Chuzpe - und was das mit einer Gibson ES 335 Rusty Anderson zu tun hat

Am Ende werden sie wohl alle eine leicht unterschiedliche Nitro Mischung haben und den Prozess irgendwie induzieren. Hier vielleicht Kältespray?
Zu meinem Fuhrpark gehörte bis vor 1,5 Jahren eine von Florian Jäger überarbeitete LP R7 Goldtop (Makeover I). Der Lack crackelte bei ihm bereits auf der Werkbank. Wenn ich mich recht erinnere, wird nur wenig oder kein Weichmacher im Lack verwendet, weswegen die Spannungsrisse sehr schnell auftreten. Kein Kältespray.

Hier mal ein Foto der Goldtop, entstanden bei Florian nach Abschluss der Überarbeitung:

1768654455133.png
 
@EAROSonic Stimmt. Ich hätte vielleicht besser "und ggf. den Prozess irgendwie induzieren" schreiben sollen. Aber auch bei Florian hat sich das glaube ich immer weiterentwickelt (Lackmischung, nicht Kältebehandlung); die von Udo Pipper in der G&B getestete Propeller hat zum Beispiel ein Cracking-Muster, das ganz gut mit der hier gezeigten ES-335 übereinstimmt - ich meine sogar noch extremer in alle Richtungen. Deine ex-Goldtop hingegen hat diese langen Risse, die alle relativ parallel über den Korpus gehen (und es ist wohl sofort passiert). Meine Propeller hat ein paar Wochen gebraucht, bis sie daheim die ersten Risse gezeigt hat, und vermutlich sogar Jahre bis sie überall waren.

Bei den allermeisten Factory Tours auf youtube sieht man allerdings häufig Anzeichen für Kältebehandlungen (Gefriertruhe, Kältespray, Rasierklingen, etc.). Bei Novo zeigen sie z.B. ganz stolz ihre Gefriertruhe und philosophieren darüber, wie manche Gitarren mehr als eine Behandlung brauchen. Ich finde das überhaupt nicht schlimm, da so im Prinzip natürliches Checking auch stattgefunden hat ... im kalten Kofferraum, im kalten UPS Truck, etc.

Meine Siggi 60s Strat wurde mit Kältespray behandelt, was in einem eher unnatürlichen Checking resultiert. Das würde ich bei einer Vintage-inspirierten Gitarre nicht machen, aber als solche war die Siggi ja nie gedacht - und beim Aging haben sie sich dort absichtlich sowieso nie um authentisches Altern bemüht.

Ist ja auch alles relativ egal. Mir gefällt die Arbeit & das Ergebnis auf dieser ES-335, und ich habe mich nur gefragt, ob auch Kälte oder ein anderes Induktionsmittel im Spiel ist. Die Website klärt darüber nicht auf - oder ich war einfach zu ignorant es zu finden.

Der Preis für dieses Refinish ist auch ziemlich gut - 650 Euro!
 
Dieser Ausschnitt von Relic Art Guitares erklärt die Rissbildung auch.

Screenshot 2026-01-17 192204.jpg


Meine 2004er R7 Goldtop wurde immer recht schonend behandelt und keinen wilden Temperaturunterschieden ausgesetzt. Sie hat nach 21 Jahren nur ganz minimale vertikale Risse, auf den ersten Blick ist hier gar nichts zu sehen. Auf diesem Foto, aus dem richtigen Blickwinkel und bei praller Sonne, kann man sie erkennen.

25 Gibson Les Paul Custom Shop R7 Goldtop 36.JPG
 
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Ich finde nicht, dass dieser Ausschnitt die Rissbildung wirklich erklärt. Mit "natural cracks" schließt er IMHO Rasierklingen aus; die "modified nitrocellulose formula" ist vermutlich die Reduktion von Weichmachern. Der Trockenprozess von vielen Wochen ist bei Nitro ziemlich normal, und ja auch einer der Gründe warum viele Hersteller davon weg sind. Vielleicht kann @Mattschinsky ja ein bisschen Licht ins Dunkel bringen, und erklären wir es manchmal zu einem Spinnennetz und manchmal zu parallelen Cracks kommt?

Deine goldene Strat versuche ich derweil mal auf Deinem YouTube channel und/oder hier im Board zu finden :)
 
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und erklären wir es manchmal zu einem Spinnennetz und manchmal zu parallelen Cracks kommt?

