Komponieren lernen.

von Vegeta11880, 26.06.12.

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  1. Vegeta11880

    Vegeta11880 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.06.12   #1
    Hallo Leute,

    Ich würde gerne das Komponieren lernen.
    Die Musik sollte in Richtung von Harry Gregson-Williams bzw. Hans Zimmer vom Stil her gehen.

    Ich bin musikalisch "kreativ" und spiele schon relativ lange Trompete.
    Meine theoretischen Kenntnisse sind mit Sicherheit eingeschränkt und ein wenig eingerostet.

    Was muss ich jetzt ganz konkret tun um anzufangen?

    1. Welche Bücher sollte ich lesen? Was sollte ich beherrschen?
    2. Was sollte ich bezüglich Gehörbildung drauf haben? Wie erlerne ich die nötigen Skills?
    3. Welche Software sollte ich benutzen?
    4. Was habe ich generell zu beachten? Was habe ich vergessen?

    Angenommen ich "übe" jeden Tag eine Stunde, wie lange wird es wohl dauern bis ich das nötige Handwerkszeug beherrsche?

    mfg
    Vegeta11880
     
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  2. HaraldS

    HaraldS Mod Emeritus Ex-Moderator

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    Erstellt: 27.06.12   #2
    Hallo Vegeta11880 - willkommen im Musiker-Board!

    Komponieren ;). Du kannst jederzeit anfangen, Musik zu planen. Je mehr du allerdings lernst, und je sensibler du mit Musik umgehst, desto besser werden deine Kompositionen werden.

    Der dtv-Musikatlas ist für eine gute musikalische Allgemeinbildung IMHO eine gute Grundlage. Und du solltest beherrschen: Analyse, Tonsatz, Musikgeschichte, Instrumentation, Stilkunde, Akustik, Notensatz und etwas Musikwissenschaft ;). Aber keine Angst: ein paar Fähigkeiten aus jedem Gebiet hast du sicher jetzt schon, aber das sind so die Fächer, in denen man speziell nach Literatur und Fortbildungsmöglichkeiten suchen kann. In einem Kompositionsunterricht bekommst du halt diese Inhalte speziell auf dich zugeschnitten auf dem Tablett serviert, auch das wäre eine Möglichkeit. Als Grundlage im Tonsatz ist speziell der Kantionalsatz eine wichtige Sache.

    Du solltest dir musikalische Strukturen so konkret und detailliert vorstellen können, daß du sie aufschreiben kannst. Melodien, Harmonien, Rhythmen, Grooves, Instrumentationen - egal welche konkreten Strukturen. Das lernst du ganz stark durch Chorsingen und Klavierspielen, wenn du beides wach und aufmerksam betreibst. Versuche immer, beim Musikhören sofort analytisch zu hören, also z.B. beim Radiohören die harmonischen Funktionen spontan zu benennen.

    Für was? Komposition hat einen musikalischen Plan als Endprodukt. Ein Plan kann eine Partitur sein, eine Leadsheet, eine Vorstellung in deinem Kopf...generell ist es als Komponist extrem hilfreich, schnell und variabel mit einem Notensatzprogramm umgehen zu können. Finale und Sibelius heißen die Kandidaten. Ein paar Seiten Noten innerhalb kurzer Zeit für fremde Musiker lesbar zu Papier zu bringen, darf kein großes Hindernis sein. Falls du auch Aufnahmen machen willst, wäre eine DAW wie Cubase oder Logic angebracht - aber das ist schon wieder Ausführung von Musik, die man zunächst mal von der Komposition trennen sollte. Nicht jeder Komponist ist sein eigener bester Interpret.

    Ich kann nur dazu raten, für echte Musiker zu schreiben. Geh in einen Chor und schreib für diesen Chor ein paar Chorsätze: Einsing-Kanons, Gedichtvertonungen, einen Rap, arrangiere ein paar Popsongs. Such dir ein Musikschulorchester und schreib für die was. Jeder Komponist braucht eine Phase des Praxistests, also ob seine Ideen praxistauglich sind und praxistauglich umgesetzt wurden. Wenn du Trompete spielst, ist das eine gute Voraussetzung: dann sind dir transponierende Instrumente bekannt und du kennst dich evtl. auch selbst im Ensemblespielen aus. Also, nimm dir ein Kirchengesangbuch und schreib mal einen Kantionalsatz für Blechblasquartett.

