Es kommt auf die entsprechende Attitüde an und dort liegt auch die größte Gefahr für das Konzept 'Rock' an sich.
Teils wird Rockmusik zum spießigen Steckenpferd bürgerlichen Eskapismus.
Ganz schlimm ist das beispielsweise in Wacken.
Wenn dort ganze Metal-Familien, Metal-Muttis und -Vatis einmal im Jahr einen Camping-Ausflug hin unternehmen, um
auf der Bühne neben den üblichen Bands auch "Gaststars" wie Heino und Roberto Blanco zu beklatschen, die sich dort am Thema 'Metal' ihre Portion
Coolness abholen wollen, ohne etwas (außer ihrer eigentlichen Peinlichkeit) hinzuzufügen.
Zum Abschluss gibt's dann Karussellfahren für die Kleinen, Dosenbier (vom Festivalsponsor) für die Großen und Vati schmeißt was auf den Grill.
Klingt für mich nach allem anderen, nur nicht nach Rock'n'Roll und ich frage mich, wie es soweit kommen konnte und warum die
ursprünglichen Metaller sich ihr Baby so haben aus den Händen reißen lassen.
Eine andere Baustelle sind die seit einiger Zeit ach so hippen Rockabillies.
Das sind größtenteils Kleinbürger, die die 50er Jahren so nachspielen, wie sie in Wirklichkeit niemals waren und die auch
gar nicht den rebellischen Geist an dieser Zeit schätzen, sondern aus dem Thema eine Art heimelige, sie verbindende
allgemeine Spießigkeit ziehen, die dann als "Wir sind anders!"-Gefühl zelebriert wird und den ursprünglichen Geist des
frühen Rock'n'Roll vollkommen aushöhlt und ad absurdum führt.
Die nächste Stufe der Scheußlichkeit ist dann meist auch schnell erreicht:
Der heutige Rockabilly hat nämlich auch eine unheimliche Affinität zu noch spießigeren Ausdrucksformen in Sachen Retro-Trends:
Dem Swing!
Teils vermischen die Stile sich auch und Männer mit Elvis-Tolle und Karohemd nehmen spontan auch noch die 30er Jahre mit.
Bei den Damen hat dies für gewöhnlich zur Folge, dass sie mit der Zeit aussehen wie Eva Braun im Petticoat.
Über gesellschaftliche Themen, Kultur und Politik der 50er Jahre braucht man sich mit denen freilich auch nicht zu unterhalten.
Das interessiert sie nicht. 30er, 40er, 50er... irgendwie alles eins.
Ich würde Rock'n'Roll als Geisteshaltung in erster Linie als ausgelebten Nonkonformismus ansehen, der (wie oben beschrieben) ständig
Gefahr läuft, selber konformistisch zu werden.
Teils bügelt sich das aber von selbst wieder aus.
In der ersten Hälfte der 70er Jahre war vom Geist 60er nicht mehr viel übrig:
Pomp, Make-Up, Kostüme, Koks und schwülstige Arrangement und gewaltige Bühnenshows prägten auf einmal den populärmusikalischen Zeitgeist.
Dann kam Punk und Rock hatte sich über Nacht erneuert. Schlagzeug, Gitarre und Bass, drei Akkorde und einfache
Songs von Kids in abgerockten Locations gespielt.
Ähnliches passierte nach den Hairspray-80ern in den frühen 90er Jahren: Grunge kam auf und es gab ein ähnliches Reboot des Rock wie mit
Punk in den 70ern.
Ob sowas nochmal passieren kann?
Wer weiß. Die Spielregeln der Musikindustrie haben sich in den letzten fünfzehn Jahren komplett geändert.
Musik wird nicht mehr gekauft, sondern ist nur noch Beiwerk, dessen Protagonisten ständig neu inszeniert werden müssen,
damit sie interessant bleiben und Geld verdienen.
Die Zeiten in denen eine Band Millionen von Alben und Singles verkaufte und dies das Hauptstandbein war, sind vorbei.
Hier ist ein sehr interessanter Artikel zum Thema, der die Frage stellt, ob es heutzutage überhaupt noch echte Jugendkulturen gibt:
https://www1.meinbezirk.at/land-wie...t-wo-sind-die-mods-punks-und-gruftis_a2061537