Ich lese und schreibe hier jetzt schon eine Weile mit, und klar, mir gefallen die alten Sachen, ob nun echt oder nachgemacht, und mir gefällt auch die Musik der 60er/70er, die man ja, zumindest zum Teil, mit diesem Equipment verbindet. Und wie bei jeder Sache, die nicht mehr unbedingt ganz neu, aber trotzdem schön ist, entsteht die Notwendigkeit, das Ganze einer nachkommenden Generation von Musikern zu vermitteln, schmackhaft zu machen und sie dafür zu begeistern.
Nun leben wir aber gerade in einer "disruptiven" Zeit, die geprägt ist von oft schnellem, oft tiefgreifendem technischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. Wie das einzuschätzen und zu bewerten ist, darüber gehen die Ansichten sicher sehr auseinander - den einen geht die Veränderung nicht schnell und weit genug, den anderen geht alles zu schnell und sie suchen nach einem Halt, nach einem Zuhause im Bewährten und auch in der Vergangenheit. Das ist heute, anders vielleicht als in früheren Zeiten, nicht nur eine Frage des Lebensalters, sondern korreliert mit gewissen Grundhaltungen. Zwischen den verschiedenen Lagern einen Ausgleich zu finden, wird mit jeder Krise, die wir gesellschaftlich erleben, schwieriger.
Was das mit dem "vintage"-Phänomen, das hier diskutiert werden soll, zu tun hat? Nun, gitarrenorientierte Musik hat mindestens die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts dominiert, während aktuell kommerziell erfolgreiche Musik durchaus auch ganz ohne Gitarren auskommen kann. Die klassische Hausmusik bürgerlichen Zuschnitts überlebt in Nischen, aber den Coolness-Faktor einer eigenen E-Gitarre (oder eines Mopeds, oder, oder...) hat heute das Smartphone übernommen, viele junge Menschen leben lange und harmonisch bei den Eltern, statt von Rock 'n Roll, langen Haaren, Aufbruch und Revolte zu träumen.
Der testerongetränkte Hardrock von früher kann heute noch als Parodie (Steel Panther) in Wacken punkten, von der ganzen Attitüde und seiner teils sexistisch und maskulistisch bis rassistisch angehauchten Grobheit her passt vieles nicht mehr in die heutige Zeit. "Brown Sugar" dürfen heute nur noch die (inzwischen steinalten) Stones singen, weil sie es schon immer getan haben- kein junger Künstler dürfte sich textlich in solche Gefilde wagen. Das ist keineswegs typisch für die Musik der genannte Epoche, war aber früher sicher eher tolerabel als heute.
Und da kommt nun die Musikinstrumenten-Industrie daher und möchte auch einer neuen, jungen Generation ihre Instrumente verkaufen. Statt mit aktiver Elektronik, Bluetooth, eingebauten Stimmgeräten, anderen Farben und Formen auf die Bedürfnisse einer neuen Generation zuzugehen, was macht man? Das genaue Gegenteil, man schwelgt in der Vergangenheit, baut Buchsen für hundert Jahre alte Telefonstecker ein und eckt mit der einzigen nennenswerten Innovation der letzten Jahre (Autotune) gründlich bei der Stammkundschaft an, die ja alles wie immer haben will, statt für neue Features auch gleich neue Modelle zu entwerfen- und damit neue Kunden zu gewinnnen, für die das manuelle Stimmen vielleicht kein Akt der Selbstvergewisserung ist, sondern lästige Pflicht...
Da kaufen junge Kunden bei Ikea ihre Möbel, und sollen zugleich die Holzmaserung wie bei Omas Schrankwand auf einer Gitarre gut finden, nur weil das 1955 modern war?
Eigentlich muss der Vintage-Trend der vergangenen Jahre auf junge Menschen, für die schon ein zwei Jahre altes Smartphone "alt" ist, doch äußerst abschreckend wirken. In gewisser Weise läuft das Ganze Gefahr, dass Gitarren (den elektrischen zumal) irgendwann ein geradezu reaktionäres Image anhaften könnte. Und spätestens, wenn mit dem Dahinscheiden vieler älterer Musiker in den nächsten Jahren jede Menge gebrauchtes "Vintage"-Equipment wieder zurück auf den (Gebraucht-) Markt strömt, werden sich die Hersteller selbst verfluchen, nur in "vintage" investiert zu haben und nicht daran gedacht zu haben, neue Kundschaft für elektrische Gitarren generiert zu haben.
Und so etwas wie "Wehmut" oder "Sammelleidenschaft" ist doch jüngeren Generationen ohnehin fremd. Die werden, wenn überhaupt, eine Gitarre kaufen, aber nur, wenn ein heute hipper Markenname drauf steht.
Die Hersteller sollten für den innovationsfreudigen Kreis potentieller Kunden auch mal etwas Innovatives bieten. Sonst kommen junge Kunden nie auf den Vintage-Geschmack, wenn sie ihren Horizont irgendwann etwas erweitert haben. Und man sollte (E-) Gitarrenmusik modern und innovativ halten, sonst wird aus Rockmusik in wenigen Jahren so etwas wie heute der Jazz, dem der gewöhnliche Zuhörer auch nicht mehr anmerkt, dass er einmal eine revolutionäre Neuerung war und die Menschen in Ekstase trieb.