    Das hängt von deiner Lerngeschwindigkeit und den konkret ausgewählten Lernfeldern ab. Das kann niemand von außen beurteilen, der dich nicht genau kennt. Das könnte höchstens ein Kompositionslehrer.

    Harald
     
  3. Vegeta11880

    Vegeta11880 Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 01.07.12   #3
    Vielen Dank für deine wirklich gut strukturierte Antwort HaraldS.

    Ich frage mich nur, wie ich am Besten mein Gehör trainiere.
    Ich kann momentan noch keine Intervalle/Töne herraushören.

    Soll ich:

    a) lernen die Töne zu hören die gespielt werden (in meinem Kopf/ im Radio/...)
    b) lernen die Intervalle zu hören (in meinem Kopf/im Radio)
    c) etwas anderes

    Vorallem bei Liedern bei denen Akkorde vorkommen stelle ich es mir unmöglich vor Akkorde rauszuhören.
    Ich selber denke aber, dass dies die bessere Methode ist.
     
  4. Backstein123

    Backstein123 Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 01.07.12   #4
    Ich glaub das ist ein selbständiger Prozess der irgendwann kommt.
    Ob das spielen, singen, hören von Intervallen da hilft? Oder ob es "besser" ist, einfach "komplett" an die Sache heran zu gehen und einfach ein ganzes Stück zu erhören, kann ich nicht entscheiden.
    Ich hab gehört das Singen echt helfen soll, aber auch da muss mann ja eine hörgewohnheit erst schaffen, erkennen das man z.B. ein C- Singt und wie man sauber auf einem E Landet und eine Terz zu singen. :)
    Ich selbst vermute das aktives Musikhören garantiert nicht schadet, also bewusstes zuhören und nicht grade wärend man mit dem Auto durch den Berufsverkehrt düst, versuchen die Cellosuit von Beethoven rein zu ziehen.

    Was ich mich allerdings frage ist, es muss doch irgend ein Buch als nachschlage werk über die gängigsten Kompositionsarten geben, in dem drin steht wie eine Sonate aufgebaut ist, und was sie von einem Rondo unterscheidet. Oder nach welchen Regeln Mozart z.B. an seinen Rondo alla Turka ging.
    Der saß ja auch nicht da und dachte sich.... ."Papier, Papier!!!! ich hab da so ne fixe idee" :D
    Meine Gitarrenlehrerin erklärte mir letztens z.B. was über eine art der komposition, die irgendwas mit 8 Takten zu tun hat, gliedert sich so:

    4. Takte Motiv
    4. Takte 1.Nachsatz/Schluss
    = A-Teil (ich nenn es mal so)
    4. Takte Motiv
    4. Takte 2. Nachsatz Schluss

    dann kommt das selbe nochmal (2xMotiv + 2 verschiedene Nachsätze a 4 Takte) in der Dominante und dann ein Schluss in der Tonika.

    Das wäre wohl eine häufige anzutreffende art der komposition in der klassik. Nur wo steht das? Wo kann man sowas nachschlagen?
    Ich glaub nicht das da einer allein drauf kamm, so eine Melodie komponiert hat und dann von allen anderen gehört wurde. Diese dachten sich "Schick! Mach ich nun auch!".
    Also es muss doch ein paar Bücher geben die sich mit dem Thema Komosition und Formenlehre auseinander setzen.

