Nachfolgend ein längerer Artikel aus den Nürnberger Nachrichten vom 29.01.2026
Das Instrument der 1000 Farben
So sehen Weltmeister aus: Das mehrfach ausgezeichnete Nürnberger Akkordeonorchester geht im 80. Jahr seines Bestehens voller Elan in das „Jahr des Akkordeons“. Foto: Ludwig Olah
JUBILÄUM Jahr des Akkordeons 2026: Wie die Weltmeister des Nürnberger Akkordeonorchesters feiern.
Thomas Heinold
Am 13. Juni findet das Erlebniskonzert „Zu den Sternen!“ des Nürnberger Akkordeonorchesters (NAO) im Neuen Museum Nürnberg statt. Am 21. Juni präsentiert das Nürnberger Akkordeonensemble (NAE) im Hof des Pellerhauses Tanzmusik von der Renaissance bis Techno. Am 21. November findet im Germanischen Nationalmuseum das große Jubiläumskonzert „Wohin geht die Reise?“ von NAO und NAE statt. Am 20. Dezember beschließen NAO und NAE in der St. Martha mit dem Weihnachtskonzert „Joy to the world“ das Jahr.
2026 haben die deutschen Landesmusikräte das „Jahr des Akkordeons“ ausgerufen. In Nürnberg fällt dies auf besonders fruchtbaren Boden, ist hier doch eines der weltweit erfolgreichsten Ensembles beheimatet: das 1946 gegründete Nürnberger Akkordeonorchester (NAO). Heuer feiert man deshalb das 80. Jubiläum, das mit dem 60. Geburtstag des Komponisten Stefan Hippe zusammenfällt, der die Geschichte des Orchesters seit den 1990er Jahren maßgeblich prägt.
Im Gespräch mit unserem Medienhaus sieht Hippe dieses Ehrenjahr als „Chance, das Instrument dem Publikum näher zu bringen“ und bestehende Vorurteile zu widerlegen. Letztere bestünden vor allem darin, dass viele Menschen das Akkordeon nach wie vor mit Folklore-Musik verbinden, was sich in umgangssprachlichen Ausdrücken wie „Quetschn“ oder „Schifferklavier“ ausdrücke.
Jenseits der Klischees
Gegen solche Klischees arbeitet das NAO seit seiner Gründung durch den Pädagogen und Arrangeur Willi Münch. Er formte früh ein Ensemble, das mit professioneller Ernsthaftigkeit zu Werke ging und eine eigene Klangvision jenseits volkstümlicher Klischees entwickelte. Münch pflegte Kontakte zu Komponisten wie Waldram Hollfelder oder Werner Heider und etablierte das Orchester als Experimentierfeld für die neuen Klänge der zeitgenössischen Musik.
Eine weitere wichtige Basis des Erfolgs war die kontinuierliche Nachwuchsarbeit mit zum Teil mehreren Jugendorchestern. Daraus ging 1997 die Gründung des Nürnberger Akkordeonensembles (NAE) unter der Leitung von Marco Röttig hervor. Es speist sich aus Spielerinnen und Spielern des NAO und ergänzt als kleines, flexibles Sextett die Arbeit des großen Orchesters.
Für Hippe sind zeitgenössische Musik und eigens für das Akkordeon komponierte Werke ein wichtiger Schwerpunkt: „Stücke, die extra für ein Ensemble komponiert werden, klingen einfach besser als Arrangements anderer Musik“, sagt Hippe. Die Beschäftigung etwa mit schwierigsten Rhythmen habe eine direkte Auswirkung und verbessere deutlich die Klangkultur des Orchesters. Die sei „ein Schlüssel zum Erfolg“ des Nürnberger Akkordeonorchesters.
Und diese Erfolge sind herausragend: Nach frühen Wettbewerbserfolgen, die das Orchester bekannt und zu einem bedeutenden Kulturbotschafter auch außerhalb Deutschlands machten, hat man in den letzten 30 Jahren so gut wie alles gewonnen, was Akkordeonorchester gewinnen können. Nach zwei dritten Preisen erzielte das NAO beim International World Music Festival in Innsbruck 2004 und 2010 jeweils den ersten Preis in der Höchststufe – 2004 sogar mit Maximalpunktzahl. 2025 folgte bei der 14. Festivalausgabe ein weiterer erster Platz, der das Orchester endgültig in den Rang eines mehrfachen „Weltmeisters“ hob und zu einem der führenden Akkordeonorchester Europas machte.
