Liebe
@2 Bad : Unabhängig von den Gefühlen, die uns beide gerade posten lassen: Der Mut, das Ungewisse, Offene, Unklare stehen zu lassen, bestimmt extrem die Größe eines Textes. Je mehr man seiner Unsicherheit nachgibt, je mehr man erklärt, umso kleiner macht man gleichzeitig seinen Text.
Der Sturm, das Unwetter, der Unfall, der Verrät, der Krieg erklären ja auch nicht, was sie wollen. Auch der Kuss, das Verlangen, das schöne Wetter und der Scherz erklären kein wie und warum. Sie sind einfach da und unterhalten. Oder verärgern. Das macht das Leben spannend, das Schreiben erregend und das Zuhören auch
lg
EDIT:
Eben las ich ein gerade diese Erkenntnis unterstreichendes Gedicht von Rilke:
DER SCHAUENDE
Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.
Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groĂź;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom groĂźen Sturm bezwingen, -
wir wĂĽrden weit und namenlos.
Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fĂĽhlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.
Wen dieser Engel ĂĽberwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groĂź aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.