ich finde, die Wut sollte schön bei dem bleiben, der sie entwickelt. Und der sollte dann mal gefälligst schauen, wie er damit vernünftig umgeht, wie er sie z.B. einfach mal verrauchen läßt.
Das mag in der realen Welt ein berechtigtes Anliegen sein, vor allem, wenn man mit der Ursache oder dem Anlass der Wut nichts zu tun hat. Und es gibt viele gute Gründe, warum in der Kommunikation mit anderen eine verarbeitete Wut deutlich mehr konstruktive Potenziale hat als die Äußerung oder Wahrnehmung der Wut selbst. Und Wut kann auch einfach ungerechtfertigte Aggression sein.
Dennoch wäre mir die ausschließliche Betrachtung dieser Aspekte zu kurz gegriffen.
Zum einen ist auf der Ebene der Energie Wut eine sehr beachtliche Emotion und bedeutet sozusagen ein unüberhörbares Nichteinverstanden-Sein mit einer Situation und kann, ähnlich wie ein laut geäußertes "Stop" viel dazu beitragen, dass die Situation und Emotion überhaupt wahrgenommen wird. Auf Systemebene ist die Äußerung von Wut wie jede andere Emotion eine wichtige Information, die Aufschluss darüber gibt, was (aus Sicht einer bestimmten Person) nicht stimmt.
Aber abgesehen von diesen Betrachtungen und mal rein auf Kunst und Kultur bezogen:
Die Annahme, alle würden per se von der Äußerung, Darstellung oder Wahrnehmung von Aggression, Wut, Angst, Trauer etc. leiden und würden sie meiden, entspricht aus meiner Sicht offenkundig nicht dem, was einer der Kernbestandteil von Kunst und Kultur ist: Thriller, Krimis, Dramen, Horrormovies, Splatter, Shakespear, Alice Cooper, Achter- und Geisterbahnen, Bunjee-Jumping etc. und so weiter und so fort. Offensichtlich besteht ein Bedürfnis danach, diese Gefühle zu durchleben und zwar in einer Form, die man als Teilnehmer oder Konsument einnimmt (und für die nicht selten viel Geld bezahlt wird) und die gleichsam "kontrolliert" ist (zwar gibt es immer mal wieder Unfälle auf Achterbahnen, aber insgesamt ist es ein harmloses Vergnügen - wenn man es denn als Vergnügen wahrnimmt). Ich würde hier mal spaßeshalber die These aufstellen, dass sich mindestens 50% der westlichen Kulturerzeugnisse und -erlebnisse auf "negativen Emotionen" begründen. Diese werden in Massen produziert, dargeboten und konsumiert. Und das auf jedem Level: Shakespears Dramen schwimmen vor Blut, Dantes Höllenfahrt und Der Name der Rose oder Hitchcocks Psycho nicht minder.
Bleibe ich mal mehr bei mir, so kann ich aggressive Musik und aggressive Texte und Songs durchaus abfeiern. Und zwar in den meisten Fällen, wenn ich in der gleichen Stimmung bin, die ausgedrückt wird. Nicht nur der Mensch, der mit dem Text und der Musik herausgelassen hat, hat etwas davon: sondern ich, der ich gerade in dieser Stimmung bin, habe auch etwas davon: Zum einen bin ich offensichtlich nicht alleine - mindestens eine Person auf der Welt kennt das, was ich gerade durchmache. Zum anderen wird etwas ausgedrückt, was ich vielleicht gar nicht in der Lage bin, auszudrücken - aber ich kann das Ausgedrückte erkennen und finde mich darin wieder. Zum dritten ist es durchaus ein Ventil, um - bleiben wir bei der Wut - diese Wut rauszulassen.
Und um von hier aus den Bogen zu schließen: diese Art der Wutbewältigung kann durchaus dazu führen, dass ich mit meiner eigenen Wut, so ich sie denn einmal herausgelassen habe, ohne damit andere Menschen zu belästigen (es gibt ja auch Kopfhörer), bald danach wesentlich konstruktiver umgehen kann. Die Betonung liegt auf kann - eine Garantie gibt es nicht, aber die gibt es generell nicht, wenn man über Gefühle, deren Äußerung und Verarbeitung redet.
x-Riff