das Griffbrett nicht richtig sehen konnte. Durch das Herumhampeln habe ich aber auch gelernt, wo ich auf der Bühne Quatsch machen kann und wo besser nicht.
Eine Lesebrille wäre für mich auch hilfreich. Live kann ich die aber leider nicht aufsetzen, weil ich immer eine Maske trage. Das ist mein Steckenpferd und gleichzeitig ein Wiedererkennungsmerkmal unserer Band.
Mein Fazit für unsere Band, also Punkrock:
Fehler, die durch Action auf der Bühne entstehen, werden schnell verziehen. Sie sollten nur nicht in Massen auftreten. In anderen Musikrichtungen kann es völlig okay sein, öfter aufs Griffbrett zu schauen. Unterm Strich muss da jeder seinen eigenen Weg finden. Das gehört auch dazu, wenn man seinen eigenen Stil entwickelt. Früher wollte ich für mich selbst zu viel. Inzwischen habe ich ein Mittelmaß gefunden, das für mich funktioniert.
PS:
Man kann auch einfach die Kamera vom iPad nutzen und sich das Griffbrett darauf anzeigen lassen