    Sonst könnt ja jeder wie er grade will und wo kämmen wir dann hin?:p
     
  5. HaraldS

    HaraldS Mod Emeritus Ex-Moderator

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    Erstellt: 01.07.12   #5
    Töne absolut zu bestimmen würde bedeuten, ein absolutes Gehör zu haben. Das wäre eine nette Sache, ist aber nicht notwendig und manchmal sogar störend. Viel wichtiger ist es, ein gutes relatives Gehör zu entwickeln - also Intervalle bestimmen zu können. Jedes Intervall hat ein charakteristisches Spannungsgefühl. Das ist so gut wie unmöglich in Worte zu fassen, das kann man nur lernen und erfahren. Die Sekunde (der Schritt von einem Ton zu seinem oberen/unteren Nachbarn) ist beispielsweise das elementare Intervall zum Bau von Melodien, erzeugt aber in einem Akkord Dissonanz. Größere Intervalle wie die Terz sind elementar für Akkorde, erzeugen in einer Melodie aber mehr Spannung als eine Sekunde. Solche Erfahrungen sollte jeder Komponist mal gemacht haben, damit er bewusst mit Intervallen umgehen kann.

    Um das zu erreichen, kann ich, wie gesagt, nur raten...:

    Und zum Thema Akkorde:

    Och, das geht schon. Akkorde folgen Gesetzen und Regelmäßigkeiten. Wenn man die kennt, ist das im Regelfall nicht so schwer.

    Volle Zustimmung - bis auf die Tatsache, daß es von Beethoven keine Cellosuiten gibt, sondern nur Cellosonaten ;)

    Mozart hat ganz viel im Kopf entwickelt und dann nur noch die Reinschrift zu Papier gebracht. Es ist durchaus möglich, daß Mozart das Rondo alla Turca (3.Satz der Klaviersonate 11 in A-Dur, ca. 1783) in einem Rutsch aufgeschrieben hat. Allerdings folgte er dabei den Formideen, die in seiner Zeit gängig und für die Musik typisch waren - hier eben dem Rondo. Er verknüpft hier die europäische Rondoform mit Klängen der türkischen Janitscharenmusik. Vielleicht gibt es einen Bezug zur Belagerung Wiens durch die Türken 1683, die also recht genau 100 Jahre vor der Komposition stattfand.

    Ein guter "Rundumschlag" durch die Kompositionstechniken ist: Der musikalische Satz - Ein Handbuch zum Lernen und Lehren - Autor(en):Walter Salmen, Norbert J. Schneider. Speziell zu Kompositiontechniken der Wiener Klassik (Haydn, Mozart, Beethoven) bietet sich Charles Rosen - Der klasssische Stil an.

    Das weiss nur deine Gitarrenlehrerin. Oder du machst dazu mal einen eigenen Thread auf ("Was ist das für eine Form?").

    ;) Schon immer konnte jeder, wie er will...aber bestimmte Ideen haben sich als tragfähig und durchsetzungsfähig herausgestellt. Musikalische Formen verändern sich ständig, weil Musik zu vorhersehbar wird, wenn sie streng einer Form folgt. Interessant finde ich aktuell bei Popsongs z.B. den Umgang mit eingefügten Takten (Adele - Somone like you) oder angedeutete Bridges wie manchmal im Deutschen Schlager. Für Formenlehre in der klassisch-romantischen Musik gibt es einiges an Literatur, allerdings meist stilabhängig ("Bruckner" von Ernst Kurth). Online gibt's z.B. den entsprechenden Lehrklänge-Abschnitt.

    Harald
     
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  6. Backstein123

    Backstein123 Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 01.07.12   #6
    Erstmal danke für die super erklärung. :great:
    Ja das kenn ich, dem Kanon konnte ich sogar noch folgen bis es zum Einsatzintervall kam und somit zu dem Notenbild von "BWV 1080, Canon alla Duodecima".
    Da fängt es für mich an, unübersichtlich zu werden und als ungeübter hörer wird es schwer die unterschiede heruas zu hören.
    Ich denk ein leichters Beispiel wäre besser gewählt gewesen. Ich denk zwar das ich verstanden habe worum es ging, aber sicher bin ich mir nicht :D

