Hallo alle!
Ich habe vor drei Jahren begonnen, mich für alte Framus-Gitarren zu interessieren.
Warum? Wohl weil mein Bruder auch schon eine kleine Sammlung hatte und ich ein Modell sehr mochte und auf einem Flohmarkt eine gut erhaltene Camping für 40 € erstand und deren Klang und Größe liebte.
Es hätte also jede andere Marke sein können, ich mag ältere Modelle von Firmen die es nicht mehr gibt, egal in welchem Hobby. MZ, Atari, you name it.
Zum Thema:
Wer heute eine Framus-Gitarre hat oder ersteht, findet sich sehr schnell in einem abstrusen Chaos wieder wenn es darum geht, Modell oder Baujahr sicher zu identifizieren.
Und es ist einfach schade, wenn man da eine Gitarre auf dem Dachboden/Flohmarkt/Schlammloch findet, die 70 Jahre alt ist, auf der Generationen Lieder gespielt haben und es ist nichtmal mehr nachvollziehbar, aus welchem Jahr das Ding stammt oder welches Modell das nun ist.
Aber die Gitarren haben doch alle ein Etikett im Korpus, das Modell, Seriennummer und Baujahr zeigt...?
Ja, wenn das noch vorhanden ist. Ist auch nicht immer der Fall.
Und selbst wenn: ich weiß nicht was für ein Kasper für das Ausfüllen des Etiketts zuständig war. Das Baujahr findet sich oft bei "Seriennummer", das Modell bei "Baujahr", oft quer über die Schrift des Etiketts und damit oft unleserlich, oft wurde nichtmal der Stempel verwendet sondern unleserlich hingekritzelt. Manchmal sind die Felder überhaupt nicht ausgefüllt oder der Stempel hatte kaum Tinte, und die hat 70 Jahre Bleichung hinter sich. Ich habe schon mehr als ein solches Etikett per Photoshop behandelt um via Kontrasterhöhung und anderer Tricks die Stempel zu identifizieren.
Alleine dieser Umstand wäre schon geschichtlich interessant: wieso war das so, wieso hat der Chef der Firma (oder irgendwer?!) da nicht gesagt, dass das so nicht geht?
Nun gibt es die ehrenwerte Seite
https://www.framus-vintage.de/.
Dort sind ja alle Modelle aufgelistet.
Hust. Naja. Fast. Viele ohne Bild.
Und einige Modelle sind sogar widersprüchlich gelistet; so taucht das Modell 5/19 sowohl als "Ideal" auf, als auch als "Carmen". Beide Artikel ohne Bild. Ja was nun?
Ich habe eine 5/19. Da steht nicht "Carmen" oder "Ideal" drin. Wie zum Teufel soll ich wissen, was das nun ist? Worin lagen die Unterschiede der beiden Modelle? Ist das ein Fehleintrag auf der Seite oder hatte sich einfach der Beiname irgendwann geändert?
Ganz wild wird es bei den Modellen "Florida", "Cutaway" und vor allem "Missouri".
Das sind im Grunde völlig identisch aussehende Grundmodelle mit untereinander austauschbaren und wechselnden Anbauteilen, dagegen sogar innerhalb eines Modells wechselndem Korpus.
Ich habe neulich eine solche Gitarre bekommen, ohne Firmenetikett. Und natürlich keine Ahnung, woran ich nun festmache, welches Modell das davon ist, inwiefern die sich definierbar voneinander unterscheiden.
Gab es denn nicht Kataloge, Werbeanzeigen, Vorstellungsfilme, irgendwas? Die Seite hat ein paar solcher Blätter hochgeladen, aber einfach viel zu wenig um irgendwie hilfreich zu sein.
Auf eBay tauchen manchmal "Kataloge" auf, für viel zu viel Geld ohne dass man vorher weiß was die an Infos so hergeben.
Es gibt auch noch das Forum auf der Seite.
Angemeldet sind dort ausschließlich Leute, die sich extra angemeldet haben weil sie alle exakt die selbe Frage haben: was für ein Modell habe ich da überhaupt?
Das Forum besteht aus aberhunderten Threads ohne auch nur einen Antwortkommentar.
Selbstredent geht es auf der Framus Vintage Facebookgruppe ähnlich zu. Als ich Bilder meiner Missouri/Florida/Cutaway postete gab es instantan 20 Likes aber keinerlei Antwort.
Es gibt auch nirgends mehr Ersatzteile - Framus verwendete an einigen Stellen Teilgrößen, die heute nicht mehr der Norm entsprechen.
