Die gesamte Stimmung, also alle Intervalle, macht meine App sehr gut. Ich kann mich an meine allererste Stimmung damit erinnern. Ich war überrascht, wie super clean das alles klang.
Mich interessiert dabei Folgendes:
Wenn man z.B. eine große Terz stimmt, so darf sie ja nach gleichstufiger Stimmung nicht rein, sondern muß größer gestimmt werden. D.h. der 4. Oberton des unteren Tons darf nicht genauso klingen wie der 3. Oberton des oberen Tons. Hier muß zwischen diesen beiden Obertönen eine Schwebung entstehen. Diese Schwebung ist aber nicht bei allen gleichstufig gestimmten Terzen gleich, sondern wird schneller, je höher diese große Terz liegt. Ein befreundeter Klavierstimmer sagte mir, daß die Schwebung bei der Terz f - a bei 7 Hz liegt. Ich habe es mir leider nicht notiert, aber ausprobieren sagt mir, daß das hinkommen müßte. Die Terz f' - a' dagegen (eine Oktave höher) schwebt bei 14 Hz, also doppelt so schnell. Eine Oktave tiefer dagegen schwingt F - A demnach bei 3,5 Hz. Der Stimmer sagte mir, daß er beim Stimmen darauf achte, daß diese Großterzschwebung innerhalb der Oktave
gleichmäßig zunimmt, also allmählich immer schneller wird, bis sie eine Oktave höher die doppelte Geschwindigkeit erreicht hat.
Soweit, so gut, das sollte man hinkriegen.
Aber: Ein anderer Stimmer (RIP, sozusagen der Lehrer des ersten) sagt mir: Konzertflügel stimmen kann jeder. Das Problem sind die kleinen Klaviere mit kurzen und ggf. unreinen Saiten. Dazu muß man sich vorstellen, daß die Schwingungsknotenpunkte (Flageolett-Punkte) einer Saite ja nur theoretisch mathematisch exakte Punkte sind. In der physikalischen Realität sind das räumliche Gebilde, die eine zylindrische Form haben, nämlich im Prinzip ungefähr ein Kubik des Saitendurchmessers. Je dicker die Saite, desto größer dieser Schwingungsknoten"zylinder". Es kommt nun auf das Verhältnis an von Saitenlänge zur Größe dieser Schwingungsknoten"zylinder". Je länger und dünner die Saite ist, desto mehr nähert sich dieses räumliche Ausmaß im Verhältnis einem mathematischen Punkt an. Je kürzer und dicker die Saite ist, desto ungünstiger wird dieses Verhältnis.
Unreine Saiten: Wenn eine Saite alt ist, lagert sich besonders in den umwickelten Saiten Schmutz ab, oder die Saiten korrodieren. Es kann auch sein, daß eine Saite beim Wickeln schon Ungenauigkeiten bekommen hat, daß also an einer Stelle die Umwickelung etwas dichter ausgefallen ist als an einer anderen. Es kann ebenfalls sein, daß eine Saite z.B. beim Transport einen Knick bekommen hat und nicht aussortiert wurde. Schmutz, Korrosion, Knicke und ungenaue Umwickelung bringen nun durch ihre nicht gleichmäßig auf die Saite verteilte Masse die Saite ins Ungleichgewicht. D.h. sie schwingt nicht überall gleich und eiert. Es ist eben physikalische Realität und nicht mathematisches Ideal. Dadurch verrutscht aber der Schwingungsknotenpunkt auf der Saite, und dadurch wiederum sind die Obertöne leicht verstimmt. Das wirkt sich bei kurzen, dicken Saiten offenbar noch viel ungünstiger aus, als bei langen, dünnen Saiten. Diese verstimmten Obertöne haben wiederum Auswirkungen auf die Schwebungen der großen Terz. Ein circulus vitiosus ...
Der 2. Stimmer sagte mir dann, daß er beim Stimmen dieses Umstandes Rechnung trägt und dabei andauernd Kompromisse eingehen muß: Schweben die Terzen richtig, wie stimmen die Quinten und Oktaven? Er hat immer nach Gehör in großen Terzen gestimmt, und nicht in Quinten und Oktaven. Er meinte: "Terzläufe gibt es andauernd, Quintläufe fast nie". Seine Stimmungen haben mich immer in den 7. Himmel versetzt. Leider lebt er nicht mehr.
Und meine Frage ist eben:
Kann eine App diesem Sachverhalt Rechnung tragen?
Bei meinen Gitarren ist es z.B. so, daß ich jede Gitarre anders stimmen muß, wegen Bundunreinheiten, unterschiedlicher Saitenstärke, unterschiedlichen Saitenmatierals, kompensierten Sattels etc. Eine App oder ein Stimmgerät reicht mir da nie. Ich stimme auch oft von oben und dehne die Saite dann noch ein bisschen, achte aber darauf, daß die Spannung zwischen Wirbel und Sattel mit der zwischen Sattel und Steg ausgeglichen ist, damit die Stimmstabilität besser ist.
Viele Grüße,
McCoy