Clavia Nord Electro 2 Sixty-One

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Morgen! Hier noch ein Bericht zu einem Clavia-Produkt - dem Nord Electro 2 Sixty-One.

Hersteller: Clavia Nord
Typ: Electro 2 Sixty-One
Preis: zuletzt 999,- im Ausverkauf


1. Klang

- Flügel: Mit ein wenig Hall drauf finde ich den Steinway und den Yamaha durchaus besser als oft geschimpft wird. Dennoch - die Tastatur passt nicht so richtig dazu, und schönere Flügelsamples gibt es anderswo auch. Als eine Dreingabe, "die man mal verwenden kann" aber in Ordnung.

- Vintage: Diese Sounds sind der Grund, einen Electro zu kaufen - entsprechend ist auch die Qualität, die geboten wird.

Die Hammond-Abteilung ist für meine Ohren sehr gelungen, auch wenn ich für die Leakage gerne ein bisschen Auswahl hätte. Letztendlich ist der vorhandene Klang aber in Ordnung, und an das Übersprechen des 1'-Riegels in den Bass habe ich mich gewöhnt. Hervorzuheben sind die exzellente Lesliesimulation und der gut verwendbare Overdrive. Die Gewöhnung an die LED-Zugriegel finde ich machbar, auch wenn "richtige" Riegel vielleicht noch ein wenig spontaner zu bedienen sind. Sonst ist alles nötige vorhanden - auch die sehr umkomplizierte Einbindung eines unteren Manuals.

Die E-Pianos sind ähnlich gut gelungen, wobei der Benutzer hier vom individuell bestückbaren Flash-Speicher profitiert. Unter den verschiedenen Rhodes- und E-Grand Modellen findet sich mit Sicherheit etwas für die eigenen Vorlieben. Nur einzeln vorhanden sind Clavinet und Wurlitzer, wobei beim Clavinet sämtliche Pickup-Einstellungen über das Mittenband des EQ zugänglich sind.
Unter dem Kopfhörer im stillen Kämmerchen lässt es sich natürlich darüber diskutieren, ob nun wirklich alle Eigenschaften der Originale überzeugend umgesetzt sind und ob die Klänge nicht doch zu statisch sind. Release-Samples, also die Geräusche der aufsetzenden Dämpfer beim Loslassen der Taste, fehlen zum Beispiel komplett. Dort, wo es darauf ankommt, nämlich im Proberaum oder auf der Bühne, werden solche Überlegungen jedoch schnell sehr theoretisch. Die Sounds fügen sich sehr gut in den Bandklang ein und sind durch den EQ und die eingebauten Effekte sehr einfach auf die jeweilige Situation abzustimmen. Gerade die wählbare Mittenfrequenz des EQ ist dabei ein wertvolles Hilfsmittel.
Die Umsetzung der Anschlagsdynamik auf die Waterfall-Tastatur beinhaltet naturgemäß einen Kompromiss, ist aber im Rahmen dessen sehr gut gelöst. Besonders das Wurlitzer benötigt etwas Gewöhnung, da schon bei sehr leichtem Anschlag hohe Werte ausgegeben werden, aber auch das ist machbar.

Insgesamt können auch die Samples des Electro die Originale nicht vollständig ersetzen, allerdings kann dies von einem Keyboard dieser Größe und dieser Konzeption nicht erwartet werden. Ebenso ist nicht zu vergessen, dass die Tastaturen der Originale extrem unterschiedlich sind und daher die Umsetzung über eine Waterfall-Tastatur naturgemäß ihre Grenzen hat. Für mich ist der Electro nahe genug an den Originalen, um meiner Inspiration und meiner Freude am Spielen keinen Abbruch zu tun.

2. Tastatur

Wie oben erwähnt, stellt die leichtgewichtete Waterfall-Tastatur einen Kompromiss dar. Für die Orgel dürfte das Spielgefühl fast noch etwas leichter sein, während die Pianosounds teilweise sogar nach einer Hammermechanik verlangen würden. Die verbaute Tastatur ist jedoch solide, spielfrei und recht geräuscharm - hinzu kommt die bereits angesprochene, sehr überzeugende Umsetzung der Anschlagsdynamik.
Ein Gegenversuch mit einer handelsüblichen halbgewichteten 76er Tastatur zeigt die gute Arbeit, die Clavia in diesem Punkt geleistet hat.