    Die Fuge erschiesst sich mir über die Homepage bis heute jedoch nicht so ganz -.- Deshalb such ich eher sowas wie "Formlehre für dummy's" :D
    Ich glaube unter der Rubrik "Formlehre" von Lehrklänge.de findet man das ganze als "Die klassische Periode".
    Nur hat es mir meine Lehrerin verständlicher erklärt, am Beispiel eines kleinen Menuett von G.A. Brescianello :o
     
  7. Claus

    Claus Brass/Keys Trompete Moderator HCA

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    Erstellt: 01.07.12   #7
    Der erste Schritt wäre m.E. ein wenig (aufgefrischtes) Wissen von den Grundlagen (Intervalle, Akkorde, Grundzüge des vierstimmigen Satzes), z.B. mit
    Klaus Kaukers Youtube Workshop
    http://www.musiklehre.at
    http://www.musicians-place.de
    Lisl Hammaleser:Übungsprogramm Musiklehre compact


    Mit deiner Lieblingsmusik. Ausschnitte daraus Mitsingen, alleine Nachsingen, Aufnehmen und das dann auf Abweichungen kontrollieren. Wenn's geht, auch Notendiktate = solche Melodieteile nach Gehör aufschreiben. Es versteht sich von selbst, das Ganze mit einfachen Beispielen anzufangen.

    Ich kenne selbst nur
    Earmaster 5: http://www.youtube.com/watch?v=jXJi8NiKxWg
    Audite: http://www.whc.de/audite.cfm#
    Letztlich kommt es aber auf das analytische Hören "echter" Musik in ihrem natürlichen Kontext an.

    Zum Notieren gibt es viele Alternativen, schau' am besten in das Unterforum nebenan, wo das diskutiert wird.
    Überblick: http://de.wikipedia.org/wiki/Notensatzprogramm
    https://www.musiker-board.de/f202-notation-notationssoftware-muth/

    (Home-)Studiotechnik: für den Überblick lohnt ein Blick in diverse Online-Ratgeber, neben Internet-Suche gibt es da z.B:
    https://www.thomann.de/de/onlineexpert_11.html
    https://www.thomann.de/de/onlineexpert_36.html
    https://www.thomann.de/de/onlineexpert_4.html
    https://www.thomann.de/de/onlineexpert_44.html

    Die ganze Technik macht natürlich noch keine gute Musik, aber so ganz ohne geht dein Vorhaben auch nicht. :D

    Du brauchst außerdem ein Harmonie-Instrument, am besten ein Digital-Piano oder eine Workstation.

    Das hängt von deiner Motivation, dem Verständnis und Lernvermögen ab, bei durchschnittlicher Eignung und ohne guten Unterricht würde von vielen Jahren ausgehen.
    Selbst die Mehrheit der Hochbegabungen haben sich in der Regel "von früh bis spät" der Weiterentwicklung gewidmet und Unterstützung/Unterricht bei erfahrenen Musikern, soweit es die Biografien ausweisen.
    Im Schnitt waren diese Musiker bereits 2-4 Jahre nach ihrer Entscheidung für die Musik auf "professionellem Niveau" angekommen, nur so als Maßstab für den Begriff "Hochbegabung".

    Für das sehr hohe Ziel "score composition" wird eine Stunde am Tag m.E. etwas knapp, selbst wenn Du keine Trompete mehr übst. Wenn Du es handwerklich selbst umsetzen willst, benötigst neben einer guten Studio-Ausstattung fundierte Kenntnisse zur (modernen) klassischen und Jazz-Harmonielehre, musikalischer Stilistik, Arrangement und Orchestrierung. Hans Zimmer hat für so etwas einen "Chef-Komponisten" und weitere Leute, die seine Ideen umsetzen.
    Für die "Werkzeuge" der modernen Klassik kann ich zu Quellenangaben nichts sagen.

