Ein Problem scheint mir, dass von der Musik, die AUF dem Akkordeon zu hören ist, nur wenig FÜR das Akkordeon geschrieben wurde. Und während es für das Klavier genug hervorragende Originalliteratur gibt, dass es auch den Missbrauch für "Volkslieder" oder Schlager übersteht, sehe ich hier eher wenig (für mich) interessante (!) Originalliteratur bei den Akkordeononstrumenten.
Das ist sehr treffend analysiert.
Ich frage mich oft, wie es mit der allgemeinen Einschätzung des Akkordeons heute wäre, wenn es zu Zeiten von Bach oder Mozart, um nur zwei Komponistengiganten zu nennen, das Akkordeon in seiner heutigen Entwicklungsstufe schon gegeben hätte und diese Herrn " Originalmusik" dafür geschrieben hätten.
Ich schreibe hier nur zu Originalliteratur für Akkordeon. Klar, es gibt nicht wenig davon. Aber hierbei unterscheide ich zwei Kategorien: die eine ist solche Literatur, die mit wenig oder mittlerem Spielkönnen bewältigt werden kann. Akkordeonklassiker wie Will Glahe und Zeitgenossen möchte ich in diese Kategorie stecken. Oft ist diese Musik musikalisch wenig interessant und hat bestenfalls einen gewissen Wiedererkennungsbonus, die Seele berührende Musik ist das keinesfalls. Aus musikalischer Sicht - Einzigartigkeit, Überraschungselemente, Variabilität, usw. - kein Vergleich zu ebenfalls vergleichsweise einfachen Piano-Klassikern wie beispielsweise die Träumerei von Schuhmann oder das Türkische Rondo von Mozart, die bereits mit mittlerem Spielvermögen bewältigt werden können und viele Merkmale herausragender Musik enthalten.
Die andere Kategorie, moderne E-Musik-Originalwerke für Akkordeon, die musikalisch, technisch und emotional anspruchsvoll sind, sind meiner Beobachtung nach in der Regel nur von höchstklassigen Spielern beherrschbar und demzufolge selten zu hören und einem breiteren Publikum nicht erschließbar. Es gibt viel solche Musik, sie wird aber nur in Insider-Kreisen gepflegt.
Auch in dieser zweiten Kategorie, moderne U-Musik-Originalwerke für Akkordeon wie zum Beispiel die von Galliano, die musikalische, technische und emotionale Elemente vereinigt, ist noch nicht in ausreichendem Umfang geschaffen, um eine breitere Wahrnehmung zu erzielen und die verfestigte Meinung über das Akkordeon zu beeinflussen.
Noch keine Erklärung habe ich dafür, dass das Saxophon nicht ein vergleichbares Image-Problem wie das Akkordeon hat, zumindest nicht in der breiteren Öffentlichkeit.
Im Umfeld der übiquitären und 7/24-verfügbaren Streamingdienste mit ihren überwiegend industriellen und klick-orientierten Ingenieurproduktionen hat Musik als pflegenswertes Kulturgut und insbesondere auch Akkordeonmusik es schwer, enge Pfade zu erweitern und neue Sichtweisen zu eröffnen. Also lasst uns dennoch fröhlich und unbeschwert die Akkordeonmusik pflegen diesseits und jenseits des "Quetschen-Grabens", vielleicht bringt es ja die Masse.
NB: Ich lehne mich hierbei an die erprobte betriebswirtschaftliche Weisheit an: wenn das Einzelstück auch Verlust bringt, macht nix, dann muss eben die Masse den Gewinn bringen.