[Gitarre] Squier Vintage Modified ´72 Telecaster Custom

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Squier Vintage Modified ´72 Telecaster Custom

Squier Telecaster Custom 009_K.jpg


Unglaublich, aber wahr - tatsächlich mein erster Review zu einer Fender-artigen Gitarre, vertreten durch das günstige, aber gute Fabrikat Squier. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine allseits beliebte Classic Vibe oder ein Modell der heiligen 1950er- bzw. 1960er-Jahre, sondern um eines der leider etwas vernachlässigten Vintage Modified-Reihe, dann gar noch um die Telecaster Custom. Hier im Board stellte ich auch mittlerweile einen entsprechenden User-Thread zu dieser Modellreihe ein. Leider beweist auch dieser, dass die Beliebtheit der VM´s nicht allzu groß zu sein scheint:
https://www.musiker-board.de/threads/der-squier-vintage-modified-user-thread.677132/

Erhält man mit der Classic Vibe Instrumente, die nahe an denen der 1950er bzw. 1960er angelehnt sind, sprengen die Vintage Modifieds auch mal die bekannten Konfessionen und lassen sich ein wenig davontragen, wie in den beiden Fällen in die eher unrühmliche(re) Zeit, nämlich den 1970ern. Aus dem Lager der Strat wäre hier die ´70s zu nennen. Aber auch Mustang, Jaguar, Jazzmaster und alle anderen wichtigen Modelle des Fender-Cosmos lassen sich hier finden. In diesem Reigen darf natürlich die Mutter aller Fender-Gitarren, die Telecaster nicht fehlen. Spaßiger Weise gibt es im VM-Programm keine klassische Telecaster, hier werden lediglich mit der Thinline, Deluxe und der hier vorgestellten Custom nur Tele aus den bunten Jahrzehnt 70 angeboten.

Historie:

Fender stellte in den 1970ern erstmals einen eigenen Humbucker vor, weil sie bemerkten, dass viele Gitarristen ihre Tele mit einem Humbucker am Neck ausrüsteten. Ein weiterer Punkte könnte auch die Wiederauflage der Gibson Les Paul bewesen sein. Immerhin hatte man ein gutes Verkaufsargument, war doch der Vater der Fender-Humbucker auch gleichzeitig der des berühmten PAF von Gibson: Seth Lover. Allerdings sind die Fender-HB´s anders, als die von Gibson aufgebaut. Lover wollte sich nicht einfach selbst kopieren. War bei seiner Kreation des Alnico-Pickups (der P90 mit den rechteckigen Polpieces, der bei der 1954 Gibson Les Paul in der Neckposition verbaut wurde) ebenso. „Ich wollte es eben anders machen!“, so oder so ähnlich war sein Ausspruch auf die Frage, warum rechteckige Polpieces. Er ordnete bei dem Fender Humbucker die zugängigen Polpieces anders an (3 in jeder Reihe, statt 6 in einer Reihe bei Gibson). Zudem bestehen die Polpieces nicht aus Alnico- sondern aus CuNiFe-Magneten. Hintergrund ist der Umstand, dass Alnico nicht zu einschraubbaren Polpieces zu formen war.

1972 war schließlich die Telecaster Custom geboren: ein klassischer Singlecoil an der Bridge, ein sogenannter Wide Range am Hals und ganz neu und vielleicht wieder der neuen alten Gibson auf dem Markt geschuldet eine Lautstärken- und Klangregelung á la Les Paul: 2x Volume, 2x Tone incl. 3-Wegetoggleswitch. Ein wenig später folgte die Telecaster Deluxe, bei der auch ein Wide Range an der Bridge zum Einsatz kam und sie gänzlich vom ursprünglichen Tele-Look und Klang verabschiedete. Allerdings folgte der Holzmix nach wie vor dem alten Muster, Erle für den Body und Ahorn für den Hals. Auf der anderen Seite aber auch ein Dreipunkt-Halsbefestigung mit Tilt-Neck und Bullet-Halsstabverstellung, aber dankender weise von der Kopfplatte her zugängig.