    Henri Mancini, Sounds & Scores
    Fred Sturm, Changes Over Time
    Bill Dobbins, Jazz-Arrangement
     
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  8. CelloList

    CelloList Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 07.07.12   #8
    Wir kämen zu originellerer und interessanter Musik.
    Die sogenannten Lehren sind nicht etwa Dinge die die Komponisten wie Mozart gelernt haben, sonder Dinge die aus schon vorhandenen Kompositionen abgeleitet werden.
    Die Sonatenhauotsatzform wurde z.B. erst nach der Klassik "erfunden". Jemand hatte Muster in den klassischen Sonatenkompositionen erkannt und diese zu Regeln zusammengefasst.
    Hayden, Mozart und Beethoven allerdings haben relativ frei nach Schnauze komponiert, fanden diese Muster aber sehr gut und haben sie benutzt. Trotzdem treten sie (fast) nie in Reinform auf.

    Deswegen halte ich es für wichtig sich nicht an Regeln zu kleben. Es ist sicher gut diese zu kennen um neue Ideen zu erhalten, aber ein Zwang darf nicht entstehen.
    Also eine andere Antwort auf die Frage "Wo kämen wir denn da hin" ist: Da wo wir schon immer waren. Komposition heißt Erfinden von Musik und nicht Noten setzen nach Gesetzen, das nennt sich Tonsatz und hat mit Komposition nur am Rande zu tun.

    Grüße, CelloList.
     
  9. HaraldS

    HaraldS Mod Emeritus Ex-Moderator

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    Erstellt: 07.07.12   #9
    Ich glaube kaum, daß Backstein123 die Frage wirklich so ernst gestellt hat, wie du sie hier beantwortet hast...da ist doch ein Smiley dahinter, der die Ironie klarmacht. Ich sehe sowohl bei dir wie auch bei Backstein grundsätzlich große Einigkeit, daß aus der Musikgeschichte Tendenzen abgeleitet werden können, die man als Regeln formulieren kann. Und zwar nicht als enge dogmatischen Regeln, sondern als Regeln, die einen historisch gewachsenen kompositorischen Entscheidungsspielraum abbilden.

    Harald
     
  10. Claus

    Claus Brass/Keys Trompete Moderator HCA

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    Erstellt: 07.07.12   #10
    Jeder halbwegs musikalisch hörende Mensch speichert von Kindheit an durch die Musik seines Umfelds jede Menge an "musikalischen Regeln", ob er will oder nicht. Bei musikalischen Laien sind sie unbewusst wirksam, ausgebildete Musiker erwerben die Freiheit der Reflektion.

    Musikalisches Studium, wie es z.B. Mozart bekanntlich sehr intensiv durch seinen Vater erhalten hat, eröffnet die Möglichkeit, solche Regeln zu verstehen, zu nutzen, zu erweitern oder sich darüber hinweg zu setzen.

    Das Ergebnis von "jeder wie er grade will" ist bei konsequenter Vermeidung der Anwendung von musikalischen Regeln (Rhythmus, Organisation der Töne) keineswegs "interessante Musik", sondern wahrscheinlich Kakophonie.

    Wie bewusst regel-verneinende Improvisationsexperimente aus der Neuen Musik und dem Free Jazz belegen, gelingt es selbst "professionellen" Musikern kaum, so interessant zu spielen, das sich viele musikinteressierte Hörer damit beschäftigen wollen.
    Das geht Laien anscheinend nicht viel anders als studierten Musikern, von einem harten Kern vielleicht abgesehen.

    Das Außerkraftsetzen von Regen ist natürlich ein interessantes Experiment in der Folge geistes- und naturwissenschaftlicher Entwicklungen der letzten ca. 150 Jahre, die sich in auch in den verschiedenen Arten künstlerischen Ausdrucks wiederspiegelt.

    Mein Eindruck ist, dass bisher konsequente Versuche immer auch die Endpunkte der jeweiligen Entwicklungmöglichkeiten darstellen (Monochrome Flächen, Leere Bilderrahmen, Ready-Mades, ausgehaltene Stille statt Musik am Insturment, jahrhundertelange Aufführungen eines einzigen Stücks).
    Die Endpunkt-Eigenschaft liegt vielleicht daran, dass die Entwicklung solcher Werke soviel konzeptuelle und damit regelkonforme "Regelvermeidung" erfordert, dass sie dabei als Kopfgeburten ihrer Sinnlichkeit beraubt werden, die jede Kunst von "naturvölkern" spontan vermitteln kann. Daher waren und sind "Energiespenden" solcher Kunst aus anderen Kulturen vielleicht so willkommen bzw. notwendig.

