Ach Leute, seht nicht so schwarz, oder zumindest nicht schwärzer als nötig.
Allen Vereinen gehen die Leute aus. Das ist nicht nur bei den Akkordeonfreunden so, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Das kommt eben dabei raus, wenn vier Großeltern zusammen zwei Enkelkinder haben.
Die beiden können einfach nicht alles schaffen, was ihre zwei Eltern und vier Großeltern zusammen gemacht haben.
Die erfolgreichsten Vereine sind heutzutage eben die, deren Zielgruppe zwischen 50 und 80 Jahre alt ist, wie ich gerade mit dem Akkordeon immer wieder feststelle.
Z.B. wurde bei dem einen Orchester, in dem mitspiele, die Jugendgruppe mangels Teilnehmern aufgelöst, aber die relativ zufällig entstandene Neu-/Wiedereinsteigergruppe (Durchschnittsalter um die 60) ist in kurzer Zeit fast so groß wie das Hauptorchester geworden.
Und bei den richtig guten Spielern gibt es den Nachwuchs weiterhin, wie auch bei allen anderen Instrumenten, die die breite Masse überhaupt nicht auf dem Schirm hat.
Nur die, die auf niedrigstem Niveau zuhause klimpern, werden weniger. Da ist das Smartphone mit Bluetooth-Lautsprecher der Nachfolger.
D.h. das Akkordeon geht den Weg des Klaviers nach dem ersten Weltkrieg vom Instrument, das jeder lernt, der die Möglichkeit dazu hat, zum Instrument für gezielt den, der es auch wirklich spielen will.
Zusammenfassend: Dem Akkordeon geht es überdurchschnittlich gut.
Für den schlechten Ruf, den das Akkordeon bei manchen hat, habe ich eine andere Erklärung:
Geht es euch nicht auch so, dass ihr das dringende Bedürfnis habt, das Lokal zu verlassen, wenn da ein meist haariger ältlicher Herr am Keyboard mit Begleitautomatik sitzt und schon damals fade dreißig Jahre alte Schlager leiert (und dafür Applaus bekommt, weil er schließlich mehr kann als eine Aufnahme abzuspielen, sogar dann, wenn er genau das tut)?
Genau diese Funktion hatte bis in die 70er Jahre alleine das Akkordeon.
"Können wir uns die Blaskapelle oder die Saitenmusi leisten oder nehmen wir den Quetschnspieler?" war die (zurecht abwertende) Frage.
Das Problem war selten, dass es keine oder keine geeigneten Stücke fürs Akkordeon gab, sondern dass ausnahmslos jedes aktuelle Lied landesweit massenweise von Akkordeonspielern rauf und runter gespielt wurde, mitunter verstümmelt bis zum geht nicht mehr.
Eine andere Ursache für den schlechten Ruf des Akkordeons sehe ich nicht.
Am Instrument bzw. seinen fehlenden Möglichkeiten zu zweifeln, ist grundfalsch.
In vielen Musikrichtungen, die aufkamen, seit es Harmonikainstrumente gibt, war anfangs keines dabei, aber nach einiger Zeit war das Harmonikainstrument der Platzhirsch.
Seine überragenden Eigenschaften und Fähigkeiten haben eine Karriere als Fastfood-Instrument ermöglicht, wie keinem anderen Instrument (bis zum Keyboard).
Ein Instrument, das einem einzelnen Musiker die Möglichkeit gibt, es mit einer/einem ganzen Combo, Kapelle, Orchester aufzunehmen, macht sich immer Feinde.
Man kann ihm nur nicht vorwerfen, dass es oft den kürzeren zieht, sondern muss anerkennen, dass das eine Riesenleistung vom Instrument ist.
Sonst macht man ihm nämlich den Erfolg durch seine Leistung zum Vorwurf.
Und nur weil jahrzehntelang so viele weniger talentierte Laienmusiker aus gutem Grund auf das Akkordeon setzten, heißt das überhaupt nicht, dass ein Akkordeon nichts für Spitzenmusiker ist.
Und auch die Spitzenmusiker können dem Akkordeon seine Erfolgsgeschichte als Masseninstrument nicht vorwerfen, denn viele würden es ohne seine weite Verbreitung nicht spielen und deren Zuhörer es nicht kennen.
Welche Weltklassespieler irgendeines Exoteninstruments haben denn bei uns überregionalen Erfolg?
Ich frage mich also, was ihr vom Akkordeon in Deutschland eigentlich erwartet, und ob diese Erwartungen nicht irgendwie unrealistisch sind.