Kommt ganz drauf an, was man von einem VA erwartet.
Wenn man einfach nur den Sound will und sich neue Klänge, was weiß ich, irgendwo kauft oder runterlädt und per USB in den Synth pumpt und vielleicht – wenn überhaupt – die eine oder andere Kleinigkeit nachregeln will, dann kann man mit dem A1 happy werden.
Es gibt aber auch noch die Freaks. Die Schrauber, die ihre Analogsounds von Grund auf aus einem Init-Patch Stück für Stück aufbauen und sich am kompletten Synthesestrang Stück für Stück die Finger schmutzig machen wollen. Die wollen den vollen Funktionsumfang eines Analogsynth, und die wollen bitteschön auch jeden Parameter selbst direkt per Hand regeln können, ohne daß irgendeine Zwischenebene ihnen den Job abnimmt.
Die wollen jeden Oszillator, den das Ding pro Stimme hat, jeweils individuell an allen seinen Parametern einstellen können. Die wollen an jedem Oszillator direkt die Wellenform einstellen können, die Pulsbreite, dann wollen sie zumindest ab dem zweiten Oszillator die Frequenz selbst individuell einstellen können, und dann wollen sie dedizierte direkte Einstellmöglichkeiten haben für FM, Sync und Ringmodulator. Und wenn man denen so eine Funktion wie beim A1 vorsetzt, die mit irgendwelchen Voreinstellungen irgendwelche vorgekauten Oszillator-Konstrukte vorsetzt, um die Bedienung so runterzublöden, daß die ganze Oszillatorsektion nur noch 5 Bedienelemente braucht, die auch die Modulationseingänge umfassen, und man die Oszillatoren nicht mehr einzeln getrennt bearbeiten kann, dann kriegen die das Kotzen.
Zum Vergleich: Ein Alesis Andromeda hat für seine 2 Oszillatoren 10 Potis und 21 Taster, und selbst der asketische Ur-Nord Lead hat neben 5 Drehreglern 4 Taster, wo wiederum die Modulationen nicht mit drin sind, und hat separate Regler pro Oszi. Ein Access Virus C hat auch 5 Drehregler, aber im Prinzip
pro Oszillator, weil die ganze Oszillatorensektion (plus sechs Taster) immer wahlweise einen der drei vollwertigen Oszillatoren steuert und nicht alle zusammen – ohne Umschalter hätten wir 15 Regler, 7 Taster und Menütaucherei, und auch da sind Modulationsbedienelemente wieder nicht mit drin. (Von den 3 LFOs und zwei ADSTR-Hüllkurven oder gar dem zweiten Filter ganz zu schweigen.)
Außerdem sollte ein virtuell-analoger Synthesizer heutzutage hüllkurvenmäßig ausgestattet sein mit mindestens zwei vollwertigen ADSR-Hüllkurven, bei denen Attack, Decay, Sustain und Release jeweils regelbare Parameter sind. Beim A1 mußte
Clavia* aus irgendeinem unerfindlichen Grunde einen Regler sparen – und sparte ausgerechnet Sustain, das jetzt nur noch zwischen 0 und voll umschaltbar ist. Damit ist die klassische Synthbrass-Filterhüllkurve nicht mehr machbar, weil die einen Sustainwert zwischen 0 und voll braucht. Man hätte ja auch wie beim Minimoog Release schaltbar machen können (entweder ganz aus oder dieselbe Steigung wie Decay), das wäre wenigstens sinnvoll gewesen. Aber dafür hätte es ja wieder einen Extra-Schalter gebraucht...
Diese knallharte, applemäßige Einschränkung der Bedienung hat den A1 im Funktionsumfang an Stellen kastriert, wo es wirklich schmerzt. Mag sein, daß das den reinen Preset-User nicht stört – aber warum kauft man einen an sich großzügig beknopften VA-Synth, wenn man sich nicht seine eigenen Sounds schrauben will?
Der beste Grundsound bringt einem gar nichts, wenn man aus dem Grundsound nicht das machen kann, was man will, weil der Synth es nicht zuläßt.
Martman