    Der bisher entdeckte Ausweg war unabhängig von solchen "Implantaten" bisher immer ein "Rückschritt", z.B. zur Gegenständlichkeit in der bildenen Kunst oder zu (erweiterter) Tonalität und damit eine Anwendung von (komplexen) Regelwerken.
     
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  11. Backstein123

    Backstein123 Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 08.07.12   #11
    Bier ernst ;)

    Im grunde ist es mir klar, das diese Regeln mit den Komponisten gewachsen sind, aber Regeln stehen ja immer in einer Art "Gesetztbuch" und sowas suche ich eben.
    Ich glaube das ist der Kern des Problems.
    Der Threadstarter sucht warscheinlich genauso wie Ich den Weg dahin diese Regeln zu verstehen, zu nutzen und zu erweitern bis man sich schliesslich irgendwann darüber hinweg setzten kann.
    Ein Ärgerniss ist es, das wir hier nicht in einer Fahrschule sitzen.
    Dort stehen alle Regeln in der STVO, es gibt einen Lehrer der ganz klar definierte Regeln erklärt und die ersten 150km beim fahren neber einem sitzt und ihm praktische Hilfe gibt.
    :)
     
  12. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 08.07.12   #12
    Die regeln findest du in: harmonielehre, kontrapunkt, formen- u. instrumentationslehre, rhythmik, stlkunde, ästhetik.
    Gut ist zu wissen, was andere vor dir gemacht haben, also breit gefächerte literaturkenntnis, musikgeschichte und bei fortschreitender globalisierung ethnologie, denn vieles heute "moderne" stammt aus anderen kulturen.
    Und dann gilt es, die eigene phantasie walten zu lassen, was bei entsprechender begabung auch schon vorher geht, und ohne die geht es auch nachher nicht.

    "Habe nun, ach - - - - studiert mit heißem mühn" bis "da steh ich nun, ich armer tor und bin so klug als wie zuvor!"
     
  13. Claus

    Claus Brass/Keys Trompete Moderator HCA

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    Erstellt: 08.07.12   #13
    Musik hat soviele Erscheinungsweisen, dass es für ihre analytische Beschreibung mit einem Buch nicht getan ist.
    Zu den allgemeinen und harmonischen Grundlagen der (westlichen) Musik gibt es aber Bücher, die hier schon oft erwähnt wurden. Genauso zu Kompositionsweisen in verschiedenenen Zeitaltern, Stilen, Formen und bei verschiedenen Komponisten. Auch zum Arrangement und zur Orchestrierung findest Du Bücher, von der Möglichkeit des Studiums der Musik bzw. Komposition an Hochschulen mit sehr unterschiedlicher Ausrichtung ganz zu schweigen.

    Für den Anfang: wenn man die absoluten Grundlagen erst "drauf hat", weiss man schon viel eher, wo es entsprechend der eigenen Neigungen weitergehen kann.
    Rein praktisch denke ich, dass das Ausprobieren und Recording/Editing mit Keyboard-Fähigkeiten viel einfacher geht, falls man nicht frei aus der Vorstellung notieren kann.


    Die von vegeta11880 angesprochene (Original-)Filmmusik ist dabei in mancher Hinsicht etwas Besondereres, zum Beispiel:
    wäre da die extreme Bandbreite an Formen, Stilen und verwendeteten Instrumenten, wobei aus diesen Elementen oft Neues zusammengemischt wird.
    Dann gibt es eine konsequente Ausrichtung an der emotionalen Wirkung der Bilder, die Tonmischung mit Alltags-Geräuschen oder Text.
    Und schließlich ist es eher selten das Werk eines einzigen Komponisten, auch wenn nur ein Name genannt wird.