Zahlreiche weitere Auszeichnungen gesellen sich dazu: Siege beim Deutschen Orchesterwettbewerb, Spitzenplatzierungen bei internationalen Festivals, Kulturpreise der Stadt und des Bezirks, darunter der Preis des Kultur-Fonds der Familie von Tucher (2004) und der Förderpreis des Bezirks Mittelfranken (2007) führen die Liste der Ehrungen an.
Details führen zum Erfolg
Für Hippe sind die drei Erfolge beim World Music Festival geradezu „unbegreiflich“. Viele Komponenten müssten für Siege dieser Art zusammenkommen: „Das Programm muss stimmen, das Orchester muss gut vorbereitet sein, das Glück des Moments muss dabei sein und die international besetzte Jury muss innerhalb von 20 Minuten überzeugt werden, dass es sonst nichts Besseres gibt.“
Doch hinter solchen Erfolgen steckt eine kontinuierliche und strukturell durchdachte Arbeit. Jahrzehntelang habe das NAO von CD- und Rundfunkaufnahmen enorm profitiert. „Ein gut ausgebildeter Tontechniker hört anders als ein Dirigent,“ erklärt Hippe. „Er setzt von außen die Korrekturen an, bittet um eine Wiederholung, weil bestimmte Stellen nicht zusammen waren oder nicht gut geklungen haben. Das ist im Nachhinein ein großer Schatz, der die Qualität des Orchesters unglaublich weit nach vorne gebracht hat.“
Ebenfalls kommt dem Ensemble zugute, dass Hippe Komponist ist: „Je mehr ich über den Hintergrund von Abläufen der Musik weiß, desto besser kann ich diese an andere Musiker weitervermitteln. Insofern profitieren beide Seiten von der Personalunion, ich bekomme Anregungen und Ideen durch die Klangwelt vermittelt, und das Orchester weiß bei allen Stücken, wo es lang geht.“
So baute Hippe ein Repertoire auf, das nicht nur von Bach bis Strawinsky reicht, sondern der neuen und speziell für Akkordeon komponierten Musik einen zentralen Platz einräumt. 1998 initiierte er die Konzertreihe „Accordeonova“, die ausschließlich neue Werke für Akkordeon präsentierte; unter seiner Leitung wurden zahlreiche, oft speziell für das NAO geschaffene Kompositionen uraufgeführt.
Das „Publikum für diese Nische“ sei während der Corona-Pandemie leider weitgehend weggebrochen, räumt Hippe ein. Das Orchester musste reagieren: „Aktuell setzen wir auf Mischprogramme mit vielen Arrangements, leicht zu hörender Originalmusik und ab und an ein wenig Zeitgenössisches“.
Heute fehlt vielen die Ausdauer
Probleme gebe es auch beim Nachwuchs: Die Schülerzahlen beim Akkordeon seien die letzten Jahre stetig zurückgegangen. Der schnelle Gebrauch des Instruments, etwa um ein Lied zu begleiten, sei rasch erlernt, so Hippe, aber: „Um es richtig spielen zu können, sind Jahre notwendig.“
Für solche Anstrengungen, vermutet Hippe, würde heute kaum ein Jugendlicher mehr „die notwendige Stetigkeit“ aufbringen – ebenso wenig für die viele ehrenamtliche Arbeit. Auf ihr ruhe der gesamte Erfolg des NAO ebenso wie des NAE. Der Zuschuss für Laienmusik durch die Stadt Nürnberg sei sehr niedrig, für den Betrag könne man sich für ein Konzert im Jahr gerade mal „zwei Schlagzeuger leisten“.
Trotzdem hoffen Hippe und Röttig auf eine neue, dauerhafte Begeisterung für dieses besondere Instrument. Sie selbst leisten ihren Beitrag mit zahlreichen Konzerten. Hippe krönt darüber hinaus seinen Geburtstag mit einem Konzert des Bundesakkordeonorchesters am 14. März in der Berliner Philharmonie, wo sein Stück „Dürer 555“ uraufgeführt wird.