dieser ganze thread ist doch aus der frage entstanden, wieso "profis" es oft nicht gelingt, ein konzert mit erträglichem sound zu mischen?
Ich versuch mal, an genau diesem Punkt auch anzuknüpfen. Meine letzte Veranstaltung im Oktober, bevor sukzessive wieder alles gecancelt wurde, eignet sich da recht gut dafür. Das Kurzresümee wäre wohl: Manchmal läufts halt einfach nicht.
Klassische Rockband git/git/b/dr/vox, zusätzlich teilweise mit Harp. Band alles andere als erst seit gestern im Geschäft. Dennoch: Ankunft Musiker ca. 75min vor Publikumseinlass, und dann muss natürlich erstmal ausgeladen und aufgebaut werden. Wir hatten vorher noch nie zusammengearbeitet, also kennt man die gegenseitigen "Marotten" natürlich nicht - das allein ist schon ein wesentlicher Punkt, der einen oft einholen wird. Soundcheck-Beginn irgendwann ca. 40min vor Einlass. Eigentlich keine große Nummer, normal kriege ich das in drei Minuten so zurechtgeschraubt, dass es mehr als nur erträglich klingt und auch die Mucker monitormäßig schon leidlich zufriedengestellt sind. Wenn halt das Wörtchen wenn nicht wär...
Los gings schon damit, dass ich minutenlang an der Harp gebastelt habe. Keine Ahnung, was für ein Harpmic er da hatte, aber das Ding war einfach nicht zum Klingen zu bewegen. Habe ihn dann eh mal von der Bühne runtergebeten um mir das mal in natura anzuhören und dabei festgestellt, dass der Output vom Mic noch erschreckend weniger mit dem Input zu tun hat als befürchtet. War es wirklich das Mic, oder die Bodentreter dahinter? Keine Ahnung. Rückblickend hätte ich da weiter auf die Suche gehen sollen, aber da sind wir halt wieder bei "was machen mit ohne Zeit".
Punkt zwei ist dann die Raumakustik. Ich kenne den Saal sehr gut, aber der ist eben sehr schwierig. Im Bassbereich besonders, hier spielt auch die Podesterie im Saal eine nicht unerhebliche Rolle aber auch einfach ganz generell. Wenn dann in nem Saal für 600Pax nur 40 in sehr lockerer Bistrobestuhlung sitzen, macht das die Sache natürlich auch nicht besser.
Kurzum: Wir sind da den ganzen Abend ziemlich geschwommen. Harp war kaum nach vorne zu bringen, und wenn, dann mit quasi nicht vorhandenem Gain before Feedback trotz extremer Filterung. Funfact: Das Input-Level auf dem Channel war mit Mic lose auf dem Stativ fast höher, als wenn er gespielt hat. Da merkt man schon, was da an Dreck reinkam. Eventuell war auch doch wieder das Distortion-Pedal mit drin, auch wenn wir eigentlich drüber gesprochen hatten, das tunlichst zu vermeiden (Harp sollte natürlich unbedingt auch noch laut auf den Monitor). Gaten aus vorgenannten Gründen völlig sinnlos. Wegmuten ist aber auch nicht immer, weil er oft mit dem Mic rumgelaufen ist und schlecht einzuschätzen war, wann er wieder ein Solo raushaut. Das hätte eigentlich von ihm kommen müssen. Manchmal hat er es auch abgeschaltet, aber manchmal eben nicht. Machste nix.
Ergo: Ich hab mich da halt durchgefrickelt, aber es war wirklich alles andere als geil. Es gab auch durchaus Beschwerden, ein Gast hat noch recht lange mit dem Gitarristen gesprochen dass er das und das nicht toll gehört hat, jenes nicht genug "Schub" hatte usw. und ihm das den Konzertgenuss recht vergällt hat und er sich sinngemäß auf den nächsten Gig freut, wenn hoffentlich wer anderes hinterm Pult steht. War ja auch alles berechtigt, ich nehm mir sowas auch zu Herzen (vielleicht mehr als gut ist), aber manchmal limitieren dich einfach Physik und auch andere Rahmenbedingungen. Ich war selber an dem Tag auch nicht in Topform und hätte im Vorfeld am einen oder anderen Eck etwas mehr eingreifen sollen, während des Gigs ist halt dann zu spät, aber that's live. Aber man macht sich natürlich schon seine Gedanken.
IMHO lebt das Ganze enorm von Evaluation, und die geht nunmal prinzipbedingt erst hinterher. Heute weiß ich, wo auf beiden Seiten die groben Fouls passiert sind und könnte das gezielt angehen.
Am Ende muss man aber schon auch irgendwo mal bei aller Selbstkritik einsehen, dass Live-Tontechnik bzw. Veranstaltungstechnik generell halt schon ne Nummer ist, die nicht ohne ist. Du weißt oft nicht, was dich erwartet, musst aber in Echtzeit eine Lösung erarbeiten und sollst ein zufriedenstellendes Ergebnis liefern. Das gibt es ja doch nicht in allen Branchen. Heutzutage regiert ja oft "Da muss ich meinen Kollegen fragen", "Rufen Sie morgen nochmal an", "Wir schauen uns das am Dienstag an", "Da müssen wir was bestellen" etc. Auch im Studio kann man am nächsten Vormittag mit frischen Ohren nochmal gemütlich drüberhören, gern auch mit zweiter Meinung nebendran - live "gilt" es aber eben. Hier und jetzt.
Von daher leisten wir da in unserem Gewerk schon auch was, das darf man nicht vergessen.
Mitunter ist das auch ein Grund, warum ich der Live-Branche schleichend den Rücken kehre. Nach 15 Jahren in dem Business habe ich da schön langsam auch keinen Bock mehr drauf. Ich gebe zu, früher war ich ja selber oft der Typ, der gesagt hat "Gibts doch nicht, dass man da nicht mehr rausholen kann", aber wie schon geschrieben hat die Medaille eben oft zwei Seiten. Getreu dem alten Spruch "400 Tontechniker in der Bude, nur der Typ am Pult hat keine Ahnung"...