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Nürnberger Nachrichten von heute
Wie eine ganze Band im Kleinen
Akkordeons reihen sich in Simone Wiechs Werkstatt eng an eng. Sie selbst hat längst auch das Bandoneon lieben gelernt. Foto: Hans-Joachim Winckler
INSTRUMENT 2026 Ein Werkstattbesuch bei Simone Wiech, die in Nürnberg seit zehn Jahren Akkordeons und Co. repariert.
Birgit Nüchterlein
Wer Simone Wiech in ihrer kleinen Werkstatt für Handzuginstrumente im Nürnberger Stadtteil Johannis besucht, hört erst mal nichts Besonderes, aber aus dem Schauen kommt man so schnell nicht heraus. Auf einem großen Tisch liegen eng an eng die unterschiedlichsten Akkordeons und Bandoneons. Auch die deckenhohen Regale sind voll damit. Der Blick bleibt an Schriftzügen wie „Record“, „Goldklang“, „Kalliope“ oder „Verdi II“ hängen, sie zieren Instrumente, die teils früh im 20. Jahrhundert gebaut wurden. Manche sind eher schlicht und ein bisschen klobig, andere elegant und aufwendig mit Intarsien geschmückt oder rot schimmernd und perlenglänzend wie für die Showtime.
Bereit für die Reparatur oder das Stimmen zeigen einige ihr Innenleben: die komplizierte Bassmechanik, die Stimmstöcke mit den Stimmplatten, ihren Ventilen - und den Stimmzungen. Die hauchdünnen Metallblättchen erzeugen im Luftstrom schwingend die typische Töne, wenn der Balg gezogen oder gedrückt wird.
In einer Ecke stapeln sich gefaltete Bälge, an der Wand hängen unterschiedlichste Werkzeuge, darunter ganz feines Besteck, wie man es eher in der Zahnarztpraxis vermutet. Simone Wiech braucht es, um die Stimmzungen minimal abzufeilen oder aufzurauen, je nachdem, ob der Ton höher oder tiefer werden soll. Jetzt, wenn sie es am Stimmtisch mit ruhiger Hand und Fingerspitzengefühl demonstriert, vernimmt man den typisch schwebenden Akkordeonklang. Etwas digitale Unterstützung vom Laptop ist beim Stimmen im Spiel – vor allem aber ein verdammt gutes Gehör.
Vor genau zehn Jahren hat die heute 51-jährige Fürtherin ihr Reich in dem Nürnberger Hinterhaus eröffnet und nach der schmucken, oft sechseckigen Handzug-Quetsche „Conzertina“ benannt. Anfangs arbeitete sie auf knappen 15 Quadratmetern, inzwischen wurde auf das Doppelte erweitert. Wiech dürfte in Bayern nach wie vor die einzige Frau sein, die Akkordeons und Artgenossen repariert. „Es lief von Anfang an gut, ich hatte immer Arbeit“, sagt die aufgeschlossene Harmonika-Handwerkerin. Dabei ist sie spät eingestiegen. Die Initialzündung kam 2011 durch eine Freundin, die am Lagerfeuer spielte. „Das war sofort mein Ding!“, sagt Wiech. In Werkstätten in Brandenburg und Sachsen lernte sie wenige Jahre später das Handwerk des Handzuginstumentenbaus.
Bunt gemischte Kundschaft
Dass die studierte Sozialpädagogin für ihren Traum einst einen sicheren Job als Lehrkraft in der Heilerziehungspflege an den Nagel hängte, hat sie nie bereut. „Für mich war es goldrichtig, eine Notwendigkeit und eine der besten Entscheidungen meines Lebens.“ So wie sie lächelt, glaubt man der Frau, die bei aller Leidenschaft für ihr Tun so viel Ruhe ausstrahlt, aufs Wort.
Während der Corona-Pandemie sei besonders viel losgewesen. „Da haben viele ihr Instrument wiederentdeckt.“ Alles in allem ist die Kundschaft bunt gemischt, Musiklehrer, Schüler, Profis, privat Musizierende, auch junge Erwachsene. „Weil das Akkordeon ein internationales Instrument ist, haben die Kunden ihre Wurzeln teils in Frankreich, Italien, England, Rumänien oder der Ukraine“, erklärt Wiech.
Was Generalüberholungen anbelangt, ist die Expertin die nächsten eineinhalb Jahre ausgebucht. Mittlerweile hat sie zwei Teilzeit-Mitarbeiter an der Seite. Einer von ihnen, ein Argentinier, führte die kleinen, zierlichen Tango-Bandoneons ein, die inzwischen in der „Conzertina“ verkauft und – deutschlandweit einzigartig – restauriert werden. Auch Wiech hat ihre Liebe dafür längst entdeckt.
Aber bleiben wir beim Akkordeon, das die deutschen Landesmusikräte zum Instrument des Jahres 2026 gekürt haben. Dass das wandelbare Instrument, dessen aktuelle Popularität sicher auch von Künstlern wie Hubert von Goisern, Herbert Pixner und Maxi Pongratz von der Band „Kofelgschroa“ befeuert wird, das Rampenlicht verdient, kann Wiech nur bestätigen: Eben weil es ein echter Weltenbummler ist, der zu französischer Musette und Chanson ebenso gespielt wird wie in der internationalen Volks- und Seemannsmusik, im Jazz und in der Klassik – „aber eben nicht, wie oft zu lesen ist, im Tango, wo das Bandoneon zum Einsatz kommt“.
Zudem sei das Akkordeon kein elitäres Instrument, oft eher das der kleinen Leute. Das Klischee, dass es mit einem atmet, stimme einfach. „Und es ist eine ganze Band, man hat Melodie, Begleitung, die Bässe – alles in einem.“ Den Ton könne man durch die Balgführung gestalten, „das ist nah am Gesang.“
Simone Wiech könnte ihre Werkstatt wegen der großen Nachfrage nochmal erweitern. „Aber das will ich eigentlich nicht“, überlegt sie. Sie schätzt ihr kleines Team.
Genau wie die analoge Arbeitsweise. Klar, sie hat den Laptop und ein Stimmprogramm. Aber sonst nur noch ihr Handy – für Kundenkontakte.
