Woher sollen sie die denn haben? Die Zeit der Hammond liegt weit zurück, sie wird nur noch selten verwendet / gebraucht - ebenso ist die Anwendung eines Synthi auf bestimmte Musikstile beschränkt. Die "Klangteppiche" der 80-er Jahre sind auch schon verklungen ...
Die Zeit der Hammond liegt weit zurück, wird aber immer wieder hervorgeholt. Gerade Rock-Coverbands spielen oft Zeug aus den 70ern nach, und da gab's noch viel Hammond. Ich sag nur Deep Purple Mk II, die mehr Jon Lord + Begleitband als Ritchie Blackmore + Begleitband waren.
Natürlich kann man deren Songs auf modernen Alternative Rock mit zwei Bratgitarren und ohne Keys ummünzen. Aber mit einer gurgelnden, röhrenden, kreischenden Hammond ist es immer noch amtlicher. Auch 2022 noch.
Vielleicht ist es auch ein Problem, dass der "Band-Keyboarder" garnicht genau definiert ist. Je nach Band ist auch was anderes gefragt?
Das ist es nämlich auch, das kann man nicht über einen Kamm scheren.
Richtung Rock, Nachkriegs-Jazz oder Soul braucht man nur AP/EP/B3, das aber perfekt amtlich. Richtung Funk kommt das Clavinet dazu, aber dann muß das auch abgehen wie Stevie Wonder. Im Progrock kommen auf einmal Effektkaskaden jenseits des Leslie dazu, außerdem Mellotron und die Anfang der 70er weithin verfügbaren vorverdrahteten Monosynths (je nach Budget irgendwo zwischen ARP ProSoloist und Minimoog). Aber "Synth" heißt auch, daß man sich seine Sounds from scratch aus Init-Patches zusammendrehen können muß. Und "Mellotron" heißt: Spiderwalk nicht vergessen. Die Bänder sind nur 8 Sekunden lang.
In Top40-Bands muß man alles können. In Studioqualität. Bis hin zum Produzieren und Einfliegen von dutzendweise Backingspuren, weil die anderen Bandmitglieder sich zu fein dafür sind. Oder auch mal Acid-House-mäßiges 303-Filtergeschraube, weil jemand meinte, die Band müsse unbedingt "Sexy And I Know It" spielen.
Von der großen Bandbreite von Tributebands will ich gar nicht erst reden. Wer nur Klavier oder Hammond spielen kann, wird an Depeche-Mode-Replica-Tribute scheitern, Punkt. Umgekehrt könnte man einen zweiten Vince Clarke in einer Boogie-Woogie-Formation nicht gebrauchen.
Dass allerdings keine Synth-Spieler da sind wunder mich schon, wenn man sieht, wie aktuell die doch zu sein scheinen...
Nur wenige Synth-Spieler sind heutzutage dazu fähig und dafür gerüstet, live aufzutreten. Und die allerwenigsten sind fähig und dafür gerüstet, in Bands zu spielen, die ansonsten nicht nur aus anderen Elektronikern bestehen, sondern wo womöglich Gesang und Katzendarm™ dominieren.
Bevor du einen Vollblut-Synthesizerspieler findest, der in eine Top40- oder gar Rock-Coverband einsteigen kann, findest du 20, die in eine Berliner-Schule-Formation einsteigen könnten. Und 500, die solo mit ihrem Geraffel auf ein, zwei Tapeziertischen einen amtlichen Clubgig hinlegen könnten.
Ich glaube, viele Vollblut-Synthesizerspieler, die mal in gemischten, nicht vollelektronischen Bands gespielt haben, sind gebrannte Kinder und machen das nicht mehr. Irgendwann hast du keinen Bock mehr auf einerseits egomanische Selbstdarsteller, die dem Tastenmann kein Rampenlicht gönnen, und andererseits Totalignoranten, die glauben, jeder Amateurkeyboarder könnte auf jeglichem Equipment ohne Vorbereitung von jetzt auf gleich mehr, als was Trevor Horn in den 80ern mit seinem Synclavier gemacht hat (und auf dem Ding hat er die komplette
Slave To The Rhythm von Grace Jones masteringreif durchproduziert). Da können tausend Bands bei dir anfragen, und trotzdem machst du sowas nicht mehr, weil du gelernt hast, daß das einfach scheiße ist.
Wenn man dann überhaupt noch zum Giggen rausgeht, dann bestenfalls à la Kebu, und schlimmstenfalls wird man zum reinen Knöpfchendreher. Viele hört man dann aber, wenn überhaupt, nur noch auf Soundcloud oder Bandcamp.
Der Unterschied ist, Du kannst auf der Orgel draufhaun wie Du willst, es wird nicht lauter. Ansonsten spiel einfach was die kleinen Kugeln auf den Zeilen anschaffen.
Nein, der Unterschied ist, daß du ein zweites Manual, ein mehroktaviges Baßpedal, einen Fußschweller (eine Hammond B3 hat 23 Pedale mehr als ein Klavier), 36 Zugriegel, Percussion-Switches und einen Halfmoon-Switch zusätzlich zu bedienen hast. Und zwar in vollem Fluge. (Du glaubst doch selber nicht, daß Hammondorgler ihr Instrument immer nur zwischen den Songs umregistrieren, oder?)
Ganz einfach: Wir bieten Bandunterricht an. Wir hatten gerade am letzten Samstag ein wunderbares Stadtfest-Event, bei dem die Schülerbands aus unserer Musikschule das komplette Programm bestritten haben, und das war vom Niveau her wirklich Klasse und stilistisch sehr vielseitig. Das "Allround" geht heute auch deutlich weiter als früher. Da muß man nicht nur Hammond, Rhodes, Synth, Clavinet und Mellotron können, sondern auch noch Loops, Launchkeys und Computer zum Einsatz bringen. Das wird aber alles an den modernen Musikschulen gelehrt, da gibt es dann auch Fachleute, die für bestimmte Bereiche zuständig sind und einen regen Austausch unter den Kollegen.
Was mich da interessieren würde, gerade im Elektronikbereich, ist: Kriegen die Schüler da den Stil des Lehrers aufgedrückt plus festes Klangmaterial, mit dem sie arbeiten müssen? Oder können die kreativ werden, ihren eigenen Stil entwickeln und ihr eigenes Zeug bauen und performen?
Die die Geld mit Musik verdienen, müssen das.
Wann hast du das letzte Mal Andy Fletcher, Jean-Michel Jarre, Ralf Hütter, Edgar Froese, Keith Emerson, Manfred Mann oder Jordan Rudess mit Noten gesehen?
Die mit dem Notenblatt sind die Jazzer.
Wann hast du das letzte Mal Joe Zawinul oder Chick Corea mit Noten gesehen? Oder Helge Schneider, und es war nicht Teil der Show?
Martman