    Letzten Endes zählt aber ganz besonders das, worauf es immer ankommt, wenn man kreativ sein möchte: Begeisterung, (musikalische) Ideen und das Lernen aus Erfahrung (learning by doing).
    Man fängt halt mit dem an, was man kann und schaut, dass man besser wird in Allem, was man macht.
     
  14. klaus111

    klaus111 Mod Emeritus Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 08.07.12   #14
    Günter Sch. und zonquer waren schneller, dennoch meine Antwort:

    Bleiben wir einmal bei dem Vergleich mit der STVO. Da gelten für die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer auch unterschiedliche Regeln (Auto, Motorrad, Fahrrad, Fußgänger usw.).
    So gibt es für die einzelnen Stilrichtungen in der Musik auch unterschiedliche Gesetze.

    Quintparallelen interessieren z.B. den Gitarristen in der populären Musik wenig und sind bei Begleitung mit Barré-Akkorden ganz alltäglich. Wurde der Septakkord früher i.d.R. nur in der Dominante verwendet, so verwendet ihn der Blues in der Tonika und Subdominante. Spielte früher die Auflösung des Leittons eine sehr bedeutende Rolle, wird heute seine Bedeutung stark eingeschränkt, indem viel häufiger plagale und modale Akkordverbindungen verwendet werden.

    Zum Glück gibt es ja inzwischen für fast jede Sparte einführende Literatur.

    Doch auch ohne Literatur kommt man weiter, wenn man in der Lage ist, die interessierende Musik herauszuhören und zu analysieren. Dazu braucht man viel Zeit, Übung und ein paar Grundkenntnisse aus Lehrbüchern zur Allgemeinen Musiklehre.
    Natürlich sollte man mit einfachen Stücken anfangen. Dabei wird man, je nach Kenntnisstand, feststellen, daß schon einfache Stücke oftmals gar nicht so einfach sind. Am Anfang kann es daher gar nicht einfach genug sein.

    Und zur Komposition von Filmmusik ist es ein sehr langer Weg, da sie sehr vielseitig ist und insgesamt so gut wie alle Stile der Musikgeschichte (zunehmend weltweit) verwendet werden.

    Einen Lehrer gibt es auch hier: entsprecheneden Privatunterricht. Doch der ist natürlich teuer, vielleicht etwas günstiger als bei der Fahrschule. Doch den Führerschein bekommt man sicher schneller...

    Viele Grüße
    Klaus
     
  15. HaraldS

    HaraldS Mod Emeritus Ex-Moderator

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    Erstellt: 08.07.12   #15
    In Sachen Komposition ist es so, daß Regeln einerseits aus beobachteten Tendenzen der Musikgeschichte folgen sowie andererseits aus dem gesunden Menschenverstand sowie der Physik. Und jeder, der ein Kompositionslehrbuch schreibt, gewichtet die Regeln anders. Daher kann es ein "Gesetzbuch" im Sinne einer vollständigen universellen Regelbeschreibung nicht geben - denn aus klingenden Tönen alleine folgen noch keine Regeln. Was "gut" ist, ist halt kulturell-historisch bedingt und dadurch nur mit einem gewissen Spielraum, aber nicht eindeutig beschreibbar.

    Ein gutes Beispiel ist aktuelle Popmusik. Niemand schreibt Regeln auf, daß ein charttauglicher Popsong 4 Minuten zu dauern habe - trotzdem halten sich fast alle dran. Niemand hat wörtliche Regeln für Instrumentation, Formablauf, Tempo, melodische Dramaturgie, Harmonik usw. aufgestellt - trotzdem gibt es da nur ganz enge Spielräume. Charttaugliche Popmusik ist alles andere als frei oder beliebig, sie unterliegt strengen unausgesprochenen Regeln, sonst ist sie es nicht. Und jedem steht es frei, diese Regeln als extrem verbindlich oder als lockere Grundlage zu sehen - aber ein Gesetzbuch gibt es nicht. Es sei denn, man macht sich selbst eins, sei es bewusst oder unbewusst.