Ich frage mich einfach: wie kann das sein? Das war einst Europas größter Gitarrenhersteller und seine Modellgeschichte versinkt im Nebel der Geschichte - es wird im Laufe der Zeit auch nicht einfacher werden.
Ja, ich weiß dass die Firmenunterlagen nach dem Konkurs verschwunden sind. Aber wie gesagt, was ist mit Katalogen, Händlerbriefen oder ähnlichem? Gibt es noch Leute, die damals bei Framus arbeiteten und etwas dazu sagen könnten?
Ich habe heute eine 1973er Sorella bekommen - von einer Studentin, die sie auf dem Dachboden ihres Onkels fand und sie für 40 € verkaufen wollte. Sie brachte sie zu einem Gitarrenladen, der ihr sagte dass das Ding weitaus mehr wert sei. Sie inserierte sie ohne Preis und ich meldete mich und schaute mir die Gitarre vor Ort an. Ich hatte gehofft, Mängel zu finden - aber bis auf kleine Lackschäden und fehlende Gurthalter (und wie sich herausstellte, eine ausgeschlagene (und auswechselbare) Saitenaufnahme an der Brücke) war sie in top Zustand. Ich sagte ihr: "Es tut mir leid, aber die Gitarre ist mehr wert als ich hoffte, hier auszugeben - ich hatte gerade eine richtig teure Autoreparatur und der Monat ist ne Katastrophe. Ich würde die auf mindestens 300/350 € schätzen."
Sie sagte mir, dass der Gitarrenladen sie sogar teurer einschätzte.
Ich sagte ihr dann, dass ich einfach nicht so viel zahlen kann wie sie wert ist und wünschte ihr beim weiteren Verkauf viel Erfolg, und sie gab auch an dass es noch weitere Interessenten gab. Ich solle ihr aber mal einen Maximalpreis sagen, den ich zahlen würde, für den Fall dass die anderen Interessenten absagten. "Aktuell 200 €, aber damit hätte ich ein schlechtes Gewissen." Wir verabschiedeten uns und ich sagte noch, dass sie sich nicht übers Ohr hauen lassen soll.
Einige Tage vergingen. Dann schrieb sie mich an, dass sie diese ganze unehrliche Preisverhandelei mit irgendwelchen Typen, die immer und immer wieder den Preis noch weiter runter drücken wollten satt habe. Ich wäre ehrlich gewesen und es wäre ihr wichtiger, dass das Instrument in gute Hände kommt - und ich könne die Gitarre haben.
Im folgenden Gespräch erfuhr ich noch weitere Details zur Geschichte des Instruments, das von ihrer Urgroßtante, einer Odensschwester in einem Kloster aus der Nähe von Köln stammt; die selbstgemachte Gitarrentasche mit innen einegnähter Decke spricht Bände. Nach ihrem Tod bekam sie ihr Onkel, der sie aber nicht viel spielte weil das Modell nicht sein Stil war.
Wenn ich die Gitarre nun spiele, habe ich diese Geschichte dabei im Kopf und wie sicher des öfteren "Go Down, Moses" darauf gespielt wurde. Das ist ein lebendiges Instrument, das nun auch diese schöne Geschichte über dessen Verkauf enthält.
Und bei vielen Modellen kann man nichtmal mehr ermitteln was es für eines ist weil es niemanden gibt, der hier einen anständigen Katalog führt. Da stehe ich vor dieser ...äh, Florida? Missouri? Cutaway? ...und frage mich: Was bist Du? Was hast Du erlebt?
Das ist halt schade, aber vielleicht gibt es hier ja Leute, die doch etwas mehr wissen.
Eine Idee wäre auch ein Tool, in das Framusbesitzer ihr Modell, Seriennummer und Baujahr eingeben können; so könnte auf Basis der Seriennummer durch die anderen eingegebenen Modelle das Baujahr hochgerechnet werden, falls dieses fehlt. Und falls in der Firma die Seriennummern nicht durch Würfeln entstanden. Was ich aber irgendwie glaubhaft finden würde.
Also, lasst uns hier gerne über Framus reden, über die Modelle, wie man die Modelle identifizieren kann, ob jemand aus Framus' internem Nähkästchen plaudern kann und wie ein Tool wie oben vorgeschlagen sogar eine gewisse Statistik über Verkäufe und Erfolg oder Misserfolg einzelner Modelle etwas aussagen könnte.
Viele Grüße,
Alex