3. Technik

- Effekte: Die typischen Effekte wie Chorus, Phaser, Flanger, Wah (automatisch und über Pedal) und Tremolo sind in guter Qualität und bester Bedienbarkeit vorhanden. Für abgefahrene Klänge steht zudem ein Ringmodulator bereit. Auch hier lässt sich mit Kopfhörern wieder überlegen, ob wirklich alles bis auf das i-Tüpfelchen perfekt ist, doch fügen sich auch die Effekte bestens in den Bandklang.
Schmerzlich vermisst werden jedoch Hall und Delay. Ärgerlich ist, dass das Fehlen dieser wichtigen Effekte der Idee, alles in einem kleinen Gerät zu haben, deutlich widerspricht. Während man den Hall vom FOH kommen lassen kann, gebe ich das Delay nicht gerne aus der Hand, brauche also wieder ein Zusatzgerät.
Sehr angenehm ist der bereits erwähnte EQ, der mit wählbarer Mittenfrequenz den E-Pianos die nötige Durchsetzungsfähigkeit verpasst. Für Clavinet und Orgel stehen nur die Höhen- und Bassbänder zur Verfügung, was jedoch in der Praxis keine Schwierigkeiten bereitet.
Ebenso bereits angesprochen wurde die sehr ansprechende Lesliesimulation mit gelungenem Overdrive. Leider ist der Overdrive für die E-Pianos nur eingeschränkt zu verwenden, da er selbst auf der niedrigsten Einstellung schnell zu stark wirkt. Ein leichtes Anzerren ist so kaum möglich. Ampsimulationen gibt es außer dem Leslie keine, doch könnte ich nicht sagen, dass ich sie bis jetzt besonders vermisst hätte.
- Soundbearbeitung: Als Imitation klassischer Tasteninstrumente bleibt der Electro seinen Vorbildern auch bei der Klangbearbeitung treu. Abgesehen von der Hammond, die alle charakteristischen Bedienelemente aufweist, ist bei den Pianos nicht viel zu ändern, wobei die verfügbaren Samples durchaus eine gewisse Bandbreite abdecken. Auch bei den Effekten muss man in mancher Hinsicht (Leakage, Lesliemikrofonierung...) mit dem vorlieb nehmen, was vorhanden ist - allerdings ist das in der Regel gut gelungen und lässt im Verbund mit dem EQ für mich kaum Wünsche offen.
- Bedienung: Hier liegt ebenfalls eine Stärke des Electro. Ins Menü muss man nur selten, denn die wesentlichen Funktionen sind alle auf der Oberfläche angeordnet. Schön ist auch, dass es kaum Doppelbelegungen von Schaltern gibt. Schade ist dagegen, dass die an sich sehr praktische Hardpan-Funktion flüchtig ist. Mehr dazu später.
- MIDI: In/Out ist da, sonst allerdings nahezu nichts. Als Masterkeyboard taugt der Electro nicht besonders. Praktisch ist allerdings die Option, ein unteres Manual einfach auf einem extra Midikanal laufen zu lassen.
Da die interne Klangerzeugung wohl recht spezielle Kurven für die Anschlagsdynamik verwendet, ist die Ansteuerung mit einer externen Tastatur nicht unbedingt zufriedenstellend zu bewerkstelligen. Mein Roland RD-150 harmoniert beispielsweise gar nicht mit dem Electro.

4. Transport / Gewicht

Gerade als Sixty-One ist der Electro 2 ein Musterbeispiel in Sachen Tragbarkeit. Recht viel kompakter und leichter geht es kaum mehr - wobei es schön ist, dass dies nicht zu Lasten der Verarbeitung und Stabilität geht. Bedienelemente und Tastatur sind wie das Metallgehäuse und die Holzseitenteile solide und robust ausgeführt. Ebenso willkommen ist das interne Netzteil, auch wenn mir eine Standard-Kaltgerätebuchse noch lieber gewesen wäre.