    Für historische Musikstile gibt es natürlich Bücher, denen man den Rang eines Gesetzbuches geben kann. Jeppesen - "Kontrapunkt" hatten wir im Studium für den Palestrina-Stil. Rosen - "Der klassische Stil" für die Wiener Klassik. Aber in beiden Büchern wird drauf hingewiesen, daß hier nicht absolute Regeln als verbindlich festgelegt werden sollen, sondern der ästhetische Entscheidungsspielraum innerhalb einer Epoche bzw. eines Musikstils dargestellt wird.

    Der Vergleich zu einer Fahrschule wäre Kompositionsunterricht. Und da kann dieses Board hier schon nahe dran sein - wenn denn jemand über seine Werke reden will und/oder Wissen erwerben will. Es hängt im Wesentlichen von den Usern hier ab, ob sie von der Erfahrung und vom Know-How der anderen profitieren wollen. Ich finde es immer toll, wenn z.B. CudoII über Jazzharmonik schreibt, klaus111 über Musikwissenschaft oder Günther Sch. seine langjährige musikpraktische Erfahrung einbringt...das ist mehr, als man von einem einzelnen Lehrer im Unterricht erwarten könnte. Das Board will und kann keinen Kompositionsunterricht ersetzen, aber kann ansatzweise extrem hilfreich sein. Ich würde die Situation hier nicht so sehr als Ärgernis sehen, eher als Chance.

    Harald
     
  16. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 08.07.12   #16
    Mal mit wenigen worten:
    wer kompositorisch begabt ist, wird versuche anstellen, bevor er alle regeln seines gewählten genres kennt. Durch lernen und erfahrung wird er handwerklich besser werden, neue wege finden, vielleicht sogar auf ein anderes gebiet, was er vorher gar nicht kannte, umsteigen. Ob er seine werke selbst vorträgt, interpreten und die möglichkeit öffentlicher aufführungen findet, schließlich hörer erreicht, die seine musik schätzen und dafür zahlen, am ende stehen verlage oder medien, die seine musik verbreiten, das alles hängt von vielen faktoren ab.

    "Ich möchte gern komponieren und berühmt werden, zeigt mir mal, wo es lang geht!"
    Ja ,wenns so einfach wäre (wäre es eigentlich schlimm!) !
     
  17. Backstein123

    Backstein123 Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 08.07.12   #17
    Ich danke euch für eure super Beiträge. :)

    Ich selbst werde mir erstmal den Dtv Musik-Atlas bestellen, einfach um eine gute Basis aufzubauen und warscheinlich noch "Formlehre" von Clemens Kühn.
    Ich hoff das ich damit so die ersten Schritte gut abgedeckt bekommen.
    Dabei geht es mir garnicht darum selbst zu komponieren, das wird wohl zu übungszwecken nicht ausbleiben aber eigentlich will ich eher verstehen was ich grade spiele.
    Und ich denk ob ich mich nun intensiv mit Komponieren oder Anaylse auseinander setzte, irgendwie hab ich das gefühl das eine bedingt das andere und beide Wege führen für mich nach Rom ;)
     
  18. AlmaChua

    AlmaChua Gesperrter Benutzer

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    Erstellt: 08.07.12   #18
    cool finde ich den weggelassenen Takt bei "Ich war noch niemals in NewYork".
     
  19. borralbi

    borralbi Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 12.07.12   #19
  20. Backstein123

    Backstein123 Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 16.07.12   #20
    Als kleine Rückmeldung:

    Ich meinte die Einteilige Liedform. :D
    Denn ich habe nun mal in ein echtes Buch investiert und mir L.K.Weber's "Das ABC der Formlehre" gekauft.
    Im grunde ist das genau dass, was ich gesucht habe. Es gibt Antworten auf meine Frage und erklärt mir Grundsätze damit ich Struktur erkennen kann.
    Mein nächstes großes Projekt besteht nun darin das gelesene in Noten zu erkennen und aktiv beim hören zu erkennen :)
     
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