Specs der Squier:

Schauen wir uns einmal die Specs der Vintage Modified Tele an und was sie von ihrer Urahnin übernehmen durfte. Der Erlen-Korpus musste einem aus mehreren Teilen Linde weichen. Bei den VM-Modellen ist dies jedoch in der Regel das gesetzte Holz. Ebenso wie die Classic Vibe-Reihe muss die Vintage Modified auf das „Original Contour Body“-Decal verzichten. Hier gibt es wohl doch noch die ein oder andere Abmessung, die von der großen Schwester abweicht. Auf der Habenseite verbuchen kann die Squier den moderneren Griffbrettradius von 9,5“ (Fender 7,25“) sowie die thru body-Saitenbefestigung der großen Mutter.

Was die Pickupsbestückung angeht, verlässt man sich bei Squier auf Fremdfabrikate. Bei dem Singlecoil an der Bridge handelt es sich um einen Duncan designed, der auf den Namen TB-101B hört. Duncan sagt dazu „Diese Vintage Singlecoils gehen von Chickin 'Pickin' bis zu Heavy Blues.“. An dieser Stelle schon mal so viel, der Pickup besitzen echt Drehzahl.

Am Neck kommt ein „Fender“-gelabelter Wide Range zum Einsatz. Nun könnte man der Meinung sein, dass es sich hierbei um dasselbe Fabrikat, wie bei den Fender Custom handelt. Wenn man jedoch einmal die Bodenplatte des in der Squier eingebauten Pickups betrachtet, finden man Aufkleber über die RoHS-Richtlinie (Lötzinn ohne Blei) und einen mit der Angabe des Herstellers „G&B Pickup Co. LTD. Bei G&B läutet es vielleicht bei dem einen oder anderen von Euch, gerade die, die eine PRS SE ihr Eigen nennen. Dieser Hersteller fertigt auch für die Korea-Serien von Paul Reed Smidt. Aus meiner Erfahrung heraus handelt es sich hierbei mitnichten um schrottige Ware.

Im Jetzt:

Meine erste Squier, eine Bullet erwarb ich 2012 und seitdem haben die Chinesen eindeutig dazugelernt, wenn es um die Verarbeitungsqualität geht. Sah sie doch tatsächlich wie eine billige Gitarre aus, so ist die VM Tele meilenweit davon entfernt. (Randnotiz: auch die aktuellen Bullet-Modelle sehen mittlerweile wie echte Fender und entsprechend hochwertig aus). Natürlich bieten die Vintage Modified für den fast dreifachen Preis einer Bullet deutlich mehr. Die Bundkanten verrundeten die Erschaffer der Tele besser, der Korpus führte sie ebenfalls in der richtigen Stärke aus. Jedoch wurde der Ahornhals mit einer dickeren Lackschicht versehen. Damit entfällt der schöne seidenmatte Glanz und das samtige Gefühl beim Spiel der Squier Tele. Alles kann man bekanntlich nicht haben. Auf der anderen Seite, stehe ich auf hochglanzlackierte Ahornhälse, die so aussehen, als seien ob sie schon lange dem UV-Licht ausgesetzt. Den Farbton trafen sie jedoch recht gut, wenn ich mir meine 2003 Fender Telecaster Deluxe daneben so betrachte.

Modds Tele:

Grundsätzlich findet sich bei der Tele nicht vieles, was einer Verbesserung bedürfte. Zwei Punkte, na sagen wir 1,5 konnte ich doch ausmachen:

  1. ersetzte ich die Saitenreiter durch hochwertigere von der Fa. T-Tune. Diese bestehen aus Messing und bieten jeder Saite eine exakte Saitenführung, worüber sie bei den Originalen einfach nur auf dem Saitenreiter aufliegen und sich somit leicht verschieben können.
  2. der halbe Punkt: wie gesagt, klingt der G&B Wide Range schon recht gut, aber ich wusste, dass es der von Fender noch etwas besser kann. Da ich einen echt günstigen finden konnte, war der Entschluss zum Austausch schnell getroffen.
Squier Telecaster Custom 010_K.jpg


Korpusholz:

Die Diskussion über den Klang oder Nichtklang von Holz besteht wohl schon ewig und vielleicht wird er unter E-Gitarristen kontroverser geführt, als in anderen Instrumentengattungen.

