Flags müssen kommen wie offene Saiten,
Nein, wie
gegriffene Saiten. Es ist ja der eigentliche Sinn des ganzen Unterfangens, dass die gegriffenen Töne (vor allem auch noch in den hohen Lagen) in der richtigen Tonhöhe erklingen, also ein e im 14. Bund der g-Saite auch ein sauberes, echtes e ist. Welcher Song besteht schon nur aus Flageoletts und Leersaiten?
Nachdem schon das Niederdrücken der Saite selbst durch die unvermeidliche leichte Dehnung die Tonhöhe ändert, und der nicht mitschwingende Anteil der Saite im Verhältnis zum schwingenden in den hohen Lagen immer höher wird, versteht es sich von selbst, dass die Intonation auch nur eingestellt werden kann, indem die Tonhöhe gegriffener Saiten im Verhältnis zu den (natürlich exakt gestimmten) Leersaiten überprüft wird.
Das Flageolett über dem 12. Bund zieht man nur heran, weil es prinzipbedingt immer die exakte Oktave der Leersaite ist, und damit der gehörmäßig einfachste Maßstab für den gegriffenen Ton im 12. Bund.
Da schon unser Tonsystem, erst recht aber die Saite in ihren mechanischen Eigenschaften unvollkommen ist, bleibt auch jede Intonationseinstellung ein Kompromiss. Auch deshalb ist es durchaus sinnvoll, auch die gegriffenen Töne in anderen Lagen als der zwölften mit Flageoletts bzw. exakt gestimmten Leersaiten oder dem Stimmgerät abzugleichen. Mitunter muss man in der Oktave dann eine gewisse Abweichung in Kauf nehmen, wenn dafür die Intervalle in anderen Lagen nicht zu sehr aus dem Leim gehen. Gitarrenbauer greifen übrigens auch am anderen Ende der Saite zu Korrekturmaßnahmen, so ist der Sattel nicht bei allen Gitarren exakt nach der Bundabstandsformel eingebaut, sondern zB bei
PRS* minimal schräg gestellt, und das ganz bewusst. Auch das kann wieder Konsequenzen für die Oktaveinstellung der Saitenreiter haben.
Abhängig von ihren individuellen Eigenschaften klingt eine Gitarre letztlich oft in sich harmonischer, wenn man von der Oktavreinheit ein wenig nach oben oder unten abweicht. Bei etlichen Gitarren klingen zB die viel gespielten offenen Akkorde reiner, wenn man den Reiter der G-Saite etwas zu weit nach vorne und den der D-Saite eigentlich zu weit nach hinten stellt. Der Reiter für die tiefe E-Saite darf auch mal einen Hauch zu weit hinten intoniert werden, wenn man gerne kräftig reinhaut. Jerry Donahue schwört zB auf die genannten Methoden, und ich habe auch schon einige Gitarren in der Hand gehabt, bei denen sich eine solche "falsche" Einstellung letztlich besser anhörte.
Fazit: Eine exakte und allgemeingültige mathematische Methode zur Intonationseinstellung existiert sowieso nicht. Hier ist das Gehör gefragt. Wenns nicht gut klingt, hilft es auch nichts, wenn theoretisch bzw. genau nach Stimmgerät alles richtig eigestellt ist.
Gruß, bagotrix