5. Fazit

- Bühnentauglichkeit: 100% Der Electro 2 ist ein durchdachtes und funktionelles Konzept. Alle wichtigen Parameter sind schnell und einfach zugänglich, während das Verhältnis aus Tragbarkeit und Stabilität sehr überzeugend ausfällt. Positiv herauszuheben ist die HardPan-Funktion, die E-Pianos und Orgel getrennten (Mono-)Ausgangskanälen zuweist. So lassen sich z.B. die Pianos direkt ins Pult oder in einen Amp schicken, während die Orgel über ein Leslie läuft. Ebenso schafft diese Funktion dem sonst störenden Lautstärkeunterschied zwischen Piano- und Orgelsektion Abhilfe. Ebenso hat jemand bei der Pedalverwaltung mitgedacht: Man kann nicht nur verschiedene Hersteller verwenden (Einstellung erfolgt im Menü), sondern der Electro verwertet auch auf Wunsch das Expressionpedal automatisch als Schweller für die Orgel und als Wah Wah für die Pianos. Das Sustainpedal schaltet im Orgelbetrieb automatisch das Leslie um - außer der Benutzer legt es anders fest. Das sind Kleinigkeiten, die den Umgang mit dem Electro deutlich erleichtern.
Abschließend sei hier nochmals die ausnehmend gute Bandtauglichkeit der vorhandenen Sounds und Effekte betont. Was zuhause vielleicht etwas lahm klingt, lebt spätestens im Zusammenspiel auf.
- Wohnzimmertauglichkeit: Das kommt wohl ganz entscheidend auf das Wohnzimmer an. Holz ist an den Seiten schon vorhanden.
- Preis-Leistung: Nicht ganz billig, aber seinen Preis wert. Mit dem Electro 3 werden auch gebrauchte Exemplare erschwinglicher.

- Abschließendes Fazit: Der Nord Electro 2 ist ein Spezialist, keine eierlegende Wollmilchsau - das muss dem Interessenten klar sein. Das Spezialgebiet wird jedoch sehr umfassend und in hoher Qualität bedient. Einen vollkommenen Ersatz für die Originale bietet ein Electro auf keinen Fall, dafür eine handliche Sammlung der Lieblingssounds, die Spaß beim Spielen macht. Das ist alles, was der Electro kann, aber das kann er gut.

In Bezug auf Clavia bin ich nun voll auf den Geschmack gekommen und versuche als nächstes, mir eine C1/C2 zusammenzusparen. Bauqualität, Klang und Bedienkonzept kommen meinen Vorstellungen sehr entgegen.

Hersteller: Clavia Nord
Typ: Electro 2 Sixty-One
Preis: zuletzt 999,- im Ausverkauf
und:
Hersteller: Line6
Typ: Pod 2.0
Preis: derzeit 139,-
Ich war mal so frei und habe den Electro mit einem Line6 POD 2.0 getestet, also mit einem Gerät, das eine Reihe klassischer Gitarrenverstärker, Effekte und Hall simuliert. Da der POD eigentlich für Gitarristen gedacht ist, ergeben sich mit dem Electro natürlich nicht überall Überschneidungen. Ein paar Modelle, nämlich die klassischen Fender-Verstärker wie Twin, Bassman, Deluxe Reverb oder Champ, der Roland JazzChorus (der auch in einer Line6-eigenen Variation mit leichtem Röhrenoverdrive vorliegt), der Vox AC30 oder die Simulation eines Röhrenvorverstärkers passen jedoch ganz gut für die E-Pianos. Für die Hammond und den Flügel verwendet man lieber keinen POD - und muss "dank" des fehlenden Bypass einen A-B-Umschalter bemühen - oder versucht sich an einer neutralen Einstellung des Röhrenvorverstärkers (viel Spaß dabei). Wer den Flügel nicht nutzt, kommt vielleicht auch mit der HardPan-Funktion zurecht, muss dann aber mit der Orgel in mono leben.

Zwei meiner Hauptkritikpunkte, nämlich das Fehlen von Delay und Hall sowie der für die E-Pianos wenig geeignete Overdrive, lassen sich mit dem POD sehr gut beheben, denn die Hall- und Delaytypen sind gut gelungen.
Gleichzeitig erweitert sich das Spektrum an möglichen Klangvariationen deutlich, denn Ampsimulationen besitzt der Electro ja nicht. Aufpassen muss man dabei allerdings - wie immer bei der Kreuzung von Gitarrenzeug mit Keyboards - mit der Gainstruktur. Ist das aber passiert, lassen sich dem Electro Sounds entlocken, die vorher nicht zu bekommen waren. Ich habe gerade mit der Kombination ein Demo eingespielt und hatte dabei meine helle Freude am Sound. Mal sehen, wie die Ergebnisse dann sind...

Übrigens: Ja, Rauschen findet leider statt, und zwar ziemlich. Ganz stecke ich in der Gainanpassung noch nicht drin - vielleicht gibts da noch Potential. In jedem Fall ist es aber gut, dass ein Noisegate integriert ist.

Da der POD 2.0 im Vergleich zum winzigen Electro schon ein ziemliches Monster ist, wäre vielleicht der Pocket POD mit denselben Sounds überlegenswert, allerdings sind da die Möglichkeiten, Einstellungen direkt am Gerät vorzunehmen begrenzter.
Auch auf die symmetrischen Ausgänge des POD 2.0 muss man verzichten - ob das schlimm ist, wäre eine andere Frage.
 
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