Für mich gelten diesbezüglich zwei Aussagen:

  1. verschiedene Holzarten klingen auch anders, Gleiche aber auch.
  2. mir ist es egal, von welchem Baum das Holz für mein Instrument stammt, wenn es nicht sackschwer ist und klingt! (Diese Aussage natürlich vor dem Hintergrund, dass es nicht legitim ist, artgeschütztes Tropenholz zu verwenden! Gott sei Dank findet hier ein Umdenken statt und so werden alternative Hölzer verwendet => Pau Ferro als Beispiel)
So wird z.B. Kiefer für die E-Gitarre verschrien. Nadelholz ist kein gutes Toneholz. Wer erinnert sich daran oder weiß, dass die ersten Fender (Esquier) eben aus diesem Rohstoff bestanden, weil er günstig (einem der Credos von Herrn Fender) und leicht zu beschaffen war. Und hier im aktuellen Fall „Linde kommt nur bei billigen Instrumenten zum Einsatz. Eine richtige Fender muss aus Erle oder Esche bestehen!“. So kann man dies meiner Meinung nicht sehen. Linde wird nachgesagt, dass es im verzerrten Tonebereich gegenüber Erle bzw. Esche Vorteile bringt, da sie dem Tone mehr Biss verleiht. Kombiniert man dies noch mit leistungsstärkeren Pickups, ergibt sich hieraus ein Instrument, das dem Metaler richtig gut gefällt, dafür jedoch eventuell Defizite im Cleanbereich aufweist.

Haptik:

9,5“ oder 12“, ich spüre keinen allzu großen Unterschied zwischen diesen beiden Griffbrettradien. Ich kann nicht sagen, dass ich mich auf dem einen oder anderen wohler fühle, da ich nicht unbedingt merken würde, welchen ich gerade spiele. Anderen geht es wohl anders. Obwohl die Custom Tele ganz Ur-Tele bzgl. des Shapings ist, gestaltet sich das Spielen auf ihr als absolut stressfrei. Die Spielhand ruht bequem auf dem breiten Steg mit den großen Saitenreitern. Da die Madenschrauben bündig mit ihnen abschließen, stört nichts den Spielfluss. Wer letztendlich von der Les Paul kommt, erlebt mit der Tele fast ein Heimspiel, wenn er denn in der Lage ist, auf Grund des fehlenden gewölbten Tops die Saiten zu treffen.

Und zum Tone:

Der Duncan designed Singlecoil an der Bridge machte wie bereits beschrieben ordentlich Alarm. Ich konnte ihn so einstellen, dass er genau mit der richtigen Portion Bass & Höhen giftig zubeißt und immer etwas von dem Tele-Twang in Hintergrund beibehält. Dieser lässt sich (Gott sei Dank) auch mit dem heißen Pickup nicht abschütteln. So gerät er immer ne Spur fetter und auch wuchtiger, als bei seinem Strat-Pendant. Man muss nicht befürchten, dass er unter Blutarmut leidet. Anders eingestellt, kann dieser Pickups mit Sicherheit auch deutlich milder zu Werke gehen und von daher finde ich die weiter o.g. Aussagen von Meister Duncan bestätigt. Wer den Tele-Twang sucht, wird mit diesem Singlecoil wohl eher nicht an sein Ziel kommen.

Der G&B-Wide Range kann lautstärkemäßig als Humbucker natürlich gut mithalten. Man hat ihn aber auch schnell überdreht, so dass er gerade in der Zwischenposition überhandnimmt. Aber meiner Meinung nach muss und kann er ruhig nahe an die Saite geschraubt werden, damit er seine Charakterzüge besser zur Geltung bringt. Der Fender Wide Range ist dagegen absolut kein Muss, sollte man mit dem Kollegen aus Korea zufrieden sein (wo wird eigentlich der WR, der in den Fender verbaut wird hergestellt???). Mit beiden kann man absolut glücklich werden. Der Fender klingt vielleicht etwas edler, aber bei weitem nicht so, dass man dafür viel Geld ausgeben sollte. Meiner kostete 50 € incl. Versand, da kann man das Experiment schon mal wagen. Hätte ich es nicht getan, wäre ich jetzt auch nicht um eine elementare Erfahrung ärmer.