Die parallelen cracks entstehen weil massives Holz stärker in einer als der anderen Richtung schrumpft.

Die Decke der 335 besteht aus Sperrholz. Da sind Furniere kreuzweise verleimt. Entsprechend sind dann auch die Risse im Lack ausgeformt.

*
 
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@Bassturmator Aber dieses Checking-Pattern (kurze Risse in alle Richtungen) sieht man ja z.B. eher nicht auf ES-335/ES-330 aus den 50/60ern, deren Furniere sicher auch kreuzweise verleimt sind? Eine Goldtop zeigt die Risse aber auch immer ziemlich krass; hatte meine Augen mal auf einer Morgaine/Tandler Beauty, die auch ein eher ungewöhnliches Checking entwickelt hat. Deine Erklärung ist für mich nachvollziehbar, erklärt aber auch nicht alles.
 
parallelen cracks entstehen weil massives Holz stärker in einer als der anderen Richtung schrumpft.
Das habe ich auch zuerst gedacht, nur leider hat das Holz darauf überhaupt keinen Einfluss.


bisschen Licht ins Dunkel bringen, und erklären wir es manchmal zu einem Spinnennetz und manchmal zu parallelen Cracks kommt?
Es gibt 2 Arten von Crack Lacken , das Goldene Age und das relic Gloss von Nitor. Zweiter enthält überhaupt keine Weichmacher, leider ist dieser unkontrolliert.
Die Dauer der "Trocknung" spielt keine Rolle. Meine strat fing an nach ca 3 Tagen erste Risse von allein zu bilden, bevor ich nachgeholfen habe. Die Tele crackt auch nach 2 Wochen nicht von allein. Selbes Holz, selber Lack, gleiche Temperatur.

Auf dem Produktvideo von nitor wird der Body nach ausreichender Trocknung nach dem polieren in einen freezer bei -18° glaube ich hinein gelegt.
Am Ende sind auch lange Linien als Cracks sichtbar. Ich glaube dass es daran liegt dass der Body langsam abkühlt.
Bei meiner Methode mit Eisspray wird die Stelle auf knapp -50° schockgefroren. Ich glaube das dies zu den Spinnenweben Muster führt.

Ob jetzt massives Holz oder Furnier ist dabei vollkommen Wumpe weil die Beschaffenheit des Holzes auf die Klarlackoberfläche die reisst keinen Einfluss hat. ( Denn der Lck reisst auch wenn ich auf poly überlackiere )
Beitrag automatisch zusammengefügt:

Die einzig logische Antwort für mich ist das, dass früher alle Lacke, von Grundierung, über color bis zum klarlack keine Weichmacher hatten.
Heute haben die Grundierung und die farblacke eine andere Zusammensetzung als die weichmacherfreie Klarlackschicht. Und da lange Cracks gleichmäßig sind ist denke ich eine gleichmäßige Temperaturveränderung einer der Haupt Faktoren.
 
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Florian sprach damals in unserer Korrespondenz von einem Nitroanteil von 3-5 % im Gibson-Lack, damit sie ihn überhaupt noch als solchen bezeichnen können.

Meine gegen die o.g. Goldtop getauschte Les Paul Custom wurde von GibZone komplett umlackiert (war vorher schwarz) und geaged. Zeigt von der Rissbildung her das gleiche Bild wie die Goldtop:

1768687345250.png
 
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Ich weiß nicht, ob ich es hier überlesen habe ...

Weshalb sind die Risse im Lack bei manchen Gitarren quer zu Body und bei manchen Gitarren längs zum Body?
 
Nitroanteil von 3-5 % im Gibson-Lack,
Ist diese Aussage irgendwie belegt? Und selbst wenn erklärt es nicht die Unterschiede bei der Rissbildung.

Ich bin mir sicher dass die Lacke von Dartfords oder Nitor genug Nitrocellulose beinhalten, denn sonst würden sich die Schichten nicht so ohne weiteres miteinander verbinden ohne schleifende Zwischenschritte, was ja die Eigenschaft von Nitro ist und deshalb auch hauchdünne Schichten erlaubt. Alles andere ist aus meiner Sicht Voodoo und Erbsenzählerei wie in vielen anderen Bereichen der gitarrenbau - Mythen ......
 

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