Beide Humbucker-Fabrikate liefern positionsbedingt ordentlich Bass, jedoch auch genügend Höhen. Allerdings klingt er in meinen Ohren nicht so fett, wie ein Gibson-Aggregat. Durch die vier Höhenverstellschrauben lassen sich jede Menge Schattierungen destillieren. Ich konnte ihn so einstellen, dass er recht luftig und bissig klingt und damit mit dem Kollegen an der Bridge auf seine eigenen Art & Weise mithalten kann. Er schimmert auch schön silbrig durch den Tone. Bei der Zwischenstellung hört man ebenfalls den Tone aus zwei Welten. Durch die eigene Klangregelung geht natürlich noch ein gutes Stück mehr. An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass man die Polpieces gerne zur Sweetspot-Suche nutzen kann. Bei meiner damaligen Fender Classic Player Jazzmaster erlebte ich damit ein Fiasko. Der Pickup war nach dem Drehen eines Polpieces defekt.

Fazit:

Ich konnte die Tele gebraucht für echt kleines Geld erwerben und kann nur sagen, dass ich sie wirklich sehr gerne spiele. Ich nehme sie auch öfter in die Hand, als meine Deluxe. Vielleicht deswegen, weil mir dieser bitter böse Bridge-Singlecoil so gut gefällt, weil sie irgendwie gemein klingt und ich das brauche?!

Mit dem Wissen um die Qualitäten dieses Modells hätte ich sie mir auch neu gekauft, um sie in meinen Fuhrpark zu integrieren. Jeder hat Gitarren, von denen er davon ausgeht, dass er sie nicht mehr verkauft, die 72er Squier Telecaster Custom ist so eine für mich! Ich gebe es zu, ich bin ein Fan der Vintage Modified-Reihe, denn die 70s Stratocaster zeigt ähnliche Qualitäten. Schaut Euch die Serie mal genauer an.

Squier Telecaster Custom 008_K.jpg
 
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loder
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.. und dazu noch dieser Badass look :great:
 
unixbook
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Schönes Review! Kleine Korrektur: Das Original wurde 1972 als Telecaster Custom II angeboten, auch wenn auf der Kopfplatte nur Telecaster Custom stand.
 
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simple_chris09
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Klasse Review!
Ich finds auch Schade das die Squier Vintage Modified Reihe im Schatten der Classic Vibe steht. Ich möchte mir irgendwann noch die gleiche Tele wie du nur in schwarz besorgen und die Squier VM Mustang hat es mir ebenfalls angetan :D
 
EAROSonic
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Danke Dir @simple_chris09.

Meine ´70s Strat ist von ähnlichem Schlag. Baute sie nur aus Ermangelung einer HSS-Strat entsprechend um:

Squier VM Stratocaster 003_K.jpg


Dabei übernahm ich die beiden Singlecoils in der Mitte und am Hals, weil es für mich keinen Grund gab, sie zu tauschen. Da an der Bridge nun ein splittbarer PRS HFS werkelt, kam mir der höhere Output der Duncan designed-Singlecoils gerade recht. Neue bessere Potis rein und ein Coilsplitt über das Volumenpoti realisierbar, fertig war der Umbau.

Ich muss schon sagen, VM´s sind einfach klasse! Die Tage kam noch eine ´72 Thin Tele, die sich nahtlos einreihen kann hinzu.
 
simple_chris09
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@EAROSonic: Ich muss schon sagen, dein Geschmack was Gitarren angeht ist sehr gut. Und Squier's können eine richtig gute Basis zum modden und basteln sein, wenn man so etwas machen will.
 
EAROSonic
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Danke, danke. Und die o.g. ´72 Thin Tele reiht sich schön in die Runde ein. Sie erhält allerdings ein schwarzes Pickguard, weil mir diese Perlmuttteile nicht sonderlich gefallen. Damit wird sie hoffentlich edler ausschauen. Dann stelle ich auch mal ein Foto von ihr hier ein...
 

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